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Die Kolumne – Chinesischer Retter statt gelbe Gefahr

15. April 2011

Über Jahrzehnte galt Chinas Konkurrenz für Europäer wie Amerikaner als Schrecken und Reformdruckmittel. Nun naht eine spektakuläre Zeitenwende. Und gewinnen könnte Europa.

Kaum ein Phänomen hat die Wirtschaftspolitik der westlichen Welt in den vergangenen 30 Jahren so geprägt wie Chinas gefühlter und tatsächlicher Siegeszug. Asiens Billigkonkurrenz ist für den Niedergang alter europäischer Stahlhersteller verantwortlich wie für das Verschwinden etlicher Textilbetriebe. Jahrelang musste die „gelbe Gefahr“ als Schreckgespenst herhalten, um Belegschaften zu Lohnverzicht zu bringen, Sozialausgaben zu kürzen und eine Agenda 2010 zu preisen. Sie reichte sogar, um ganze Bücher aufgeregter Autoren mit mehr oder weniger wirren Thesen über unseren generellen Niedergang zu füllen.

Das ist nun vorbei. Was sich seit einiger Zeit andeutet, hat nach Ausbruch der Finanzkrise eine spektakulär neue Dimension erreicht. Der China-Absatz westlicher Firmen hat sich in kurzer Zeit derart beschleunigt, dass sich die Vorzeichen, bei gleichzeitig schwindenden asiatischen Kostenvorteilen, umkehren. Plötzlich ist das riesige China ein ganz neuer Wachstumsfaktor – aber für das Ausland. Und das leitet nach 30 Jahren Angst eine ganz neue Phase der Globalisierung ein – in der die am meisten profitieren, die unter der Billigkonkurrenz am meisten litten: etwa Europas aktuelle Krisenländer.

Doppelt so viel Mittelschicht

Deutschlands Verkaufszahlen nach China steigen zwar seit Jahren, nur seit Anfang 2009 haben sie sich um noch mal rund 75 Prozent erhöht. Atemberaubend. Und das ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Einen ähnlichen Schub erleben Frankreichs Exporteure. Nimmt man die beiden asiatischen Märkte zusammen, kaufen Chinesen und Inder weltweit mittlerweile 60 bis 70 Prozent mehr ein als die reichen Deutschen. Anfang 2009 waren es gerade 20 Prozent mehr. Auch da hat es in kaum zwei Jahren eine mittelschwere Explosion gegeben. China hat mit der Zeit nacheinander Belgier, Schweizer und Polen in der Rangliste der wichtigsten deutschen Exportmärkte überholt.

Ein Teil des China-Booms dürfte sich dadurch erklären, dass die Pekinger Regierung in der Finanzkrise auf ein enormes Konjunkturprogramm setzte, mit dem die Binnennachfrage – und damit auch der Import – gestützt wurde. Der Exportübeschuss ist stark geschrumpft. Dahinter steckt aber ein tieferer Trend, schreibt Véronique Riches-Flores, Ökonomin bei der Société Générale (SG), in ihrer eindrucksvollen Studie „The New Chinese Landscape“: der Wandel Chinas von der Export- zur Konsummaschine – und zwar dank steigender Einkommen und politischer Zielsetzung. Noch vor zehn Jahren sei Chinas Automarkt kleiner gewesen als der französische. Heute sei er neunmal so groß. Vergangenes Jahr dürften die Chinesen erstmals genauso viel zum globalen Konsumanstieg beigetragen haben wie die US-Amerikaner. Dabei sind die Pro-Kopf-Ausgaben der Asiaten immer noch bescheiden, schreibt Riches-Flores.

Das alles heißt: Das ist womöglich erst der Anfang. Nach Schätzungen gehören 2008 rund 40 Prozent der Chinesen aus städtischen Gebieten in die Kategorie Mittelschicht – das sind Leute, die viel mehr Geld für langlebigere Konsumgüter und Luxus ausgeben. Und bis 2015 dürfte sich die urbane Mittelschicht nach SG-Schätzung etwa verdoppeln – von rund 200 auf 400 Millionen Menschen. Zwar dürfte der Schub bei den Einkommen auch zu höheren Sparrücklagen führen. Wie Riches-Flores berechnet, ist selbst dann aber noch eine Verdopplung des realen Konsums der Stadtbevölkerung absehbar, bei Haushaltsgeräten sogar eine Verdreifachung.

Nun muss das noch nicht heißen, dass ausländische Anbieter davon profitieren. Nur spricht auch hier einiges für einen Wandel. Denn Chinas Firmen konzentrieren sich schon jetzt zunehmend auf die Binnenwirtschaft, wie es die deutschen im Einheitsboom taten. Zudem schrumpft Chinas Wettbewerbsvorteil – weil mit dem Wachstum auch die eigenen Ansprüche (und Kosten) wachsen. Das Preisniveau in den Schwellen- und Entwicklungsländern hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt – während es in der Euro-Zone nur um 23 Prozent stieg. Und: Chinas (Billig-)Preissetzungsmacht scheint zu schwinden. Seit 2005 konnten EU-Firmen ihre Exportpreise in China um fast 40 Prozent anheben, doppelt so stark wie in anderen Ausfuhrmärkten. „Mit jedem Jahr Inflation in den Schwellenländern schwindet dort die Wettbewerbsfähigkeit“, so Riches-Flores.

Demnach profitieren Europas Firmen schon jetzt davon: Die Ergebnisse fallen besser aus als anderswo. Weil sie gerade da ziemlich gut aufgestellt sind, wo sich Chinas Wandel am meisten bemerkbar macht. Trotz aller Billigkonkurrenz kommt immer noch gut ein Drittel aller Maschinen weltweit aus dem Euro-Raum. Bei Autos sind es mehr als 40, bei Chemieprodukten sogar 50 Prozent. Und selbst bei Textilien liegt der Euro-Anteil noch bei einem Viertel. Darauf lässt sich aufbauen. Und das liegt nicht nur an Deutschland. Spaniens Export nach China ist von 2001 bis 2009 um jährlich 23 Prozent gewachsen, etwas stärker als der deutsche. Die Franzosen kommen auf 19, die Italiener noch auf 15 Prozent.

Mehr Wein für die Chinesen

Und es spricht viel dafür, dass Chinas neuer Konsum gut dazu passt, was Europäer anbieten – jenseits deutscher Maschinen, die vom bisherigen Investitionsboom am meisten profitierten. Jetzt geht es um Chinas boomende Mittelschicht: um solide Haushaltsgeräte, höherwertige Autos, Markenbekleidung, Wein oder Pharmazeutika. Das freut Italiener, Franzosen und Spanier – die bislang unter der chinesischen Billigkonkurrenz am meisten litten, während die Deutschen mit ihrer Qualitätsspezialisierung schon immer geschützt waren. Schon jetzt steht Frankreich für 60 Prozent aller Wein- und Spirituosenimporte der Chinesen. Eine gut zugeschnittene und beschleunigte Nachfrage in China – bei zugleich erholter europäischer Wettbewerbsfähigkeit. Das werde die globalen Spielregeln komplett ändern, findet Riches-Flores. Bis 2020 könnte sich Chinas Anteil am deutschen Export auf 15 Prozent verdreifachen. Ähnliche Zuwächse sind für andere Euro-Länder zu erwarten. Gut möglich ist, dass Chinas Wandel das strukturell angelegte Wirtschaftswachstum im Euro-Raum bis 2020 um jährlich 0,25 bis 0,4 Prozentpunkte beschleunigt. Das schafft Millionen Jobs.

Es war aus deutscher Sicht schon immer reichlich absurd, Chinas Wirtschaft zur Bedrohung hochzustilisieren. Jetzt könnte Chinas neues Wachstumsmodell sogar im Krisenfall helfen. Und vielleicht wird sich manch einer noch wundern, der Europas Peripherie gerade als furchtbar marode beschimpft.

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