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Neue Denker (19) – Kenneth Rogoff und die Rückkehr der Geschichtslehre

27. Juli 2010

Als Griechenlands Schulden noch niemanden interessierten, warnte Ken Rogoff, dass der Bankenkrise bald Staatscrashs folgen. Das lehre die Geschichte der Finanzkrisen, so der US-Ökonom, der für seine Zunft ein Revival historischer Vergleiche fordert.

Seit Ausbruch der Krise vergeht kaum ein Halbjahr, in dem der Harvard-Professor nicht vor neuen Krisenschüben warnt – und dabei auf vergangene Krisen verweist. Rogoff prophezeite, dass die Rezession, die dem US-Crash folgte, überdurchschnittlich lang dauern wird. Und er warnte vergangenen Sommer, dass Finanzkrisen eine zweite Welle mit sich ziehen, in der die Staatsfinanzen kriseln.
Der penetrante Verweis auf die Geschichte kommt in den Wirtschaftswissenschaften einer (Konter-)Revolution gleich. „Die Erforschung der Wirtschaftsgeschichte ist marginalisiert worden“, sagt Rogoff. Seit die Zunft vom Glauben an rationales Verhalten gepackt wurde, setzten die Ökonomen auf abstrakte Modelle mit der Annahme, dass wirtschaftliche Prozesse immer ähnlichen Prinzipien folgen.

Die Idee Nach Rogoffs Diagnose hat dieses Vorgehen nicht die Krise erkennen geholfen, auch lasse sich nicht die Annahme halten, dass sich Finanzmärkte über das Auf und Ab von Preisen vernünftig selbst regulieren. Das Problem sei, dass sich die Wirtschaft nur dann in Modelle passen lasse, wenn die Menschen stets ähnlich reagieren. In einer Finanzkrise komme es aber zu ungewöhnlichen Ereignissen und überproportionalen Reaktionen. „Selbst mit einem Modell, das in Normalzeiten perfekt funktioniert, lässt sich da wenig erklären.“ Dann gibt es zu wenige Vergleichswerte, um systematische Formeln abzuleiten.
Für Rogoff liegt ein Ausweg im historischen Vergleich. Zusammen mit Carmen Reinhart von der Universität Maryland fing der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds schon vor rund acht Jahren an, Daten zu sammeln – und stellte fest, dass Finanzkrisen eine große Konstante sind. Seit 1800 gab es weltweit 70 Krisen, die dem Ausufern von Inlandsschulden folgten – und mehr als 250 Auslandsschuldenkrisen.

Rogoff und Reinhardt fanden heraus, dass es ein paar unzweideutige Phänomene gibt, die vor fast jeder Finanzkrise auftreten und als Warnsignal meist übersehen werden: eine Welle an Finanzmarktliberalisierungen, hohe Kapitalzuflüsse, eine hohe private Verschuldung, ein starker Anstieg von Immobilienpreisen und eine abflauende Konjunktur – wie in den USA 2007/08. Die Ökonomen berechneten auch, dass dann lange Rezessionen folgten und sich die Staatsschulden im Schnitt anschließend fast verdoppelten.

Was Praktiker daraus lernen Rogoff schlägt vor, ein Frühwarnsystem aufzubauen, das sich an historisch üblichen Warnsignalen orientiert. Aus den Forschungen lässt sich ableiten, dass die Griechenland-Krise Teil der zweiten Welle der Finanzkrise ist – weil weltweit plötzlich ein stärkerer Wettbewerb um Staatsanleihen herrscht. Was im Umkehrschluss vermuten lässt, dass die Krise nicht mit griechischem Sparen allein zu beheben ist. Aus der erfahrungsgemäßen Länge von Rezessionen leitete die US-Regierung auch ab, dass ihr Konjunkturpaket längerfristig angelegt sein sollte.

Nach Rogoffs Auswertung gilt umgekehrt die Regel, dass Staatsschulden zum ernsten Wachstumshemmnis werden, wenn sie bei mehr als 90 Prozent des Inlandsprodukts liegen – danach ließe sich urteilen, wer noch Kredite aufnehmen kann und wer nicht.

Die FTD stellt jeden Dienstag einen Ökonomen vor, der zum Neustart der Wirtschaftswissenschaft nach der Krise beiträgt – in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking. Alle bisherigen Denker: hier.

Nächste Woche: Dani Rodrik und das Scheitern der Finanzglobalisierung.

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