Startseite > Chefökonom > Davos 2012 – Europas kranker Mann gesundet

Davos 2012 – Europas kranker Mann gesundet

26. Januar 2012

Im statusfixierten Davos war die deutsche Volkswirtschaft lange so etwas wie der Prügelknabe vom Dienst. Als „kranker Mann“ Europas zog das Land noch Mitte des vergangenen Jahrzehnts bestenfalls ein wenig billigen Spott auf sich.

Seit Lehman-Crash und Euro-Krise hat sich das dramatisch verändert: Jetzt wird in den Veranstaltungen wieder und wieder gefragt, was vom Vorbild Deutschland gelernt werden kann.

Einer, der diese Begeisterung überhaupt nicht teilt ist allerdings Larry Summers, Harvard-Ökonom und ehemaliger US-Finanzminister und -Präsidentenberater. Angesprochen auf die außergewöhnlich starke deutsche Wirtschaft fällt Summers ein vernichtendes Urteil. Deutschland sei geradezu „das Musterbeispiel für einen Denkfehler“, für die Verwechslung eines einzelwirtschaftlichen Erfolgs mit einer Strategie für die Weltwirtschaft:  „Das deutsche Modell hängt entscheidend von riesigen Exporten ab.“

In Relation zum Bruttoinlandsprodukt sei der deutsche Leistungsbilanzüberschuss sogar noch größer als der Chinas. Diese Strategie sei nicht auf andere übertragbar. Ja sie sei noch nicht einmal von Deutschland selbst durchzuhalten. Denn die internationale Kundschaft kann kaum noch weitere Kredite aufnehmen. Mehr Export für alle sei schon aus logischen Gründen ein Ding der Unöglichkeit:  „Es gibt einfach keinen, der all dieses Zeug kaufen kann“.

Die Lösung der weltwirtschaftlichen Probleme sieht Summers deshalb auch nicht darin, dass alle anderen deutscher werden. Sondern im genauen Gegenteil: Deutschland selbst müsse weniger deutsch werden.

Christian Schütte berichtet für die FTD vom Weltwirtschaftsforum in Davos.

Advertisements
Schlagwörter: ,
%d Bloggern gefällt das: