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Joachim Scheide: Unterschiede bei der Erholung lassen sich durch die Krise erklären

13. Dezember 2010

Die weltwirtschaftliche Erholung verläuft sehr heterogen. Während sie in den Schwellenländern sehr dynamisch ausfällt, ist das Expansionstempo in vielen Industrieländern geringer als vor der Krise. Dies mag für manche enttäuschend sein, entspricht aber dem historischen Muster nach einer Banken- und Immobilienkrise. In Anlehnung an das Buch von Reinhart und Rogoff kann man sagen: Auch dieses Mal ist nicht alles anders!

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Um die bisherige Erholung in den historischen Kontext einzuordnen, ist es sinnvoll, zwischen „gewöhnlichen“ Rezessionen und Rezessionen, die mit einer Krise verbunden sind, zu unterscheiden. Aus einer Analyse für 16 Industrieländer folgt: Nach normalen Rezessionen erholt sich die Konjunktur rasch, und das reale Bruttoinlandsprodukt erreicht nach einiger Zeit wieder den alten Wachstumstrend. Gibt es hingegen eine Krise, ist verläuft die Erholung nur schleppend, und der alte Wachstumstrend wird nicht erreicht.

Auch wenn ein vollständiger Vergleich mit früheren Krisen derzeit noch nicht möglich ist, weil die Große Rezession ihren Tiefpunkt erst vor anderthalb Jahren hatte, so sind die Ähnlichkeiten mit dem historischen Muster auffällig. Dabei ist zwischen drei Gruppen von Ländern zu unterscheiden.

Länder wie die USA sind von einer schweren Krise getroffen, und die bisherige Erholung verläuft vergleichsweise schleppend. Zwar nimmt das reale Bruttoinlandsprodukt in ähnlichem Tempo zu wie vor der Krise, der Abstand zum alten Wachstumstrend bleibt allerdings annähernd gleich. Daran wird sich nach den vorliegenden Prognosen voraussichtlich auch im kommenden Jahr nichts ändern. Vermutlich müssen die USA – wie auch Großbritannien, Spanien und Irland – mittelfristig mit einem niedrigeren Einkommensniveau rechnen, so wie es auch nach früheren Krisen typisch war.

In einer zweiten Gruppe von Ländern hat sich die Konjunktur sehr zügig erholt. So erreichte die gesamtwirtschaftliche Produktion in China und in anderen Ländern Asiens ihren geschätzten Wachstumstrend bereits wieder.

Bei einer dritten Gruppe von Ländern ist das Bild nicht ganz eindeutig. So wurde die deutsche Wirtschaft zwar auch von der internationalen Finanzkrise getroffen. Jedoch handelte es sich nicht um eine „hausgemachte“ Bankenkrise, so dass im Gegensatz zu den Krisenländern wohl keine umfangreichen strukturellen Anpassungen nötig sind. Nach der Krise scheint sich das reale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland dem geschätzten Wachstumstrend anzunähern. Doch ist es verfrüht, die schwerste Rezession in der Nachkriegszeit schon als „gewöhnliche“ Rezession einzuordnen, denn der Abstand hat sich vor allem wegen der extrem positiven Entwicklung im zweiten Quartal dieses Jahres verringert. In anderen Ländern wie in Kanada und in Belgien, die ähnlich betroffen waren wie Deutschland, sieht der Verlauf nicht ganz so günstig aus. So scheint die deutsche Wirtschaft derzeit eine positive Ausnahme zu sein.

Die Tatsache, dass die konjunkturelle Erholung in den Krisenländern nur schleppend verläuft, entspricht dem historischen Muster und ist nicht Beleg dafür, dass die Geldpolitik oder die Finanzpolitik noch einmal nachlegen sollte, um den Aufschwung zu beschleunigen. So sind beispielsweise die Probleme in den USA nicht auf einen Mangel an Liquidität zurückzuführen, sondern sie haben vielmehr mit den notwendigen Anpassungsprozessen in der Realwirtschaft zu tun. Vor diesem Hintergrund ist es kritisch zu sehen, dass die US Notenbank kürzlich beschlossen hat, abermals in großem Umfang Staatsanleihen zu kaufen.

Wenn die (negative) Produktionslücke kleiner ist als vielfach vermutet, vergrößern sich erstens die Inflationsrisiken infolge einer expansiven Geldpolitik; sie sind für die USA durch die neue Geldpolitik derzeit höher als zuvor. Zweitens ist das konjunkturbereinigte Budgetdefizit des Staates größer; dies ist vor dem Hintergrund, dass eine nachhaltige Konsolidierung des Staatshaushalts in den USA nicht absehbar ist, eine große Belastung für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen.

Der Aufsatz basiert auf dem Kiel Policy Brief Nr. 22: Growth Patterns after the Crisis: This time is not Different. Institut für Weltwirtschaft Kiel.

http://www.ifw-kiel.de/wirtschaftspolitik/politikberatung/kiel-policy-brief/kpb22.pdf

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