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Joseph Stiglitz – Lasst die Armen mit entscheiden

21. Juli 2009

Die Entwicklungsländer leiden unter der Wirtschaftskrise, die die Amerikaner verursacht haben. Deshalb müssen sie eingebunden werden, wenn es um eine neue Weltfinanzordnung geht.

Während in den USA nach wie vor über die „grünen Triebe“ der wirtschaftlichen Erholung diskutiert wird, verschlechtert sich die Situation in vielen Teilen der Welt, vornehmlich in den Entwicklungsländern. Der Abschwung in den USA begann mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems, der rasch zu einem Rückgang in der Realwirtschaft führte. Aber in den Entwicklungsländern verläuft es genau umgekehrt: Ein Rückgang der Exporte, sinkende Überweisungen aus dem Ausland, geringere ausländische Direktinvestitionen und steile Rückgänge der Kapitalflüsse haben die Volkswirtschaften geschwächt. Infolge dessen stehen nun auch Länder mit guten Regulierungssystemen vor Problemen im Finanzsektor.

Ende Juni beschäftigte sich eine Konferenz der Vereinten Nationen mit den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise auf die Entwicklungsländer. Die Teilnehmer waren sich einig, sowohl hinsichtlich der Ursachen des Abschwungs als auch in der Frage, warum die Entwicklungsländer so schwer davon betroffen sind. Sie skizzierten mögliche Maßnahmen und etablierten eine Arbeitsgruppe, die den Weg aus der Krise erkunden sollte.

Diese Übereinkunft war bemerkenswert: Die Uno fand eine in vielerlei Hinsicht deutlichere Beschreibung der Krise und der notwendigen Maßnahmen als die G20. Sie zeigte damit, dass Entscheidungsfindung nicht auf einen exklusiven Klub beschränkt sein muss, der ohne politische Legitimation größtenteils von denjenigen dominiert wird, die einen beträchtlichen Teil der Verantwortung dafür tragen, dass diese Krise überhaupt entstehen konnte. Die Einigung beweist den Wert eines inklusiven Ansatzes – indem sie zum Beispiel Fragen diskutiert, die manche der größeren Länder nicht selbst aufwerfen, oder indem sie auf Belange hinweist, die die Ärmsten betreffen, auch wenn sie für die Reichsten von geringer Bedeutung sind.

Neue Kredite sind das falsche Mittel

Eigentlich hätte man angenommen, dass die Vereinigten Staaten die Führungsrolle übernehmen würden, da die Krise dort ihren Ausgang nahm. Das US-Finanzministerium (einschließlich einiger Vertreter, die jetzt dem Wirtschaftsteam von Präsident Barack Obama angehören) hat die Liberalisierung der Kapital- und Finanzmärkte vorangetrieben, die dafür sorgte, dass sich Amerikas Probleme rasch über die ganze Welt ausbreiteten.

Während die Amerikaner also weniger führten als erwartet, waren viele Teilnehmer einfach nur erleichtert, dass Amerika den internationalen Konsens nicht störte, wie das unter Präsident George W. Bush der Fall gewesen wäre. Man hätte vielleicht gehofft, dass Amerika als erstes Land große Summen zur Verfügung stellt, um den vielen unschuldigen Opfern seiner Politik zu helfen. Aber das war nicht so, und Obama musste einem widerwilligen Kongress sogar begrenzte Beträge für den Internationalen Währungsfonds abringen.

Doch viele Entwicklungsländer haben sich gerade erst von einer übermäßigen Schuldenlast befreit und wollen kein zweites Mal in diese Situation geraten. Implizit bedeutet dies, dass sie Zuwendungen und keine Kredite brauchen. Die G20, die sich an den IWF gewandt haben, damit dieser den Entwicklungsländern den größten Teil des zur Bewältigung der Krise benötigten Geldes zur Verfügung stellt, haben davon nicht ausreichend Notiz genommen. Die Uno-Konferenz allerdings schon.

Das schwierigste Thema, das bei der Uno-Konferenz zur Sprache kam, war die Reform des globalen Reservesystems. Den G20 war dieses Thema sogar zu heikel, um es zu diskutieren. Die Anhäufung von Währungsreserven trägt zu globalen Ungleichgewichten und ungenügender globaler Gesamtnachfrage bei, da die Länder Hunderte Milliarden Dollar als Vorsichtsmaßnahme gegen globale Schwankungen horten. Die USA, die von Billionenkrediten aus Entwicklungsländern profitieren – und momentan fast keine Zinsen dafür bezahlen –, waren von dieser Diskussion logischerweise nicht begeistert.

Aber ob es den USA passt oder nicht: Das Dollar-System bröckelt. Die Frage ist nur, ob wir den Übergang vom gegenwärtigen in ein alternatives System in geordneter oder strukturierter Weise schaffen oder ob alles planlos vonstattengeht. Die Inhaber riesiger Reserven wissen, dass der Dollar ein schlechtes Geschäft ist: Keine oder nur geringe Erträge sowie ein hohes Risiko von Inflation oder Abwertung – beides würde den realen Wert ihrer Reserven mindern.

Die Zeit des Dollar könnte zu Ende gehen

Als Amerika seine Bedenken darüber äußerte, dieses alle Länder betreffende Thema überhaupt im Rahmen der Uno zu diskutieren, wiederholte China erneut, dass die Zeit gekommen sei, um mit der Konzeption einer globalen Reservewährung zu beginnen. Da die Währung eines Landes nur dann als Reservewährung gelten kann, wenn andere bereit sind, sie als solche zu akzeptieren, könnte die große Zeit des Dollar zu Ende gehen.

Bezeichnend für den Unterschied zwischen der Uno-Konferenz und den Zusammenkünften der G20 war die Diskussion um das Bankgeheimnis: Während sich die G20 auf die Bekämpfung der Steuerflucht konzentrierten, widmete man sich bei der Uno auch der Korruption. Diese ist für manchen Experten der Grund, dass aus ärmsten Ländern Mittel in einer Höhe abfließen, die sogar die Auslandshilfe für diese Länder übertrifft.

Die USA und andere Industrieländer haben die Globalisierung vorangetrieben. Aber diese Krise hat gezeigt, dass die Gestaltung der Globalisierung zu wünschen übrig ließ. Wenn die Globalisierung allen etwas bringen soll, müssen Entscheidungen über ihre Gestaltung in demokratischer und einschließender Weise getroffen werden – unter Teilnahme jener, die Fehler begangen haben, und derer, die darunter zu leiden haben.

Ungeachtet aller Defizite sind die Vereinten Nationen eine derartige einschließende internationale Institution. Die Uno-Konferenz vor wenigen Wochen hat ebenso wie eine frühere Konferenz über Finanzierung in den Entwicklungsländern gezeigt, dass die Vereinten Nationen in jeder globalen Diskussion über die Reform des weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystems eine Schlüsselrolle spielen müssen.

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