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Die Kolumne – Sieht aus wie ein … V

6. August 2009

Trotz globaler Erholungssignale herrscht noch Skepsis. Dabei könnte die konjunkturelle Besserung vielerorts (fast) so spektakulär werden wie der Absturz zuvor.

Manche Auguren liegen mit Vorhersagen so oft daneben, dass es besser ist, mit dem Gegenteil zu rechnen. Als Deutschland Mitte 2008 in die Rezession stürzte, hielt Peer Steinbrück dagegen, es werde nicht so schlimm. Daneben. Nun warnt der Finanzminister, bloß keine Besserung zu erwarten. Dabei mehren sich gerade jetzt die Signale, dass es konjunkturell in diesen Wochen recht spektakulär wieder bergauf geht – und der Minister wieder danebenliegt.

Es könnte gut sein, dass sich selbst die gängige Expertenannahme als viel zu pessimistisch erweist. Demnach folgt dem Krisenende bestenfalls ein schwacher Aufschwung – und es wird angeblich etliche Jahre dauern, bis die spektakulären Verluste der Krise bei Aufträgen, Export und BIP ansatzweise wettgemacht sind. Möglich, dass aus dem lang gezogenen U-Verlauf, den Skeptiker für die Weltkonjunktur befürchten, an vielen Orten ein ziemlich steiles V wird, ein rasches Hochschnellen in Richtung der Niveaus aus der Zeit vor der Krise.

Für diese Vermutung spricht das Tempo, mit dem die wichtigsten konjunkturellen Frühindikatoren derzeit fast weltweit steigen. In den USA ist der Einkaufsmanagerindex innerhalb weniger Wochen wieder auf das Niveau von vor der Lehman-Pleite hochgeschnellt (siehe Grafik). Chinas Einkaufsmanager haben den Schock schon vor drei Monaten überwunden. Die Briten melden wieder Wachstum. Und auch in der Euro-Zone sind die alten Krisenwerte fast vergessen. Nach Ifo-Umfragen bewegen sich die Exporterwartungen der deutschen Autoindustrie fast wieder auf Vorkrisenniveau.

Nun könnte man sagen, dass all das nur Umfragewerte sind, die von Stimmungsschwüngen getrieben sein können. Und dass nachlassende Skepsis auf niedrigem Niveau noch kein Aufschwung ist. Klar. Nur fangen Aufschwünge nun mal immer mit sinkender Skepsis an. Und die Zahl harter Indikatoren wächst, die den Umfragetrend bestätigen. Weltweit wurde die Stahlproduktion seit der gruseligen Jahreswende um gut ein Fünftel hochgefahren.

Bei deutschen Autobauern gingen im Juni sage und schreibe 50 Prozent mehr Aufträge aus dem Ausland ein. Die Chinesen importierten zuletzt ebenfalls 50 Prozent mehr aus Europa als im Januar, als weltweit nichts mehr zu gehen schien. Südkorea meldet gut die Hälfte mehr Exportgeschäft als zum Tiefpunkt der Weltexportkrise. Und: Manche nähern sich damit schon den Vorkrisenlevels. Deutsche Exporteure verkauften in China im Juni fast wieder so viel wie vor dem Lehman-Schock. Das perfekte V.

Noch betrifft das beileibe nicht alle Branchen. Und noch ist die Entwicklung in einem frühen Stadium, sodass größere Schocks den Trend wieder kippen könnten – ob neue Ölpreishochs oder Kollektivhusten. Eher unwahrscheinlich ist aber, dass dahinter per se nur ein paar Ausreißer stecken: Die vermeintlich wundersamen Wachstumsschübe lassen sich bei näherer Betrachtung erklären.

