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Die Kolumne – Radikalkur fürs Establishment

5. April 2012

Bis vor Kurzem schien Deutschland eine Insel der glückseligen Ökonomie. Überall auf der Welt kämpft die Zunft seit Ausbruch der Finanzkrise mit argen Selbstzweifeln. Nur im Land des neuen Wirtschaftswunders schien die Welt in Ordnung. Zumindest im Inneren des Berufsstands.

Das ist seit ein paar Wochen anders – seit mit Dennis Snower und Thomas Straubhaar zwei Chefs großer Forschungsinstitute aus Kiel und Hamburg zur Grundsatzkritik an der eigenen Branche loszogen. Und damit aussprachen, was in den USA, Großbritannien und anderswo seit Längerem für Wirbel sorgt.

Jetzt schimpfen die Etablierten zurück, dass die Kritik völlig überzogen sei, es an Politikern liege, wenn die Welt kriselt – oder dass die Kritiker ja auch keine fertige Alternative hätten. Verständlich. Dabei spricht im Jahr fünf der großen Finanzkrise eine Menge dafür, dass es besser wäre, in die Offensive zu gehen. Und dass es mit ein paar Korrekturen an der Lehre nicht getan ist. Sonst läuft die Zunft Gefahr, als Ratgeber noch weniger ernst genommen zu werden, als sie es in der Krise ohnehin schon wird.

Erschreckend krank

Wie groß der Renovationsbedarf ist, lässt sich mit Rückblick darauf messen, was seit Zeiten von Ronald Reagan und Margaret Thatcher als Paradigma das Ideal von Wirtschaftspolitik mehr oder weniger unbewusst bestimmt hat – und jahrelang von immer groteskeren Theorien zum angeblich rationalen Verhalten des Menschen gefüttert wurde. Sodass deutsche Kanzler irgendwann behaupteten, es gäbe nur noch eine richtige Wirtschaftspolitik – zu der natürlich auch liberale Großideen wie die Verbriefung von Krediten gehörten. Was die City, die Wallstreet oder Tony Blair halt gerade hip fanden.

Da galt, dass im Zweifel der Markt alles besser weiß, Politiker nie. Dass Steuern immer sinken müssen, es an Finanzmärkten nie liberal genug zugehen kann, Austeritätsprogramme plötzlich nicht mehr für Depressionen, sondern für Aufschwünge sorgen und Einkommen gar nicht weit genug auseinanderdriften können – damit bloß nicht der Anreiz zum Schaffen verloren geht. Da schien die FDP noch richtig Ideen zu haben. Ein Hosianna auf Iren, Amerikaner und Briten.

All das ergaben die Modelle – und wirkt heute zunehmend grotesk. Kreditverbriefungen haben die Krise ausgelöst. Und kriseln tun die Länder am stärksten, deren Finanzmärkte am liberalsten waren – während es just denen besser geht, die wie Kanadier und Schweden hoch regulierte Banken hatten. Plötzlich steigt die Arbeitslosigkeit in den USA und Großbritannien, wo die Arbeitsmärkte so flexibel sind. Und die FDP hat nicht einmal scheinbar noch Ideen.

Studien zeigen, wie erschreckend überproportional viele kranke, übergewichtige und herzinfarktgefährdete Menschen es in Gesellschaften mit hoher Ungleichheit gibt. Und dass der Markt auch beim Abwenden der Klimakatastrophe versagt hat.

Plötzlich scheint naheliegend, dass Regierungen gelegentlich eingreifen müssen, um katastrophale Abwärtsspiralen zu verhindern – ob in der Rezession 2009 oder beim Beinahekollaps der Euro-Finanzmärkte Ende 2011. Vorher tabu. Und dass es in Post-Bubble-Zeiten eher kontraproduktiv ist, Schulden durch Austerität drücken zu wollen, wie es Griechen und nun auch Spaniern auferlegt wurde. Da steigt die Verschuldung trotzdem, weil Austerität eben doch keine Aufschwünge auslöst, sondern im Normalfall tiefe Rezessionen.

