Startseite > Chefökonom > Neue Denker, die neue FTD-Reihe (1) – Abschied vom Universalmenschen

Neue Denker, die neue FTD-Reihe (1) – Abschied vom Universalmenschen

15. März 2010
George Akerlof ist einer der führenden Köpfe beim Versuch, das ökonomische Denken zu erneuern. In den etablierten abstrakten Modellen werde unterschätzt, wie stark sich Menschen mit ihrem Umfeld identifizieren müssten, meint der Nobelpreisträger.
Von Hubert Beyerle und Thomas Fricke, Berlin

Schon einmal hat George Akerlof in der Wirtschaftswissenschaft eine Revolution eingeleitet. Damals beschrieb er, was passiert, wenn Autohändler mehr über einen Gebrauchtwagen wissen als der Käufer. 40 Jahre später könnte er eine zweite Revolution auslösen. Akerlofs‘ Idee ist auch Titel seines neuen Buches: Identity Economics. Es ist der Abschied vom Nutzenmaximierer Mensch.

Die neue Idee  Im Gegensatz zu den Standardmodellen der Ökonomen sieht Akerlof den Menschen als ein von seiner Umwelt geprägtes Wesen. Soziale Regeln und Normen bestimmen sein Verhalten ebenso wie das Streben nach Geld und Wohlstand. Die Menschen unterscheiden sich also, je nachdem, aus welchem sozialen Umfeld sie kommen. Die Werte und Normen dieses Umfelds bestimmen ihr Verhalten. So lassen Arbeiterfamilien ihre Kinder weniger lange auf der Schule, weil es ihren Traditionen so entspricht. Die ökonomische Erklärung dagegen lautet, dass jeder so lange studiert, bis er das Maximum an „Bildungsrendite“ herausgeholt hat. Was einfach nicht stimmt. Oder: Dass Frauen über Jahrzehnte weniger rauchten als Männer und erst in den letzten Jahren „aufgeholt“ haben, lässt sich nur mit Normen und Idealen weiblichen Verhaltens erklären, die gesellschaftlich geprägt sind.

Was dahinter steckt Der Mensch ist für den Standard-Ökonomen ein recht simpel gestricktes Wesen. Er maximiert seinen Nutzen, und dieser lässt sich darüber hinaus noch in Geld bemessen. Selbst der nette Altruist ist für den Standardökonom ein Nutzenmaximierer, dessen Verhalten sich daraus ergibt, dass er die Reaktionen der anderen Menschen auf sein Verhalten einkalkuliert und mit seinem Verhalten Strafen und soziale Ausgrenzung vermeiden will. Grundsätzlich seien die Menschen, was ihre Motivation betrifft, also gleich. Falsch, sagt Akerlof. Die Menschen folgen den Normen nicht, weil sie sonst Strafen befürchten, sondern weil sie es wollen. Sie sind „intrinsisch“ motiviert, weil sie ein Bild von sich selbst haben, dem sie entsprechen wollen. Sie haben Ideale abhängig von ihrer Identität und sozialen Prägung. Also sind die Menschen auch unterschiedlich. Wer von der Soldatenschmiede Westpoint kommt, für den sind Loyalität und Ehre also wichtiger als Geld.

Was Praktiker daraus lernen Wer glaubt, der Mensch reagiere nur auf Anreize, der muss ihnen viel Geld bezahlen, um sie zu höchster Anstrengung zu motivieren. Spitzengehälter und Millionen-Boni sind die Konsequenz. Doch entscheidend ist, so Akerlof, die Leute dazu zu bringen, sich mit den Zielen der Organisation zu identifizieren. Loyalität aber ist mit Geld nicht zu kaufen. So führten finanzielle Gehaltsanreize bei Lehrern in Chicago dazu, dass sie das Anreizsystem betrogen und die Testbögen für die Schüler selbst ausfüllten. „Bonussysteme funktionieren nicht gut“, sagt Akerlof und die Idee der Identity Economics kann das erklären.“ Entscheidend für den Erfolg einer Organisation ist, dass sich die Mitarbeiter mit ihr identifizieren und ihren Erfolg wünschten. „Geld kann sogar ein Weniger an Identifikation verursachen“, so Akerlof. Konsequenz: Eine wirtschaftlich sinnvolle Gehaltsstruktur hält sich weniger an Anreize für Topleute und setzt mehr auf die Motivation der anderen Mitarbeiter.

Nächste Folgen: Joseph Stiglitz (23.3.) Thomas Piketty (30.3.)

Schlagwörter:
%d Bloggern gefällt das: