Startseite > Chefökonom, MarktWirtschaft > Eine KfW für Griechenland

Eine KfW für Griechenland

11. Juli 2011

Es braucht nur einen kleinen Gedankensprung bei allen Beteiligten: Statt neuer griechischer Anleihen sollten die Gläubiger Athens Anteile einer Investitionsbank zeichnen. Es wäre eine wahrhafte Beteiligung der Banken und Versicherungen an der Rettung Griechenlands, die sich Berlin so dringend wünscht. Sie würde kein Ratingevent auslösen und die Gefahr eines Schuldenschnitts würde sinken. Hier mein Kommentar aus der heutigen Printausgabe. (Kursiv dazu ein paar ergänzende Anmerkungen.)

Die Rettung schien schon so nah. Eigentlich hatten die Regierungen in Berlin und Paris die Lösung gefunden. Banken und Versicherungen würden sich am neuen Rettungspaket für Griechenland beteiligen. Einen fast perfekten Plan hatten sich Frankreichs Banken da ausgedacht. Doch es dauerte nicht lange, und die Öffentlichkeit erkannte den gravierenden Schönheitsfehler im Modell, bei dem die Gläubiger Anleihen Griechenlands – im Tausch gegen neue – um 30 Jahre verlängern wollten.

Schnell stellte sich heraus, dass die Institute nur geringe Einbußen zu fürchten brauchten. Selbst bei einem späteren Schuldenschnitt hätten die Finanzinstitute sogar noch mehr raus- bekommen, als die Anleihen aktuell wert sind. Und: Für ihre milde Beteiligung hätten die Banken und Versicherungen von den Griechen in guten Jahren bis zu elf Prozent Zinsen kassiert. Es hätte Athen noch näher an den Abgrund der Insolvenz getrieben.

Welche Rolle dieser Konstruktionsfehler für die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) gespielt haben mag, ist unbekannt. Sie fegte jedenfalls die Pläne vom Tisch, als sie vergangene Woche ankündigte, sie werde die Bonität Griechenlands dann so bewerten, als ob Athen bereits auf einen Teil seiner Schuldverschreibun- gen die Zahlungen eingestellt habe.

EU-Politiker reagierten wütend und ratlos – auch wenn S&P nur seinen eigenen Regeln aus dem Jahr 2009 folgt. Dabei muss sich aktuell eigentlich niemand an Urteile von Ratingagenturen binden. Niemand zwingt die Regierungen, die Banken und die Versicherungen dazu, Griechenland unbedingt über den Kapitalmarkt zu stützen. Die Alternative: Statt alte Anleihen in neue zu tauschen, könnten Gläubiger ganz einfach Anteile an einer noch zu gründenden Investitionsbank zeichnen. Eine Rettung nach Muster des Marshallplans für Europa wäre geboren.

Bisher gehen alle Rettungspläne in eine andere, die falsche Richtung: Die Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) zahlen den Griechen bis Mitte 2013 noch 57 Mrd. Euro aus dem ersten Paket. Nur wird Athen damit vor allem alte Schulden bei Banken und Versicherungen be- gleichen.

(Ursprünglich sollten unter dem ersten Rettungspaket 92 Mrd. Euro langlaufender Anleihen getilgt werden. 44 Mrd. Euro sollten die Griechen ab dem ersten Quartal 2012 selber dazu am Kapitalmarkt aufbringen, der Rest sollte aus den 110 Mrd. Euro der Hilfsdarlehen kommen. Da die Griechen die Summe nicht aufbringen können, wurde aus Sicht der EU das zweite Paket notwendig. In den Summen sind die Zinszahlungen nicht berücksichtigt.)

Diese (die Banken und Versicherungen) wiederum sollen nach den Plänen der Geldinstitute den Griechen neues Geld leihen, damit Athen wenig später erneut alte Darlehen bei ebendiesen Banken und Versicherungen begleichen kann. Eine echte Rettung Griechenlands sieht anders aus.

Athen braucht bis Mitte 2014 nochmals 115 Mrd. Euro zusätzlich, um bis dahin über die Runden zu kommen. Wenn die Staaten diese Summe komplett zusichern, dürften die Ratingagenturen daran nichts auszusetzen haben.

(Die Tilgung der Anleihen hängt dann nicht mehr davon ab, ob es einen Schuldentausch gibt. Damit dürfte z.B. S&P das Land nicht auf „Selective Default“ herabstufen, was besonders die EZB fürchtet. Was die Banken mit ihren Rückflüssen machen, kann den Ratingagenturen egal sein, solange die Gläubiger keinen Beitrag dazu leisten, dass Athen alte Schulden begleicht.)

Mehr noch: Die Euro-Staaten erhöhen mit der Investitionsbank der Gläubiger sogar noch ihre Chancen, ihre Hilfsgelder irgendwann einmal wiederzusehen. Denn die 115 Mrd. Euro verschwinden nicht im Nirgendwo. Sie landen zunächst bei Banken und Versicherungen, die sich bereits zur Rettung Griechenlands bekannt haben und sich dann fragen dürfen: wieso nicht Anteile an einer Investitionsbank zeichnen?

