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Davos 09 – Joe Stiglitz über die kriselnden Ökonomen

1. Februar 2009

Gestern Morgen traf ich Joseph Stiglitz mit Frau Anya beim Frühstück in seinem Hotel. Beim Gespräch über die aktuelle Krise geriet der Nobelpreisträger arg in Fahrt – als es um die Kollegenschaft ging. Lesen Sie’s im Originalzitat.

In der aktuellen Krise scheint es an neuen großen Ideen bislang eher zu mangeln. Warum? Wo ist der Beitrag der Ökonomen?

Vielen Ökonomen fehlt das systemische Denken, und es gibt eine Menge Ökonomen, die sich nicht mit der wirklichen Welt beschäftigen. Komplizierte mathematische Modelle helfen relativ wenig in einer unsicheren und sich wandelnden Welt. Für viele Leute ist die Wirtschaftswissenschaft auch mehr eine Religion. Da gibt es einen ganz festen Glauben, und dann wird gesehen, dass möglichst nur solche Fakten zugelassen werden, die den Glauben bestätigen.

Das erklärt, warum viele Ökonomen das Problem der globalen Ungleichgewichte gar nicht wahrgenommen haben oder noch immer nicht wahrnehmen. Das kommt in vielen theoretischen Modellen als Problem einfach nicht vor.

Gibt es denn nicht derzeit auch einen Paradigmenwandel?

Den gibt es, allerdings am eindrucksvollsten in der Politik. Bei einer Abstimmung im Plenum kam diese Woche in Davos heraus, dass es eine ganz große Mehrheit der Teilnehmer als größten Fehler einstuft geglaubt zu haben, Märkte würden sich selbst korrigieren und anpassen. Es gibt plötzlich einen erstaunlichen Konsens darüber, dass Regierungen etwas tun können und sollten. Das ist ein sehr großer Paradigmenshift. Einen solchen Wandel gibt es auch in den Entwicklungsländern, wo das System der Marktwirtschaft noch nicht so etabliert ist und noch debattiert wird. Hier wird die Marktdoktrin jetzt enorme Probleme bekommen.

Und bei den Ökonomen? Kein Paradigmenwandel?

Doch, in einigen Bereich der Wirtschaftswissenschaften gibt es einen solchen Wandel schon seit langem. Es gibt eine Menge Forschungen über asymetrische Informationen, die Verhaltensökonomie oder die Spieltheorie, die alle erklären können, warum die Märkte nicht immer so wie in der Theorie angenommen reagieren. Das Problem ist, dass diese neuen Erkenntnisse in der makroökonomischen Forschung noch nicht angekommen sind. Ein Großteil der Makroökonomie hinkt 30 Jahre hinterher.

Wird sich das jetzt ändern?

Ich glaube, diese historische Krise, die wir gerade erleben, wird eine ganz neue Generation von Ökonomen hervor bringen, so wie es nach der Krise der 30er Jahre auch der Fall war. Die Große Depression hat damals eine ganze Generation von Ökonomen geprägt, von Tobin über Samuelson bis zu Solow. Die waren alle überzeugt, dass der Staat etwas zu tun hat, eine Lehre aus der großen Krise. Die einzigen Ausnahmen waren Friedman und Hayek, wobei Friedman ja mehr durch politische Polemiken bekannt wurde als durch eine besonders hohe Anzahl an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Was Friedman vorgeschlagen hat, ist spätestens mit der aktuellen Krise gescheitert. Wir erleben derzeit das Ende des Marktfundamentalismus.

 

Was Joe Stiglitz zum US-Konjunkturprogramm sagt, lesen Sie am Montag in der FTD.

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