Nach bisher gängigen Deutungsmustern haben kriselnde US-Immobilienmärkte, Kreditstreiks und hohe Privatschulden zur Weltrezession geführt. Punkt. Wenn dem so wäre, dürfte es kein V geben, denn all das hat sich ja nicht fundamental geändert. Tatsächlich waren die US-Immobilien wohl viel zu unwichtig, um die ganze Weltwirtschaft mitzureißen. Schließlich gibt es noch immer keinen Beleg für eine echte (krisenursächliche) Kreditklemme, und die Schulden von US-Verbrauchern können kaum erklären, warum plötzlich weltweit Industrieaufträge gestoppt wurden und in Singapur wie Deutschland der Export in wenigen Wochen mit zweistelligen Prozentraten einbrach.

Dieser globale Kollaps Ende 2008 lässt sich nur mit einer Art Psychoschock erklären, nachdem plötzlich offen schien, welche Bank morgen pleitegeht – und ob der Kapitalismus überlebt. Das hat weltweit kaum einen größeren Betrieb kaltgelassen. Und weil wochenlang nach der Lehman-Pleite keine Geschäftsbeziehung und keine Bank mehr sicher schienen, sorgten Unternehmen und selbst Privathaushalte rund um den Globus fast zeitgleich dafür, „möglichst viel Liquidität zu halten“, vermutet Holger Schmieding, Europa-Ökonom bei der Bank of America und Merrill Lynch. Und das hieß, entsprechend viele Ausgaben abrupt zu stoppen. Ein weltweiter „Unsicherheitsschock“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer.

Das Gute an dieser Absturzerklärung ist, dass viele Aufträge und Geschäfte dann gar nicht unbedingt aufgehoben wurden, sondern aufgeschoben. Was erklären kann, warum bei allmählich schwindender Unsicherheit und Liquiditätspräferenz jetzt ähnlich abrupt viele Geschäfte wieder hochfahren; zumal es schon wegen des üblichen Ersatzbedarfs auf Dauer kaum denkbar war, dass die Autohersteller wie zum Jahresende nur noch ein paar Hundert Lkw europaweit verkaufen. Jetzt kommt es zu entsprechenden Nachholeffekten.

Vor ein paar Monaten war die Gefahr noch akut, dass sich die psychologisch derart verstärkte Krise realwirtschaftlich verselbstständigt, in eine dauerhafte Abwärtsspirale führt. Das haben Regierungen und Notenbanken mit viel Geld verhindert. Nun spricht einiges für die allmähliche Rückkehr des geschäftlichen Urvertrauens: das enorme Volumen an Anleihen, das Unternehmen mittlerweile wieder am Kapitalmarkt platzieren, ebenso wie sinkende Risikoaufschläge an den Geldmärkten – oder eben steigende Geschäftsklimawerte. Jetzt kann auch mancher Nachholeffekt einsetzen.

Man mag zweifeln, ob das Bungee-Prinzip zum perfekten V reicht, zum vollständigen Ausgleich aller Krisenverluste. Die Krise hat Firmen verschwinden lassen und unwiederbringliche Kollateralschäden verursacht.

Immer abwegiger erscheint dennoch die Annahme, dass es auf absehbare Zeit nur Miniwachstum statt einer Rückkehr zur Wirtschaftsleistung anno 2008 gibt. Die Ökonomen bei Unicredit revidierten nach Bekanntgabe der jüngsten Auftragsschübe ihre Deutschlandprognosen rabiat nach oben. Auf ein Jahr gerechnet dürfte die Wirtschaft danach schon diesen Sommer um vier Prozent expandieren. Holger Schmieding hält für 2010 selbst Gesamtjahresraten von mehr als zwei Prozent nun für möglich: „Bis Ende 2010 könnte bereits die Hälfte der verlorenen Wirtschaftsleistung wettgemacht sein“, so der Konjunkturexperte.

Was bleibt, ist die Frage, was nach dem derzeit einsetzenden Gegenschock kommt – wenn der Nachholbedarf aus Krisenzeiten abgearbeitet ist und die Konjunkturpakete irgendwann auslaufen. Mehr dazu in der Kolumne kommenden Freitag.

E-Mail fricke.thomas@guj.de

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