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Die Kolumne – Heimliche Liebe zum Euro

20. Januar 2012

Frau Merkel nervt die halbe Welt seit zwei Jahren, dass dies und das in der Krise nicht geht, weil die skeptischen Deutschen sonst die D-Mark zurückwollen. Und wenn das gar nicht stimmt?

Erst mussten die Griechen auf Hilfe warten, weil Frau Merkel vorher die NRW-Wahl überstehen wollte. Dann sollten Banken flugs mitzahlen, weil die Fraktion Angst vorm Wähler hat. Mal hieß es, Rettungsschirme dürften nicht aufgestockt werden, weil die Deutschen das nicht akzeptierten. Dann bibberte die Finanzwelt, weil wahlweise das Bundesverfassungsgericht in Volkes Namen die Euro-Rettung zu stoppen drohte oder die furchterregende FDP sämtliche und wirklich alle Mitglieder zum Euro befragt hatte, gleicher Anlass. Im Namen des Sie-wissen-schon.

Das Phänomen ist zum Standard des Euro-Krisenmanagements geworden. Sobald einer was will, kommt die Kanzlerin und weist bedauernd aufs eigene Volk hin. Das sei halt skeptisch und dürfe nicht verschreckt werden. Weil es sonst den ohnehin nicht geliebten Euro nicht mehr haben und die Mark zurückwill. Maximale Abschreckung.

Nun ist der Wähler natürlich die höchste Instanz. Keine Frage. Der Dauerverweis wirkt nur insofern auffällig, da der deutsche Wähler streng genommen zum Euro nie richtig befragt wurde. Was für Spekulationen auch viel Raum lässt. Könnte ja sein, dass das mit dem großen Misstrauen gar nicht stimmt – was neuere Studien sogar vermuten lassen. Dann hätte das ganze Krisenmanagement womöglich anders ausgesehen. Und die Märkte bräuchten nicht so sehr am Willen zur Euro-Rettung zu zweifeln, was die Krise verstärkt.

Schwindende Mark-Nostalgie

Klingt erst einmal abwegig. Wird nicht ständig von Umfragen berichtet, nach denen die Deutschen den Euro blöd finden oder zu 37 Prozent eine Euro-kritische Partei wählen würden? Ja. Bei näherem Hinsehen erweist sich diese Skepsis nur oft als, sagen wir, interpretationsfähig.

Den krassesten Fall dafür hat gerade der deutsche Wissenschaftler Daniel Gros vom Brüsseler Thinktank CEPS in aufgedeckt. Zusammen mit seinem Kollegen Felix Roth ging er der Frage nach, warum eigentlich die Meinungsforscher von Allensbach 2011 in großen Artikeln und bei der CDU über drastischen Euro-Vertrauensschwund berichteten – während ähnliche Umfragen der EU-Kommission ganz anders ausfallen.

Nach Allensbach-Auswertung gaben zuletzt mehr als 70 Prozent der Deutschen an, sie hätten wenig oder kein Vertrauen mehr in den Euro. Desaster. Eine Währung ist ja Vertrauenssache. Nur: Wie kann es dann sein, dass eine klare Mehrheit (per saldo fast 40 Prozent) selbst im Vollkrisennovember 2011 sagt, sie sei alles in allem „für den Euro“, wie es die Eurobarometer-Umfrage ergab?

Beim Suchen fanden Gros und Roth, dass die Allensbacher ihre Daten auf erst einmal verständlich wirkende, womöglich aber stark verzerrende Weise interpretieren. Als sie die Euro-Vertrauensfrage in den 90er-Jahre starteten, gab es für die Befragten vier Möglichkeiten: dass sie „sehr großes“, „großes“, „weniger“ oder „kaum/kein Vertrauen“ haben. Und weil kaum einer „sehr groß“ antwortete, sei die erste Antwortoption irgendwann weggelassen worden, so Roth. Nachteil: Seitdem gab es asymmetrische Antwortoptionen. Was nach Erfahrung von Meinungsforschern mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führte, dass eine Menge Befragte die mittlere Variante („weniger“) nun als eher neutrale Antwort nahmen. Zumal das „weniger“ auch offenlässt, worauf sich das bezieht.

