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Holger Schmieding – Aufschwung mit Hindernissen

13. April 2011

Das Wirtschaftswachstum im ersten Drittel dieses Jahres hat selbst optimistische Erwartungen übertroffen. Gleichzeitig stellen sich dem kräftigen Aufschwung erheblichen Risiken in den Weg: stetig steigende Ölpreise, die Gefahr eines Super-GAUs in Japan und die hohe Verschuldung der Eurozone könnten letztlich die Konjunkturaussichten für 2011 wesentlich dämpfen.

Nachdem einem langen Blick in unsere Glaskugel hatten wir im vergangenen Dezember für 2011 einen „Aufschwung mit Hindernissen“ prophezeit. In den ersten 100 Tagen des Neuen Jahres haben sich sowohl der Aufschwung als auch die Hindernisse noch deutlicher  abgezeichnet, als sie im Dezember erkennbar waren.

Seit Jahresbeginn haben viele Wirtschaftsdaten für die großen Industrieländer selbst uns Optimisten angenehm überrascht. In Deutschland, Frankreich und den USA hat der Aufschwung offenbar weiter Fahrt aufgenommen. Das bewährte Barometer der deutschen Konjunktur, der Ifo-Geschäftsklima-Index, hat im Februar einen neuen gesamtdeutschen Rekord erreicht, ohne im März nennenswert zurückzufallen. Auch in den USA hat sich die Stimmung der Unternehmen laut einer Umfrage unter Einkaufsmanagern Anfang 2011 kräftig aufgehellt. Auf beiden Seiten des Atlantiks drücken die Unternehmen ihre gute Laune in Taten aus: sie stellen mehr Leute ein. In all den guten Daten zeigt sich, dass die Niedrigstzinsen der Zentralbanken die wirtschaftliche Aktivität immer mehr beleben.

Allerdings trifft der kraftvolle Aufschwung auf erhebliche Hindernisse. Der Ölpreis hat seit Jahresbeginn erneut kräftig zugelegt. Statt etwa $90 kostet ein Fass Rohöl der Marke Brent jetzt nahezu $125. Der Entzug von Kaufkraft, der auch in einem entsprechend höheren Preisniveau abzulesen ist, schmerzt die Öleinfuhrländer. Für Deutschland liegt dieser Verlust bei etwa einem Prozent der Wirtschaftsleistung.

Anfangs drückte der höhere Ölpreis vor allem eine überraschend robuste Weltkonjunktur aus. Dem direkten Kaufkraftverlust stand also eine höhere Dynamik bei Ausfuhren und auch Investitionen gegenüber. Seit Ende Februar spiegelt der weitere Anstieg des Ölpreises aber vor allem die Sorge der Märkte, die Unruhen in Arabien könnten die Ölzufuhr gefährden.

Wir sehen in den arabischen Aufständen gegen autoritäre Herrscher vor allem eine Chance, dass der arabische Raum sich modernisieren und auf Dauer auf den erfolgreichen türkischen Entwicklungsweg einschwenken könnte. Ein reiner Machtwechsel in arabischen Staaten hätte wohl keine erheblichen Folgen für das Ölangebot. Jede neue Regierung hätte ein eigenes Interesse daran, den Ölhang offen zu lassen. Auch in Ägypten hatte der politische Umsturz nicht die Schifffahrt durch den wichtigen Suezkanal unterbrochen. Aber die Risiken sind erheblich und schwer wägbar.

Für unsere Wirtschaftsprognosen nehmen wir an, dass sich der Ölpreis im zweiten Halbjahr 2011 leicht zurückbildet auf etwa $110 pro Fass. Sollte es stattdessen zu einem ausgeprägten Angebotsengpass mit weit höheren Ölpreisen kommen, müssten wir unsere Vorhersagen für das Wirtschaftswachstum in den Öleinfuhrländern und für die Finanzmärkte jedoch spürbar zurücknehmen.

Die dreifache Katastrophe aus Erdbeben, Flutwelle und Nuklearunfall hat in Japan im März unermessliches menschliches Leid verursacht. Sie wird auch an der Wirtschaft nicht spurlos vorüber gehen. Einige Frühindikatoren wie das deutsche ZEW-Finanzmarktbarometer haben sich bereits etwas eingetrübt. Allerdings zeigt die Erfahrung mit anderen Katastrophen, beispielsweise dem Erdbeben in Kobe 1995 und dem US-Wirbelsturm Katrina 2005, das gut organisierte und hoch entwickelte Länder sich von regional begrenzten Naturkatastrophen schnell erholen können. Selbst das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 hat damals die europäische Konjunktur nicht nachhaltig beeinträchtigt. Sollten die großen Schreckensszenarien (Großraum Tokio wird unbewohnbar, eine nukleare Wolke wabert um die Welt) nicht eintreten, wird Japan die Weltkonjunktur wohl nicht aus dem Tritt bringen.

In Europa schwelt die Schuldenkrise weiter. Während das kleine Portugal gerade um Hilfe bitten musste, hat es das fünfmal größere Spanien geschafft, seinen Ruf an den Kapitalmärkten durch eine Sparpolitik und erste Wirtschaftsreformen nach dem Muster der deutschen Agenda 2010 zu stabilisieren. Auch Europas Politiker ist es – bei allem Streit im Detail – gelungen, durch mutige Entscheidungen die Schuldenkrise einzugrenzen. Mit dem Rettungsschirm, den Europa im Mai 2010 aufgespannt hat und der in den kommenden Monaten noch einmal dauerhaft gestärkt werden soll, hat Deutschland vor allem seinen eigenen Aufschwung vor der Krise in einigen kleinen Randländern Europas geschützt.

Weder die europäische Schuldenkrise noch die Risiken, die sich aus dem Ölpreis oder der unsicheren Lage in Japan ergeben können, sind bereits ausgestanden. Aber bisher sind diese Risiken noch nicht zu einer echten Gefahr für unseren Aufschwung geworden. Wir rechnen unverändert damit, dass der Aufwärtstrend der Wirtschaft und Finanzmärkte der westlichen Welt anhalten kann. So wie es uns bereits der Blick in die Glaskugel im Dezember nahegelegt hat, dürfte es aber ein Aufschwung mit Hindernissen bleiben. Der allgemeine Aufwärtstrend könnte auch im weiteren Jahresverlauf immer mal wieder durch teils empfindliche Rückschläge unterbrochen werden.

Holger Schmieding ist Chef-Volkswirt bei der Berenberg Bank.

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