Startseite > Chefökonom > Ein paar Stimmen zu Herbert Giersch

Ein paar Stimmen zu Herbert Giersch

24. Juli 2010

Hier sind ein paar Reaktionen zum Tod des großen deutschen Ökonomen – von Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer, Commerzbank-Kollege Jörg Krämer, Peter Bofinger aus dem Sachverständigenrat und Gustav Horn vom IMK, sowie Bert Rürup (neu).

Thomas Mayer, Chefökonom der Deutschen Bank und unter Herbert Giersch einst beim Kieler Institut:

Giersch war meiner Meinung nach der bedeutendste deutsche Ökonom seiner Zeit. Vermutlich werden sich die meisten an seine einflussreichen Beiträge zur Wirtschaftspolitik erinnern. Mir hat allerdings sein origineller Beitrag zur Wachstumstheorie am besten gefallen. Zu der üblichen Kategorie der Zeit hat Giersch die Kategorie des Raums gebracht, indem er die Thünensche Theorie der Landnutzung mit der Schumpeterschen Innovationstheorie verschmolzen hat. Leider hat die Giersch’sche Vulkantheorie des Wachstums nicht die Beachtung gefunden, die sie verdient hätte.

Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat: 

Für mich ist Herbert Giersch vor allem als Förderer und dann aber als Widerpart meines akademischen Lehrers Wolfgang Stützel (1926-1987) ins Bewusstsein getreten. Giersch hat Ende der fünfziger Jahre dafür gesorgt, dass Stützel an die Universität des Saarlandes berufen wurde, die damals unter Gierschs Ägide einer der führenden Standorte für Volkswirtschaftslehre in Deutschland war. Als dann der Sachverständigenrat 1964 ins Leben trat, dem Giersch vom ersten Jahr an angehörte, förderte Giersch die Mitgliedschaft Stützels, der im Jahr 1966 in den Rat berufen wurde.  Es kam dann über Fragen der Wechselkurspolitik zu einem so großen Dissens zwischen Giersch und Stützel, dass Stützel im September 1968 vorzeitig aus dem Rat ausschied.
Persönlich habe ich Herrn Giersch im Februar 1978 kennengelernt, als ich mich bei einem allerersten Vorstellungsgespräch um eine Stelle am Institut für Weltwirtschaft bewarb und er mir – in einer sehr angenehmen Gesprächsatmosphäre – die Position eines persönlichen Assistenten anbot. Aus persönlichen Gründen (meine Frau sah für sich keine Berufsperspektiven in Kiel)  habe ich mich dann für eine Tätigkeit im Rhein-Main Gebiet als Mitarbeiter im Stab des Sachverständigenrats entschieden. Wer weiß, wie mein wissenschaftliches Leben verlaufen wäre, wenn ich das Angebot von Giersch angenommen hätte?

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank:

Herbert Giersch war schon nicht mehr Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, als ich 1992 in der Konjunkturabteilung des Instituts zu arbeiten begann. Aber viele meiner älteren Kollegen waren stark durch Herbert Giersch geprägt und haben das an die nachrückende Generation – auch an mich –  weitergegeben. Häufig ist mir erst beim Lesen seiner Bücher und Aufsätze aufgefallen, dass viele der am Institut kursierenden Ideen, Begriffe und Meinungen von Herbert Giersch stammten. Typisch für die Giersch-Schule ist nicht nur die klare marktwirtschaftliche Ausrichtung, sondern auch die Sorgfalt, mit denen wissenschaftliche Probleme untersucht und Texte verfasst wurden. Das Klima war geprägt durch Liberalität, Ideenreichtum und Mut.

Gustav Horn:

Herbert Giersch war  ohne Zweifel einer  größten deutschen Ökonomen seiner Zeit. Er hatte  im übrigen auch eine  hervorragende Intuition für  die Konjunkturentwicklung, die weit über seine ansonsten sehr von der Angebotsseite bestimmte  Sicht hinausging. Ein kleine Anekdote kann ich auch beisteuern:  

Ich weiss nicht, ob man es eine Jugendsünde nennen soll, aber ich hatte mich kurz vor Abschluss meines Studiums in London beim Institut für Weltwirtschaft beworben. Tatsächlich wurde ich auch zu einem Vorstellungsgespräch mit Herbert Giersch eingeladen. Nachdem ich allein auf einem beeindruckend großen Sofa gegenüber Herbert Giersch und der Phalanx seiner Abteilungsleiter platziert wurde, begann ein strenges Verhör, wobei jederzeit sehr klar war, wer das Gespräch führte. Ich durfte meine gesammelten theoretischen und empirischen Kenntnisse zum Besten geben, was mir nach meiner eigenen Einschätzung recht gut gelang. Dann kam die Schlussfrage von Giersch an den etwas perplexen Kandidaten: „Kann man in ihren Modellen auch auswandern?“ Als ich dies verneinte, meinte er: „Dann taugen sie alle nichts.“ Damit war das Gespräch beendet und aus meiner Kieler  Karriere wurde leider (?) nichts.

Holger Schmieding, Bank of America:

Herbert Giersch vermochte es wie kaum ein anderer Wirtschaftswissenschaftler, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Er verstand die Ökonomie als Bringschuld: Es war immer sein Bestreben, aus der ökonomischen Lehre konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik abzuleiten, und diese Empfehlungen den Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit in verständlichen Worten zu erläutern. Er war einer der ganz Grossen seines Faches.

Bert Rürup, früherer Vorsitzender des Sachverständigenrats:

Von 1965 bis 1969 habe ich in Köln studiert. Mein Lehrer in Wirtschaftspolitik und Betreuer meiner Diplomarbeit war Alfred Müller-Armack. Dessen dogmengeschichtliches und philosophische Wissen hat mich sehr beeindruckt, etwas vermisst habe ich allerdings eine klare analytische Fundierung seiner Vorlesungen. Genau dies habe ich dann bei Karl Schiller, Jan Tinbergen aber sehr viel mehr noch in der „Allgemeinen Wirtschaftspolitik – Grundlagen“ von Herbert Giersch gefunden: Ein tolles Buch, an das der 16 Jahre später erschienene Band II „Konjunktur- und Wachstumspolitik“ leider nicht heran kam. Wenngleich Giersch unstrittig für eine sehr lange Zeit der führende Kopf – zuletzt der Nestor – der akademischen Wirtschaftspolitik in Deutschland war, war er zwar Gründungsmitglied, aber nie Vorsitzender des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“. Dennoch hat er den Rat wie kein anderer geprägt – durch die  Auswahl der Themen, die Art der Bearbeitung und nicht zuletzt durch die Gliederung der Gutachten, von der sich der Rat erst in der jüngsten Vergangenheit emanzipiert hat. Giersch war zweifellos derjenige Ökonom, dem dieses Gremium seine hohe Reputation zu verdanken hat. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Sachverständigenrat 1970 blieb er noch viele Jahre  der  wohl wichtigste deutsche Ökonomen, der nicht nur mit originellen aber auch zum Widerspruch reizenden Arbeiten zu Fragen des Wirtschaftswachstums oder zur Inflationsbekämpfung, sondern auch mit Begriffen wie z.B. „Euro-Sklerose“ die Diskussionen voran getrieben hat. 

Fortsetzung folgt.

 

%d Bloggern gefällt das: