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Die Kolumne – Und jetzt mal Deutschland

6. Mai 2010

Wir schreiben das Jahr 2013: Die Griechenlandkrise ist fast vergessen, die Volkswirtschaft wächst wieder. Doch nun kommen aus Deutschland schlechte Nachrichten. Wer hilft uns? Ein Zukunftsgedankenspiel.

Mai 2013. Seit ein paar Tagen gibt es leichte Unruhe an den Finanzmärkten. Die große Steuerreform, die Angela Merkels angeschlagene schwarz-gelbe Regierung fürs Wahljahr noch durchgeboxt hat, brockt dem Finanzminister größere Einnahmeausfälle ein als vermutet. Kurz danach meldet das Statistikamt, das Staatsdefizit habe nach Revision 2012 doch über vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts gelegen. Ein kleiner Schock.

Die Kanzlerin gibt sich gelassen. Das werde durch die gute Konjunktur wettgemacht. Experten sagen, Deutschland sei noch gut aufgestellt. Am nächsten Tag heißt es, das Geschäftsklima habe sich eingetrübt. Aktien geben nach, der Zins auf deutsche Staatsanleihen steigt.

Nach Schätzung der EU-Kommission verfehlt Deutschland die Vorgaben der Schuldenbremse – wenn nicht sofort ein Sparpaket beschlossen wird. Nur, es ist Wahljahr. Binnen einer Stunde sackt der Euro auf Zweijahrestief. Die Euro-Gruppe beschließt, sich beim nächsten Treffen mit Deutschland zu beschäftigen.

Die anderen wollen nun auch Überschüsse

Ratingagentur A&P meldet, sie stelle den Ausblick für Deutschland auf negativ. Angesichts globaler Schulden sei der Schock bei einer der größten Wirtschaftsmächte nicht gut. Die Märkte seien nervös. Der britische „Economist“ folgt mit einem Titel über die kränkelnden Deutschen. Das Land drohe nach Jahren solider Wirtschaftspolitik abzustürzen. Seit Griechen, Spanier, Briten und Amerikaner sparten, fänden Germany’s Exporteure immer schwerer Absatz. Die anderen wollen seit neustem auch Überschüsse. Überhaupt: Laut World Economic Forum sei der Arbeitsmarkt rigider als in Pakistan und Mali, was nach der Befragung zwar schon immer so war, jetzt aber wieder gut passt.

Der Ecofin-Rat drängt die Bundesregierung, zu solider Haushaltspolitik zurückzukehren. Sonst sei die Stabilität des Euro gefährdet. Vizekanzler Westerwelle schimpft. A&P setzt das Rating für Deutschland daraufhin herab. Es gebe zwar keine neuen Daten, aber man müsse halt die Unruhe an den Finanzmärkten berücksichtigen. Worauf die Filigranmärkte verstärkt beunruhigt reagieren. Offenbar haben sich mehrere angloamerikanisch-südeuropäische Hedge-Fonds in New York getroffen, um auf den Ausverkauf deutscher Staatsanleihen zu wetten – die jetzt sechs Prozent Zinsen kosten. Die Kanzlerin sagt, das sei „Irrsinn“. Vergeblich.

Nach Recherchen der griechischen Wirtschaftszeitung „Sparkurs“ stehen die Chancen schlecht, dass die Deutschen aufhören, über ihre Verhältnisse zu leben. Pro Stunde würden mehr als 15 Mio. Euro neue Staatsschulden gemacht. Selbst die Einheit sei auf Pump finanziert worden. Und zwischen 1999 und 2010 habe Deutschland im Schnitt jedes zweite Jahr den Stabilitätspakt gebrochen. Auch bei der Schuldenbremse sei 2010 getrickst und der ein oder andere Posten verschoben worden, um doch mehr Schulden machen zu dürfen. Überall Täuscher.

