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Thomas Straubhaar – Das Dogma des Publish or Perish führt in die Irre

19. März 2012

Die Ökonomik hat sich in den letzten Dekaden enorm weiterentwickelt. Fraglich ist, ob sich dadurch der Erkenntnisgewinn entsprechend vergrößert hat.

Nimmt man die internationalen Rankings zur Hand, ist die Antwort offensichtlich. Deutsche Forschende haben gegenüber ausländischen gewaltig aufgeholt. Mehr denn je publizieren durch deutsche Steuergelder finanzierte Ökonomen in internationalen Zeitschriften. Schaffen sie dafür aber tatsächlich auch einen Mehrwert für die Menschen, die ihnen die Forschung bezahlen? Ist das, was in internationalen Zeitschriften publiziert wird, in Deutschland relevant, hilft es hierzulande Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, klügere Lösungen für die brennenden Zukunftsprobleme zu finden? Oder hat die Internationalisierung der Ökonomik paradoxerweise nicht zu einer Öffnung, sondern zu einer Verengung des Wettbewerbs geführt? So dass es am Ende einem Meinungskartell nicht mehr um Erkenntnisgewinn für die Gesellschaft, die sie finanziert, sondern um eigene Interessen geht?

Im Zuge der Internationalisierung der deutschen Ökonomik hat sich auch das Auswahlverfahren für die Vergabe von Macht, Jobs und Forschungsgeldern angelsächsischen Standards angeglichen. Macht entsteht in der Wissenschaft bei der Verteilung von Forschungsmitteln und bei Einstellungs- und Berufungsverfahren. Wer in den entsprechenden Gremien sitzt, kann Weichen stellen und Geld oder Positionen verteilen. Das war früher nicht etwa anders als heute, sondern ebenso, einige würden sogar sagen, es war wesentlich schlimmer. Und es ist in allen anderen Fachrichtungen genauso wie in der Ökonomik. Neu ist jedoch für die deutsche Ökonomik eine Dogmatisierung des angelsächsischen Publish or Perish (veröffentliche, oder verschwinde) und eine Fokussierung auf „Rankings“, also einer Rangliste, die auf der Anzahl der Publikationen in Fachzeitschriften basiert.

Gegen das Prinzip des Veröffentlichungszwangs wissenschaftlicher Ergebnisse ist überhaupt nichts einzuwenden. Auch nicht gegen die Pflicht, sich über Publikationen als Forschende der Diskussion mit einem Fachpublikum und auch der Öffentlichkeit zu stellen. Kritisch jedoch wird es, wenn das Prinzip des „publish or perish“ zum dogmatischen Gesetz wird. Wenn es selbsternannte Schiedsrichter gibt, die entscheiden, welche Veröffentlichungen wertvoll und welche nutzlos sind. Als würde es den Juroren um Wahrheit und Erkenntnis und nicht um Macht, Prestige, Forschungsmittel oder noch schlichteren persönlichen Interessen gehen. Es spricht nichts dafür, wieso – anders als im normalen Leben – gerade die Herausgeber von Fachzeitschriften und die Referees, die eingereichte Arbeiten auf ihre Publikationswürdigkeit hin prüfen, neutrale Götter im Dienste des Gemeinwohls statt profane Menschen mit Eigeninteressen sein sollten.

Heute zählen für die Vergabe von Geld und Professuren in der Mainstream Ökonomik ausschließlich noch Veröffentlichungen in den sogenannten Top-Zeitschriften. Sie alleine sorgen für die Publikationen, die jungen Forschenden zu akademischen Karrieren und Professuren verhelfen. Monographien (also „Bücher“), in denen sich Forschende jahrelang mit einer kreativen Idee herumgeplagt haben, um sie aus allen möglichen Perspektiven zu beleuchten, spielen bei der Beurteilung der Forschungsreputation überhaupt keine Rolle mehr.

Statt breit angelegter, über den eigenen Tellerrand hinausschauender, dem großen Ganzen gerecht werdender viele unterschiedliche Perspektiven nutzender Monographien gibt es heutzutage eine Flut hoch spezialisierter Zeitschriften. Letztere spotten einer auch in der Ökonomik auf dem Papier pro forma anerkannten Forderung nach Interdisziplinarität. Bestenfalls in ein paar einleitenden Fußnoten wird pflichtgemäß durch ein paar rhetorische Alibireferenzen auf andere Disziplinen hingewiesen, um damit Interdisziplinarität vorzutäuschen. Wie erbärmlich das Ergebnis ist, zeigen Bruno S. Frey (der nach den Rankings der Mainstream-Ökonomen forschungsstärkste deutschsprachige Ökonom) und Margit Osterloh:  „Aus der Analyse von Fehlern in Zitaten lässt sich schließen, dass 70 – 90 Prozent der zitierten Papiere gar nicht gelesen worden sind“. Sagt das nicht alles über den schmalen Grat auf dem sich die Mainstream-Ökonomik momentan bewegt?