Wenn das so ist, ist höchst strittig, ob man „weniger“ und „kaum/kein“ Vertrauen einfach zum Vertrauensmangel von mehr als 70 Prozent addieren darf. Gros und Roth machten den Gegencheck, indem sie die Mittelvariante mal herausließen. Ergebnis: Per saldo gab es zwischen den relativ seltenen Extremantworten eine Minimehrheit der Vertrauenslosen. Und siehe da: Das passt schon viel eher zum Eurobarometer.

Keine D-Mark-Partei

Für eine überschätzte Euro-Skepsis spricht, dass selbst in der tiefsten Euro-Krise und nach Allensbacher Umfrage der Anteil der Deutschen stetig sinkt (nicht steigt), die „lieber die D-Mark“ wieder hätten. Oder der Versuch der FDP, kurz vor der Berlin-Wahl 2011 mit Euro-Bashing noch Stimmen zu holen – was im schlimmsten Wählervotum endete. Oder dass es trotz Dauerkriseln noch keine D-Mark-Partei gibt. Herr Henkel versucht es jetzt noch mal. Mit großem Auftakt dieses Wochenende in der Sparkassen-Arena in Kiel.

Die „Bild“-Zeitung hat seit Ausrufen des Griechenbashings fast eine Viertelmillion verkaufte Auflage verloren. Was zumindest nicht gerade das ist, was man als einschlägigen Beweis für rasant wachsende Euro-Skepsis im Volk sehen würde.
Nicht auszumalen. Vielleicht hätte Frau Merkel NRW ja gewonnen, wenn sie nicht so lang mit Hilfen gezögert hätte. Vielleicht stünde die FDP ohne Euro-Populisten nicht ganz so blöd da. Und vielleicht würde die „Bild“ sogar mehr verkaufen, wenn sie auf so unfassbar dumpfe Kampagnen verzichtet hätte. Wer weiß?

Es gibt eine Menge Experten, die sagen, dass die ursprünglich tatsächlich griechische Krise gar nicht derart eskaliert wäre, wenn die Regierungen 2010 viel schneller ein Rettungspaket gemacht hätten – bevor sich die Panik verselbstständigen und andere anstecken konnte. Eine Lawine lässt sich einfacher stoppen, wenn sie noch nicht an Fahrt gewinnt. „Die Krise wäre heute vorbei“, sagt Henrik Enderlein von der Hertie School of Governance in Berlin. Wenn das stimmt, war es fatal, stets die vermutete Angst der Deutschen vor sich herzutragen, um dies und das zu verhindern.

Ähnliches vermutet Gros. Seit die Krise 2011 systemisch geworden sei, zähle an den Finanzmärkten weltweit nur noch die Frage, wie fest die Politiker hinter dem Konstrukt stehen. Und da sei die Euro-Skepsis der Deutschen längst zum Krisenfaktor geworden. „Es gibt eine Menge Fondsmanager, die aus mangelndem Glauben an den deutschen Willen zur Euro-Rettung Anleihen abgestoßen haben“, so Gros. Ohne dass sich die Skepsis solide belegen lasse, wie sich bei näherem Hinsehen herausstelle.
Natürlich sind die Deutschen desh

alb nicht die allergrößten Euro-Fans. Es würde womöglich aber helfen, wenn die Kanzlerin ihr Nein zu dieser oder jener Hilfe künftig ein bisschen mehr inhaltlich begründen muss. Statt sich reflexartig dahinter zu verstecken, dass uns angeblich dies und das nicht zuzumuten sei.

Email: fricke.thomas@guj.de

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