Startseite > Gästeblock > Michael Bräuninger und Jörg Hinze – Schuldenkrise gefährdet Konjunkturerholung

Michael Bräuninger und Jörg Hinze – Schuldenkrise gefährdet Konjunkturerholung

10. Mai 2010

Die Rettungsprogramme für die angeschlagenen Euro-Länder sind alternativlos. Aber was passiert mit der Konjunktur, wenn sich mehr und mehr Länder zu einem stärkeren Sparkurs gezwungen sehen?
Konjunkturschlaglicht: Verschlechtertes Preisklima

*

Erstes Opfer der Schuldenkrise im Euroraum ist Griechenland. Angesichts des hohen Schuldenstands und der gleichzeitig hohen Verschuldungsdynamik waren die Finanzmärkte nicht mehr bereit, dem Land weitere Kredite zu gewähren. Die Folge war, dass die Zinsen für griechische Anleihen explodierten und die anderen Euro-Länder Kredithilfen gewähren mussten. Außerdem war Griechenland zu einschneidenden Konsolidierungsmaßnahmen gezwungen, obwohl die Finanz- und Wirtschaftskrise noch lange nicht überwunden war. Die damit einhergehenden Unruhen haben die Buchungszahlen in der Tourismusbranche – dem wichtigsten Wirtschaftsbereich in Griechenland – bereits spürbar reduziert.

Um den Staatsbankrott abzuwenden, war das Sparprogramm der Griechen zweifelsohne notwendig, es wirkt in der aktuellen Situation aber konjunkturdämpfend. Die Rezession in Griechenland dürfte unter diesen Bedingungen weiter anhalten, sich wahrscheinlich sogar verschärfen. Trotz der Hilfskredite der anderen Euroländer und des IWF sowie der Konsolidierungsmaßnahmen in Griechenland haben sich die Finanzmärkte zunächst kaum beruhigt.

Es war allerdings auch zu befürchten, dass die Finanzmärkte schon bald die anderen PIIGS-Staaten – Portugal, Italien, Irland, Spanien – ins Visier nehmen. Zwar ist in diesen Ländern die Situation, vor allem bezüglich des Schuldenstandes, noch um einiges von Griechenland entfernt. Aber die Verschuldungsdynamik ist ebenfalls sehr hoch, so dass der Schuldenstand schnell wächst. Etwas anders liegt der Fall in Italien: Hier ist der Schuldenstand bereits sehr hoch, nimmt aber nicht so stark zu wie in den anderen Ländern. Allerdings könnte sich dies bei steigenden Zinsen schnell ändern. Um der Gefahr von durch Spekulation steigenden Zinsen zu begegnen, wurde quasi über Nacht ein 750 Mrd. Euro-Rettungsschirm und koordinierte Notenbank-Maßnahmen der EZB, Fed und BoJ zur Stützung des Euro beschlossen.

Diese Maßnahmen mögen die Finanzmärkte beruhigen. Sie lösen aber nicht die strukturellen und konjunkturellen Probleme. Dabei stellen die genannten Länder nur die Spitze des Problems dar. Auch in anderen, gewichtigeren Ländern wie den USA und Großbritannien verschlechtert sich die Verschuldungssituation in raschem Tempo. Und auch für die meisten anderen Industrieländer – einschließlich Deutschland – wird in diesem und im kommenden Jahr eine weitere Zunahme der Verschuldung erwartet. Das Verschuldungsproblem betrifft somit nicht nur einzelne, kleinere Länder, vielmehr liegt die Euro-Zone insgesamt mit einem Schuldenstand von über 80 % und Neuverschuldungsquoten von mehr als 6 % für 2010 wie auch für 2011 (beides in Relation zum Bruttoinlandsprodukt) deutlich über den Maastricht-Kriterien (Gesamtschuldenstand nicht über 60 %, jährliche Neuverschuldung maximal 3 % des BIP).

Diese für die meisten Länder absehbare Verschlechterung der Verschuldungssituation gilt allerdings unter der Annahme einer moderaten konjunkturellen Besserung. Was passiert aber, wenn die Erholung schwächer ausfällt als erwartet? Auch die Erholung wird ja bislang vor allem durch staatliche Stützungsprogramme getragen.

Oder was passiert, wenn mehr und mehr hochverschuldete Länder zu vorzeitigen Konsolidierungsmaßnahmen gezwungen werden, um ihre Kreditwürdigkeit zu erhalten –  und dort die Erholung im Keim abwürgen? Je mehr Länder in Not geraten und je größer diese sind, umso stärker werden auch andere Länder getroffen, sei es über die Außenhandelsbeziehungen oder mögliche weitere Rettungsprogramme. Die Gefahr einer Ausbreitung der Schuldenkrise auf andere europäische Länder – Dominoeffekt – ist nicht unrealistisch und die finanziellen Spielräume für zusätzliche Konjunkturprogramme sind sehr eng begrenzt. Umso wichtiger wird sein, dass die vor allem von den asiatischen Schwellenländern und auch von den USA getragene globale Erholung anhält und die europäischen Länder mitzieht. Bislang stärkt die Euro-Abwertung noch die Exportwirtschaft und gibt so positive Konjunkturimpulse.

Trotz der derzeitigen Risiken ist die Kombination aus Konsolidierungs- und Rettungsmaßnahmen letztlich alternativlos. Ein Verzicht auf diese Maßnahmen würde zu einer globalen Ausweitung der Staatsschuldenkrise und zu Staatsbankrotten führen. Dies würde letztlich auch die Banken treffen und eine zweite Finanzkrise mit gravierenden Folgen für die konjunkturelle Erholung heraufbeschwören. Gegenwärtig werden die verschiedensten Maßnahmen diskutiert, angefangen bei einer besseren Haushaltsüberwachung der Euro-Länder und härteren Strafen für die Defizitsünder bis hin zu Regeln für einen geordneten Staatsbankrott. Diese können langfristig helfen, das Entstehen von Krisen zu verhindern. Kurzfristige Hilfe ist aber schon wegen des Zeitbedarfs für die Umsetzung solcher Maßnahmen kaum zu erwarten.

Michael Bräuninger und Jörg Hinze arbeiten am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)

 

%d Bloggern gefällt das: