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Die Kolumne – Gemeingefährliche Devisenspiele

11. Dezember 2009

Die Finanzkrise hat tektonische Verschiebungen der globalen Währungsverhältnisse mit sich gebracht. Schuld sind Marktdemenz und Manipulationen. Sie drohen den Exportmeister Deutschland ins Desaster zu führen.

Wenn es um die Finanzkrise geht, war bisher meist von amerikanischen Immobilien, dreisten Boni und Verbriefungen die Rede. Schlimm genug. Das ökonomisch Schlimmere könnte allerdings woanders liegen, in einer anderen Dimension des Finanzdebakels: Seit Mitte 2007 haben sich Währungsverhältnisse und Kurse rund um den Globus atemberaubend verschoben, was die Wettbewerbsposition ganzer Volkswirtschaften erschüttert – zum Guten wie zum Drama.

Ein Ausrutscher ist das nicht. Eher stecken dahinter heillose Manipulationen mancher Regierung und ökonomische Hilflosigkeit derer, die täglich an den Märkten mit Devisen handeln und dabei Währungen zu bewerten versuchen. Ein Mix, der für Exportnationen wie Deutschland zum Desaster zu werden droht, wie die gerade angekündigte Verlagerung von Teilen der Mercedes-Produktion ins Dollar-schwache Amerika erahnen lässt.

Rätselhafter Sturz der schwedischen Krone

Bis zum Ausbruch der Krise lag das britische Pfund bei 1,50 Euro – jetzt sind es nur noch gut 1,10 Euro. Deutsche Exporte nach Großbritannien sind damit rechnerisch fast 40 Prozent teurer als vor zweieinhalb Jahren. Im Schnitt hat die britische Währung weltweit ein Viertel abgewertet (siehe Grafik). Ähnliches gilt für Koreas Won, dessen Außenwert zeitweise 41 Prozent verlor. Mit zweistelligen Raten haben sich auch Russen, Thai, Türken und Indonesier verbilligt, zwischenzeitlich auch die Polen. Huch. 40 Prozent teurer ist dafür jetzt Japans Yen, innerhalb von gut zwei Jahren und im Schnitt. Die Schweiz kommt auf 14 Prozent, die Euro-Zone auf 10 (trotz verlottertem Südteil).

Bisher gab es immer irgendeinen Ökonomen oder angelernten Tophändler, der wortreich erklärte, warum so etwas fundamental und logisch und erklärbar ist: bei Abwertungen wahlweise durch hohe Inflation, schlimme Rezession, hohe Außendefizite oder Staatsschulden.

Nur: Warum ist Schwedens Krone seit Mitte 2007 dann um zeitweise 20 Prozent abgestürzt, während Nachbar Dänemark sechs Prozent aufgewertet hat – wenn das BIP in beiden Ländern gleich stark gefallen ist, die dänische Inflation sogar höher liegt (was für Abwertung spräche) und beide mit Überschüssen in Export und Staatsetats glänzen? Ähnliches gilt für Korea, dessen Wirtschaftsleistung 2009 gar nicht geschrumpft ist – bei strukturellen Etat- und höheren Exportüberschüssen, als sie selbst Deutschland gemessen am BIP hat. Absurd. Warum wird das britische Pfund plötzlich ein Viertel billiger gehandelt, obwohl die Inflation in den letzten Jahren nicht höher und die Rezession nicht tiefer war als bei uns? Nur wegen des höheren Staatsdefizits? Die Schuldenquote ist auch noch niedriger. Kein Grund für 25 Prozent Abwertung.

Umgekehrt scheint rätselhaft, warum Japan mit fast 200 Prozent Staatsschuldenquote atemlos aufgewertet wurde. Oder die Euro-Zone, deren Außendefizit 2008/09 rund 0,7 Prozent des BIPs erreichte; und deren Wirtschaft ähnlich schrumpfte wie die der Abwertungsländer.

Ein Teil der Erklärung liegt darin, dass die ein oder andere Notenbank die Märkte manipuliert, was kaum bekannt ist. Ein anderer liegt darin, dass Devisenhändler heillos überfordert sind, aus Hunderten teils widersprüchlichen Nachrichten und Indikatoren in kurzer Zeit ein logisch stringentes Urteil über eine Währung zu fällen. Stattdessen entscheiden dann Daumenregeln – und der Drang, richtig zu raten, wie die anderen denken, um dem Trend erfolgreich zu folgen. Das heißt Herdentrieb und verstärkt absurde Währungstrends.

Grotesk wird das Treiben durch das, was Insider „Carry-Trade“ nennen: die Aufnahme von Geld in Niedrigzinsländern, um es mit spekulativem Eifer in Hochzinsländern zu investieren. Klingt toll. Das Tückische ist, dass dadurch de facto jene Selbstkorrektur torpediert wird, die der Markt laut Theorie eigentlich ausführen sollte: Weil Hochzinsländer in der Regel auch Staaten mit höherer Inflation sind, müsste (stabilisierende) Spekulation sie zum Abwerten treiben. In der Praxis geschieht das Gegenteil, sagt Peter Bofinger, Währungsexperte und Mitglied im Rat der Wirtschaftssachverständigen. Der Run auf die Hochzinswährung führt zu immer neuen Kurshochs statt zur Korrektur, was wiederum die Zinsspekulation risikolos wirken lässt (bis zum Crash, wie in Island). Ein Gaga-System.

Das wäre halb so wild, wenn es um Murmeln ginge. Oder Aktien. Das trifft Einzelne. Das Hochschießen von Wechselkursen trifft ziemlich viele und macht im Zweifel Jahre schmerzlichen Kostenabbaus in Unternehmen wett. Dagegen hilft auf Dauer auch keine Absicherung. Und auch nicht der Verweis, durch Abwertungen würden ja Importe billiger. Die Konkurrenz dankt.

Die Rechnung zahlen jene, die nach allen Manipulationen und Marktversagen hochgehandelt werden. Zum Beispiel die Deutschen, die so zu späten Großverlierern der Krise zu werden drohen. Nach OECD-Schätzung müsste der Euro 1,16 $ kosten, wenn er, wie es ökonomisch sinnvoll wäre, transatlantische Kaufkraftunterschiede ausgliche. Jetzt liegt er bei 1,50 $. Sprich: Euro-Waren und -Arbeitskräfte sind allein devisenkursbedingt im Ausland fast 30 Prozent zu teuer. Da fliehen jetzt halt Betriebe.

Noch palavern die Regierungschefs lieber über Boni und Verbriefungen. Es wäre höchste Zeit, über ein neues Weltwährungssystem zu sinnieren. Das aktuelle ist ein Desaster.

E-Mail fricke.thomas@guj.de

 

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