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Die Kolumne – Das Frankfurter Zinsorakel

8. April 2011

Aus dem Bauch könnte man meinen, die niedrigen Leitzinsen steigen jetzt wieder zu Recht. Nur sollen Euro-Zentralbanker ja nicht (nur) nach Gefühl vorgehen. Die Wende ist eher riskant.

Fast zwei Jahre haben Europas Zentralbanker die Leitzinsen bei historisch niedrigen 1,0 Prozent gehalten – damit die Finanzkrise nicht in Depression und Deflation endet. Jetzt scheint der Abrutsch verhindert, und es gibt 2,6 Prozent Inflation. Warum also den Euro-Leitzins jetzt nicht wieder anheben, wie es die EZB am Donnerstag getan hat?

Aus dem Bauch heraus ist man versucht zuzustimmen. Nur sollen Notenbanker ja nicht (nur) nach Gefühl entscheiden. Faktisch scheint die Lage tückischer. Und die Euro-Hüter könnten wie 2008 die Inflationsgefahr zu hoch – und das Schadensrisiko erhöhter Zinsen zu niedrig bewerten. In einer Zeit, in der zwar Deutschlands Wirtschaft wieder wächst, die Finanzmärkte dafür aber ein Euro-Land nach dem anderen an den Rand des Staatsbankrotts treiben. Was auch den Deutschen nicht egal sein kann. Nicht unbedingt das, was man unter der Normalisierung versteht.

Nette Freunde aus Frankfurt

Aus dem EZB-Rat hat in den vergangenen Wochen vor allem der Deutsche Jürgen Stark weltweit gepredigt, warum der Zins steigen muss. Aus deutscher XL-Aufschwungsicht logisch. Tenor: Seit der Notanlass für Niedrigstzinsen wegfällt, gibt es für Billiggeld keinen Grund mehr. Das schaffe nur neue Blasen. Und Inflation. Und siehe da: Sie steigt.

Natürlich ist das schlecht. Nur ist der Schub zu fast 100 Prozent auf global atemberaubend steigende Rohstoffkurse zurückzuführen; und die werden nicht fallen, weil die EZB ihren Zins anhebt. Von wegen: Das Barrel Rohöl wurde seit Ankündigung der Zinswende immer teurer.

Ohne Öl und Nahrungsmittel liegt die Euro-Inflation bei einem niedlichen Prozent. Zumal 0,3 bis 0,4 Punkte allein davon kommen, dass Krisenländer wie Griechenland die Mehrwertsteuer rabiat angehoben haben (wie mit der EZB übrigens vereinbart), um Staatsdefizite abzubauen. Jetzt kriegen sie zur Belohnung auch noch höhere Zinslasten.

Nun könnte man wie die EZB-Wächter mutmaßen, dass via Zweitrundeneffekt noch Lohn-Preis-Spiralen kommen. Wirklich? Oder auch nur Bauchgefühl? Immerhin liegt die Arbeitslosenquote im Euro-Raum so hoch wie seit Mitte der 90er nicht – kein Umfeld, wo es leicht ist, vom Chef mal eben Lohnerhöhung zu kriegen (siehe Grafiken). Nach Schätzung von Forschungsinstituten dürften die Löhne 2011 selbst im Boomland D effektiv nur um 2,1 Prozent zulegen.

Ähnliches gilt für Überwälzungsspielräume der Unternehmen. Trotz aller Besserung sind die Kapazitäten der Euro-Industrie schlechter ausgelastet als in früheren Rezessionsjahren. Und die Euro-Wirtschaft dürfte im Schnitt 2011 nur 1,5 Prozent wachsen, so die Deutsche Bank. Das ist im Globalmaß erschreckend wenig. Und nichts, wo schnell Inflation entsteht.

Nicht einmal die Geldmenge, einst Lieblingsinflationsindiz der Bundesbank, deutet auf akute Gefahr hin: M3 liegt zwei Prozent über Vorjahr. Das Geld würde auf Dauer nicht mal reichen, um einen Minianstieg der Wirtschaftsleistung à la 2011 zu zahlen.

Bliebe als Argument nur, dass es auf Dauer zu neuen Finanzblasen führt, wenn Geld so billig ist. Wird gern behauptet, lässt sich so genau aber auch nicht sagen. Da beruft sich selbst Chefökonom Stark auf: „Man sagt das oft“. Die Briten hatten in den 2000er-Jahren nie reale Nullzinsen – und trotzdem eine Finanzkrise mit platzendem Hauspreisboom. Was vermuten lässt, dass das gemeinsame Kriseln nicht so sehr an Niedrigzinsen lag (eher an instabilen Finanzmärkten) – und es auch nicht so viel hilft, sie wieder anzuheben. Wenn sich mit Rohstoffen derzeit zweistellige Renditen erzielen lassen, ist es eher komisch zu vermuten, dass sich Spekulanten durch ein Viertel Punkt höhere Leitzinsen abschrecken lassen.

Das Risiko liegt darin, dass so eine Zinswende auch Schaden anrichten kann. Für boomende deutsche Betriebe mag egal sein, ob sie etwas mehr fürs Geld zahlen; oder dass der Euro aus Exportsicht seit der EZB-Ankündigung vier Prozent teurer wurde. Das ist in Ländern anders, die gerade darum ringen, die Staatspleite abzuwenden; bei denen die Märkte jeden Piep zum Anlass nehmen, über Bankrott zu orakeln; und wo Hausdarlehen variabel verzinst werden: in Höhe des EZB-Zins. Sollten die Euro-Hüter ihre Sätze 2011 um insgesamt 0,75 Prozent anheben, kostet das die Portugiesen Kaufkraft in Höhe von 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, wie Unicredit-Ökonom Andreas Rees rechnet. Womöglich hat die Zinsankündigung gereicht, um Portugals Marktfinanzierung unmöglich zu machen.

EZB-Leute wie Stark pochen umso trotziger darauf, dass sie ja nur auf den Euro-Schnitt gucken können, nicht auf Einzelfälle. Und dass das am besten ist. Das wirkt nach 18 Monaten Dominoeffekt und vergesellschafteter Rettungsschirme wie Realsatire: Gerade weil die EZB nur auf Schnitte achtete, hat sie eine Krise fehleingeschätzt, vor der Griechen oder Iren und Deutsche oder Holländer auseinanderdrifteten. Das hat der Einheitszins nur verschlimmert: weil er für Deutschland lange zu hoch war, für andere zu niedrig. Der Schnitt aus zweimal falsch macht halt nicht automatisch richtig, sondern doppelt falsch. Und die Krise hat gezeigt, dass kleine Länder gar nicht egal sind.

Besser wäre, die EZB würde noch ein Weile dazu beitragen, die fatale Dominokrise im Euro-Raum zu stoppen. Wenn das für Deutschland zu niedrige Zinsen bedeutet, können die Deutschen genauso gut selbst drauf achten, dass ihre Konjunktur nicht überhitzt und die Löhne nicht zu stark steigen. Dafür braucht man nicht unbedingt die EZB. Unter einer Dauerkrise würde auch Deutschland leiden.

Schon 2008 hat Euro-Hüter Stark bei ähnlicher Ölpreishausse zu früh höhere Zinsen durchgeboxt, die Krise verschlimmert – obwohl die Aufträge der Industrie da schon um zehn Prozent gefallen waren. So ein Fehler kann passieren. Schlimmer ist, ihn zweimal hintereinander zu machen.

Email fricke.thomas@guj.de

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