Aber auch mit der von allen Top-Zeitschriften behaupteten Unabhängigkeit des Evaluationsverfahrens, um die Publikationswürdigkeit festzustellen, ist es in Tat und Wahrheit nicht weit her. Vielmehr verlangt ein Zitierkartell seinen Tribut. Wer nicht die Schiedsrichter hochpreist, hat es schwer die Gnade der Jury zu finden. Da unterscheidet sich der Wissenschaftsbetrieb kaum von den Model-Castings im deutschen Fernsehen. Es sind auch bei den Top-Journals letztlich die Schiedsrichter und deren persönlichen Interessen, die entscheiden, was gefällt und gedruckt wird und was nicht. Wie dramatisch die Situation ist, beschreibt Rüdiger Bachmann treffend: „Jeder, der ein bisschen die profession kennt, weiss aber, dass das JPE von den Freakonomics Leuten z.T. gekapert wurde. Das muss man ganz gelassen sehen. Es gibt ohnehin diese perverse Faszination mit den Top 5 in Deutschland (Schweiz?), und zwar sowohl von den Juengern als auch von den Kritikern. Natuerlich steht in den Top 5 jede Menge Schrott.“[2]

Spätestens an der Stelle müssen alle Alarmglocken schrillen. Wenn in den Top 5 tatsächlich jede Menge Schrott publiziert wird, muss sich für die Steuernzahlenden die Frage stellen, was hier eigentlich mit ihrem Geld passiert. Das in der Ökonomik gängig gewordene Dogma des publish or perish provoziert ganz offensichtlich ein eklatantes Fehlverhalten. Ein von außen befeuerter „Taste for publication“ ersetzt den von innen brennenden „Taste for science“. Es geht nicht mehr darum, ob Forschung relevant ist, sondern, ob sie den Juroren gefällt. Es ist nicht mehr der Erkenntnisgewinn, sondern die Publikationsfähigkeit, die den Ehrgeiz von Forschenden treibt. Das widerspricht jeder wissenschaftlichen Ethik. Das wäre dann nur ein persönliches und nicht gesellschaftliches Problem, wenn ehrgeizige Ökonomen ihr Karriereinteresse privat finanzierten. Es wird dann problematisch, wenn die Gesellschaft mit Steuergeldern Forschende finanziert in der Hoffnung, dass aus deren Ergebnisse auch gesellschaftlicher Nutzen erwächst.


[1] Bruno S. Frey und Margit Osterloh: Rankings: Unbeabsichtigte Nebenwirkungen und Alternativen (veröffentlicht am 20.02.2012), verfügbar unter http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2012/02/rankings-unbeabsichtigte-nebenwirkungen-und-alternativen/ (Abruf vom 10.03.2012)

[2]  Rüdiger Bachmann (Kommentar zu Binswanger) vom 19.01.2012 (http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2012/01/wie-die-uni-oekonomen-versagen–die-theorie-der-prostitution-als-mahnmal/), Aufruf vom 10.03.2012; JPE steht für Journal of Political Economy, eine der renommiertesten Fachzeitschrift.

 

 

Prof. Dr. Thomas Straubhaar ist Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg.

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  1. 22. März 2012 um 08:39

    Wenn Publikationen nicht nach ihrem Inhalt beurteilt werden, sondern danach in welchem Magazin sie erscheinen, zeigt das schon die Oberflächlichkeit des Verfahrens.

  2. 21. März 2012 um 11:46

    Verflixt noch mal, was ist heute nur los: Sorry, es muß am Schluß natürlich „Ablenkung“ heißen …

  3. 21. März 2012 um 11:41

    Sorry, es muß ab Schluß natürlich „Ablenkung“ heißen…

  4. 21. März 2012 um 11:40

    Schon wieder so eine nutzlose Forderung: Wer braucht noch „Arbeiten und Erkenntnisse zur Krise, vor allem von Wirtschaftswissenschaftlern? Herrschaften, es genügt der gesunde Menschenverstand und die Fähigkeit zu Lesen (die bis heute noch in den Schulen gelehrt wird, vielleicht demnächst aber dem Sparwahn zum Opfer fällt). Diese beiden Voraussetzungen reichen aus, damit jeder Normalsterbliche die Gründe für die Krise entdeckt und – noch wichtiger – warum sie einfach nicht aufhören wird. Jede Belenkung durch akademische Thesen/Theorien sind da nur schädlich.

