Startseite > Chefökonom > Die Kolumne – Was uns Griechen wirklich hilft

Die Kolumne – Was uns Griechen wirklich hilft

3. Juni 2011

Gegen Schuldenpanik nutzen weder Drohgebärden, noch immer neue Radikalkürzungen oder Schuldenschnitte. Die Krisenländer brauchen einen Plan, der sie aufbaut. Und uns auch.

Die griechische Regierung hat seit 2010 Staatsgehälter um ein Fünftel gekürzt, zwei Mal die Mehrwertsteuer erhöht, eine Rentenreform durchgezogen, die bei uns sechs Vermittlungsausschüsse versorgt hätte, und einen Temporekord im Abbau von Staatsdefiziten aufgestellt.
Ergebnis: An den Finanzmärkten wird eine doppelt so hohe Risikoprämie gehandelt und die Staatspleite liegt näher als vorher. Derweil nölt Brüssel an Details und will die Dosis erhöhen – nochmal kürzen.
Absurd. Es wäre höchste Zeit einzuräumen, dass das Rezept gescheitert ist, den Notfallpatienten zu knebeln und zu strafen. Das hat Rezession wie Euro-Schuldendrama nur verlängert – und Einsparungseffekte zunichte gemacht, weil Steuereinnahmen krisenbedingt einbrachen. Umso dringender braucht Griechenland jetzt eine Aufbaustrategie, die neue wirtschaftliche Dynamik schafft, um die Schulden nachhaltig abzubauen. Keine Strafjustiz, die vordergründig saniert, am Ende aber höhere Schulden bringt.

Griechenlands Staatsdefizit hätte 2010 locker vier Prozentpunkte stärker sinken können, wäre nicht die Wirtschaft – wegen der Kürzungen – so drastisch geschrumpft. Es wäre auch einfacher gewesen, wenn zweifelhafte Geldgeber wie unsere Kanzlerin nicht aus Moraleifer (Straf-)Zinsen verlangten. Da kam die Sanierung einem 1000-Meter-Lauf mit Bleikugel am Bein gleich. Zum Gegencheck: Griechenlands verspottete Exporte, vom Radikalkurs ausgenommen, expandieren mit zweistelliger Rate.
Viel wichtiger wäre, den Teufelskreis zu brechen. Zum Beispiel so:

1. Ruhe bewahren Es gibt aktuell keinen Grund, panische (Umschuldungs-)Aktionen zu starten. Bis mindestens Mitte 2012 sei durch die Hilfspakete Geld da, um die Schulden zu bedienen, sagt Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding. Abgesehen davon sei es „Blödsinn, die langfristige Solvenz eines Landes mitten in einer Rezession zu beurteilen“ – in einer Zeit zudem, in der sich der Abgesang auf Griechenland verselbständigt hat und die Finanzmärkte stark dysfunktional reagieren – was sich daran ablesen lässt, dass selbst die Jahrhundertsanierung zu viel höheren statt niedrigeren Risikoprämien führte, die kaum ein Entwicklungsland hat. Es wäre besser zu warten – bis die Anleger Risiken wieder vernünftiger beurteilen. Dann sinkt der Marktzins automatisch.

2. Ein Herkules-Programm Die Zeit bis dahin müsste genutzt werden, um die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Bisher wird in den Programmen kaum Geld in die Zukunft gesteckt, sagt Jens Bastian, Forscher an der Hellenic Foundation for European and Foreign Policy. Da gehe es nur um höhere Steuern und weniger Ausgaben. Dabei gäbe es genug Investitionspotenzial: etwa zur Förderung von Sonnenenergie oder in den anspruchsvolleren Tourismus, wie es ihn nach den Olympischen Spielen 2004 gegeben habe.
Ökonomisch wäre dies der Versuch, die Qualität an jahrelang gestiegene Preise anzupassen – nicht umgekehrt Kosten heillos runterzuprügeln. So ein Herkules-Programm ließe sich gut finanzieren, wenn dafür Mittel aus Struktur- und Regionalfonds der EU vorgezogen würden, so Griechenland-Experte Bastian.

3. Strafzinsen abschaffen Es ist absurd, fünf Prozent Zinsen auf Hilfskredite zu verlangen, wenn das dazu beiträgt, die Konsolidierung zu torpedieren. Hier könnte (für Moralapostel) vereinbart werden, dass der Zinsaufschlag eben später eingeholt wird, wenn die Krise vorbei ist (alternativ könnte uns der Grieche auch mal lecker zum Essen einladen).

4. Hilfe von der Notenbank Jeder Anstieg der Leitzinsen droht die Krise zu verlängern, zumal in Spanien und Irland Hauskredite an den EZB-Zins gebunden sind. Das spricht dafür, die Zinsen nur langsam anzuheben, wenn überhaupt. Der Nachteil wäre, dass der Inflationsdruck in stärker wachsenden Staaten früher oder später steigt. Optimal wäre für die Euro-Zone dann allerdings, wenn die Deutschen ihre Konjunktur über forciertes Konsolidieren bremsen. Das wäre ja auch bei uns nicht schlecht.

5. Glaubhaft geradestehen An den Märkten würden die Risikoaufschläge umso schneller sinken, je glaubhafter die Euro-Regierungen machen, dass sie Griechenland solang vom Markt nehmen, bis sich die Lage normalisiert hat. Dann darf man allerdings nicht wie Frau Merkel ständig Bedingungen stellen, die nur zu noch mehr Spekulation und Risikoprämie führen. Wenn die Garantie so glaubhaft ist wie einst Merkels Garantie aller deutschen Ersparnisse, gibt es weder Grund, auf Pleite zu spekulieren, noch in neue Panik zu fallen.

6. Ratingagenturen herabstufen Das Votum von Agenturen ist nur durch einen Informationsvorsprung zu legitimieren. Was im Info-Zeitalter und bei Beurteilung von Staaten absurd ist. Da wurden Risiken erst komplett unterschätzt, dann überschätzt. Es würde helfen, alle Klauseln zu verbieten, in denen sich Finanzinstitutionen und Notenbanken in ihrem Verhalten daran binden, was eine hilflose Agentur sagt.

Nach Modellrechnung des Forschungsinstituts IMK könnte schon das Ende des Straf- und Panikzins-Prinzips halbe Wunder wirken. Bei aktuellem Zins und Magerwachstum steigen Griechenlands Staatsschulden bis 2015 auf 150 Prozent des BIP. Bei Niedrigzinsen von drei Prozent würde die Quote auf 110 Prozent fallen, so IMK-Direktor Gustav Horn.

Ob Griechenland insolvent ist oder nicht, hängt nicht von irgendeinem objektiven Maßstab ab. Es hängt daran, wann es wieder Anleger gibt, die bereit sind, griechische Anleihen zu kaufen – sprich: darauf vertrauen, das Geld, sagen wir, zehn Jahre später wieder zurück zu bekommen.
Das geht nur, wenn das Land eine solide wirtschaftliche Perspektive vermitteln kann. Dann kann aus einer negativen Spirale schnell eine positive werden, wo sich neues Vertrauen, sinkende Zinsen und wirtschaftliche Erholung gegenseitig verstärken.

Da hilft auch die urdeutsche Sorge nicht, dass man dem Griechen nicht helfen darf, weil er sich ja sonst für sein Schludern noch bestätigt sehen könnte. Dann hätte man den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg auch keine Marshall-Hilfe geben dürfen. Und das war ja ziemlich klug.

E-Mail: fricke.thomas@guj.de

Schlagwörter:
%d Bloggern gefällt das: