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Die Kolumne – Es war der Ölpreis, Harry

18. Dezember 2008

Die Geschichte scheint geschrieben: Eine furchtbare Finanzkrise hat die Wirtschaft 2008 an den Abgrund getrieben. Aber warum brach die Konjunktur weltweit schon Wochen vor der Lehman-Pleite ein? Ein Krimi.

Kein Experte hat vor einem Jahr vorhergesagt, dass fast die ganze Welt Ende 2008 in der Rezession steckt. Warum eigentlich nicht? Die Erklärung scheint nahezuliegen. Im September eskalierte die Finanzkrise – und die gilt seitdem als größtes aller Übel.

Klingt plausibel. Könnte nur sein, dass es mit der Krise am Ende ist wie bei Derricks Kriminalfällen. Erst scheint der Schuldige ausgemacht. Doch am Ende stellt sich heraus, dass der Anfangsverdacht falsch war. Und Frau Merkel sagt: Harry, hol schon mal die Autoindustrie.

Die Chronologie spricht dagegen, dass die September-Pleite von Lehman Brothers den Crash der Realwirtschaft verursachte. Der Abschwung muss andere Gründe haben, Inspektor. Vielleicht war es sogar umgekehrt, und der Konjunkturschock hat eine Finanzturbulenz erst zur historischen Krise werden lassen. Dann aber müssten Politiker und Prognostiker andere Lehren aus dem Jahr 2008 ziehen.

Globaler Einbruch schon im Sommer

Lehman verschwand späterDas Irritierende ist: Lehman ging am 15. September pleite, was tatsächlich eine systemische Krise im Finanzsektor auslöste. Allerdings waren zu dem Zeitpunkt alle wichtigen Konjunkturindikatoren schon seit Wochen schockartig auf Talfahrt. Harry, da stimmt etwas nicht.

In den USA schnellte die Zahl der Neuanträge auf Arbeitslosengeld in der letzten Juli-Woche plötzlich auf Rezessionsniveau – nicht Mitte September. Im August brach der Aufwärtstrend bei Aufträgen für US-Unternehmen ab, die Bestellungen fielen binnen einem Monat um vier Prozent. Die Industrieproduktion sank ebenso abrupt im Monat vor der Lehman-Pleite – nicht danach. Das Gleiche gilt für Amerikas Exporte, die vorher monatelang geboomt hatten.

Für den Rest der Welt lautet der Befund ähnlich. In der Euro-Zone begannen die Stimmungsindikatoren im Juni abzustürzen, mit Zuspitzung im Juli. Auch der Ifo-Geschäftsklimaindex beschleunigte seine Talfahrt abrupt schon kurz vor der Jahresmitte. In Japan brachen im August die Aufträge für Maschinen jäh um zwölf Prozent ein. Selbst in China gab es schon Wochen vor Lehman Anzeichen für einen ernsteren Konjunkturrückschlag.

Die Frage drängt sich auf: Was, in aller Welt, ist in den Monaten Juni bis August 2008 passiert, dass in diesen Wochen fast zeitgleich rund um den Globus die Konjunkturindikatoren abstürzten? Was hat diesen Schock bewirkt?

Weder im Juni noch im Juli oder August kam es an den Finanzmärkten zu einer dramatischen Verschlechterung. Im Gegenteil: Die Subprime-Abschreibungen ließen im zweiten Quartal nach. Die Absicherungskosten für Ausfälle von Unternehmensanleihen lagen im Juli um ein Drittel niedriger als im März. Erst im September ballten sich die Alarmsignale. Erst dann gab es ernstere Hinweise darauf, dass Banken bei der Kreditvergabe bremsen.

Der Absturz vom Sommer 2008 fällt mit einem anderen weltweiten Phänomen zusammen: Im Juni und Juli 2008 spitzte sich der Anstieg der Ölpreise zu, die Kurse lagen erstmals fast doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Damals kostete Benzin fast 1,60 E. Dies löste zudem noch einen ebenso globalen Folgeschock aus: eine Inflationspanik, die dazu führte, dass just im Juni die Zinserwartungen hochschossen. Banken und Unternehmen mussten statt mit sinkenden auf einmal mit steigenden Zinsen rechnen, zumal die Europäische Zentralbank Anfang des besagten Monats plötzlich höhere Leitsätze ankündigte.

Es spricht viel dafür, dass beides einem Konjunkturschock gleichkam. In den USA sackten die Realeinkommen im Inflationsmonat Juni erstmals unter Vorjahr. Die inflationsbereinigten Löhne sanken unversehens um 2,2 Prozent. Zu dieser Zeit liefen auch die Steuerschecks aus, mit denen die Regierung im Frühjahr noch den Konsum gestützt hatte. Kein Wunder, dass just danach die Privatausgaben abstürzten.

Für die Ölschockthese spricht, dass der Umsatz mit Autos in den USA exakt zur Jahresmitte abstürzte. Mit dem Ölpreis ließe sich auch erklären, warum kein Wirtschaftszweig so kriselt wie die Autobranche. In der Euro-Zone brachen die Neuzulassungen von Juni auf Juli um 8,3 Prozent ein. Die deutsche Autoindustrie bekam fast 15 Prozent weniger Aufträge als im Vorjahr.

Dazu kam der Zinsschock: Die Erwartungen seien im Juni um einen ganzen Prozentpunkt gestiegen, sagt Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America. Das dürfte die Selektion in der Finanzbranche (vielleicht unnötig) verschärft haben. „Ohne den Konjunkturschock wäre es manchen Banken womöglich gelungen, über ihr normales Geschäft genug Geld zu machen, um Subprime-Ausfälle wegzustecken“, sagt Schmieding.

Hat der Ölschock den Crash erst ausgelöst?

Natürlich schwächelte die Konjunktur in den USA, in Deutschland deutete sich schon im April ein Abschwung an. Ölpreis und Zinsen sind nicht alles, zumal hiesige Unternehmen auch den Schock der Euro-Verteuerung auf zwischenzeitlich fast 1,60 $ verkraften mussten – und es hier kein Konjunkturpaket gab.

Es ist aber wahrscheinlich, dass die Krise erst durch Öl- und Zinsschock zum Debakel wurde. Real- und finanzwirtschaftliche Abstürze verstärken sich nun gegenseitig. Da hilft vorerst auch der mittlerweile krisenbedingt sinkende Ölpreis wenig. Das dauert.

Wer weiß? Vielleicht lief die Wirkungskette sogar umgekehrt, und der sommerliche Konjunkturschock führte erst dazu, dass es zum Finanzcrash kam. Vielleicht hätten sonst nicht so viele Banken am Rand der Pleite gestanden, die kurz zuvor noch solide wirkten.

Das macht die Lage nicht besser. Es könnte aber erklären, warum dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 ab Frühsommer 2008 ein globales Desaster folgte – und warum sich dies vor einem Jahr kaum vorhersagen ließ.

Noch wichtiger sind die politischen Lehren: Sollte sich zeigen, dass neben den Bankenproblemen vor allem spekulationsgetriebene Ölpreisausschläge und panikartige Zinserhöhungen den schlimmsten Wirtschaftscrash seit Jahrzehnten auslösten – dann müssten nicht nur Hedge-Fonds stärker reguliert werden, sondern auch Ölhändler und Währungshüter.

e-Mail fricke.thomas@ftd.de

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