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[MarktWirtschaft] Der unbeliebteste Aktiensektor der Welt

21. März 2012

Jeden Monat befragt die  Bank of America/Merrill Lynch Fondsmanager weltweit nach ihren Favoriten im Aktienmarkt. Die jüngste Analyse unter den Verwaltern von knapp 800 Mrd. Dollar fördert ein erstaunliches Detail zu Tage: Die derzeit unpopulärste Aktienbranche überhaupt sind weder Bank- noch Versicherungsaktien, sondern die Versorger in den Schwellenländern.

Hinter den Versorgeraktien weltweit liegen Horrorjahre: Erst waren sie an der Börse auf dem Weg nach unten in der Krise 2008 „voll dabei“, weil viele Akteure bei dem Versuch, aus einem kaum sexy anmutenden Geschäftsmodell eine Wachstumgsgeschichte über Übernahmen zu zaubern und damit ihre Bilanz strapazierten. In der Rally ab März 2009 waren sie dann kaum gefragt, weil in dem immer stärkeren Aufschwung die Musik bei den zyklischen Titeln spielte. Die Fukushima-Atomkatastrophe gab den Werten dann den Rest.

Nun läuft zwar eine kräftige Erholung; Titel wie EON und RWE haben seit ihren Tiefs im Herbst wieder 50 bzw. 70 Prozent zulegen können (notieren aber immer noch zwei Drittel unter ihren alten Höchstkursen), sind aber auch Sonderfälle aufgrund des deutschen Atomausstiegs. Aber unabhängig davon wollen auch Fondsmanager derzeit von den Werten kaum etwas wissen: Weltweit haben netto 30 Prozent der Fondsverwalter Versorger untergewichtet zum Vergleichsindex (die Nettozahl wird errechnet, indem die  Prozentzahl der Manager, die Versorger übergewichten und untergewichten, saldiert wird). Damit sind Versorger der unpopulärste Sektor überhaupt, noch hinter Banken (netto haben hier 14 Prozent der Manager untergewichtet).  

Das eigentliche Extrem sind aber die Versorger in den Schwellenländern: Hier gewichten rund 60 Prozent der Geldverwalter die Versorger der aufstrebenden Länder gegenüber dem Index unter! Eine derart pessimistische Meinung gibt es gegenüber keiner anderen Branche und in keiner Region weltweit. Das deckt sich auch mit der Popularität eines von der Deutschen Bank aufgelegten Branchen-Indexfonds auf den MSCI Emerging Markets Utilities, der mit einem verwalteten Volumen von 3,5 Mio. Euro zu einem von Investoren unbeachteter Zwerg ist.

Eine solche Unpopularität macht eine Branche interessant für Investoren, die gerne im Trüben fischen, statt Trends nachzulaufen. Die pessimistische Haltung der Profis hat natürlich etwas mit dem Risiko der Branche zu tun: Viele Schwellenländer setzen weiter aggressiv auf Kernkraft oder wollen ihre Aktivitäten stark ausbauen, was das Risiko weiterer Zwischenfälle wie in Fukushima birgt. Allerdings ist der „Ertragsmix“ vieler Versorger der Schwellenländer ausgewogener, als es den Anschein hat: Indexschwergewicht Cemig etwa – der größte Wert im MSCI Emerging Markets Utilities – generiert wie auch Brasilien selbst den Großteil seines Stroms aus Wasserkraft; gleiches gilt für den drittgrößten Indexwert Empresa, der in Chile seinen Sitz hat, aber in ganz Südamerika aktiv ist. Allerdings gehören auch Konzerne wie Korea Electric Power (dessen Abkürzung Kepco berechtigterweise Sorgen macht) oder CEZ in den Index, die stark auf Kernenergie und Kohle setzen. Und natürlich ist der Sektor kapitalintensiv – die Zinsen sind aber  in Schwellenländern durch die Bank höher als in den Industrieländern, was die Kapitalaufnahmen verteuert.

Die Unbeliebtheit des Sektors hat aber auch einen anderen, ganz einfachen Grund: Die „Schwellenländerkarte“ spielen die Geldprofis vor allem über Konsumtitel, weil hier der Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand und den Chancen der Aktien am deutlichsten ist. Während rund 60 Prozent der Fondsmanager Versorger in Schwellenländern untergewichten, gewichten knapp 70 Prozent von ihnen Konsumtitel über. Dabei ist die „Wachstumsgeschichte“ eigentlich die gleiche: So, wie in den Schwellenländern der Konsum wächst, wächst auch der Energiebedarf: Die Energieagentur IEA schätzt, dass die Schwellenländer bis 2030 rund 40 Prozent mehr Energie verbrauchen werden, die britische HSBC kam vor gut einem Jahr in einer Studie “Energieversorgung im Jahr 2050″ zu ähnlichen Ergebnissen und erwartet bis 2050 eine Verdopplung.

All dies kostet natürlich Geld, mutmaßlich auch Geld der Aktionäre, die sich über Kapitalerhöhungen den Kapazitätsausbau häufig werden mitbezahlen müssen. Und fundamentale Schnäppchen sind die Versorger der Schwellenländer derzeit nicht: Die 30 größten werden derzeit mit dem 15-fachen der für 2012 erwarteten Gewinne bewertet (bei rund 15 Prozent erwartetem Gewinnwachstum pro Jahr), dem 1,1-fachen des Umsatzes, dem 1,5-fachen des Buchwerts und dem 7-fachen des jährlichen Cash Flows.  Das ist teuer im Vergleich zu den größten Konsumgüterhersteller der Schwellenländer (gemessen am DJ EM Consumer Titans), die mit dem 22-fachen des lfd. Gewinns bewertet werden. Aber eben auch teuer im Vergleich zu RWE oder EON, die rund halb so „teuer“ sind wie die Schwellenländer-Versorger, wenn man gängige Bewertungsmaßstäbe anlegt.  Wie man es aber dreht und wendet: Die Profis sind weiter pessimistisch für den Sektor weltweit – was den Abgabedruck in Grenzen halten dürfte.

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