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Die Kolumne – Sinnlose Hatz

13. Januar 2012

Die Jagd auf unseren Bundespräsidenten wirkt immer bizarrer. Kaum auszudenken, die Antreiber würden so viel Eifer entwickeln, wenn es mal um wirklich Wichtiges geht.

Um eins vorwegzunehmen: Dieser Bundespräsident ist eine ziemliche Null. Was er gemacht hat, ist blöd. Klar, auch die Salamitaktik. Und viel Schlaues hat er auch nicht gesagt, erst recht nicht zur Krise. Ein Ausfall.

Trotzdem wirkt es allmählich etwas gruselig, mit welchem Eifer seit Wochen sämtliche politische Intelligenz im Land darauf verwandt wird, sich darüber zu empören, welchen bitterarmen Chefredakteur der Bundespräsident mal angerufen und von der Meinungsfreiheit zu entbinden versucht hat. Mit steigender Bewerberliste. Was Mama früher gemacht hat. Und wer sich noch plötzlich daran erinnert, dass da mal was war.

Das steht irgendwie in Kontrast dazu, wie leicht bei uns wirklich wichtige Politiker bei wichtigen Fehlentscheidungen davonkommen, wenn es wirklich um unser Wohl geht.

Wer grillt mal Axel Weber?Das Bizarre liegt schon darin, dass es im Grunde seit Wochen nichts wirklich Neues mehr zu melden gibt. Da wird auch mal zum Tagesevent, dass Frau Müller oder Meier nicht zum Neujahrsempfang von Herrn Wulff geht. Protest. Da bebt natürlich das politische Berlin.

Bizarr ist auch, dass so eine Affäre fast unabhängig vom Schweregrad der Verfehlung nach dem immer selben Muster eskaliert, wie es Malte Lehming vom „Tagesspiegel“ gerade wunderbar karikiert hat. Beim „Making of a Scandal“ lanciere man so was am besten in der Urlaubs- oder Weihnachtszeit, wenn sonst nichts los ist, rücke nur allmählich damit raus, dass der Angegriffene dies und das gemacht hat. Das verlängere die Haltbarkeit. Dabei zähle ohnehin bald nicht mehr die Qualität, sondern die Quantität irgendwelcher Vorwürfe, schon weil der Angegriffene nicht mehr die Zeit habe, alle abzuwehren. Dann könne man befinden, dass nun aber das Amt beschädigt sei. Und die Nachfolgedebatte starten. Das erzeuge das Gefühl, der Rücktritt sei ohnehin nur eine Frage der Zeit. So eine Affärenverfolgungsmaschine entwickelt in der Tat rasch eine Wucht, die Leit- und Herdentiere mitzieht – dann schreiben irgendwann alle dasselbe. Da würde Erich Honecker vor Neid erblassen.

Jetzt kann man natürlich sagen, dass all das ja nichts daran ändert, dass unser Bundespräsident nun mal nicht die ganze Wahrheit gesagt und von Kumpels Billigkredite bekommen hat wie sonst nur unsere Banken von der EZB (wir würden das nie tun).

Immer auffälliger scheint trotzdem der Kontrast zwischen den unzähligen Mannstunden, die auf die Verfolgung verwandt werden, und der realen Folgenschwere. Würde Herr Wulff zurücktreten, läge die größte Veränderung für das Wohl des Landes wahrscheinlich darin, dass wir abends nicht mehr wohlig auf der Couch schimpfen könnten, wenn wieder mal irgendwas vom Wulff bekannt wird. Ob Herr Wulff da ist oder nicht, ist für den Weltlauf nicht wirklich maßgeblich. Und es ist ja nicht so, dass der Weltlauf nicht gerade dringenden Betreuungsbedarf hätte.

Das ist das Gruselige. Wenn es um menschlich-moralische Dinge geht, läuft die Verfolgung offenbar deutlich eifriger, als wenn es, sagen wir, um schwerwiegende Patzer bei der Lösung einer Währungskrise geht.

