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Kenneth Rogoff – Sorgenkind Dollar

8. Oktober 2009

Die einzige realistische Hoffnung für einen Abbau der globalen Ungleichgewichte ist China. Denn das Land hätte bei einer schweren Dollar-Krise am meisten zu verlieren.

Wann wird China endlich einsehen, dass es nicht ewig Dollar anhäufen kann? China bunkert jetzt schon über 2000 Mrd. $. Möchten die Chinesen in fünf bis zehn Jahren wirklich auf 4000 Mrd. $ sitzen? Da die US-Regierung gebannt auf die Kosten der Rettungsprogramme für den Finanzsektor sowie die unerbittlich steigenden Sozialausgaben blickt, muss man langsam eine Wiederholung der europäischen Erfahrungen in den 70er-Jahren befürchten.

In den 50er- und 60er-Jahren häuften die Europäer enorme Bestände an amerikanischen Staatsanleihen an, um die fixe Wechselkursbindung zu erhalten, wie es China heute auch macht. Unglücklicherweise schmolz die Kaufkraft dieser Bestände aber in den 70er-Jahren dahin, als die Kosten des Vietnamkriegs und ein drastischer Anstieg des Ölpreises letztlich zu einer unheilvollen Steigerung der Inflationsrate führten.

Womöglich sollte man sich in China keine Sorgen machen. Schließlich erklärten Spitzenpolitiker aus aller Welt beim G20-Gipfel in Pittsburgh, jede denkbare Maßnahme ergreifen zu wollen, um die Wiederholung einer solchen Entwicklung zu verhindern. Eine tragende Säule ihrer Präventionsstrategie ist die Reduktion der „globalen Ungleichgewichte“, wie man das riesige US-Handelsbilanzdefizit und die damit verbundenen Handelsbilanzüberschüsse anderswo – nicht nur in China – beschönigend nennt.

Die Erkenntnis, dass globale Ungleichgewichte ein Problem darstellen, ist zu begrüßen. Viele Ökonomen, einschließlich meiner selbst, sind der Ansicht, dass Amerikas Hunger nach ausländischem Kapital zur Finanzierung seiner Konsumorgie eine maßgebliche Rolle dabei spielte, dass es zu dieser Krise kam. Mit billigem Geld aus dem Ausland wurde eine bereits fragile Regulierungs- und Überwachungsstruktur am Leben erhalten, die eigentlich mehr Disziplin als Cash benötigt hätte.

Leider haben Politiker, vor allem in den USA, auch schon früher behauptet, das Problem erkannt zu haben. Vor der Finanzkrise hat das US-Zahlungsbilanzdefizit fast 70 Prozent der Mittel absorbiert, die China, Japan, Deutschland, Russland, Saudi-Arabien und andere Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen zusammen zur Verfügung hatten.

Aber anstatt etwas zu unternehmen, schmierten die USA weiter die Räder ihres Finanzsektors. Die Europäer, von denen man eine Steigerung der Produktivität und der Binnennachfrage forderte, reformierten ihre Volkswirtschaften im Schneckentempo. Und China behielt seine Strategie des exportgetriebenen Wachstums bei.

Erst die Finanzkrise vermochte die amerikanische Schuldenlokomotive zu bremsen – das US-Leistungsbilanzdefizit ist von beinahe sieben Prozent vor ein paar Jahren auf drei Prozent des Einkommens gefallen.
Aber wird die neu entdeckte Mäßigung in den USA anhalten? Derzeit holt sich die US-Regierung kolossale 1500 Mrd. $ auf den Finanzmärkten – also zwölf Prozent des Nationaleinkommens. Ohne einen massiven Anstieg der Ersparnisse von Privathaushalten und Unternehmen wäre die Kreditaufnahme im Ausland völlig aus den Fugen geraten.

Momentan weist der amerikanische Privatsektor einen Überschuss auf, der etwa 75 Prozent des enormen Appetits des Staates stillt. Aber wie lange wird die Sparsamkeit andauern?

Mit der wirtschaftlichen Normalisierung werden auch Konsum und Investitionen wieder anziehen. Wenn das eintritt – und angenommen, die Regierung schnallt den Gürtel nicht gleich enger –, wird der amerikanische Hunger nach ausländischem Geld mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder wachsen. Wie die Regierung ihren Zusagen von Pittsburgh nachkommen will, ist schwer vorstellbar.

Die Notenbank Fed könnte zwar ihre Geldpolitik straffen. Aber sie wird sich keine großen Gedanken um die nächste Finanzkrise machen, wenn noch nicht einmal die Nachwirkungen der gegenwärtigen Krise verebbt sind. In unserem neuen Buch „Dieses Mal ist alles anders“ zeigen Carmen Reinhart und ich auf, dass zumindest eine Lehre aus Finanzkrisen gezogen werden kann: Ihre Nachwirkungen können sehr lange andauern.

Jeder kurzfristige reale Wandel muss aus China kommen. Das Land hat bei einem Dollar-Debakel am meisten zu verlieren. Bis jetzt hat sich Peking auf die Außenmärkte konzentriert, sodass die Exporteure die nötigen Skaleneffekte erreichen können, um die Qualität zu verbessern und in der Wertschöpfungskette aufzusteigen. Aber im Prinzip besteht kein Grund, das gleiche Modell nicht auch durch eine Neuorientierung der Wirtschaft umzusetzen: in Richtung einer Wachstumsstrategie auf Basis verstärkter Binnennachfrage. Da der Konsum für 35 Prozent des Nationaleinkommens verantwortlich ist (bei 70 Prozent in den USA!) gibt es hier noch viel Spielraum.

Chinas Regierung weiß ganz genau, dass die Anhäufung von US-Schatzwechseln ein Problem ist. Andernfalls würde sie nicht so öffentlich den Internationalen Währungsfonds (IWF) auffordern, eine Alternative zum Dollar als globaler Währung voranzutreiben.

Die Sorgen der Chinesen sind berechtigt. Eine Dollar-Krise steht zwar nicht unmittelbar bevor, aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren besteht durchaus ein großes Risiko. Wenn es so weit ist, möchte China nicht mit 4000 Mrd. $ in der Tasche dastehen. Es liegt nun an China, die Führerschaft bei der Umsetzung der Agenda nach Pittsburgh zu übernehmen.

Kenneth Rogoff lehrt Volkswirtschaft an der Universität Harvard und ist ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds.

project-syndicate.org

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