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Die Kolumne – Sonderfall Rezession

18. März 2011

Nach großen Schocks wie der Katastrophe in Japan kursieren rasch Sorgen über globale ökonomische Ansteckung und Crashs, von denen fast alle am Ende ausblieben. Fast alle.

Experten sind am meisten gefragt, wenn sie am wenigsten wissen. Zumindest nach Katastrophen wie der, die seit einer Woche Japan und die Welt schockiert – und bei der niemand recht weiß, was noch passiert, weder Physiker noch Ökonomen.

Das Reaktionsmuster ist trotzdem immer ähnlich, ob nach Erdbeben, Wirbelstürmen oder Terroranschlägen wie 2001: Früher oder später kursieren Szenarien darüber, was die menschliche Tragödie wirtschaftlich bedeutet. Für die betroffene Region. Und für die Weltwirtschaft. Da findet sich meist dann auch ein Experte, der die globale Rezession „nicht ausschließt“. Wegen der Verflechtung.
Solche Szenarien wirken im ersten Moment plausibel, stehen allerdings in Widerspruch dazu, was in aller Regel folgt, so zynisch das wirkt: Es gab in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie keine noch so schlimme Natur- oder Menschenkatastrophe, die das Wirtschaftsleben mehr als ein paar Wochen beeinträchtigt hat – erst recht nicht auf globaler Ebene. Fragt sich eher, warum – und ob – es Ausnahmen gibt, die auf Japans Atombeben diesmal doch zutreffen könnten.

Nach dem Atom-GAU von Tschernobyl herrschte im Frühjahr 1986 Alarm bis nach Deutschland. Was die Deutschen nicht abhielt, in diesen Atomwochen wie seit Jahren nicht zu deklarieren, dass die Zeit prima sei für größere Anschaffungen (siehe Grafik). Beim Beben von Kobe starben im Januar 1995 mehr als 6000 Menschen, ein Desaster – was dazu führte, dass Japans Industrieproduktion in dem Monat zwar um 2,6 Prozent zum Dezember fiel, schon im März aber wieder Vorbebenniveau erreichte.

Ähnliches gilt für den Hurrikan „Katrina“. Und den Tsunami, der Ende 2004 Asien traf. In Thailand sank die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2005 – um danach sofort wieder rasant zu wachsen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sackte laut Umfragen die Konjunkturstimmung weltweit drastisch, was wochenlang Rezessionangst nährte. Es passierte das Gegenteil. Die US-Wirtschaft beendete im vierten Quartal die (vorher begonnene) Rezession.


Jetzt ließe sich der Befund von den glimpflichen wirtschaftlichen Folgen relativieren durch die Art, wie Statistiker das erfassen: Was die Katastrophen an Menschenleben und Gebäuden vernichten, wird definitionsbedingt nicht vom Bruttoinlandsprodukt abgezogen (was auch etwas makaber wäre). Der Wiederaufbau steigert die gemessene Leistung aber.

Dass das Desaster regelmäßig überschätzt wird, hat aber noch andere Gründe. Gängige Schadenschätzungen gehen immer davon aus, dass der Wachstumsverlust etwa dem entspricht, was die zerstörte Region vorher erwirtschaftete. Viele Unternehmen betreiben aber mehrere Werke, die nicht alle betroffen und selten alle ausgelastet sind. Und es gibt selbst bei hoch spezialisierten Maschinenbauern immer auch Konkurrenten, die in der Krise einspringen.

Dazu kommt, dass Regierung wie Notenbank auf drohende Abstürze reagieren – und so einen Teil der Katastrophenfolgen schon wettmachen. Nach dem 11. September senkten die Notenbanken ihre Zinsen, und es gab Konjunkturpakete. Außerdem ist mancher Übertragungskanal doch nicht so globalisiert, wie es die gefühlte Globalisierung vermuten lässt. Zwar reihen sich Kurstrends an den Börsen rasch aneinander. Reine Aktiencrashs wie im Oktober 1987 lassen aber vermuten, dass die realwirtschaftlichen Folgen reiner Kursabstürze eher gering sind – weil die Betreffenden in der Regel keine, sagen wir, Hartz-IV-Empfänger sind und wegen eines Kurssturzes nicht gleich ihr Auto verkaufen. Selbst dem New-Economy-Crash folgte nur eine relativ mickrige US-Rezession.

Lehman schockiert Taiwan

Ähnliches gilt für die Realwirtschaft. Studien zeigen, dass selbst zwischen sprachgleichen, offenen Nachbarn wie Kanada und den USA weit weniger gehandelt wird, als es Regionen innerhalb der Landesgrenze tun. Was Ökonomen „Home-Bias“ nennen, die Neigung zur Heimat sozusagen.
All das wäre wirtschaftlich genug Grund zur Entwarnung – wenn es nicht ein Gegenbeispiel gäbe, das zwar nur bedingt als Naturkatastrophe durchgeht, bei dem die globale Ansteckung aber atemberaubend war: die Lehman-Pleite 2008. Dass die Wall Street plötzlich massenhaft Leute entließ, ließ in den Wochen danach selbst den Export Taiwans um 30 Prozent einbrechen.

Amerikas Immobiliencrash reicht nicht, um das zu erklären. Der macht nur einen Bruchteil des Welt-BIPs aus. Plausibler ist als Erklärung ein anderer, ungeahnter Schock: dass Banken sich gegenseitig nicht mehr trauten und kein Geld mehr liehen, vorher undenkbar, was dazu führte, dass weltweit Exporte nicht mehr vorfinanziert wurden. Eine systemische Krise mit Folgen. Weil keiner mehr wusste, ob die eigene Bank morgen noch da ist, wurden Investitionen gestoppt und Liquidität gesichert, so Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Eine Schockstarre.


Allein über direkte Schäden, Handelsketten oder Stimmungsschübe wird ein Naturdesaster nicht zur Globalkrise. Hier könnte der Unterschied zwischen wirtschaftlich eher folgenlosen und -schweren Katastrophen liegen. Dafür müssen systemische Grundlagen gestört sein, wie 2008/09 die Bankfinanzierung, auf die alle vertrauen, normalerweise blind.

Das Gute ist: Es ist ziemlich unplausibel, dass Japans Erd- und Atombeben jetzt erneut zu einer Geldnot unter Banken führt – anders als nach dem Lehman-Bankenschock bei ohnehin akut kriselnder Branche.

Bedrohlicher ist, dass der systemische Schock andere Formen annehmen kann: wenn statt des Urvertrauens in die Geldversorgung vor lauter Atomdesaster das Urvertrauen in die Versorgung mit Energie schwände. Das träfe wie beim Geld jeden, Unternehmen wie Haushalte, und das weltweit. Das könnte zu ähnlich abrupten Ausgabenstopps führen, die dann tatsächlich eine globale wirtschaftliche Kettenreaktion auslösen.

Ob es so kommt, wissen Experten auch nicht. Es wäre nach aller Katastrophenerfahrung aber gut, vor allem dafür zu sorgen, dass es zum Systemschock nicht kommt. Der Rest wird ökonomisch sehr wahrscheinlich tragbar sein. Wenigstens das.

E-Mail fricke.thomas@guj.de

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