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Uns fehlen die Querdenker

27. Februar 2012

Kommentar aus der heutigen FTD:

Die Finanzkrise hat die gängige Wirtschaftslehre ins Wanken gebracht. Der Glaube an perfekte Märkte, an strikte Rationalität der Wirtschaftsakteure lässt sich mit der Realität der Krise, geprägt von Herdentrieb und Übertreibungen, kaum in Einklang bringen. Die Wirtschaftswissenschaft befindet sich deshalb im Wandel. Allein in Deutschland tut man sich mit dem Umbruch jedoch schwer.Manch deutscher Wirtschaftsprofessor vertritt in Talkshows eine nationale Gartenzwergökonomie aus D-Mark-Zeiten, die die Realität der Krise zu ignorieren scheint. Bei einigen Ökonomen regiert offenbar eine Art Fundamentalismus – man klammert sich fest an dogmatischen Grundprinzipien, die eine komplexe Welt vereinfachen, und wehrt sich vehement gegen Aufklärung. Das Streben nach einer reinen Lehre, nach theorielastigen Positionen, erdacht in einem wissenschaftlichen Elfenbeinturm – all das ist verbreitet unter deutschen Volkswirtschaftlern. Die Weiterentwicklung der Ökonomie ist dabei irgendwo zwischen Preisstabilität, Ordnungspolitik und Privatisierungsplädoyers stehen geblieben. Für Pragmatismus und Pluralismus ist wenig Platz. Das führt zunehmend in die Isolation. Ist es doch die Meinungsvielfalt, die für Bewegung und Weiterentwicklung sorgt.
Und während man sich hierzulande im ökonomischen Einheitsdenken übt, haben andernorts Ökonomen ihre Profession längst radikal hinterfragt – und zwar nicht erst seit der Finanzkrise 2008. Bereits in den 90er-Jahren, während der Asien-Krise, begannen in den USA Denker wie Joseph Stiglitz oder Paul Krugman, den gängigen Glauben an effiziente Märkte offen infrage zu stellen und leiteten damit einen Paradigmenwechsel ein.
Heute tummeln sich an Amerikas Top-Universitäten ganz unterschiedliche Denkrichtungen. In Harvards Wirtschaftsfakultät lehrt ein konservativer Martin Feldstein Tür an Tür mit einem Verhaltensökonomen wie David Laibson, einem Pragmatiker wie Lawrence Summers oder einem Neokeynesianer wie Greg Mankiw, der nebenbei den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney berät. Viele amerikanische Starökonomen wären in Deutschlands VWL-Landschaft allerdings Außenseiter. Und Außenseiter haben es in den deutschen Fakultäten lange besonders schwer gehabt.
Während andernorts auf dem Institutsflur diskutiert und gestritten wurde, klopfte man sich zwischen München und Hamburg lieber gegenseitig bestätigend auf die Schulter, betete alte Mantras herunter und bemüht bis heute immer wieder die alten Modelle, die die Krise jedoch nicht erklären können. Dagegen begehren in einigen Hörsälen der Republik nun mittlerweile die Studenten auf.
Pluralismus? Fehlanzeige. Als in Großbritannien eine Gruppe von Ökonomen im letzten Wahlkampf in einem öffentlichen Brief zu harter Konsolidierung aufrief, folgten kurze Zeit später gleich zwei öffentliche Gegenstatements. Als in Deutschland 2011 das Plenum der Ökonomen einen öffentlichen Aufruf gegen eine weitere Aufstockung des Euro-Rettungsschirms veröffentlichte – zumindest im Ausland ein durchaus umstrittener Standpunkt –, folgte nichts.
Als George Soros das Institute of New Economic Thinking aus der Taufe hob, um die Wirtschaftlehre nach der Krise grundlegend zu überdenken, kamen Größen wie Joseph Stiglitz oder Simon Johnson nach Cambridge zur Auftaktkonferenz. Von Vertretern aus Deutschland fehlte allerdings fast jede Spur.
Ähnlich sieht es in der internationalen Politik aus. Deutsche Ökonomen, die bereit sind, den auf internationaler Bühne notwendigen Pragmatismus an den Tag zu legen, sind rar. Das zeigte sich 2011 deutlich: Wo waren die deutschen Kandidaten, als es um die Nachfolge auf dem IWF-Chefposten ging? Der aussichtsreichste deutsche Kandidat auf den EZB-Chefposten warf darüber hinaus kurz vorm Ziel freiwillig das Handtuch. Und auch der deutsche EZB-Chefökonom räumte 2011 seinen Stuhl. In beiden Fällen lässt sich mutmaßen, dass die unperfekte Welt da draußen nicht so recht mit den hehren Prinzipien der reinen Lehre vereinbar war. Pragmatische Schritte wie der umstrittene Aufkauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank passen eben nicht recht zu der dogmatischen Theoriewelt des deutschen VWL-Mainstreams.
Ob an der Columbia University oder an der London School of Economics, ja selbst in Chicago, im legendären Hort des Marktliberalismus, ist auf den Lehrplänen mittlerweile mehr als eine Denkrichtung vertreten. Das in Deutschland immer noch so verbreitete Schwarz-Weiß-Denken in zwei Schulen bröckelt andernorts seit Jahren. Dabei geht es keineswegs um eine Rückkehr des Keynesianismus. Vielmehr ist dort der Aufbruch in eine neue, pragmatischere Wirtschaftslehre eingeläutet. Allrounder wie Raghuram Rajan, Dani Rodrik oder Robert Shiller zählen zu diesem Schlag Ökonomen, die alte Denkschemata wie links oder rechts, Keynesianismus oder Neoklassik hinter sich gelassen haben.
Es wird Zeit, dass dieser neue Geist auch in Deutschland Einzug hält. Immerhin: Es gibt Hoffnung. Bekannte Ökonomen wie Thomas Straubhaar oder Dennis Snower zeigen sich offen für neue Ansätze, treiben den Wandel voran. Und ja, es gibt auch deutsche Querdenker – zum Beispiel in der Verhaltensökonomie. Jetzt müssen sie sich nur noch ausbreiten.

