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David Milleker – Der Mythos vom konjunkturellen Decoupling

6. Oktober 2009

Erinnern wir uns einmal kurz zurück an das Jahr 2007. Eine gängige These unter den Konjunkturprognostikern war damals, dass der US-Wohnimmobilienmarkt ein alleiniges Problem der US-Wirtschaft wäre und Europa daher kaum davon betroffen sein dürfte. In Fachkreisen spricht man in solchen Fällen von einer Abkopplung (Decoupling) einzelner Wirtschaftsräume. Im vergangenen Jahr wurde diese These dann in ähnlicher Weise für die Emerging Markets hervorgeholt, die sich von den Problemen aus der entwickelten Welt freimachen können sollten. Es kam bekanntlich anders und die Rezession war global, das heißt keine Region konnte sich ihr wirklich entziehen.

Im Frühjahr und Sommer 2009 wurde dann erneut die These vom Decoupling mit Blick auf die Emerging Markets herangezogen. Und tatsächlich deuten gängige Frühindikatoren darauf hin, dass die weltwirtschaftliche Erholung  in Asien etwa zwei bis drei Monate früher begonnen hat als im Rest der Welt. Die Frage ist freilich, ob man das schon als Decoupling bezeichnen kann.

Dabei ist Decoupling keine feste Begriffsbestimmung. Im konjunkturellen Sinne kann es nicht alleine so verstanden werden, dass etwa China höhere Wachstumsraten aufweist als die USA. Denn das sollte und ist allein schon aufgrund von Nachholprozessen bei den pro-Kopf-Einkommen die Regel. Eine gute generelle Wachstumsstory für Emerging Markets kann also nicht als Decoupling bezeichnet werden. Vielmehr sollte unter Decoupling das Auseinanderklaffen von konjunkturellen Wendepunkten verstanden werden, also wenn eine Region eine konjunkturelle Beschleunigung erlebt oder zumindest seine konjunkturelle Dynamik beibehält, während eine andere gerade verlangsamt.

Wir haben uns dieser Thematik in einem mehrstufigen Verfahren angenähert und das Wachstum von fünf großen weltwirtschaftlichen Regionen (Nord- und Lateinamerika, West- und Osteuropa sowie Asien) auf Basis von Daten des Internationalen Währungsfonds zunächst trendbereinigt, um konjunkturelle Beschleunigungs- und Verlangsamungsphasen zu bestimmen. In einem zweiten Schritt haben wir den Gleichlauf (Korrelationen) dieser Konjunkturmuster zu Nordamerika berechnet. Darauf aufbauend haben wir uns dann die Bandbreite dieser Korrelationen zu jedem Zeitpunkt über eine Standardabweichung angeschaut. Je größer diese Bandbreite an Ergebnissen ist, desto stärker führen Regionen ein konjunkturelles Eigenleben und um so mehr kann tatsächlich von einem echten Decoupling gesprochen werden.

Ganz ohne Frage sind derartige Abkopplungen historisch mehrfach zu beobachten. Etwa in den 80er Jahren zwischen Nord- und Südamerika im Zuge der Schuldenkrise in Südamerika, oder Anfang der 90er Jahre zwischen Nordamerika und Westeuropa im Zuge der deutschen Wiedervereinigung. Im Zeitverlauf zeigt sich allerdings, dass das konjunkturelle Eigenleben der Regionen sehr deutlich nachlässt und durch eine immer stärkere Gleichtaktung abgelöst wird. In den Jahren 2008 und 2009 ist dann sogar die geringste regionale Divergenz aller Zeiten zu sehen.

Das deutlich verminderte Eigenleben von regionalen Konjunkturentwicklungen ist ökonomisch auch durchaus plausibel, wenn man zum einen die deutlich engeren globalen Handelsverflechtungen im Sinne von grenzüberschreitenden Vorleistungsketten innerhalb von Unternehmen in den Blick nimmt. Eine Absatzschwäche in einem Markt wird über diese Vorleistungsketten heute stärker und schneller ins globale Wirtschaftssystem übertragen, statt wie vor einigen Jahren regional zu bleiben. Ähnliches dürfte für die Informationsgeschwindigkeit gelten, mit denen lokale Ereignisse heute weltweit wahrgenommen werden können, so dass sich etwa Finanzmarktereignisse schneller auch in anderen Weltregionen Folgen nach sich ziehen können.

Die konjunkturelle Abkopplung bestimmter Regionen ist daher unter den heute geltenden Bedingungen ein Mythos. Dass sich diese Diskussionen dennoch just zu einem Zeitpunkt häufen, an dem das eigentliche Phänomen offensichtlich verschwindet, könnte durchaus einem bekannten Zusammenhang aus der Verhaltenspsychologie geschuldet sein. Offensichtlich tendieren Menschen dazu, kleine Veränderungen um einen bestehenden Trend stärker wahrzunehmen als Verschiebungen in einem Trend selbst. Das heißt, wir nehmen einen geringen zeitlichen konjunkturellen Vor- oder Nachlauf einzelner Regionen jetzt wie in einem Vergrößerungsglas wahr, während das große Bild eigentlich der Synchronlauf ist.

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