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Fabian Fritzsche – Konjunkturbarometer oder Fieberthermometer der Emotionen?

21. August 2011

Dass die Börsen ein Art „Konjunkturbarometer“ sind, ist berechtigterweise zu bezweifeln. Den Schwankungen auf den Aktienmärkten wird eine zu große Bedeutung zugemessen. Denn Aktienkäufe orientieren sich immer seltener an eigenen Erwartungen und sind häufig bloß eine Reaktion auf das Handeln anderer. Viel wichtiger für Konjunkturaussichten als der Börsenhandel sind die Entwicklung von Rohstoffpreisen, Löhnen und Zinsen.

Zwischen Ende Juli und Mitte August gaben die Börsenkurse weltweit massiv nach. Der deutsche Aktienindex DAX büßte elf Tage in Folge insgesamt fast 24% ein, die US-Börsen fielen um 15%. Begründet wurde dies in erster Linie mit verschlechterten Konjunkturaussichten. Die Anleger haben – offenbar plötzlich – ihre Wachstums- und damit die Gewinnerwartungen reduziert, was dann tatsächlich Kursabschläge rechtfertigen würde.

Allerdings gab es in dieser Zeit nur wenig relevante gesamtwirtschaftliche Daten, die eine solche Neueinschätzung rechtfertigen könnten. Und am Tag der Bekanntgabe der enttäuschenden US-BIP Zahlen veränderten sich die US-Börsen praktisch nicht. Sicherlich haben sich in den letzten Wochen auch die Konjunkturerwartungen tendenziell eingetrübt, allerdings schon vor den Kursrutschen. Es spricht also einiges dafür, dass die Investoren keineswegs innerhalb von zwei Wochen sorgsam und unabhängig voneinander ihre Gewinnerwartungen überprüft und adjustiert haben.

Vielmehr scheint Herdentrieb für die starken Kursbewegungen verantwortlich gewesen zu sein, möglicherweise gepaart mit Verkaufsprogrammen, die Aktien bei Unterschreiten eines bestimmten Kurses automatisch abstoßen. Verkauft wurde also nicht, weil man selbst pessimistischer hinsichtlich der Unternehmensgewinne war, sondern weil die fallenden Kurse signalisierten, dass andere Anleger pessimistisch sind. Für den Einzelnen ist ein solches Verhalten auch durchaus rational, nicht aufgrund der eigenen Einschätzung zu handeln, sondern aufgrund der eigenen Erwartung über das Handeln der anderen.

In dem Fall könnte die Börse allerdings nur ein Konjunkturbarometer sein, also realwirtschaftliche Veränderungen frühzeitig anzeigen, wenn die Kursbewegungen selbst die Ursache der realwirtschaftlichen Änderung darstellen. Ob man dann jedoch von einem Barometer sprechen kann, sei dahin gestellt, es würde sich dann eher um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung handeln. Für diesen Effekt könnten drei Faktoren ursächlich sein.

Zum einen stellen Aktien Vermögenswerte dar. Sinkt der Wert des Vermögens der privaten Haushalte, fühlen sich diese ärmer, es liegt ein negativer Vermögenseffekt vor, der den Konsum beeinträchtigt. Zum anderen kaufen einige Anleger Aktien auf Kredit. Fällt der Wert der Aktien zu stark, müssen sie verkauft werden, um den Kredit begleichen zu können.  Unter Umständen bleibt jedoch ein negatives Nettovermögen, der Anleger muss seine sonstigen Ausgaben einschränken, um den Kredit weiter abzutragen. Und schließlich verschlechtern sich durch fallende Kurse die Finanzierungskonditionen der Unternehmen. Unternehmen, die neu an die Börse gehen, erhalten weniger Kapital, für bereits gelistete Unternehmen wird es schwieriger, Kapitalerhöhungen durchzuführen.

Alle drei Effekte dürften gerade in Europa jedoch nur gegrenzt eine Rolle spielen. Nur sehr wenige Haushalte in Deutschland, Frankreich oder Italien halten überhaupt Aktien und zumeist nur einen relativ kleinen Anteil am Gesamtvermögen. Neuemissionen und Kapitalerhöhungen gibt es ferner eher selten in Europa. Dies soll nicht heißen, dass es keinerlei Auswirkungen gibt, die Preisentwicklung bei Rohstoffen, die Lohnentwicklung, die Zinsen und vieles mehr sind jedoch weitaus wichtiger.

Im Kontrast dazu stehen die Berichterstattung in den Medien sowie der Aktionismus der Politik. Zur besten Sendezeit gab es Sonderberichterstattung zur Lage an den Börsen, in mehreren europäischen Ländern wurden Leerverkäufe untersagt, Politiker brachen ihren Urlaub ab.

Dem ständigen Auf- und Ab an den Aktienbörsen wird so eine viel zu große Bedeutung beigemessen. Den oftmals übertriebenen Kursausschlägen nach oben folgen plötzliche Einbrüche nach unten. Dagegen ist auch wenig zu sagen, die Börse gehört zur Marktwirtschaft dazu, doch sollte man die Aktienbörsen weder in ihrem Einfluß auf die Realwirtschaft noch hinsichtlich ihrer Prognosekraft überschätzen. Medien und Politik sollten ihr Augenmerk daher besser auf die tatsächlichen Einflußfaktoren richten und nicht von den täglichen Ausschlägen an der Börse treiben lassen.

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