Ein Reporter berichtet, wie düster es um Deutschland steht. Er ist nach Bitterfeld gereist. In keinem Land schrumpfe die Bevölkerung so schnell, allein zwischen 2007 und 2011 um gut eine Million Menschen, so die EU. Der Niedergang sei dramatischer als in Japan. Kein Experte rechne noch mit Dynamik. Bei der Geburten liege Deutschland weltweit auf Platz 218. Und die Selbstmordrate ist dreimal so hoch wie in Griechenland. Bei der Geburt sterben ebenfalls laut OECD mehr Kinder.

Da stimme gar nichts, moniert ein US-Magazin. Obwohl die Deutschen pro Kopf ein Drittel reicher seien als die Griechen, liege die Lebenserwartung auf demselben Niveau. Laut OECD arbeiteten die Deutschen im Jahr zudem 700 Stunden weniger. Kaum ein Land habe so viel Urlaub und Feiertage. Marode. Vor ein paar Jahren trat ein Bundesbankchef zurück, weil er sich von der Bank das Luxushotel zahlen ließ. Und ein früherer Finanzminister musste vor den Lügenausschuss, weil er vor der Wahl das Staatsdefizit falsch angab. Kürzlich sei sogar eine Kirchenvorsitzende volltrunken Auto gefahren, und der beliebteste Wettermoderator soll seine Freundin vergewaltigt haben. Mitten in Europa.

Auf dem EU-Gipfel werden Hilfen für die Deutschen erörtert. Um den Euro zu stabilisieren. Der spanische Premier sagt „No“. In Nordandalusien stehen nachgezogene Kommunalwahlen an. Pensionierte belgische Staatsrechtler wollen Verfassungsklage einreichen. Deutschland bekommt von A&P jetzt Morast-Status. Die Zinsen sind bei neun Prozent. Die Verdreifachung kostet den Staat dreistellige Milliarden neuer Schulden. Damit seien alle Pläne obsolet, jammert der Finanzminister. Das sei Folter. Als das bekannt wird, steigen die Zinsen. Mancher Spekulant nimmt Gewinne mit.

Ein Redakteur der portugiesischen „Estrela“ schreibt einen offenen Brief an die „lieben Deutschen“. Die Montagsdemos gegen Hartz hätten gezeigt, „dass Ihr nicht kürzen und lieber Freizeit haben wollt“. Die „Bildaka“ ruft Leser auf, Protestformulare an ihre Abgeordneten zu schicken. Es sei absurd, dass „unsere Steuerzahler für die Pleite-Haxen aufkommen“, weil die jahrelang in Saus und Braus lebten. Eine französische Wirtschaftszeitung appelliert, deutsche Anleihen zu kaufen, weil wir doch Europäer seien. Ein bislang unbekannter irischer Politiker schlägt vor, das Deutsche Eck zu verkaufen.

Mittlerweile liegen Pläne vor, die Mehrwertsteuer auf 29 Prozent anzuheben, alle Sonntags- und Nachtzuschläge zu besteuern, die Renten um 20 Prozent zu kürzen und acht Feiertage zu streichen. In Leipzig starten wieder Montagsdemos. Angela Merkel fliegt mit Bundespräsident Horst Köhler nach Athen, Rom, Brüssel und Vilnius. Deutschland verspreche, alles zu tun, um die Krise zu bewältigen. Gnade.
Die EU mahnt, mit dem Sparen ernst zu machen, die Märkte seien nicht überzeugt. Brüssel prognostiziert wegen einbrechender Realeinkommen jetzt allerdings auch eine tiefe Rezession, was die Steuerausfälle verdoppelt und das Staatsdefizit auf neuen Rekord hochschießen lässt. A&P reagiert. Manche spekulieren, andere verkaufen panisch. Deutschland kapituliert.

Unrealistisch? Ja, die anderen hätten uns wahrscheinlich längst geholfen. Wenn nicht, könnten auch uns dann selektive Wahrnehmung und monströse Finanzmärkte dahin raffen. Fragen Sie die Griechen.

E-Mail fricke.thomas@guj.de

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