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Ein Schweizer über das Ende der Marktgläubigkeit

18. Juli 2009

Im Ausland scheint der Streit deutscher Ökonomen um die richtigen Methoden auf mäßiges Verständnis zu stoßen. Der Schweizer Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann kritisiert in der Juli-Ausgabe des „Wirtschaftsdiensts“, dass es gar nicht um die Frage geht, die durch die Krise aufgeworfen wurde: ob Ökonomen nicht zu sehr an die Märkte geglaubt haben. Lesenswert ist diesbezüglich übrigens auch der neue Titel des „Economist“ – „what went wrong with economics“. Lesenswert für alle Methodenstreiter.

Hier ist die Zusammenfassung desThielemann-Beitrags (WiDiThielemannJuli09.pdf) durch die „Wirtschaftsdienst“-Redaktion fürs WirtschaftsWunder:

Eine Außenperspektive nimmt der Schweizer Ökonom und Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann gegenüber dem deutschen Methodenstreit in der Ökonomie ein: In der Juli-Ausgabe des Wirtschaftsdienst urteilt Thielemann, dass es sich hier im Wesentlichen um einen Streit zwischen Marktgläubigen handelt. Im Kern unterscheiden sich beide Gruppen nicht.

Die „Ordnungspolitiker“ mit ihrem Anspruch der Realitätsnähe wie auch die „Mathematiker“ mit ihrer Ökonomik auf international wettbewerbsfähigem Niveau haben die globale Finanzkrise weder prognostizieren noch gar verhindern können. Das ist aber auch kein Wunder. Schließlich gehört der Glaube an die Selbstheilungskräfte des Marktes zu den Grundpfeilern ihrer Lehre. Und dies führte zum generellen „Heilungsvorschlag“ der „Hofierung“ des Kapitals, der Deregulierung der Finanzmärkte und damit der Übertragung der Marktmacht auf das Kapital. Eigentlich hätte das Anschwellen des Weltfinanzkapitals entweder zu einer Umverteilung zugunsten des Kapitals oder zu einem riesigen realwirtschaftlichen Wachstum führen müssen. An eine Blase gigantischen Ausmaßes hat wohl keiner der Ökonomen gedacht. Beharrlich glauben die Ökonomen an die „wohltuenden“ Wirkungen des Marktes und beachten nicht, dass viele Bürger ganz praktisch erfahren mussten, wie die freie Entfaltung der Marktkräfte und die Ökonomisierung der Gesellschaft zu „wachsenden Einkommens- und Vermögensdisparitäten, zunehmendem Stress, prekären Beschäftigungsverhältnissen“ usw. führte.

Für Thielemann ist der „Wurm“ bereits in den Grundlagen beider Schulen zu suchen. Er vermutet, dass die von den Ökonomen behauptete „Wertfreiheit“ nichts anderes als eine Verteidigung der bestehenden Marktmachtverhältnisse sei. Normative Begriffe wie „fruchtbar“, „wünschenswert“, „vernünftig“ oder „Versagen“ werden von den Marktgläubigen Ökonomen völlig unbedarft verwendet. Vor allem den „Mathematiker“ Harald Uhlig kann er nicht verstehen, wenn dieser behauptet, dass „die Märkte eigentlich gut funktionieren“. Thielemann findet, eine „Ökonomik, die mit der Reflexion ihrer eigenen (normativen) Grundlagen abgeschlossen hat, ist als Wissenschaft am Ende.“ Die Finanzkrise habe mittlerweile allen unvoreingenommenen Beobachtern vor Augen geführt, dass die Marktgläubigkeit am Ende ist.

Der Autor

Dr. Ulrich Thielemann ist Vizedirektor am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen.

Bei diesem Text handelt es sich um die Zusammenfassung eines Beitrags aus der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienst – hier ist der gesamte Beitrag: WiDiThielemannJuli09.pdf. Verwendung auf ftd.de mit freundlicher Genehmigung des Wirtschaftsdienst.