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Neue Denker (12) – Thomas Philippon und der überbezahlte Finanzsektor

8. Juni 2010

Seit der Deregulierung in den 1980er-Jahren werden Jobs im Bankensektor viel besser bezahlt als in der restlichen Wirtschaft, sagt der Ökonom Thomas Philippon. Das war schon einmal so: Kurz vor der ersten Weltwirtschaftskrise

Für viele talentierte Hochschulabsolventen ist der Finanzsektor eine Branche mit hoher Anziehungskraft. Die Jobs gelten als aufregend und werden sehr gut bezahlt. Strahlkraft hat die Bankenszene in der jüngsten Finanzkrise vielleicht eingebüßt, die Gehälter nähern sich mittlerweile aber wieder dem Vorkrisenniveau. Zwar sanken die Boni im Krisenjahr 2008, sagt der französische Ökonom Thomas Philippon von der Universität von New York. Angesichts der schlechten Performance der Branche seien sie aber überraschend hoch gewesen.

Die Idee In einer bislang einzigartigen Studie hat Philippon gemeinsam mit seinem Kollegen Ariell Reshef von der Universität von Virginia die in der Finanzbranche gezahlten Löhne und die Qualifikation der dort Beschäftigten über einen langen Zeitraum – von 1909 bis 2006 – untersucht. Das Ergebnis ist eine U-förmige Entwicklung dieser beiden Stellgrößen.

In der Zeit bis zur ersten Weltwirtschaftskrise waren Löhne und Qualifikation im Bankensektor sehr hoch. Eine dramatische Verschiebung erlebte die Branche laut Philippon während der 1930er-Jahre, als Gehälter und Anforderung rapide sanken. Bis etwa 1980 setzte sich diese Entwicklung mit verminderter Geschwindigkeit fort. Erst ab diesem Zeitpunkt beobachten die beiden Forscher einen erneut dramatischen Wandel: Wieder wird der Finanzsektor zu einer hoch bezahlten Branche, die gut ausgebildete Arbeitnehmer anzieht.

Die Ursache: Vor 1930 und nach 1980 war der Finanzsektor nur schwach reguliert. Die Möglichkeiten waren groß, und neue Bankprodukte konnten mit viel Kreativität konstruiert werden, so Philippon. Dafür wurden entsprechend gut ausgebildete Arbeitnehmer benötigt, die mit hohen Gehältern angelockt wurden, sagt er. Seit Ende der 1990er-Jahre verdienten Beschäftigte im Bankensektor seiner Untersuchung zufolge immer mehr. „Alles in allem wurden Banker im Jahr 2006 um etwa 40 Prozent zu hoch bezahlt“, sagt Philippon.

Spiegelbildlich dazu war die Anforderung an die Beschäftigten in den 50 Jahren bis 1980 relativ gering und die Jobs verhältnismäßig anspruchslos – dank der starken Regulierung. Indirekt entlastet Philippon damit auch die Regulierungsbehörden, die in den beiden großen Finanzkrisen verantwortlich waren. Es sei kaum möglich gewesen, bestens ausgebildete Arbeitskräfte anzuziehen, die sich mit den komplexen Produkten der Banken auskannten.

Was Praktiker daraus lernen Nach Einschätzung von Philippon muss der Bankensektor künftig wieder viel stärker reguliert werden. Entscheidend sei dabei, dass die Kapitalquoten von Banken erhöht werden. „Zwar zetern Banken, dass dadurch die Kreditkosten steigen. Aber diese Behauptungen sind oft falsch“, sagt er. Hinzu kommt: Eine höhere Eigenkapitalquote würde geringere Gewinne und damit niedrigere Löhne bedeuten. Zudem seien Verfahren notwendig, die es erlaubten, zu große und komplexe Finanzinstitute zu verkleinern – am besten auf international abgestimmter Ebene, um ein Ausweichen der Banken auf andere Finanzplätze zu vermeiden.

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