(Banken und Versicherungen erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, später auslaufenden Anleihen komplett zurückgezahlt zu bekommen. Anteile an einer Investitionsbank würde zudem nicht als Schulden Griechenlands gelten, was das Geld absichert, falls es irgendwann zu einem Schuldenschnitt kommt.)

Damit die Finanzinstitute keine Verluste fürchten müssen, legt die Investitionsbank, wie im Pariser Modell vorgeschlagen, 30 Prozent in Anleihen des Euro-Rettungfonds EFSF an, die nach 30 Jahren das komplette Kapital absichern.

(Der Kauf von Nullkupon-Anleihen des EFSF zu einem Preis von heute 30 Prozent, ergibt nach 30 Jahren dank der impliziten Verzinsung einen Betrag, der 100 Prozent des Grundkapitals der Investitionsbank entsprechen würde. Impliziter Jahreszins: gut 4 Prozent.)

Der Rest fließt in zinsgünstige Investitionskredite für Griechen, in Infrastrukturprojekte, in ein effizientes Steuersystem und auch in die Privatisierung der Staatsbetriebe. Statt wie vor der Krise würden Auslandsinvestoren nicht den Konsum des Staates und der Verbraucher, sondern die Zukunft des Landes finanzieren. Und das alles unter strenger Kontrolle von Europäischer Zentralbank (EZB) und privaten Gläubigern.

Es gilt das Motto: Nicht nur sparen, sondern auch das Wachstum fördern. Nur so werden Gläubiger Griechenland wirklich retten. Wenn die hellenische Wirtschaft bald wieder wächst, kann Athen den Investoren sogar noch Zinsen zahlen – etwa in Höhe des nominalen Wachstums. Nur werden im Gegensatz zum Pariser Modell elf Prozent erst dann fällig, wenn die Volkswirtschaft entsprechende Steuereinnahmen nach Athen schleust.

Die Investitionsbank stünde allen offen. Der EZB, die nicht in Verdacht geraten würde, die Verschuldung des griechischen Staates zu finanzieren.

(Da die EZB ihre Anleihen eigentlich loswerden möchte, wäre auch eine Vereinbarung denkbar, nach der Athen schrittweise die EZB-Anteile übernimmt. Die jährliche Summe des Anteilstauschs könnte für die EZB der Summe der Zinszahlungen Athens an die Privatgläubiger entsprechen. Bei durchschnittlich 3 Prozent nominalen Wachstum würde der EZB-Anteil nach 30 Jahren nur noch 40 Prozent der ursprünglich angelegten Summe entsprechen.)

Der Industrie der starken Euro-Länder. Und, nicht zu vergessen: den chinesischen Freunden Griechenlands.

(China ist mit 750 Mrd. Dollar  – geschätzt ein Viertel der Devisenreserven von 3000 Mrd. Dollar – oder rund 500 Mrd. Euro in Anleihen von Unternehmen und Staaten ohnehin bereits der größte Gläubiger des Euro-Raums. Die Volksrepublik hatte versprochen neue Staatsanleihen Athens zu zeichnen, falls Griechenland wieder auf den Markt kommt.)

Außerdem wären da noch ungenutzte oder vorgezogene EU-Fördermittel, die hier eingebracht werden können.

Von den bis 2014 auslaufenden Anleihen mit einer Summe von 95 Mrd. Euro könnten gut 60 Mrd. Euro bei der Investitionsbank landen: wenn sich die EZB mit geschätzten 25 Mrd. Euro und die hellenischen Banken mit ebenfalls geschätzten 25 Mrd. Euro beteiligen. Danach werden Griechenlands Banken zwar am Ende wichtige Wertpapiere fehlen, die sie für ihre Refinanzierung bei der EZB als Sicherheiten hinterlegen müssen. Doch auch dabei bietet sich an, dass die Investitionsbank mit den EFSF-Papieren einspringt und Liquiditätsspritzen an die Geldhäuser weiterreicht.

Dass die Banken sich wahrhaftig an einer Rettung Griechenlands beteiligen, setzt allerdings einen politischen Willen der Spitzen im Euro-Raum voraus. Es ist eher unwahrscheinlich, dass solche Vorschläge in den Hinterzimmern der Bankenverbände ausgesonnen werden.

(Sicher, eine solche Investitionsbank würde Zeit brauchen, sie würde jedoch dazu beitragen, Griechenland zu stärken und Vertrauen bei Investoren wiederzugewinnen. Von 60 Mrd. Euro könnten 40 Mrd. Euro direkt an Griechenland fließen: Das entspricht einem Konjunkturprogramm von 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dafür sollte die Politik aufhören darüber nachzudenken, wie man eventuell mit einem vorübergehenden Ratingevent leben könnte, nur um eine Gläubigerbeteiligung über den Kapitalmarkt hinzubekommen.)

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: