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Die Kolumne – Gute Schulden, schlechte Schulden

13. April 2012

Nach ihren Exzessen müsste die Finanzbranche dringend schrumpfen. Nur: um wie viel? Und wie viel Kredite sind sinnvoll? Eine Antwortsuche auf der Konferenz der Neuen Denker.

Seit 2007 die ganz große Finanzkrise ausbrach, hat das Vergeben von Krediten ein, sagen wir, Imageproblem. Jahrelang hat die Geldvergabe der Finanzbranche derart überschwänglich geboomt, bis plötzlich aufflog, was alles auf Kredit finanziert wurde. Und plötzlich alle ihre Schulden abbauen wollten, statt Geld auszugeben.

Seitdem versuchen Notenbanken und Regierungen, zur Rettung des Systems einzuspringen und Geld bereitzustellen. Seitdem wollen Systemkritiker am liebsten alles verbieten, was die Menge an kursierendem Geld erhöht – etwa dadurch, dass das Geld ans real existierende Gold gekoppelt würde. Schluss mit Kreditwirtschaft. Dabei fragt sich, ob die Welt so nicht von einem Unsinn in den nächsten stolpern würde.

Womöglich wäre es weiser, künftig zu trennen, was gute und was schlechte Kredite sind. Statt alles in einen Topf zu werfen, was Banken an Geld vergeben, wie das in herkömmlichen Erklärmodellen üblich ist; und statt jedwede Geldschöpfung zu verteufeln. Dann ließe sich auch ermessen, um wie viel die Finanzbranche noch schrumpfen muss, damit wir ihre Exzesse nicht alle paar Jahre wieder neu ausbaden müssen.

Nullsumme im Kasino

In den vergangenen drei Jahrzehnten galt nach gängiger Lehre, dass das Geld umso effizienter verwendet wird, je größer die Volumen sind, die dort hin- und hergeschoben werden. Über Sinn und Unsinn urteilt der Markt. Und wenn Kredite schneller wuchsen als die Realwirtschaft, erklärten Branchenvertreter schnell, dass das halt die Vertiefung des Sektors spiegele, was irgendwie auch wieder toll klang. Dann wurden Kredite eben mit Krediten bedient.

Nun wäre es absurd, jede Kreditvergabe als gefährlich einzustufen. Wenn das Geld dazu diene, reale Investitionen zu finanzieren, sei das für alle Beteiligten sinnvoll, schreibt der Groninger Wirtschaftswissenschaftler Dirk Bezemer in seinem beeindruckenden Beitrag für die internationale Inet-Konferenz der Neuen Denker, die seit Donnerstag in Berlin tagt.* Im Grunde sei es sogar nötig, Geld zu schöpfen, wenn mehr hergestellt werden soll als bisher. Solche Investitionen generierten reale Wirtschaftsleistung, die wiederum die Basis dafür sei, die Schulden wieder zu tilgen. Dadurch erhöhe sich insgesamt auch nicht das Niveau der Verschuldung im Land.

Das Gegenteil gelte, wenn es um Kredite geht, die für Konsum, Immobilien oder sonstige Finanzgeschäfte genutzt werden, so Bezemer. Dann wird Geld geschöpft oder aus der Wirtschaft abgezogen, ohne dass dem zwingend eine Wertschöpfung gegenübersteht. Im Gegenteil, so Bezemer: der Kauf eines Wertpapiers sei ein Nullsummenspiel – wer etwa eine Aktie erwirbt, hat zwar mehr Vermögen, gleichzeitig steigen aber bei dem, der sie ausgibt, die Verbindlichkeiten. Netto steigt die Verschuldung.

Genau hier ist das Drama der aktuellen Krise. Bezemer teilte die Schuldenstände der US-Banken auf: in solche, die im Finanzsektor samt Immobilien- und Konsumkrediten entstehen – und jene, die von der Realwirtschaft gemacht werden. Und siehe da: Die Kredite für reale Investitionen sind von den 50er-Jahren bis zur Krise 2007 gemessen am Bruttoinlandsprodukt kaum gestiegen; hier kann die Blasenursache nicht liegen. Anders bei der Finanzwirtschaft, deren Schulden 1952 gerade so hoch wie die US-Wirtschaftsleistung eines Jahres lagen – bis Mitte der 80er-Jahre die Globalfinanz reguliert wurde: Bei Krisenausbruch 2007 erreichten die Schulden der Geldbranche das Fünffache der Wirtschaftsleistung. Die Geldlotterie der Banker erklärt damit fast allein den enormen Anstieg der Schulden bei US-Banken.

Alarm per Frühwarnsystem

Das Tückische ist: Wenn beim Hin- und Herkaufen von Finanzprodukten die Preise steigen, steigen logisch auch die Verbindlichkeiten – das heiße: jeder Vermögenspreisboom sei auch ein Schuldenboom, so Bezemer. Wobei der Preisanstieg die Illusion von Wertschöpfung aufrecht hält, de facto aber die Schulden weiter erhöht – bis die Blase platzt. Dann sind die Werte weg, Schulden und Schuldendienst aber bleiben – oder müssen von Staaten übernommen werden. Willkommen im Jahr 2012.

Die Ursache des Übels scheint in jener Deregulierung zu liegen, die just vor Beginn des Booms einsetzte, ziemlich ungebremst Kredite ermöglichte – und sich als Desaster erweist. Weil mit steigender Verschuldung die Anfälligkeit der Finanzbranche für Crashs steigt und viel Geld zur Bedienung von Schulden aufgebracht werden muss, das sonst für Investitionen in Wirtschaft und Arbeitsplätze bereitstünde. Und weil der schöne Vermögensboom dazu beigetragen hat, dass die einen sich immer reicher fühlen – und andere immer ärmer.

Nun räumt auch Bezemer ein, dass es sinnvolle Kreditgeschäfte innerhalb der Finanzbranche gibt, etwa zum Abfedern von Risiken. Dadurch lasse sich aber nur ein kleiner Teil der Exzesse legitimieren. Das Limit vernünftiger Schulden liege etwas höher als die Wirtschaftsleistung, solange diese Schulden zum Großteil reale Investitionen finanzieren.

Aus Bezemers Analyse ließen sich Frühwarnsysteme ableiten, die nicht gleich Alarm schlagen, wenn mal die Kredite wachsen – was nötig ist, um die Wirtschaft vorankommen zu lassen –, dafür aber umso lauter, wenn Banken nur noch an Banken, Konsumenten oder Immobilienkäufer verleihen, diese Kredite über Jahre viel stärker wachsen als die Realwirtschaft und die Schulden weit über 100 Prozent des BIPs steigen.

Um dahin zu kommen, müssten Kredite viel stärker wieder bewirtschaftet werden, sagt Bezemer. So wie das in der Zeit vor der großen Deregulierung und ihren fatalen Schuldenfolgen der Fall gewesen ist. Radikal, aber womöglich besser so.

Bis dahin geht es ohnehin erst mal darum, auf verträgliche Niveaus zu schrumpfen. Entweder über Verzicht und Austerität, was jedoch lange dauert und bedeutet, dass viel Geld aus der Realwirtschaft abgezogen werden muss, um das Finanzdesaster zu beheben. Oder aber, so Bezemer, über Schuldenschnitte für alle. So wie es das nach ähnlichen Exzessen in alten Zeiten gab, als zur Bereinigung einfach „Debt Jubilees“ erlassen wurden.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. 17. April 2012 um 14:02

    Verehrter Herr Fricke,

    Sie sind Chef-Ökonom der Financial Times Deutschland. Sie haben den Artikel „Gute Schulden, schlechte Schulden“ vom 13. April geschrieben. Sie schreiben dort: „Womöglich wäre es weiser, künftig zu trennen, was gute und was schlechte Kredite sind. Statt alles in einen Topf zu werfen, was Banken an Geld vergeben, wie das in herkömmlichen Erklärmodellen üblich ist; und statt jedwede Geldschöpfung zu verteufeln.“

    Vorweg: Dieser Satz ist völlig richtig. Erstaunlich ist, dass ein solcher Satz überhaupt geschrieben werden muss. Es ist ein Zeichen dafür, dass einige offensichtliche Tatsachen aus den Hirnen von Ökonomen kollektiv verdrängt werden.

    Tatsache 1: Es ist streng zu unterscheiden zwischen Geld als Geldvermögen und Geld als Zahlungsmittel. Geld als Zahlungsmittel sind Bargeld und die Sichtguthaben auf den Girokonten. Geldvermögen ist die Summe aus Zahlungsmitteln zuzüglich Forderungen abzüglich Verbindlichkeiten.

    Tatsache 2: Geld im Jahre des Herrn 2012 entsteht als Zahlungsmittel durch Kreditvergabe einer Geschäftsbank. Bei Tilgung des Kredits verschwindet das Geld wieder. Geld ist von Geburt an somit „Schuldgeld“

    Tatsache 3: Geldvermögen entstehen nur mit einer gleich großen Gegenposition Verschuldung. Die Summe aus Geldvermögen und Schulden ist global gesehen Null.