  5. Olga
    20. März 2012 um 22:12

    Zwangslaüfig wird die Ökonomie den ständig wechselnden Bedingungen immer hinterher hinken; Annahmen für die Zukiunft werden immer nur Annahmen beiben. Das Problem der Ökonomie der letzten 30 Jahre war, dass diese unsicheren Annahmen einerseits zu gerne als wirksame Rezepte verkauft, und andererseits aus Wissenschaftsgläubigkeit ebenso gerne gekauft wurden. Das diese Ökonomie zu einem großen Teil an den Interessen der Big Player aus Wirtschaft und Finanzmärkten orientiert war, wird gerne verschwiegen und hat letztendlich zu Gewinnexplosionen hier, und implodierenden öffentlichen Haushalten dort, geführt.
    Auch wenn Herr Rürup weiter zum homo oeconomicus steht, oder ihn der alten Gewohnheit und Einfachheit halber nicht aufgeben möchte; ist das die Gesellschaft prägende Menschenbild längst der Complex Man. Und durch dessen Unberechenbarkeit
    eine weitere Unbekannte für die Modelle der Ökonomie.
    Daneben muss die Ökonomie endlich raus aus der Monokausalität und weg vom Drehen um sich selbst, endlich den Faktor Wirtschaftlichkeit einbeziehen, und Auswirkungen ihrer angedienten Ergebnisse auf alle Subsysteme z.B. eines Staates berücksichtigen, Dem wiederum stehen die Partialinteressen von Geldgebern der führenden, aber auch kleineren Institute im Wege. Wer bezahlt, möchte auch gut bedient werden. Und so wird die Ökonomie zu einem immer größeren Risiko für Staat und Gesellschaft. Ein Paradigmenwechsel wäre angesagt; anstatt wöchentlich ein neues Rad mit denselben alten, löchrigen Reifen zu präsentieren und hoch zu jazzen.,

  6. Ruediger Bachmann
    20. März 2012 um 04:28

    Herr Professor Straubhaar benutzt meinen Kommentar zu Herrn Professor Binswangers Beitrag, um einen Punkt zu machen, der diametral demgegenueber steht, was ich in meinem Kommentar sagen wollte. Er reisst unzulaenglich aus dem Zusammenhang. Was gemeint war ist folgendes: im Publikationsprozess gibt es natuerlich Zufaelligkeiten, z.T. Willkuer, Geschmack, Interessen, ja Fehlentscheidungen. Das verleugnen zu wollen waere naiv. Mit anderen Worten, es wird einige Artikel im Journal of Monetary Economics (einem angesehenen, aber nicht Top 5 Journal) geben, die sich im Nachhinein wichtiger als Artikel im JPE erweisen. Deshalb sollte man in Berufungskommissionen keine Top 5 Obsession haben, sondern Papiere lesen. Das heisst aber NICHT: 1) dass Oekonomen nicht in Journal publizieren sollten oder sich in Monographien verlieren sollten, die ja oft noch weniger gelesen werden als Journalartikel, und oft nur Zusammenfassungen fremder Gedanken darstellen; 2) dass deutsche Oekonomen sich nicht dem internationalen Wettbewerb stellen sollten; 3) dass Deutschland sich aus der internationalen oekonomischen Grundlagenforschung zurueckziehen sollte; 4) dass Top 5 Journale im Durchschnitt nicht doch die wichtigsten Beitraege der Oekonomik beinhalten (das gilt natuerlich auch fuer das JPE) – Herr Straubhaar vergisst voellig, dass Top 5 ein Praedikat ist, dass Journale ueber eine lange Zeit hinweg erlangen; 5) und dass Oekonomen, die auf Dauer und wiederholt nicht in internationalen Journalen publizieren koennen, nicht absolut unberufbar sein sollten.

    Herr Professor Straubhaar stellt gefaehrliche Forderungen fuer die noch junge internationale Oekonomik in Deutschland auf. Er verkennt eine Gesetzmaessigkeit wissenschaftlichen Arbeitens: 99 Prozent aller wissenschaftlichen Beitraege bringen marginale Erkenntnis, sind ganz kleine Fortschritte, die letztlich nur Fachleute interessieren. Aber diejenigen 1%, die wirklich die Wissenschaft und die Gesellschaft um Quantenspruenge voranbringen, beduerfen dieser 99%. Ohne diesen Kontext sind sie undenkbar. Wissenschaftlicher Fortschritt ist extrem nichtlinear, aber eben nicht voraussetzungslos. Viele Stuecke ergeben ein Puzzle und dessen Loesung. Ich wiederhole meine Aufforderung: Herr Straubhaar – fordern Sie nicht an andere. Machen Sie es selber. Wo sind Ihre Arbeiten und Erkenntnisse zur Krise? Wo stellen Sie sich der wissenschaftlichen Diskussion? Ich warte.

  1. 21. März 2012 um 08:49
  2. 20. März 2012 um 09:55
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