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Plenum der Ökonomen – die Kritik der Überstimmten

28. Februar 2011

Bekanntlich stellten sich nur vereinzelte Mitglieder des „Plenum der Ökonomen“ gegen den Vorstoß ihrer Kollegen. Nun melden sich zwei der überstimmten Professoren zu Wort. Der Hamburger Ökonom Ulrich Fritsche und der Frankfurter Volkswirt Stefan Gerlach üben ebenfalls heftige Kritik.

Nach Einschätzung von Ökonom Fritsche sind die staatlichen Finanzprobleme Irlands, Spaniens und zum Teil auch Griechenlands Ausdruck der Tatsache, dass die Staaten in hohem Maße private Schulden nach der Finanzkrise übernehmen mussten. Das habe eine regulatorische und eine makroökonomische Ursache.

Auf regulatorischer Ebene habe es weltweit nur laxe Regulierung von Finanzierungsinstrumenten gegeben. Auf makroökonomischer Ebene sei in Europa in eine sich aufbauende und größer werdende makroökonomische Ungleichgewichtssituation investiert worden. Dies wiederum habe die Blase weiter aufrecht erhalten und verstärkt, da die Anpassungsprozesse über die realen Wechselkurse sehr langsam reagierten beziehungsweise empirisch kaum messbar seien.

Die einzelstaatlichen Probleme seien also Teil eines Versagens der Politik auf europäischer Ebene, die wiederum auf ein Marktversagen nicht adäquat reagierte. „Insofern gibt es eine europäische Verantwortung, mit der Krise umzugehen“, schreibt Fritsche auf seiner Homepage. Den vollständigen Beitrag lesen Sie hier: http://www.ulrich-fritsche.net/blog/abstimmung-im-plenum-der-konomen

Auch Stefan Gerlach, Professor für monetäre Ökonomie am Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) an der Goethe-Universität Frankfurt hat klar Stellung bezogen – gegen die Position der 190 deutschen Volkswirte. Man müsse zwischen notwendigen kurzfristigen und langfristigen Maßnahmen unterscheiden, sagte er.

Es mache in der Notaufnahme wenig Sinn, wenn ein Arzt seinem Patienten, der gerade einen Herzinfarkt erlitten hat, eine Diät und mehr Sport empfehlen würde – weil alle anderen Behandlungsmethoden schlicht die falschen Anreize setzten. „Meine Hauptsorge ist, dass diese Autoren die kurzfristigen Konsequenzen ihrer Empfehlung übersehen“, so Gerlach.

Sollte für die Zeit ab 2013 eine Insolvenzordnung für Staaten installiert werden, könnte das dazu führen, dass der Schuldner überhaupt keine Anleihen mehr begeben kann – und stattdessen sein Schulden umstrukturieren muss. „Wenn die vorgeschlagene Politik umgesetzt würde, würde es unmittelbar zu einem Kollaps der Bondpreise führen“, so Gerlach. Darüber hinaus könnten längerfristige Anleihemärkte dysfunktional werden. „Das wäre keine schöne Aussicht”, so der Ökonom.

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