    Tatsache 4: Eine Volkswirtschaft als Ganzes kann nicht sparen. Jedenfalls kein Geld.

    Vor allem die Tatsachen drei und vier scheinen einigen Menschen nicht in den Kopf zu wollen. Sonst kämen sie nicht auf die Idee die Staatsverschuldung über Ausgabenkürzungen zurückschrauben zu wollen.

    Nicht nur bei „faulen Krediten“, – faule Kredite sind Ausleihungen, deren Besicherung „suboptimal“ war – die von den Kreditgebern abgeschrieben werden müssen, ist ein Schuldenabbau nur möglich, wenn gleichzeitig ein Geldvermögensabbau vor sich geht. Eine gesellschaftliche Diskussion darüber anzustoßen, wie dies von statten gehen soll, das wäre auch Aufgabe für einen Chef-Ökonomen, der Journalist ist.

    Als Einstieg empfehle ich „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik“ von Wolfgang Stützel (ehemaliger Wirtschaftsweiser, leider ein wenig in Vergessenheit geraten) und die Internetseiten von http://www.global change 2009.de.

  2. 13. April 2012 um 19:26

    Das ist doch mal erfreulich, von Hr. Fricke etwas anderes zu lesen als die Forderung, dass der deutsche Steuerzahler für die südeuropäische Sause die Zeche bezahlen müsse.

    Wenn ich als Laie den Text richtig verstanden habe, dann geht es hier wohl um Geldschöpfung der Geschäftsbanken via Kreditvergabe.

    Auf der anderen Seite existiert aber anscheinend auch ein Spar-Überhang [Exportüberschüsse der Chinesen, Deutschen, Ölförderländer (?); Kapitaldeckungsverfahren in der Rentenversicherung], d. h. gespartes Geld geht nicht mehr direkt in die Nachfrage, sondern nur noch über Schulden (und mit Renditeerwartung, wodurch es sich weiter vermehrt!).
    Diese Problematik (die sich evtl. mit den ‚geschöpften‘ Krediten verschränkt) scheint mir hier nicht adressiert zu sein.

    Was die Geldschöpfungs-Kredite angeht, stellt sich für mich aus marktwirtschaftlicher Sicht die Frage, ob und aus welchen Gründen „der Markt“ nicht schon auf der betriebswirtschaftlichen Ebene (bei den Gläubigern) (Rendite-)Signale sendet, welche die Vergabe von gesamtwirtschaftlich nützlichen Kredite lukrativ und gesamtwirtschaftlich schädliche Kreditevergabe unattraktiv macht.
    Anders gesagt: Welche Marktmechanismen ermöglichen es überhaupt, dass Gläubiger mit „schädlichen“ Krediten Geld verdienen können, und auf welche Weise könnte man – vorzugsweise ohne krude bürokratische Detailregelungen – die Vergabe von „schädlichen“ Kredite über den Markt (oder ggf. auch eine Finanztransaktionssteuer) unattraktiv machen?

    • 16. April 2012 um 13:37

      Forderung, dass der deutsche Steuerzahler für die südeuropäische Sause die Zeche bezahlen müsse.

      Herr Brinkmann, da haben Sie offenbar etwas falsch verstanden: unser Argument ist, dass man in Zeiten dysfunktionaler Märkte einen Sicherungsmechanismus braucht, der die Krise stoppt. Wenn dieser rechtzeitig eingesetzt worden wäre, wäre es nie zu einer solchen Eskalation gekommen – und dann bräuchte der deutsche Steuerzahler auch nichts zu bezahlen. Sorry, das ist halt etwas komplizierter, als es sich am deutschen Stammtisch breit gemacht hat.

      Besten Gruß
      TF

  3. 13. April 2012 um 13:58

    Das ist ein Schritt in die richtige Richtung zu denken. Die Schuldenhöhe als solches, kann kein Kriterium sein, zu sparen, mit der Begründung die Schulden seien zu hoch. Schulden wirken eben unterschiedlich, je nachdem wie Sie verwandt werden.
    Was ich bei der Diskussion noch vermisse (oder bisher nicht gelesen habe) ist der Aspekt, wie das Vermögen der Ruheständler eigentlich angelegt werden soll, wenn aufgrund eines Schuldenabbaus das Volumen an Rentenpapieren sinkt.

  1. 20. April 2012 um 08:36
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