Startseite > Chefökonom > Die Kolumne – Bitte nur noch erfreuliche Prognosen!

Die Kolumne – Bitte nur noch erfreuliche Prognosen!

6. Januar 2012

Zum Jahresstart gibt es eine Flut besinnlicher Aufrufe, mit schlimmen Vorhersagen endlich mal aufzuhören. Das Problem: Schönreden hilft auch nicht weiter. Ein Ausblick.

Es mag am nachwirkenden Fest der Liebe liegen oder an den guten Vorsätzen, die man zu Jahresbeginn halt so aufstellt. Die Stimmungslage in den ersten Tagen 2012 scheint jedenfalls klar: Nach so vielen Krisen, Gipfeln und Abstürzen ist die Lust auf schlechte Nachrichten weg. Da gibt es in seriösen Zeitungen Appelle „wider den Pessimismus“. Und Bundesbankchef Jens Weidmann ätzt gegen den „populären Wettlauf“, sich „in Schwarzmalerei zu überbieten“.

Das klingt menschlich nachvollziehbar. Wer ist schon für einen Wettlauf im Schwarzmalen? Farblos. Und wer hat schon noch Lust auf diese Krise? Fragt sich nur, ob die Krise darauf Rücksicht nimmt; ob es tatsächlich Grund zur Zuversicht gibt. Oder ob hinter der verordneten Zuversicht nicht auch ein bisschen Schönreden steckt, vielleicht sogar ein Stück politisch motivierter Zweckoptimismus.

Weggelächelte Abstürze

Klar wäre es nicht gut, eine gute Lage schlechtzureden, bis sie schlecht wird. Allerdings spricht die Erfahrung eher dagegen, dass sich Prognosen wirklich von selbst erfüllen und Konjunkturzyklen derart stark Stimmungen folgen. Dagegen spricht, dass Rezessionen im Gegenteil fast immer beginnen, wenn Unternehmensvertreter noch auf ewiges Wachstum schwören und die Arbeitslosigkeit sinkt. Umgekehrtes gilt im beginnenden Aufschwung.

Nach fast fünf Jahren Finanz- und Schuldenkrise wirkt die Befürchtung ohnehin eher wie Realsatire, dass schlimme Prognosen die Krise machen. Die Krise ist ja eine Aneinanderreihung von Abstürzen, die kaum ein Ökonom so vorhersah – vom Lehman-Crash übers Griechenland-Debakel bis zum Marktabsturz Italiens, den Experten bis zum Tag seines Eintretens weglächelten. Da ist es ja nicht unbedingt schlecht, wenn der eine oder andere versucht, daraus zu lernen und wenigstens die nächste böse Überraschung vorweg zu erkennen.

Solche Prognosen sind ja auch kein Selbstzweck. Hätte der Bundesbankchef im Frühjahr 2011 den Skeptikern geglaubt, die vor neuen Turbulenzen warnten, hätte er im Herbst keine Zinserhöhung zurücknehmen müssen, die er auf Basis falscher Prognosen damals mitentschied. Hätte Angela Merkel auf die gehört, die vor einer Privatgläubigerbeteiligung in Zeiten tiefer Finanzmarktpanik warnten, hätte sie im Dezember nicht peinlich korrigieren müssen, was sie im Juli noch sturköpfig diktierte. Dann hätte sich die Krise Ende 2011 nach mittlerweile gängiger Erkenntnis nicht so zugespitzt, es keine so verquer-gehebelten Rettungsschirme und keine strukturell so zweifelhafte Geldflut für Banken geben müssen. Da hätten die Kanzlerin und ihr Bundesbankchef mal auf die Horrorwarner hören sollen; dann wäre der Horror auch ausgeblieben.