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  1. Kalle Jupp
    1. März 2012 um 14:38

    Querdenker gibt es reichlich. Man muss nur mal die Jungs von Google ins Archiv schicken….

  2. 29. Februar 2012 um 13:00

    Geht es dem Autor wirklich um „Querdenken“ – oder nicht am Ende doch nur um den FT-üblichen „Pragmatismus“?

    Auf diesen angelsächsischen „Pragmatismus“, die Welt mit dem Geld der deutschen Steuerzahler zu retten, verzichte ich liebend gerne!

  3. 28. Februar 2012 um 16:34

    Es gibt auch einen QUERDENKER-Club mit über 280.000 Mitgliedern in nur knapp 3 Jahren … 🙂 siehe http://www.querdenker.de

  4. Heinz Stiller
    28. Februar 2012 um 13:14

    @Wolfgang Benner. Deutschland Lohnminusmeister, verstaubte Rezepte. Stimmt.
    Ist das der Grund, warum es uns vergleichsweise so schlecht geht und die Griechen ein Rettungspaket nach dem anderen für uns schnüren müssen?

  5. Joachim Dubrow
    28. Februar 2012 um 10:17

    In Deutschland sind auf allen Gebieten die Beharrungskräfte sehr groß. Dies ist auch ein Teil des Erfolges der Deutschen Wirtschaft. Hier haben sich die wirtschaftlichen Akteure nicht auf den Hype der sogenannten Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft gestürzt. Hohe Qualität und kontinuierlich wachsender Produktivität sind die Verkaufsargumente Deutscher Investitionsgüter. Vor diesem Hintergrund agieren die etablierten „Wirtschaftserklärer“. Leider zu viele von ihnen haben nicht begriffen, dass das zweite Standbein des wirtschaftlichen Erfolgs die Beobachtung und Umsetzung des technologischen Fortschritt von jenseits des Deutschen Tellerrand ist. Sie sind daher in der Situation, in der der Deutsche Maschinenbau war, als er die Möglichkeiten der Elektronik und der Datenverarbeitung vernachlässigt hatte.

  6. Olga
    27. Februar 2012 um 21:51

    Querdenken alleine ist zuwenig; Mindestanspruch dabei ist und bleibt derselben Klientel zu nutzen wie bisher. Nur anders. Abweichungen davon sind (nicht nur)hierzulande links, und bis sich eine nichtmehr zu ignorierende Anzahl von Think-Tank- und verbeamteter Ökonomen durch unsere Qualitätsmedien in diese nach Kommunismus, Stasi und Mauerschützen riechende Ecke stellen lässt, werden die Dinge ihren bisherigen Lauf bei behalten. Dazu wird unser neues Glück, der vermutlich bis zum letzten Atemzug gegen den Ex-Kommunismus kämpfende, marktkompatible Bundespräsident, zukünftig einiges zu sagen haben.
    Übersetzt ins Politik-Neudeutsche wird uns mit allen auferlegten Entscheidungen und Personalien gedient. Wir sind noch nicht soweit, Berlin und Brüssel zu verstehen .Realität war gestern. Heute sinds rituelle Gesundbetungen und Prognosen; morgen reichen diffuse Visionen.
    Wenn nun aber entgegen aller Erwartungen die gerne als „Das Große Ganze“ bezeichnete Vision die Bankrottierung der Nationalstaaten und ihrer Bürger sein sollte, können wir alle Querdenken bis zum Abwinken..Dann müßten wir, wie unbequem, mit dem Denken aufhören und etwas tun. Vermutlich war das jetzt links. Dann lieber doch nicht.

  7. 27. Februar 2012 um 21:36

    Wir haben doch Leute wie Hans-Werner Sinn, Star-Ökonom der Medien und Stammtische. Reicht das etwa nicht? Nein, es reicht nicht. Nur fällt dessen ultra-nationales Gedankengut in der öffentl. Meinung Deutschlands auf fruchtbarsten Boden, wie die Kommentare landauf und landab zu seinen vielfältigen Theorien beweisen. Jede gegenteilige Meinung grenzt doch schon an Majestätsbeleidigung. Selbst wenn seine Thesen von Ökonomen im In- und Ausland widerlegt werden ( zu seinen Target2-Statements) behält er in Deutschland höchstes Ansehen und regelmäßig seinen Platz in den Leitmedien. Eine dt. Wirtschaftszeitung hat ihn zum No. 1-Ökonom in Deutschland für 2011 gewählt. Selbst wer ihn in Deutschland kritisiert (wieder zu Target2) wird nicht müde, seine Verdienste zu loben. Damit ist doch alles gesagt. Wie kann es ein Verdienst sein jahrelang tatkräftig mitgeholfen zu haben, dass Deutschland Lohnminusmeister wird und die Soziale Marktwirtschaft heute nur noch als Worthülse in der dt. Politik überlebt hat?

  1. 29. Februar 2012 um 10:21
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