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Davos 2012 – Nächste Halte: Lissabon und Dublin

30. Januar 2012

Carmen Reinhart, die Expertin für historische Schuldenkrisen, hält weitere Schuldenschnitte in Europa für unvermeidlich. Für die Weltwirtschaft erwartet sie eine lange Durststrecke – und für die Sparer eine sanfte Form der Enteignung.

Der kommende Schuldenschnitt für Griechenland dürfte nicht der letzte in der Eurozone sein. „Auch in Portugal und Irland ist eine Restrukturierung der Staatsschulden unumgänglich“, sagt die renommierte US-Ökonomin Carmen Reinhart, die sich wie nur wenige andere Wirtschaftswissenschaftler mit den Lehren aus Geschichte großer Finanz- und Schuldenkrisen beschäftigt hat.

In den Krisen der Vergangenheit sei es letztlich immer so gewesen, dass man untragbar gewordene Verbindlichkeiten gestrichen oder zu erheblich günstigeren Konditionen umgeschuldet habe. In Europa laufe jetzt eine Zeit der politischen Selbsttäuschung ab.

„Wenn sich für ein Land kein plausibles Szenario mehr darstellen lässt, in dem es seine Schulden auf ein tragfähiges Niveau bringen kann, dann muss eine Restrukturierung auf den Tisch“, so Reinhart im Gespräch mit der FTD. „Man kann sich mit heroischen Annahmen über Wachstum und Zinsen in die Tasche lügen. Aber am Ende muss man schlicht der Realität ins Auge sehen.“ Portugal und Irland seien auf Dauer genauso überfordert wie heute schon Griechenland.

Reinhart hat mit ihrem Kollegen Kenneth Rogoff ein wiederkehrendes Verlaufsmuster großer Schuldenkrisen ausgemacht: In einem Boom wird zunächst  immer sorgloser Kredit vergeben, bis es schließlich zu einer Bankenkrise und einem schweren Einbruch der Realwirtschaft kommt. In dieser Phase schnellen dann auch die Staatsschulden hoch, weil die Rezession zu hohen Budgetdefiziten führt und der Staat zudem oft für Schulden von Banken, Unternehmen und Privathaushalten einstehen muss.

„Wir sind heute noch immer in dieser Phase“ so Reinhart. „Die Panik ist vorbei, aber eine Panik ist immer nur kurz. Die anschließende Krise dauert sehr lange.“

Das Deleveraging, also der Abbau des Verschuldungsgrades in allen Sektoren der Volkswirtschaft, sei erfahrungsgemäß erst gut ein Jahrzehnt nach dem Ausbruch einer schweren Finanzkrise abgeschlossen. In der langen Phase des Schuldenabbaus bleibe das Wachstum gedämpft und die Arbeitslosigkeit verfestige sich auf hohem Niveau.

Die jüngste Wachstumsbeschleunigung in den USA muss deshalb nach Ansicht  von Reinhart relativiert werden: Der aktuelle US-Aufschwung sei im historischen Vergleich extrem schwach. Und die Sanierung des Staatshaushalts habe noch nicht einmal begonnen. „Es ist schwer, sich da ein Basisszenario mit kräftigem Wachstum vorzustellen“.

In Europa sieht Reinhart nach dem Scheitern der griechischen Sanierungsstrategie nicht nur eine psychologische Ansteckungsgefahr. „Man muss unterscheiden zwischen Ansteckung und der Tatsache, dass es weitere ähnlich gelagerte Fälle gibt.“ Die Ursachen der Krise seien von Land zu Land zwar sehr verschieden – im Ergebnis sei Schuldenlast aber auch in Portugal und Irland untragbar hoch geworden.

Während das Problem der Griechen fast ausschließlich  bei den Staatsschulden liegt, leidet Portugal auch unter hohen Schulden seines Privatsektors und einem seit Jahren schwachen Wirtschaftswachstum. Das Land sei in sehr hohem Maße von ausländischen Krediten abhängig, auch 2013 werde mit einem Leistungsbilanzdefizit von fast zehn Prozent gerechnet, so Reinhart. Dies sei auf Dauer nicht durchzuhalten.

Irland war mit exzellenten Staatsfinanzen in die Krise hineingegangen, leidet aber heute unter den gewaltigen Auslandsschulden seiner Banken, die vom Staat gestützt werden.

Deutlich optimistischer ist Reinhart allerdings für die großen Krisenländer Spanien und Italien, deren Pleite an den Finanzmärkten als der größte anzunehmende Unfall für den Euro gehandelt wird. Spanien habe dank seines niedrigen Schuldenstands zu Beginn der Krise noch immer ein bisschen fiskalische Luft. In Italien sei  zwar der Staat hoch verschuldet, das Land habe aber keinen Kreditboom im privaten Sektor erlebt. „Außerdem sind beide Länder schlicht zu groß, um sie fallen zu lassen. Die Politik wird deshalb alles tun, um eine Restrukturierung zu vermeiden.“

Dass die EZB einen harten Schuldenschnitt für Griechenland und andere kleine Länder strikt ablehnt, zeugt nach Ansicht der US-Ökonomin nur von Realitätsblindheit:  „Wir haben die Probleme jetzt schon sehr lange geleugnet. Es wird Zeit, endlich die Fakten zur Kenntnis zu nehmen.“

Es helfe im Übrigen auch nicht weiter, die eigenen Probleme jeweils mit Verweis auf andere Krisenländer zu relativieren.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble angekündigt, man werde sich nach der Lösung der Eurokrise „den Schuldenproblemen in anderen Teilen der Welt zuwenden, die größer sind als die in der Eurozone.“ US-Finanzminister Tim Geithner hatte dagegen betont, dass Europa (neben dem Irankonflikt) das größte Konjunkturrisiko für Amerika sei. Und dass die USA ihre Schuldenkrise deutlich leichter bewältigen können als andere Länder.

Reinhart hält solche Vergleichsrechnungen für müßig. Der offizielle Schuldenstand in Europa sei zwar niedriger als der amerikanische  – aber das sei noch lange kein Zeichen der Stärke, schließlich sind die US-Schulden heute so hoch wie nie zuvor in Friedenszeiten.

Zudem habe man in Europa all die Belastungen noch gar nicht voll eingerechnet, die sich ergeben werden, wenn die Staaten weitere Banken stützen und Schulden des Privatsektors übernehmen müssen. „Es ist naiv, diese Risiken zu ignorieren.“ In allen Industrieländern kommen zu den Staatsschulden außerdem noch die ungedeckten Kosten der künftigen Alterung hinzu.

Die Chance, dass die Staaten aus ihren Schuldenproblemen einfach herauswachsen können, ist nach Ansicht Reinharts gering. Wirtschaftswachstum sei zwar ein Teil der Lösung, es sei werde aber bei Weitem nicht ausreichen. Letztlich dürfte die Politik deshalb zu jenem historisch bewährten Instrumentenkasten greifen, den Reinhart „finanzielle Repression“ nennt: Man werde dafür sorgen, dass die nominalen Zinsen für lange Zeit deutlich unter der Inflation bleiben und die Kapitalgeber dann „mit Zuckerbrot und Peitsche“ dazu bringen, diese schleichende Auszehrung ihres Vermögens zu akzeptieren.

Immerhin fahren die Investoren damit noch besser als diejenigen, die ihre Forderungen demnächst im Zuge eines offenen Schuldenschnitts abschreiben müssen.

 

Christian Schütte berichtet für die FTD vom Weltwirtschaftsforum in Davos.

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