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Die Kolumne – Der Kassenwart begeht Harakiri

2. April 2009

Peer Steinbrück bedient erstaunlich gelassen urdeutsche Ängste vor Inflation – und macht damit alles nur noch schlimmer. Die Deutschen könnten sich vor lauter Krise bald nach steigenden Preisen sehnen.

Japans Premier schimpft, Herr Steinbrück habe nicht verstanden, warum Konjunkturpakete wichtig sind. Herr Steinbrück richte eine Menge Schaden an, urteilt Nobelpreisträger Paul Krugman. Andere zweifeln an Herrn Steinbrücks Grundverständnis für Ökonomie. Nur einer sieht das anders: Herr Steinbrück.

Der findet, dass Historiker mal loben werden, wie gut das war, dass es in der Krise 2008/09 die Große Koalition (mit Finanzminister Sie-wissen-schon) gab. Wahnsinn. Dabei ist noch gar nicht sicher, ob die Historiker nicht eher klagen werden, wie schlimm die Krise durch Herrn Steinbrück wurde. Immerhin lässt der deutsche Finanzminister derzeit kaum eine Gelegenheit aus, vor furchtbarer Inflation zu warnen, damit bloß keiner weitere Konjunkturpakete fordert – obwohl das erstens erstaunlich leichtfertig diffuse deutsche Ängste bedient und zweitens womöglich in die Dauerkrise führt.

Verquere Logik

Natürlich kann Inflation entstehen, wenn eine Regierung große Schuldenprogramme auflegt oder eine US-Notenbank kräftig Anleihen kauft und den Verkäufern dieser Papiere so neu geschaffenes Geld gibt. Nur existiert dafür keine Gesetzmäßigkeit, erst recht nicht in Krisenzeiten. Im Gegenteil: Um Inflation auszulösen, muss das neue Geld ausgegeben werden und die volkswirtschaftlichen Gesamtausgaben so treiben, dass sie die Kapazitäten sprengen.

Eine absurde Vorstellung. Wenn überhaupt, geht es auf absehbare Zeit darum, neue Einbrüche zu verhindern und Kollateralschäden zu begrenzen. Nicht um Exzesse. Die Auslastung der deutschen Wirtschaft ist gerade auf den Stand tiefster Nachkriegskrisen gestürzt. Wenn das Bruttoinlandsprodukt 2009 um sieben Prozent schrumpft – was ziemlich wahrscheinlich ist –, wird das Land bei zuletzt üblichem Wachstum frühestens 2014 wieder die Wirtschaftsleistung von 2008 erreichen. Bei steigender Produktivität bedeutet das, dass es dann noch Millionen mehr Arbeitslose gibt. Laut OECD werden es schon 2010 wieder fünf Millionen sein.

Ähnlich lang werden die Amerikaner brauchen, um ihre Vermögen überhaupt wieder auf den Stand von 2007 zu bringen – vorausgesetzt, eine Fee sorgt für die Rückkehr vergangener Vermögenszuwachsraten. Es wird auch dauern, den 25 Millionen wieder Arbeit zu verschaffen, die laut OECD in den reichen Ländern ihren Job verlieren werden. Die Wiederkehr zweistelliger Arbeitslosenquoten in den USA, Deutschland und anderswo dürfte auf Jahre den potenziell inflationären Lohnerhöhungsdruck begrenzen.

All das lässt auch Steinbrücks Vergleich absurd wirken, die Fed habe schon nach dem 11. September zu viel Geld in den Markt geschossen und die Blase erzeugt, was sich jetzt wiederhole. Selbst wenn die Billiggeldthese stimmte (was zweifelhaft ist): Verglichen mit der heutigen Krise wirkt der 2003er-Auslastungsabsturz in der deutschen Industrie wie ein Betriebspäuschen (siehe Grafik). Und nach den Terroranschlägen gab es ohnehin keinen Konjunktureinbruch.
Logisch betrachtet ist das Inflationsgeheul entsprechend verquer.

Richtig groß wäre die Gefahr, wenn sich die US-Wirtschaft schnell erholte und die Welt bald wieder in Ordnung wäre. Dann bräuchte man allerdings ohnehin keine Konjunkturpakete oder Geldpressen mehr. Ist die Krise so dramatisch, wie es derzeit scheint und selbst Herr Steinbrück mittlerweile sagt, wird es auf absehbare Zeit auch keine Inflation geben. Schön wär’s.

Wie wenig zwingend der Zusammenhang zwischen Rettungsaktionen von Notenbank oder Regierung auf der einen und Inflation oder Finanzblasen auf der anderen Seite ist, erleben seit Jahren die Japaner. Auch dort wurde nach Ausbruch der großen Krise in den 90er-Jahren in Steinbrück-Manier erst gezögert und am Ende dann doch immer mehr Geld in die Wirtschaft gepumpt – ohne dass das auch nur zu einem Hauch von Inflation oder Finanzblasen geführt hätte. Das Land steckt trotz Dauernullzins seit Jahren eher im Deflationsmodus, und die Aktienkurse liegen trotz aller Geldschaffung selbst 20 Jahre später noch 80 Prozent unter den Höchstwerten kurz vor Platzen der letzten Immobilienblase anno 1990.

Jetzt Inflationsgefahr zu proklamieren ist in etwa so, als würde man den 1. FC Köln warnen, sich in der Champions League nicht zu überheben – nur weil Poldi bald da ist. Zum einen muss der erst mal kommen. Zum anderen bedeutet das nicht automatisch, dass der FC in Kürze in der Königsklasse spielt. Und selbst wenn, wäre dann noch Zeit gegenzusteuern.

Im realen Weltwirtschaftsleben ist entscheidend, wie schnell sich die Wirtschaft erholt, nicht, wie viel Geld geschaffen wird. Und das Fatale ist: Je weniger aus diffuser Teuerungsangst heute für die Rettung der Konjunktur getan wird, desto wahrscheinlicher wird ein Szenario, in dem die Welt in eine Dauerkrise rutscht und von steigenden Preisen irgendwann träumt wie die Japaner. Es bringt relativ wenig, die Weltwirtschaft jetzt in den Tod zu stürzen, nur weil sie vielleicht in ein paar Jahren als Folge erfolgreicher Konjunkturpolitik einen vorübergehenden Inflationsschub erleidet. Angesichts der Alternative wäre das wunderbar.

Herr Steinbrück unkt im einen Atemzug über massive Inflationsgefahren – um im nächsten zu prophezeien, dass wir künftig alle weniger konsumieren und ausgeben werden. Da wundert sich mancher halt, wen die Deutschen da zum Finanzminister haben.

Wahrscheinlich wäre es am besten gewesen, die G20-Finanzminister hätten in London ein bisschen gesammelt, um den Kollegen aus Germany in den Urlaub nach, sagen wir, Namibia zu schicken. Für länger. Das würde der Weltkonjunktur eine Menge helfen. Und wäre im Vergleich spottbillig.

e-Mail fricke.thomas@guj.de

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