All das birgt endlos Stoff für die Suche nach neuen Modellen. Klar sind Banken zu mächtig. Nur, wie lässt sich die Macht schrumpfen, ohne einen Wirtschaftskollaps via Kreditklemme zu riskieren? Was sind gute Kredite – wo beginnt der Kreditexzess? Wäre es besser, angesichts steter prozyklischer Übertreibungen zur hoch regulierten Finanzwirtschaft der Nachkriegsjahre zurückzukehren? Darauf gibt es keine fertigen Antworten, auch nicht darauf, wie Banken dafür aufkommen, wenn sie mehr volkswirtschaftlichen Schaden anrichten und Rettungskosten verursachen als Nutzen stiften.

Wie viel Ungleichheit ist tragbar? Was ist die Alternative zu rabiater Austerität? Und wie lässt sich eine sachtere, aber mittelfristig effizientere Konsolidierung damit vereinbaren, dass es noch genügend Druck geben muss, Staatsdefizite abzubauen? Sind Schuldenbremsen die Lösung, wenn auffällt, dass etwa die deutsche de facto extrem manipulationsanfällig ist? Oder ist es besser, die Entscheidung über das richtige Tempo für den Schuldenabbau an unabhängige Gremien abzugeben?

Deutschlands führende Ökonomen reagieren verschnupft auf Grundsatzkritik an der eigenen Zunft. Dabei wäre es besser, in die Offensive zu gehen und nach neuen Antworten zu suchen.

All das lässt sich mit den alten Reflexen nicht lösen. Da helfen keine Marktgebete. Und es wäre genauso absurd, das alte Paradigma jetzt auf den Kopf zu stellen – und jeden Staatseingriff zu preisen. Das hat sich als Leitmotiv historisch ja auch nicht unbedingt als optimal erwiesen.

Hier liegt auch das vorläufige Dilemma derer, die neu zu denken versuchen. Das alte Paradigma war so bezaubernd, weil es so absurd simpel schien: (fast) immer Markt, nie Staat. Das konnten ehemalige Filmstars wie Ronald Reagan prima verkaufen.

So ein Popslogan fehlt noch für die Nachkrisenwelt des 21. Jahrhunderts. Nur ist das erstens kein Grund, altes Denken nicht zu kritisieren, wenn das die Wirklichkeit nicht mehr erklären kann. Zweitens hat es auch bei den Vorgängern ein paar Jährchen gedauert – von den Vorarbeiten eines Milton Friedman in den 50er- wie 60er-Jahren bis zu Reagan und Thatcher in den 80ern. Und drittens muss es ja nicht wieder so ein Rumtata-Slogan sein – wenn die Welt einfach nicht so simpel ist. Auch wenn das natürlich viel bequemer schien. Da darf es nicht wundern, wenn der Spott über Ökonomen so zugenommen hat – wenn niemand den Rat mehr ernst nimmt.

Als die US-Vordenker vom Institute for New Economic Thinking (Inet) vor drei Jahren ihre erste Jahreskonferenz in Cambridge hielten, kam kein nennenswerter deutscher Ökonom. Nächste Woche startet die dritte Jahreskonferenz,* diesmal in Berlin, und das Interesse ist plötzlich groß. Da reisen etablierte Institutschef, Bankenökonomen und Sachverständige an – auch wenn mancher es tut, um das Alte noch mal zu verteidigen. Ein Schritt zum neuen Glück.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. peter noack
    6. April 2012 um 09:54

