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Unverhoffter Abwrackerfolg

2. September 2009

Die Abwrackprämie läuft aus, was für eine Geschichte. Was hat es in den vergangenen Monaten nicht alles an mehr oder weniger theatralischen Warnungen gegeben, vor dem Untergang des ordnungspolitischen Vaterlands, vor Missbrauch beim Prämiengebrauch oder vor den entsetzlichen Nebeneffekten für die armen Afrikaner, die jetzt keine billigen deutschen Schrottschleudern mehr kriegen, weil die alle auf hiesigen Schrottplätzen enden. Alles furchtbar? Die vorläufige Bilanz deutet eher aufs Gegenteil.

Es ging ja nicht darum, ordnungspolitische Seminare zu bestehen oder den Export von schmutzigen Altautos nach Afrika aufrecht zu halten, sondern darum, in einer historisch dramatischen Situation zu verhindern, dass die Menschen panikartig Geld horten, was zu einer wirklichen Katastrophe geführt hätte. Und gemessen daran ist die ungeliebte Prämie nach Stand der Dinge ein Segen gewesen.

Alles deutet darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft in den ersten Wochen des Jahres in eine fatale Abwärtsspirale hätte geraten können. Das Exportgeschäft war im freien Fall. In den Unternehmen herrschte Schockstarre. Wenn dann die Konsumenten aufgehört hätten, Geld auszugeben, hätten etliche Betriebe das Desaster nicht einmal mehr mit Kurzarbeit überbrücken können. Hier setzute am Mitte Januar die Abwrackprämie enorm positiv ein: Wie das Statistikamt Destatis berechnet hat, wären die Konsumausgaben der Deutschen im ersten Halbjahr um historisch seltene ein Prozent eingebrochen, wenn nicht genau in dieser Zeit so viele Autos gekauft worden wären. Dadurch gab es sogar ein Mini-Konsumplus gegenüber Vorjahr.

Sprich: Die Abwrackprämie erklärt voll und ganz, warum der Konsumeinbruch in der Jahrhundertkrise ausblieb. Und das dürfte auch ein weiteres konjunkturelles Herabschaukeln in ein langwieriges Desaster verhindert haben. Da wirken alle Nebeneffekte nebensächlich. Und da wirkt auch der Einsatz billig. Sollte die Abwrackprämie auch nur dazu beigetragen haben, eine Abwärtsspirale in die Deflation zu stoppen, ist der Einsatz von 5 Mrd. Euro gar nichts, zumal der Finanzminister für jeden neu gekauften Wagen ja reichlich Mehrwertsteuer einstrich. Wie teuer so eine Dauerkrise werden kann, haben in den 90er-Jahren die Japaner erlebt, die viel zu zaghaft gegenhielten und den Konsum zwischenzeitlich sogar dämpften. Am Ende lag die Staatsschuldenquote bei gigantischen 170 Prozent der Wirtschaftsleistung.

All das relativiert auch die Sorge, dass es nach Auslaufen der Prämie jetzt zum großen Rückschlag kommt. Natürlich schrumpft der Autoabsatz im Inland seit dem Abwrackhöhepunkt wieder. Nur ist mittlerweile die Auslandsnachfrage nach deutschen Autos wieder hochschnellt, und die macht rund zwei Drittel des Geschäfts der deutschen Autobranche aus. Seit den desaströsen Wochen am Anfang des Jahres nahm das Bestellvolumen um enorme 43 Prozent wieder zu. Das fängt den Rückgang im Inland auf, zumal nach Schätzungen noch einige Hunderttausend Anträge auf die Prämie abzuarbeiten sind und dies noch bei Mitte 2010 möglich ist. Stabwechsel. All das wird dazu führen, dass der ganz große Knall ausbleibt. Und wenn das klappt, hat die Abwrackprämie auf wundersam präzise Weise tatsächlich eine enorm kritische Phase überbrücken geholfen.

Natürlich fragt sich, warum man eine solche Aktion nicht sehr viel breiter und langfristig sinnvoller definiert hat, statt nur Autokäufe zu subventionieren und dabei nicht einmal besonders auf die Umweltbelastung zu achten. Eine bessere Variante wäre gewesen, Klimaschecks zu verschicken, mit denen man neben dem Kauf sauberer Autos auch andere CO2-sparende Investitionen und Konsumausgaben hätte fördern können. Das hätte weniger verzerrende strukturelle Effekte gehabt. Wichtig aber ist die Erkenntnis, dass es in derart kritischen konjunkturellen Situationen offenbar alles andere als vergebens ist, die Nachfrage mit ungewöhnlichen Mitteln zu stützen. Nicht als Selbstzweck, sondern um Schlimmeres zu verhindern. Ohne Abwrackprämie ginge es Deutschland heute wirtschaftlich schlechter.

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