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Kevin O’Rourke – Aus der Geschichte gelernt

3. August 2009

Der Einbruch der Weltwirtschaft ist bisher ähnlich dramatisch wie in der Großen Depression vor 80 Jahren. Doch die Regierungen haben diesmal besser reagiert. Das macht Hoffnung. Die Staaten dürfen den Verschuldungskurs nicht zu schnell aufgeben.

Der Welthandel schrumpft. Den jüngsten Zahlen des niederländischen Centraal Planbureau zufolge lag der globale Warenhandel im Mai 1,3 Prozent unter dem Niveau vom April. Der Rückgang ist damit größer als in den zwei Vormonaten. Andererseits ist das Tempo nicht mehr so katastrophal, wie wir es zwischen November und Januar erlebt haben, als der Handel um 12,7 Prozent gegenüber den drei Vormonaten eingebrochen war. Von März bis April lag der vergleichbare Wert nur noch bei minus 3,6 Prozent. Die Zahlen für Juni und Juli werden hoffentlich weitere Belege für eine Stabilisierung liefern.

Das sollte jedoch nicht vom Ausmaß des Zusammenbruchs ablenken. Wirtschaftshistoriker, die ihre Studenten jedes Jahr über die Fehler belehren, die zur Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts geführt haben, wurden im Winter durch Statistiken zum internationalen Handel alarmiert: Nach dem Höhepunkt Ende 1929 war der Welthandel innerhalb von fast drei Jahren um 36 Prozent eingebrochen, dann setzte die Erholung ein. Aktuell liegt der Welthandel 21,5 Prozent unter dem Niveau vom April 2008, der Rückgang ist heute also rascher als damals.

Der Handel ist nicht die einzige Kenngröße, deren Rückgang an die  Weltwirtschaftskrise erinnert. Barry Eichengreen und ich haben belegt, dass die globale Industrieproduktion seit ihrem Spitzenwert im April 2008 so schnell nachgelassen hat wie in der Zeit nach Juni 1929. In Deutschland ist die Industrieproduktion in einem ähnlichen Tempo wie damals geschrumpft, in Frankreich und Italien deutlich schneller als nach 1929. Das britische National Institute of Economic and Social Research meldet, dass das Bruttoinlandsprodukt des Landes so stark gesunken ist wie nach 1929. Es war wirklich ein enormer Schock, den die Weltwirtschaft vergangenes Jahr erlitten hat.

Die gute Nachricht ist, dass die Welt aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Viele der modernen Theorien zur Makroökonomie haben sich möglicherweise selbst ins Aus katapultiert, weil sie weite Teile der realen Welt, die der derzeitigen Krise den Weg geebnet haben, einfach ausgeblendet haben. Glücklicherweise haben politische Entscheider eher mit den pragmatischeren und empirisch besser belegten intellektuellen Mitteln gearbeitet, die als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise entwickelt worden waren. Daraus resultierte eine Politik, die deutlich besser ist als die vor 80 Jahren durchgeführten Maßnahmen.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir uns häufig auf tatsächliche und vermeintliche Unterschiede zwischen Zentralbankern und Finanzministern konzentrieren. Dass während des Londoner G20-Gipfels im April über die Notwendigkeit eines weiteren abgestimmten steuerpolitischen Anreizes gestritten wurde, ist so ein Beispiel. Viel wichtiger ist jedoch, dass weltweit – auch in der Euro-Zone – die Zinsen deutlich gesenkt und die Staatsschulden ausgeweitet wurden. Dies hing zum einen mit der normalen Funktionsweise von Steuer- und Wohlfahrtssystemen zusammen, zum anderen mit vorsätzlichen Entscheidungen der Regierungen, gegen die sinkende Nachfrage in der Privatwirtschaft anzusteuern.

Ebenso wichtig war das Vorgehen der Regierungen gegen einen Zusammenbruch systemrelevanter Banken. In vielen Fällen waren Politiker nicht entschlossen genug, was zweifelsohne für Probleme sorgen wird. Andererseits stünden wir deutlich schlechter da, hätten sich die Regierungen überhaupt nicht eingemischt.

Die Regierungen haben die Lektionen aus der vorigen Weltwirtschaftskrise umgesetzt und damit der aktuellen globalen Krise Einhalt geboten. Wenngleich die Weltwirtschaft die Talsohle vermutlich noch nicht erreicht hat, gibt es Anzeichen dafür, dass sich der Rückgang der Industrieproduktion beruhigt. Wird der Tiefpunkt dieses Jahr oder Anfang 2010 erreicht, wäre dies vor allem dem Einsatz der Regierungen zu verdanken, die das Versagen der Privatwirtschaft wettgemacht haben. Künftig werden die Staaten die Privatwirtschaft mit harter Hand regulieren müssen, um die Wiederholung einer derartigen Katastrophe zu verhindern.

Die Zukunft birgt jedoch noch einige größere Risiken. Eine verrückte Kreditpolitik gegenüber Ländern wie zum Beispiel Lettland könnte neue Bankenkrisen auslösen. Gleiches gilt für die steigende Arbeitslosigkeit. Sie schränkt die Fähigkeit der Kreditnehmer ein, ihre Schulden zurückzuzahlen. Die Regierungen müssen bereit sein, die Wirtschaft so lange zu stimulieren wie nötig. Es ist in Ordnung, über „Exit-Strategien“ nachzudenken, aber es wäre verrückt, diese schon einzuleiten, bevor gewiss ist, dass wir die Risiken definitiv hinter uns gelassen haben. Und bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Die Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts hat vor allem deshalb so lange gedauert, weil die von der Goldstandard-Ideologie verblendeten Regierungen 1931/32 die Zinsen anhoben. Wir sollten derartige Fehler nicht wiederholen.

Bedenken, dass sich der EU-Stabilitätspakt als modernes Gegenstück zum Goldstandard erweisen könnte, haben sich nicht bewahrheitet und werden es hoffentlich auch in Zukunft nicht. Auf Jahre hinaus werden die Schulden auf einem Niveau von deutlich mehr als 60 Prozent des BIP liegen. Das muss jeder akzeptieren – nicht nur zum Wohle der Wirtschaft, sondern auch zum Wohle des Projekts Europa.

Die Krise ist noch nicht vorbei, noch kann die Politik Fehler machen. Aber die Chancen stehen gut, dass wir diesmal richtig handeln werden.

Kevin O’Rourke ist Professor für Ökonomie am Trinity College in Dublin

Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit Eurointelligence. www.eurointelligence.com

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