Wo sind die kritischen Geister, die danach schreien, dass Frau Merkel jetzt auch mal aufklären soll: zum Beispiel darüber, warum sie im Sommer bei der Euro-Rettung übereifrig Privatgläubiger in Haftung bringen wollte und damit, wie befürchtet, die nächste Finanzpanikwelle ausgelöst hat – wie sie beim letzten Gipfel zugeben musste, indem sie den Unsinn wieder zurücknahm. Für das Land kann das ziemlich teuer werden. Wo sind die, die jetzt einfordern, endlich offenzulegen, wer sie da beraten hat? Und wie so ein Fehler passieren konnte. Und was das kostet. Und wer dafür jetzt aufkommen soll.

Wie rechtfertigt Frau Merkel, dass ihre ökonomisch zweifelhaften Austeritätsempfehlungen an andere jetzt zigtausendfach dazu führen, dass Menschen, die für die Krise gar nichts können, ihre Arbeit verlieren, ganze Familien daran gerade kaputtgehen – ohne dass die Krise weg ist? Was ja mindestens so wichtig ist wie die Vergangenheit von Bettina Wulff.

Wo sind die Wulff-Kritiker, die aufheulen, weil es Josef Ackermann und dem Rest der Banker klammheimlich gelungen ist, die eigene Krise zur Staatsschuldenkrise umzudefinieren – obwohl die Finanzbranchenmisere der Hauptgrund dafür ist, dass die Staatsschulden seit 2007 weltweit so krass gestiegen sind?

Welcher Leitmedienchef grillt mal den Ex-Bundesbankchef Axel Weber, was eigentlich in ihn gefahren ist, sein Amt einfach aufzugeben – und fragt, ob das dem Land nicht mehr geschadet als genutzt hat? Ähnlich wie beim bisherigen EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, der ebenfalls weglief, was dazu geführt hat, dass es jetzt auch keinen deutschen EZB-Chefvolkswirt mehr gibt (wobei offen gelassen sei, ob das für den Weltlauf schlimm ist). Man könnte auch mal eine Kampagne starten und fragen, wie Herr Stark erklärt, dass er Zinsen anheben ließ, um sie kurz darauf wieder senken zu müssen, was die Krise auch verschärft hat.

Stattdessen dürfen jetzt Ökonomen wie Hans-Werner Sinn unwidersprochen lamentieren, die Deutschen seien in der EZB an den Rand gedrängt worden. Sorry, da sind wir selber schuld, wenn wir keine überzeugenden und standhaften Leute da hinschicken. Wie wäre es mit einer Untersuchungskommission dazu, warum die Kanzlerin eigentlich so schlechte Personalpolitik macht und immer Leute irgendwo hinschickt, die dann wieder zurücktreten.

Wo sind umgekehrt die Kritiker, die mal damit nerven, ob Herr Steinbrück so ein toller Krisenmanager war, wie er das selbst sagt – wo er die Krise immerhin wochenlang falsch einschätzte und Fehlentscheidungen traf? Kompliziert? Klar. Zumindest schwerer als herauszufinden, wenn ein Schachbrett falsch herum steht.
Warum nicht mal eine richtige Anhörung nach der „Tagesschau“, wenn es darum geht, sich für Fehler zu entschuldigen, die uns erst eine so dramatische Krise eingebrockt haben?

Klar werden die Leitmedienchefs sagen, dass das ja Quotenkiller wären. Da mag das Volk lieber Brot und Spiele, eine richtig gut inszenierte Bundespräsidentenaffäre mit Rotlichthauch zum Beispiel. Das ist unterhaltsamer, und das versteht jeder Chefredakteur. Und die Kanzlerin freut’s ohnehin. Solange die kritische Masse sich mit Herrn Wulff beschäftigt, kommt auch keiner auf die Idee, noch mal wirklich wichtige Fragen zu stellen. Wäre ja auch noch schöner.

Email: fricke.thomas@guj.de

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