    Sehr geehrter Herr Prof. Fricke!
    Sehr schön haben Sie das Dilemma der Mainstreamökonomen dargestellt. Die ökonometrischen Modelle, die so frappierend einfach, ja geradezu ästhetisch schienen, können die ökonomischen Tatsachen der Wirtschaftsrealität nicht mehr in die wirtschaftswissenschaftlichen Theorien eingliedern bzw. erklären. Die bisher gängigen Erklärungsmuster von Nachfrageökonomen und Angebotsökonomen geben trotz unterschiedlicher Theorieansätze keine schlüssigen Antworten mehr auf die Phänomene der Realwirtschaft. Wie kommen die Ökonomen aus diesem Dilemma heraus? Was heißt hier Paradigmenwechsel? Womit beginnen?
    Ausgangspunkt muss, wie bei jeder wissenschaftlichen Analyse, die Realwirtschaft sein, wenn es nicht um reine Theoriekritik geht. Damit man sich der Realwirtschaft wieder nähern kann, muss die Wechselwirkung von Güter- und Dienstleistungsmärkten mit den Finanzmärkten in der globalisierten Weltwirtschaft erforscht werden. Wer macht das? Welche Resultate können erwartet werden? Wann werden solche Theorieansätze Lehrinhalt für Studenten? Wann kommt das entsprechende VWL – Lehrbuch? Wann wird diese neue Sichtweise der neue Mainstream der Ökonomen für Weltwirtschaftslehre? Damit sind bereits wichtige Schritte im Ablauf skizziert, die unabdingbar sind, damit das Dilemma überwunden werden kann.
    Bisher schöpfen alle bekannten Ökonomen, Angebots- bzw. Nachfragetheoretiker, die Anhänger Friedmanns oder Keynes,Nobelpreisträger oder auch nicht, aus der selben trüben Quelle ökonomischen Denkens. Was heißt denn da: Ein Paradigmenwechsel tut not und wie soll dieser vollzogen werden?
    Schon die genannten Fragen und aufgeworfenen Probleme zeigen, dass hier der ökonomische Erkenntnisprozess bei der Erforschung der Wirtschaft in das Zentrum der Berachtung gestellt wird. Welcher Ökonom hat das schon einmal gemacht und kennt sich damit aus? Mir ist keiner bekannt, der auch nur annähernd über angemessene Kenntnisse und Fähigkeiten philosophisch – erkenntnistheoretischer Grundlagen der ökonomischen Wissensxchaften verfügt oder wenigstens das Problem erkannt hat.
    Der vielfach geforderte Paradigmenwechsel nach Thomas S. Kuhn, ein Philosoph, kann nicht aus den Reihen der Ökonomen selbst kommen. Dieser Paradigmenwechsel wird so oder so von außen kommen müssen, von Philosophen. Das hat dann jedoch gravierende Konsequenzen! Die Ökonomen einschließlich der wissenschaftlichen Beiräte, Sachverständigenräte, Politikberater, Forschungsinstitute usw. usf. werden die aufgeworfenen Probleme der Wirtschaftwissenschaften nicht lösen und ihr Rat kann oder darf deshalb nicht befolgt werden, wenn Schaden abgewendet werden soll. Das genannte Dilemma bleibt auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, erhalten.
    Soweit es in meinen Kräften steht, werde ich an diesem Paradigmenwechsel arbeiten. Das bedeutet jedoch, dass jeder ökonomische Begriff einen neuen, anderen Sinn und Bedeutung erhällt. Ein völlig neues Theoriegebäude muss errichtet werden. Vergleichbar ist das nur mit der relativistischen Physik nach A. Einstein. Eine relativistische Weltwirtschftslehre wird gestaltet werden müssen. Dann sind auch die Erklärungsmuster mathematisch wieder einfach, aber dennoch nicht leicht zu verstehen.
    Die FTD hat von mir bereits einige Leserbriefe mit Thesen und manche Kommentare unter dem Pseudonym Philosoph. Alles zusammengelegt und gruppiert ergeben sich meine Denkansätze für den Paradigmenwechsel.
    Der FTD wünsche ich viel Erfolg bei der Steuerung des Richtungsstreites unter den Ökonomen.

  2. Michael Berlemann
    5. April 2012 um 16:51

    Lieber Herr Fricke,

    es sollte zur Standesehre von Journalisten gehören, sich ernsthaft über Dinge zu informieren, über die man als Journalist schreibt. Man sollte dies um so mehr von Journalisten erwarten, die seit Jahren bei Zeitungen schreiben, die vorgeben, sich seriös mit Wirtschaftsfragen auseinander zu setzen. Diese meines Erachtens völlig entbehrlichen und überaus populistischen Kommentare führen sicher nicht dazu, dass wir uns in den Medien endlich seriös mit ökonomischen Themen auseinandersetzen.

    Mir liegt es fern, Ihnen so nahe zu treten wie sie dies mit Ihren meines Erachtens inhaltlich völlig falschen Darstellungen den meisten Volkswirten tun. Ich möchte Sie jedoch herzlich bitten, sich vor dem Verfassen solcher Beiträge einmal die Zeit zu nehmen, wenigstens ein grundlegendes Lehrbuch zur Thematik vorzunehmen. Ich gebe Ihnen gerne Literaturhinweise zu den von Ihnen besprochenen Themen. Ich bin mir sicher dass die Lektüre Ihnen beweisen würde, dass sie mit Ihren Anmerkungen ziemlich daneben liegen.

    Mit dennoch freundlichen Grüßen
    Michael Berlemann

  3. Zapp Brannigan
    5. April 2012 um 13:33

    Sehr geehrter Herr Fricke,

    schauen Sie gelegentlich mal in ein Lehrbuch über Wirtschaftspolitik. Sie werden erstaunt sein, was man dort alles bezüglich Markt- und Staatsversagen sowie berechtigten Eingriffen in den Marktprozess finden kann.

  4. Martin Kreuzer
    5. April 2012 um 12:12

    Lieber Herr Fricke,

    Sie kritisieren vollkommen zurecht, dass das Mantra freier Märkte uns in eine Krise geführt hat. Leider suchen Sie sich für Ihre Kritik jedoch die falschen Adressaten aus.

    Mir scheint nämlich, dass auch Sie der irrigen Annahme unterlegen sind, dass Ökonomen ausschließlich und unbedingt an die Freiheit der Märkte glauben. Dieser Mythos hält sich leider beständig in der medialen Berichterstattung und Diskussionen unter ökonomischen Laien.

    Tatsächlich kennen und lehren Ökonomen einen ganzen Katalog voller Situationen, in denen sie wissen, dass der Markt systematisch versagt. Als Beispiel seien externe Effekte, das sogenannte Gefangendilemma, Informationsasymmetrien, subadditive Kosten (Natürliches Monopol) und die Allmendegut-Problematik genannt. Diese Themen werden in jeder Wirtschaftspolitikvorlesung und in jedem Wirtschaftspolitikbuch behandelt – inklusive passender Lösungsansätze.

    Alle Krisen, die uns gerade beschäftigen (selbst die Klimakrise), lassen sich mit ökonomischen Standardtheorien erklären. Die Frage, ob die Politik oder die Ökonomen versagt und uns die Krisen eingebracht haben, stellt sich also gar nicht.

    Herzliche Grüße
    Martin Kreuzer

    • Jon Doe
      6. April 2012 um 11:01

      Guten Morgen Herr Kreuzer,

      „Alle Krisen, die uns gerade beschäftigen (selbst die Klimakrise), lassen sich mit ökonomischen Standardtheorien erklären. Die Frage, ob die Politik oder die Ökonomen versagt und uns die Krisen eingebracht haben, stellt sich also gar nicht.“

      Wer oder was dann, die Dinger sind doch aber in der Welt?

  5. Christoph Strebel
    5. April 2012 um 10:49

    Der Abbau der bestehenden Ungleichheit erfordert einen erheblichen Paradigmenwechsel. Die Abbauer riskieren es, als Kommunisten, Stalinisten, Feinde der Freiheit verunglipft zu werden.
    Wir brauchen ein Debatte, was denn „Freiheit“ (oder „liberal“) sei und wie weit sie geht.
    Ist die Freiheit des einen nicht oft erlittene Sklaverei für den anderen?
    Gibt es Situationen, wo in einem Punkt es genau eine Freiheit gibt, die nur entweder der eine oder der andere haben kann?
    Ein Kreditkrise ist auch immer eine Forderungskrise. Geld ist nichts wert, wenn man nichts dafür kaufen will.
    Wer viel hat, der muss auch viel Steuern zahlen, oder er muss Wirtschaftsgüter kaufen, die eben nicht alle die Megarendite bringen.
    Oder wir müssen lernen genau(er) zu beobachten, was eigentlich unsere Vorfahren schon für wunderbare Investitionen getätigt haben und wir müssen lernen, diese effektiver zu nutzen.

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