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Negativzins – die neue Parkgebühr des Bundes

19. Januar 2012

Kurzlaufende Schuldverschreibungen aus Deutschland sind so stark gefragt, weil Investoren ihr Geld nicht zu Banken tragen wollen. Anleger akzeptieren sogar eine negative Verzinsung, sie zahlen eine Gebühr, wenn sie die Papiere erwerben. Doch wie funktioniert das überhaupt, wie kommt ein Negativzins zustande und auf welchen Gewinn können Anleihezeichner dennoch hoffen? Eine Erklärung.

Den 23. Januar wird sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vermutlich rot im Kalender angestrichen haben. Denn dann steht die nächste Versteigerung unverzinslicher Schatzanweisungen an, mit der der Bund 3 Mrd. Euro hereinholen will – und bei der Schäuble womöglich erneut von den Anlegern noch Geld obendrauf bekommt.

So wie vor knapp zwei Wochen, als der Bund über die Finanzagentur in Frankfurt Geld für sechs Monate einsammelte. 25 Banken zeichneten sechsmonatige Schuldverschreibungen, im Fachjargon „Bubills“ genannt, für 3,9 Mrd. Euro. Dabei überwiesen diese „Primärhändler“ – Banken, die direkt mit dem Bund Geschäfte machen – erstmals in der deutschen Geschichte Geld zusätzlich nach Berlin. Die Minusrendite betrug 0,0122 Prozent.

Normalerweise läuft es so: Die Primärhändler, die dem Bund seine Papiere abkaufen, reichen sie an Versicherer, Stiftungen, Rentenkassen, Fondsgesellschaften oder Unternehmen weiter, die ihr Geld sicher verzinst anlegen wollen. Dafür zahlen sie der Bank eine Gebühr – und verdienen trotzdem daran, weil die Finanzagentur die Papiere bei Ausgabe bisher stets unter deren Rückzahlungs- oder Nennwert verkauft hat.

Ein Beispiel: Ein Versicherer kauft am 25. Juli 2011 für 98 751 Euro Bundespapiere mit einem Jahr Laufzeit. Genau ein Jahr später erhält er den Nennwert, also 100 000 Euro, zurück. Die Differenz von Kauf zu Rückzahlungswert entspricht einer Verzinsung des eingesetzten Kapitals von knapp 1,3 Prozent – und das, obwohl der Bund regulär gar keine Zinsen auf diese Schulden zahlt.

Anders lief es hingegen am 9. Januar: Da liehen viele Investoren dem Bund für sechs Monate 100 006,16 Euro, obwohl sie am 11. Juli lediglich 100 000 Euro zurückkriegen. Sie zahlen also dem Bund 6,16 Euro Gebühr dafür, dass sie ihm bis Juli 100 000 Euro borgen. Anders als im Normalfall bietet hier also der Kreditgeber und nicht der Kreditnehmer eine Verzinsung an – 0,0122 Prozent pro Jahr. Zustande kommt dieser Negativzins, weil sich die Finanzagentur in einer Versteigerung die Banken aussuchen kann, die den höchsten Preis zahlen wollen.

Auf den ersten Blick ist es absurd, wenn Investoren negativen Zinsen in Kauf nehmen. Es gibt aber Gründe dafür, weshalb sie unter besonderen Umständen bereit sind, der Finanzagentur Gebühren zu überweisen. Der wichtigste Grund: Sie wollen sichergehen, ihr Geld – in diesem Fall 100 000 Euro – zurückzubekommen.

Natürlich gibt es Alternativen. So könnte eine Fondsgesellschaft überschüssige Gelder auf einem Bankkonto parken. Doch was, wenn die Summe so enorm ist, dass selbst ein Fondsmanager nervös wird, zumal wenn er fürchten muss, dass seine Hausbank in den kommenden Monaten zusammenbricht? Etwa wenn sie aus Griechenland kommt?

Selbstverständlich könnte die Fondsgesellschaft bei 20 verschiedenen Banken Konten einrichten, um das Ausfallrisiko zu streuen. Doch bei vielen Fondsgesellschaften schreiben es die Regeln vor, dass nicht allzu viele Barreserven auf Konten geparkt werden dürfen. Das ist auch der Grund, warum sie ihr Geld lieber dem Bund überlassen, schließlich gilt der noch immer als der sicherste Schuldner überhaupt. Und dafür sind die Fondsmanager auch gerne bereit, eine kleine Gebühr zu entrichten.

Denkbar ist auch, dass die Investoren darauf hoffen, die Papiere zu einem späteren Zeitpunkt und höheren Kurs am Markt wieder zu verkaufen. Wer also im vergangenen Sommer 98 751 Euro für zwölfmonatige Bubills gezahlt hat, erhielt dafür vor zwei Wochen am Markt zeitweise 100 048 Euro: 1,3 Prozent Kurszuwachs – statt wie geplant nach einem Jahr jetzt in noch nicht einmal sechs Monaten. Dank der wachsenden Nachfrage nach den Titeln bekam der Investor keine schlechte Rendite. Wer gestern dagegen diese Papiere am Markt gekauft hat, muss sich wiederum auf Verluste einstellen, wenn er sie bis zur Fälligkeit im Juli hält. Denn gestern lag die Marktrendite bei minus 0,08 Prozent.

Mehr als ein Prozent Gewinn innerhalb eines halben Jahres könnte selbst für Banken attraktiv sein, die ihre überschüssige Reserven eigentlich jederzeit für einen Tag bei der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen können. Denn hier bekommen sie zwar immerhin eine positive Verzinsung, aktuell aber nur 0,25 Prozent. Banken der Krisenländer benötigen zudem dringend Wertpapiere, die sie als Pfand bei der EZB hinterlegen können, sofern sie sich Geld bei der Notenbank leihen.

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