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Interview mit dem Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser

4. Februar 2009

Der renommierte Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser, Professor an der Universität Bielefeld, sprach mit der FTD über die historischen Erfahrungen mit protektionistischen Dynamiken und über die Anfälligkeit der Politik letzteren nachzugeben. Das vollständige Interview gibt es hier:

 

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* Wann und wie kam es in den 30er-Jahren zur Eskalation des Handelswettstreits?

Kurz nach der Bankenkrise 1931 begann die Flucht aus der Weltwirtschaft. In den USA war zuvor 1930 das Smoot-Hawley-Gesetz in Kraft getreten, das eine große Zahl von Zöllen einführte, in Großbritannien – dem damaligen „Hüter der Weltwirtschaft – galt nun das Schlagwort „Britain first – die anderen sollen sehen wo sie bleiben“. Das waren deutliche Signale. Die anderen Länder folgten mit eigenen Zöllen. Im September 1931 gab es keinen funktionierenden Weltmarkt mehr, nur noch bilaterale Beziehungen. Das war das Ende der Globalisierung.

* Welchen Anteil hatte das an der Zuspitzung der Weltwirtschaftskrise?

Es war ein entscheidender Punkt. Zwischen 1930 und 1933 ging der
Welthandel um zwei Drittel zurück. Mit fatalen Wirkungen für die
großen Exportländer. Auch in Deutschland schnappte die
Liquiditätsfalle zu. Die Investoren zogen es vor Kasse zu halten. Die
Investitionen deckten nur noch ein Drittel des Ersatzbedarfs. Die
Industrieproduktion schrumpfte auf die Hälfte, die Arbeitslosigkeit
stieg auf die Katastrophenmarke von sechs Millionen.

* Wie groß ist in der jetzigen Krise die Gefahr der Wiederholung einer solchen Entwicklung?

Natürlich ist die Ausgangssituation eine andere. Man hat die historische Erfahrung als warnendes Beispiel. Aber es gibt politische Zwänge. Die Neigung zum Protektionismus folgt fast schon archaischen Instinkten. Viele Wähler sehen nicht ein, dass man ein Konjunkturprogramm macht, von dem auch Nachbarn profitieren. Und Politiker verhalten sich wie Junkies. Sie sind abhängig von der Gunst des Wählers und das verleitet sie, protektionistischen Strömungen nachzugeben, obwohl sie es besser wissen. Wenn einer auf den Wagen springt, ist das Ganze fast nicht mehr aufzuhalten. Das ist die historische Erfahrung.

* Ignoriert die Politik derzeit die historischen Lehren aus dieser Zeit?

Eigentlich müsste die historische Erfahrung verstanden sein. Bei dem
Umgang mit der Finanzkrise hat die Politik ja bisher – mit den
historischen Erfahrungen im Hinterkopf – im Großen und Ganzen ganz gut reagiert. Aber beim Thema Protektionismus ist das eben aus den
genannten Gründen etwas schwieriger.

* Mindern heutige Strukturen der Weltwirtschaft wie zum Beispiel die Existenz der WTO nicht die Gefahr eines ausufernden Protektionismus?

Natürlich gibt es heute mehr Sicherheitsvorkehrungen gegen einen unfairen Handelswettstreit. Und es ist dadurch schwieriger für Politiker, die Protektionismus-Karte zu spielen. Aber wenn die geschilderte politische Psychologie greift, ist das alles für die Katz. Daher bleibt das Thema gefährlich.

 

 

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