Nüchtern betrachtet gibt es zum Start 2012 durchaus ein paar Hoffnungswerte. Ein Konjunkturschock wie nach der Lehman-Pleite blieb bisher aus, ebenso die voreilig prophezeite US-Doppelrezession. Und die Notenbanken haben via Geldflut die Panikspirale der Investoren zumindest vorübergehend gestoppt. Richtig ist auch, dass die deutsche Wirtschaft an sich in einer konjunkturellen Lage ist, in der es weder Überhitzungen noch sonst große Fehlentwicklungen gibt, die ein Ende des Aufschwungs jetzt schon nahelegten. Da bräuchte es einen Schock von außen. Die Frage ist nur, ob all das reicht, um Warnungen vor bösen Überraschungen als plumpe Schwarzmalerei abzutun.

Den Hoffnungswerten steht gegenüber, dass der Stress unter den Banken enorm ist, selbst in Deutschland die Geschäfte de facto nicht mehr so gut laufen und die Wirtschaft im Winter schrumpfen dürfte. Und dass es eine Menge Faktoren gibt, die abrupt dazu führen können, dass die Märkte wieder in Panik geraten.

Dazu gehört auch, dass die Kanzlerin fast ganz Euroland auf das gewagte Glücksrezept verpflichtet hat, die Märkte durch historisch fast einmalig rabiates Kürzen gnädig zu stimmen. Eher ein Himmelfahrtskommando, wie Schätzungen des Pariser OFCE-Instituts befürchten lassen: Höhere Steuern und gekappte Ausgaben haben zu so drastisch einbrechender Wirtschaftsleistung geführt, dass allein die dadurch bewirkten Steuerausfälle und Extrakosten für Arbeitslose am Ende zu Staatsdefiziten führen werden, die in Frankreich, Italien und Spanien 2012 (trotzdem) um 0,8 bis ein Prozent höher liegen, als es die Regierungen planen. Das droht früher oder später aufzufliegen. Und: Um die Ziele doch noch überall parallel zu erreichen, müssten nach OFCE-Modellrechnung allein in den drei Ländern noch mal gut 100 Mrd. Euro gekappt werden, macht zwei bis 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, die der Staat mitten im Abschwung abschöpft. Das ist ökonomischer Unsinn. Dagegen war die Agenda 2010 eine lustige Kneippkur.
Am Ende, raten Sie mal, kommt dann eine hochbrillant besetzte Ratingagentur und droht mit neuen Herabstufungen – weil ja, total überraschend, die Wirtschaft nicht läuft. Nicht lachen. Alles schon gehabt.

In Finanzkrisen, in denen sich wie diesmal die Angst der Geldgeber verselbstständigt, kommt es am Ende fast nur noch auf Psychologie an – und darauf, dass genügend Investoren wieder glauben, die Staaten kriegen das schon irgendwie hin. Dann läuft die Herde wieder in die andere Richtung. Objektive ökonomische Maßstäbe gibt es dafür nicht.

Das bedeutet, dass es genau dazu nach etlichen Gipfeln und neuen Tiefpunkten kommen könnte. Nicht ausgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit dürfte nur eher niedrig als hoch sein. Dafür sind die Märkte noch zu zappelig und drohen die Radaukonsolidierungsrezepte zu schnell aufzufliegen.

Wenn das so ist, wirkt es eher wie das dogmatisch motivierte Rufen im Walde, jetzt jene zu schelten, die noch vor schlimmen Krisenzuspitzungen warnen. Bei Iren und Portugiesen ist eine ähnliche Skepsis wie jetzt gegenüber den Italienern irgendwann jäh in Panik gekippt. Das kann allem Gesundbeten zum Trotz auch Italien in den nächsten Wochen passieren. Und dann steht nun einmal einer der größten öffentlichen Schuldner der Welt und einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschlands vor dem Kollaps. Da ist einfach ein ganz großes und reales Krisenszenario.

Wenn es ein nennenswertes Risiko gibt, dass Italien kein Geld mehr kriegt, wäre es besser, die EZB hätte längst klargestellt, dass sie in so einem Fall als Retter in letzter Not da ist, um es gar nicht zu Panik kommen zu lassen – statt zu warten, bis das Desaster da ist, in der vagen Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht kommt, wenn man nur nicht davon spricht. Das wird nur noch teurer.

E-Mail: fricke.thomas@guj.de

Schlagwörter:
%d Bloggern gefällt das: