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Die Kolumne – Obamenke schlägt Merkozy

27. Januar 2012

Die Amerikaner werden für den geduldigen Umgang mit ihren Schulden oft gescholten. Jetzt gibt es plötzlich Anzeichen, dass die USA sich tatsächlich schneller entschulden. Beachtlich.

Kaum ein Land hat so viel zum Schuldenaufbau beigetragen. Kaum eins scheint seitdem so wenig radikal darangehen zu wollen, die Schulden wieder abzubauen. Da wirken weder Bremsen noch verschärfte Stabilitätspakte. Auch keine Troika, die alle drei Monate herumnörgelt. Nicht mal eine ausgewiesene Stabilitätskultur. Für deutsche Stabilitätshüter gelten die USA neuerdings eher als Hort ökonomischen Unfugs, wo Schulden mit Schulden bekämpft werden, wie Sofaökonomen schimpfen.

Umso erstaunlicher wirkt, was sich im Jahr fünf nach Ausbruch der Finanzkrise abzeichnet: dass das viel beschworene Deleveraging, der Abbau der Schuldenlast, in den USA schneller voranschreitet, als es das Image vermuten lässt, womöglich sogar schneller als irgendwo sonst. Wenn sich das bestätigt, könnte es das Image zertrümmern, das US-Präsident Barack Obama und Fed-Chef Ben Bernanke noch haben. Und Amerikas Krisenmanager könnten einmal dafür stehen, wie man mit sehr viel mehr Gelassenheit am Ende sehr viel mehr erreicht als mit immer neuen Radikalpaketen, Fiskalpakten, Verfassungsverboten und Troikavisiten, wie sie in Europa praktiziert werden.

Korrigierter Überschwang

In den zehn Jahren bis zum Platzen der Finanzblase wurden in den USA zweieinhalb Millionen Häuser mehr gebaut, als es nach dem demografischen Trend nötig gewesen wäre, schätzt David Milleker, Chefökonom bei Union Investment. Meist über Schulden. Dann kam der Crash. Seitdem wurden Monat für Monat viel weniger Bauten angefangen als trendgemäß – jährlich hochgerechnete 600 000 statt 1,5 Millionen. Sprich: Der Überhang wurde stetig kleiner. Nach Millekers Schätzung war das, was bis 2008 zu viel gebaut wurde, exakt im vergangenen Oktober durch stetes Unterschießen wettgemacht. Kein Zufall womöglich, dass seitdem auch wieder mehr gebaut wird.

Ein Pendant dazu findet sich in der Verschuldung der Privathaushalte, die im Überschwang von 90 auf 130 Prozent der Einkommen hochgeschnellt war. Jetzt ist die Sparquote wieder positiv, wird wieder mehr verdient als ausgegeben. Manche wurden ihre Schulden via Insolvenz los. Ergebnis: Der Anteil der Einkommen, den Amerikaner für die Bedienung der Schulden aufwenden müssen, ist seit 2008 spektakulär gesunken: auf den niedrigsten Stand seit Anfang der 90er (siehe Grafiken). Der Schuldenberg ist 600 Mrd. Dollar kleiner.

Noch eindrucksvoller wirkt, was mittlerweile im Zentrum des Desasters passiert ist. In der US-Finanzbranche war die Schuldenquote im Rausch von 100 auf 160 Prozent hochgeschnellt. Stichwort Leverage, oder: Wie mache ich aus einem Dollar wundersam mehrere? Seit Platzen der Blase ist die Quote wieder bei 120 Prozent. Immerhin. Enormes Tempo.

Klar: Als Helfer mussten zwischenzeitlich Regierung und Notenbank einspringen, sich verschulden – um Banken zu retten und die Konjunktur zu stützen. Nur sinkt selbst das US-Staatsdefizit seit 2009 langsam, aber stetig – um jährlich einen Dreiviertelprozentpunkt. Mehr noch: Nimmt man Private und Staat zusammen, fällt selbst per saldo in den USA die Schuldenquote, wie Ökonomen vom McKinsey Global Institute in einer Studie gerade herausfanden.

Auch damit sind noch nicht alle Schuldensausen wettgemacht. Nach McKinsey-Prognose dürften Amerikas Privathaushalte ihren Schuldenüberhang Mitte 2013 aber abgetragen haben. Nicht mehr lange hin, auch wenn sich streiten lässt, welches Schuldenniveau auf Dauer tragbar ist. Bemerkenswerter noch: Die Amerikaner sind unter den großen Industrieländern die Einzigen, bei denen die Schuldenquote von allen zusammen seit 2008 spürbar gesunken ist – um 16 Prozentpunkte. In Großbritannien, Italien und Spanien stieg sie. Trotz rabiater Konsolidierungspakete, wie sie von London bis Rom praktiziert werden. Vielleicht auch gerade deshalb.

Kommt Zeit, kommt Geld

Schulden abzubauen sei volkswirtschaftlich ein Drahtseilakt, sagt Milleker: Da gehe es darum, Geld abzuziehen, um zu tilgen, ohne den Wirtschaftskreislauf durch entsprechenden Nachfragewegfall kollabieren zu lassen. Das scheint den Amerikanern besser zu gelingen. Der erste Zwischenerfolg könnte US-Ökonomen wie Fed-Chef Bernanke recht geben, die seit Krisenbeginn stur bei dem blieben, was hierzulande als Laxheit beschimpft wird: Zum einen zuzulassen, dass sich Immobilienmärkte und Privatbilanzen bereinigen – zwei Drittel des Schuldenabbaus der Haushalte kamen durch Pleiten. Zum anderen stets so viel Geld und Hilfen in den Kreislauf zu schießen, dass die Wirtschaft nicht kollabiert.

 

Die historische Erfahrung spreche für ein solches Vorgehen, so die McKinsey-Experten. Auch Finnen und Schweden hätten in Post-Bubble-Zeiten erst nach einsetzender Bereinigung von Haushalten und Banken angefangen, die Staatsfinanzen zu sanieren. Nicht gleichzeitig. Am Ende sanken alle Schuldenlevel.

Mit der Alternative experimentieren die Europäer gerade: Beim Versuch, überall gleichzeitig zu kürzen, bricht leicht der Kreislauf zusammen. In Griechenland ist die Wirtschaft konsolidierungsbedingt 2011 um weitere gut fünf Prozent geschrumpft. Mit der Folge, dass es noch mehr Arbeitslose, wackelnde Betriebe und kollabierende Banken gibt, die noch weniger Geld haben, um Schulden zurückzuzahlen. Ergebnis: Die Schulden steigen, statt zu fallen.

In den USA ist nicht alles gerettet, klar. Nur könnten die Anfangserfolge zum Selbstläufer werden. Je schneller die Sanierung am Immobilienmarkt durch ist, desto schneller wird der Bau die Wirtschaft mal wieder stützen. Ähnliches gilt am Arbeitsmarkt.

Da können die Amerikaner von Glück reden, dass sie nicht in der Euro-Zone sind. Wären sie das, hätten sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von Trümmer-Angela, ihrem Bloß-keinem-helfen-Bundesbankchef und Krisen-Sarko erzählt bekommen, dass es kein Geld gibt, sie erst mal Schuldenbremsen einführen, Steuern anheben sowie Ausgaben kurz und klein kürzen müssen. Mit dem Ergebnis, dass die USA heute wahrscheinlich ebenso in der Rezession wären wie Griechen, Spanier und Briten. Und dass ihre Schulden höher wären, nicht niedriger.

Email: fricke.thomas@guj.de

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