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Die Kolumne – Abschied vom dummen Staat

20. März 2009

Drei Jahrzehnte war das Vertrauen in die Überlegenheit des Marktes unerschütterlich. In der Not rächt sich, dass keiner darüber nachgedacht hat, was der Staat am besten kann und was nicht. Ein Neuanfang, Teil 2*.

Ein bekannter deutscher Ökonom hat mir vor ein paar Jahren einmal erklärt, dass er im Grunde fünf einfache Sätze hat, mit denen eigentlich alle wirtschaftspolitischen Fragen zu beantworten seien. Zum Beispiel, dass der Markt es immer besser regelt als der Staat; und dass Politiker es jedenfalls nie besser wissen. So ähnlich klang das über drei Jahrzehnte fast immer, wenn man Ökonomen befragte.

Vorbei. Mit dem Crash der Finanzmärkte scheint auch die Welt einfacher Ökonomenformeln zu implodieren – auch wenn mancher noch wacker auf Durchhalten setzt. Das Drama ist: Nach 30 Jahren tiefen Vertrauens in die Lösungskompetenz des Marktes fehlen in der Not jetzt konstruktive Formeln dafür, wann und wie der Staat intervenieren sollte, wenn es nicht mehr anders geht. Höchste Zeit für eine Neudefinition jenseits der alten Sprüche von guten Märkten und bösem Staat (oder umgekehrt).

Natürlich war es bisher einfacher, weil man weniger nachdenken musste. Da war nach populärer Lehre jeder Staatsbetrieb ein böser Betrieb. Da war jeder Abbau staatlicher Ausgaben eine gute Tat, Hauptsache, die Staatsquote fällt. Und da war die Rente nur sicher, wenn sie kapitalgedeckt war, also auf die wunderbare Eigenschaft der Finanzmärkte baute, Vermögen ewig zu mehren – nach dem Motto: Böser Blüm, guter Fondsmanager. Und da waren auch Konjunkturpakete Quatsch, zumal Krisen im Zweifel ohnehin als gerechte Strafe des Marktes galten. Seit Frau Thatcher und Herrn Reagan war prima, wenn Shareholder am (Aktien-)Markt bestimmen durften, ob Unternehmen gut oder schlecht sind. Oder Ratingagenturen. Und am Ende auch, wenn Banken auf Schattenmärkten mal richtig ungestört Wohlstand schaffen.

Gagapreise am Ölmarkt

Aus dem Leitgedanken vom guten Markt ließ sich ableiten, dass Wechselkurse am besten von Devisenhändlern bestimmt werden, weil sie laut Theorie sofort dagegen spekulieren, wenn Kurse mal überschießen. Und es ließ sich ableiten, dass es für Schwellenländer am besten ist, wenn sie Hürden für Kapital abschaffen, um viel Geld von Auslandsinvestoren zu kriegen. Und dass es Quatsch ist, wenn sich Regierungen abstimmen – auch das löst der Markt. Stichwort: Systemwettbewerb.

Jetzt mag es in den meisten Fällen gut sein, wenn Nachfrage und Angebot frei von Bürokratie einen Preis bestimmen dürfen. Das Problem sind die Ausnahmen. Viele Schwellenländer haben bereits in der Asienkrise zu spüren bekommen, wie heikel es ist, sich von Launen ausländischer Investoren abhängig zu machen. Erst der Run, dann die Flucht. Ähnliches gilt am Devisenmarkt. Volkswirte weigern sich mittlerweile, das Auf und Ab noch zu prognostizieren – zumal sie die Kapriolen von Euro und Dollar selbst im Nachhinein nicht logisch erklären können. Eine Geheimlogik des Marktes.

Bizarr: Gerade da, wo der Markt sich richtig auslebt, ist das Ergebnis eher erschreckend – bei Ratingagenturen, die alles Mögliche für solide erklärten. Oder bei Banken und ihren Schattengeschäften. Oder am Ölmarkt, der in Monaten Gagapreise zwischen 50 und 150 $ erzeugt. Wer vor zwei Jahren zur Altersvorsorge ordentlich Aktien gekauft hat, wird sich wundern, wie klein doch plötzlich die eigene Kapitaldecke ist. Umgekehrt sagt der frühere GE-Chef und Shareholder-Urvater Jack Welch jetzt, dass Shareholder-Value „die blödeste Idee der Welt“ war.

In Deutschland hat das Dogma dazu beigetragen, dass heillos dort gespart wurde, wo es am einfachsten und schlimmsten zugleich war: bei Investitionen in die Zukunft. Im Euro-Raum sind die Volkswirtschaften drastisch auseinandergedriftet, toller Systemwettbewerb. Uneingelöst blieb auch, dass alle etwas davon haben, wenn Märkte Wohlstand schaffen. In den USA ist das Einkommens- und Vermögensgefälle heute so stark, dass selbst liberale Ökonomen wieder nach staatlicher Umverteilung und stärkeren Gewerkschaften rufen.

Auch im realwirtschaftlichen Abschwung fehlt es derzeit an automatischer Marktkorrektur. Die Rezession scheint in globalisierten Zeiten sogar eine umso höhere destruktive Eigendynamik zu entwickeln. Was auch den Gedanken absurd wirken lässt, dass solche Krisen heilsam sind. Es ist ja nicht so, als hätten die Deutschen jahrelang in Saus und Braus gelebt. Je länger die Rezession dauert, desto mehr trifft sie auch Unternehmen und Beschäftigte, die nach allen anderen Maßstäben solide dastanden.

Im Kern hat sich in 30 Jahren nicht bestätigt, dass Märkte Übertreibungen glimpflich selbst korrigieren. Das ist auf den meisten Märkten nicht schlimm, weil etwa auf dem Markt für Brötchen gar nicht so viel Raum für Spekulation und Wellenbewegungen ist. Es ist schlimm, wenn es um deregulierte und rapide wachsende Finanzmärkte geht. Und es ist schlimm, wenn es um globalisierte Booms und Crashs geht.

Daraus lässt sich ein neues Raster ableiten, wann Regierungen eingreifen sollten: wenn es darum geht, den Hang der Märkte zur Übertreibung möglichst automatisch und ohne Einzelfall hin und her zu bremsen sowie Kollateralschäden zu begrenzen. Aus Studien von Verhaltensökonomen lässt sich lernen, dass es gut wäre, Anleger besser zu informieren, da es Blasen zu verstärken scheint, wenn Anleger nie erlebt haben, dass diese platzen können. Ökonomen wie Charles Goodhart setzen auf antizyklisch schwankende Eigenkapitalforderungen für Finanzjongleure. Dann müsste in guten (blasengefährdeten) Zeiten mehr Geld gehalten werden, in schlechten weniger.

Auf stark wankelmütigen Märkten könnte es auf Dauer besser sein, Kurse festzulegen, etwa bei Devisen. Möglich, dass das Auf und Ab von Euro und Dollar mehr Unsicherheit bringt und Wohlstand kostet als ein System, in dem Kurse festgelegt und nach ökonomischen Kriterien hin und wieder angepasst werden.

Es spricht auch viel dafür, das Auflegen von Konjunkturpaketen zu optimieren und institutionell zu verankern. Dann könnten Hilfen präventiv beschlossen werden – und müssten im Notfall nur noch per Verordnung aktiviert werden. Dann käme womöglich selbst der überforderte deutsche Finanzminister nicht mehr so hilflos daher. Und ein verheerendes Ausufern der Krise ließe sich vermeiden.
Die Zeit reflexartiger Rufe nach dem Markt ist vorbei. Gebraucht werden schlauere Konzepte. Sonst macht der Staat, was er will.

e-Mail fricke.thomas@guj.de

* Siehe „Verstörende Zeiten für Thatcheristen“ vom 6.3.

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