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Die Kolumne – Schluss mit der Bankermagie

21. Oktober 2011

Zwei Jahre hofften die Finanzinstitute, sie könnten die eigene Krise zur Staatsschuldenkrise umdefinieren. Aufgeflogen! Eine Chance, das Euro-Debakel kurz vor Exitus zu stoppen.

Fast zwei Jahre ging es fast nur um Griechenland. Um Staatsschulden. Um Europa. Das war praktisch. Für Briten und Amerikaner, weil dann nicht so auffiel, wie schlecht es um deren Finanzen steht. Für Anhänger einfacher Weltbilder, nach denen alle Probleme vom Staat kommen. Und natürlich für Banker. Vor lauter Aufregung über Griechen schien fast vergessen, dass da auch mal was mit den Finanzinstituten nicht optimal lief.

All das fliegt gerade auf, wo die Banken wieder Geld brauchen – ein Alarmsignal – und jetzt entweder behaupten, dass sie es gar nicht brauchen; oder nur wegen der Griechen. Natürlich. Und wo Chefzauberer Josef Ackermann dem staunend zahlenden Publikum nahelegt, dass es sich gar „nicht um eine Bankenkrise handelt“, sondern um eine Schuldenkrise beim, ach was, Staat. Weltbild gerettet.
Für alle Nichtbanker könnte sich die Entzauberung als Glück erweisen. Weil sich nun beantworten lässt, warum all die Konsolidierungspakete für Staaten nur mehr, statt weniger Finanzpanik brachten. Wenn die Krise eher eine Finanz- und Bankenkrise ist, muss anderes her. Sonst droht in den nächsten Wochen der wirkliche Kollaps, auch für die Deutschen.

Natürlich eine Bankenkrise

Kleine Erinnerung: Als 2007 Banken zu kollabieren begannen, lag das Staatsdefizit im Euro-Raum bei mickrigen 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Gesamtschuldenquote war seit Euro-Start um zehn Prozentpunkte gesunken, in Italien sogar um 17. In 21 von 35 entwickelten Industrieländern fuhren die Regierungen damals Etatüberschüsse ein. Und Spanien hatte die Schuldenquote auf 40, Irland gar unter 30 Prozent gesenkt. Die Risikoprämie auf Staatsanleihen lag fast überall auf Rekordtief. Das war außer im kleinen Griechenland nicht wirklich das Umfeld für eine Staatsschuldenkrise.

Wenn sich das nach 2007 schlagartig geändert hat, gibt es dafür nur einen Grund: die Banken- und Finanzkrise. Nach Rechnung der Bundesbank mussten bis 2010 allein 470 Mrd. D-Mark geopfert werden, um kollabierende Banken zu retten – macht fast die Hälfte des gesamten Anstiegs der Staatsschulden von knapp 1000 Mrd. D-Mark seit 2007. Wozu auch beitrug, dass wegen der crashbedingten Rezession Milliarden Steuereinnahmen wegbrachen; das brachte bei einem Rückgang des BIPs um fünf Prozent (2009) nach Faustregeln weitere fast 120 Mrd. D-Mark Staatsdefizit. Plus mehrere Prozent Wirtschaftsleistung, die aufgebracht werden mussten, um durch Konjunkturpakete einen Absturz wie nach dem Bankencrash der 30er zu verhindern.

All das hat erst das Potenzial für Staatsschuldenkrisen gebracht. Nach Rechnung von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff schnellte seit 2007 die Schuldenquote im Schnitt der entwickelten Länder von rund 50 auf 90 Prozent hoch. Allein für Deutschland kommen da in der Summe locker mal 500 Mrd. D-Mark zusammen, die uns die Banken durch ihren Crash beschert haben. So viele Kontogebühren können die uns in 100 Jahren nicht erlassen. Da sollte man als Branchenvertreter für die nächsten Jahrzehnte zumindest keine ganz so großen Sprüche mehr über die Krisen anderer machen.

Wie Reinhart und Rogoff in historischen Studien herausfanden, hat fast jede Bankenkrise irgendwann zu ernsten Problemen in den Staatsfinanzen geführt, manchmal zu Pleiten: „Bankkrisen sind gute Frühindikatoren für Staatsschuldenkrisen“, so die Forscher. Man beachte die Wirkungsrichtung. Diesmal stieg in zwei, drei Jahren der globale Bedarf an Staatsanleihekäufern gigantisch – kein Wunder, dass die genauer hingucken; und dass die Staaten, die nicht die fittesten waren, als erste vom Sturm umgeworfen wurden.

Wenn die Schuldenkrise seither derart eskaliert, hat auch das mit Banken zu tun. Der Euro-Rettungsschirm wurde gespannt, als die Banken im Mai 2010 erneut in einen gegenseitigen Vertrauenskollaps steuerten wie nach der Lehman-Pleite 2008. Wenn Experten seit Monaten vor überhasteten Schuldenschnitten warnen, hat auch das mit der (berechtigten) Angst zu tun, dass das Bankensystem in Post-Bubble-Zeiten zu labil ist, um selbst so relativ bescheidene Ausfälle wie die der Griechen aufzufangen. In solchen Krisen neigen Banker und Investoren der Erfahrung nach zu Abwärtsspiralen, die verheerend zu enden drohen, weil alle der Herde hinterherrennen und sich Panik, Spekulationsschübe und Gaga-Ratingeinlagen gegenseitig verstärken.

Natürlich ist es trotzdem wichtig, sich über den Abbau der Staatsschulden Gedanken zu machen. Nur: Wenn diese Krise im Ursprung gar keine Staatsfinanzenkrise ist – und der atemberaubende Schuldenanstieg seit 2007 eher die Folge eines Bankendesasters –, dann löst eben auch der x-te Versuch, neue Regeln, Pakte und Schuldenbremsen für Staaten einzuführen, die Krise nicht. Da kuriert man nur Symptome.

Jetzt geht es in höchster Not darum, den Krisenvirus zu stoppen, der ein Land nach dem anderen erfasst. Bei fortgeschrittener Epidemie helfen weder Gesundheitschecks noch Mahnungen an die gute Tugend – dann hilft nur noch Quarantäne.

Wenn die Kanzlerin das Desaster stoppen will, sollte sie das schnell machen. Dann muss sie mit aller Macht und unkonventionell dafür sorgen, dass die fatale Marktlogik außer Kraft gesetzt wird. Und das geht wegen der systemischen Dimension der Krise nur noch, indem irgendwer die Garantie fürs System gibt, so absurd das moralisch wirkt: für Banken, die zu kollabieren drohen; für Griechen, die einen abgesicherten Schuldenerlass gut brauchen könnten; und für Staaten, die vom Virus dahingerafft zu werden drohen, was auch die Deutschen irgendwann treffen und in tiefe Rezession stürzen würde.

Das klingt nach Rettung der Krisenverursacher (die besser später herangezogen werden); oder nach Garantien der Zentralbank, die in Deutschland auf wenig Verständnis stoßen. Nur könnte es die letzte Chance sein, das Desaster zu verhindern, das droht, wenn die Rettung in den nächsten Tagen scheitert.

Email: fricke.thomas@guj.de

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