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„Bild“ verrechnet Industrie in den Abgrund

17. November 2009

Huch, da hieß es bisher doch, die Krise habe den deutschen Arbeitsmarkt kaum getroffen. Nun meldet die gute „Bild“-Zeitung, in der Industrie seien schon „1,2 Millionen Jobs weg“. Keine Sorge. Die Kollegen mit dem forschen Urteilsverhalten haben da nur ein kleines Problem mit der Mathematik.

 

Gemeldet hat das Statistische Bundesamt gestern lediglich, dass es im September in der deutschen Industrie 233 000 Jobs weniger gab als ein Jahr zuvor. Und dass dieser Vorjahresrückgang damit noch etwas stärker war als im August (229 000), Juli (202 000) undsoweiter. Was die Kollegen offenbar zu neuen arithmetischen Experimenten animiert hat, mit dem Ergebnis, dass sie mit dem Taschenrechner (oder im Kopf?) einfach mal alle Rückgänge zusammen gerechnet haben. Ergebnis: das sind ja schon mehr als eine Millionen Job, die „weg“ sind. Wow! Seite 1.

Nach bisherigen mathematischen Erkenntnissen ist das allerdings, sagen wir es vorsichtig, nicht ganz korrekt. Wenn man den Stand der Beschäftigung mit dem Vorjahr vergleicht, macht man von Monat zu Monat ja immer das gleiche, man schleppt sozusagen das mit, was in den zwölf Monaten dazwischen passiert ist. Und das kann man dann natürlich nicht einfach addieren.

Dass das Quatsch ist, fand auch das Statistikamt – und will heute noch eine kleine Korrektur der „Bild“-Zeitungsrechnerei rausschicken, wie der zuständige Statistiker eben reichlich amüsiert erzählte.

Übrigens sind seit dem letzten Höhepunkt in der deutschen Industrie tatsächlich nur jene 233 000 Arbeitsplätze verloren gegangen, die das Amt für den September gegenüber Vorjahr gerade gemeldet hat. Der Höhepunkt lag nämlich im September 2008. Und der Rückgang ist seitdem danach bemerkenswert moderat – gemessen an den zweistelligen prozentualen Einbrüchen bei Produktion und Auftragseingängen.

Kleine Polemik noch: Der Autor des Bild-Stücks ist immerhin Wirtschaftschef der millionenfach verkauften Zeitung – und hat vor der Wahl bekannt, die FDP zu wählen, die ja ebenfalls landesweit bekannt ist für rechnerische Brillianz. Pisa, hilf.

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