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Die Kolumne – Hollande, le Schlossgespenst

20. April 2012

An den Märkten geht die Furcht vor einem neuen Präsidenten in Frankreich um. Das hat nach zwei Jahren Merkozy-Desastern etwas leicht Masochistisches. Vive le changement.

Wahlen sind etwas Fürchterliches. Da weiß man nie, was nachher rauskommt. In harmloseren Fällen Piraten, die lustig sind. In anderen auch schon mal neue Staatspräsidenten, wie es jetzt in Frankreich passieren könnte – wo das Volk am Sonntag zum ersten Wahlgang aufgerufen ist.

Nur dass das nicht alle offenbar so lustig finden. Seit Wochen spukt in Deutschland und in der Finanzszene die Sorge, dass der Sozialist François Hollande gegen den guten alten Nicolas Sarkozy gewinnt – und dann auf die Idee kommen könnte, die Krisenstrategie von unserer Sonnenkönigin Frau Merkel und ihrem braven Kumpanen zu ändern. Ja, geht’s noch?

Ganz im Ernst: Nach zwei Jahren Merkozy-Krisenmanagement, elenden Austeritätsversuchen, Rezessionen und trotzdem chronisch nervösen Märkten kann man ja mal überlegen, ob die Strategie nicht gewissermaßen optimierbar ist. Vielleicht wäre es für uns und die Finanzmärkte sogar vermögens- und wohlstandsfördernd, wenn mal jemand der Kanzlerin, sagen wir, hilft, ihre Eingebungen fortzuentwickeln. Also Kontra gibt.

Lähmendes Gezerre

Die Ehrfurcht vor Merkozys Politik hat etwas Masochistisches. Alles spricht dafür, dass Angela Merkels – gut gemeintes – Hinauszögern von Hilfen an Griechenland im Frühjahr 2010 dazu geführt hat, die Pleitepanik der Investoren richtig eskalieren zu lassen. Als kontraproduktiv erwiesen sich auch die Strafzinsen, die das Schuldendesaster irreversibel machten, wie Joseph Stiglitz sagt.

Mehr noch: Selbst Freunde deutscher Orthodoxie räumen seit den Desastern in Griechenland und Spanien ein, dass rabiate Austeritätspakete wegen der rezessiven Folgen der schlechteste Weg sind, um Staatsschulden nachhaltig abzubauen.

Merkels Manie, Banken und Anleger möglichst sofort an Schuldenschnitten zu beteiligen, hat im Herbst 2010 dazu geführt, dass mit dem Deauville-Treffen, auf dem Merkozy das publik machten, die Märkte in Panik gerieten und Irland unter den Rettungsschirm musste. Die Sache wurde trotzdem durchgeboxt. Was im Juli die vorerst dramatischste Kriseneskalation auslöste, Italiener und Spanier in den Paniksog katapultierte und in Griechenland endgültig zum Infarkt führte – weil selbst die, die bereitstanden, nicht in einem Land investieren wollten, das von monatelangem Umschuldungsgezerre paralysiert ist und womöglich gerade pleitegeht.

Die Bilanz ist verheerend. Merkels Privatgläubigerbeteiligung hat die Krise verschlimmert. Ähnliches gilt in Sachen Austerität, für deren Umsetzung Technokraten ein- und demokratische Prozesse ausgesetzt wurden. Jetzt stecken Italien und Spanien in so tiefen Rezessionen, dass die Staatsdefizite trotz dramatischer Kürzungen und höheren Steuern kaum gesunken sind. Bravo.

All das haben Merk und Ozy produziert, obwohl es eine Menge Leute gab, die vor diesem Desaster warnten. Manches mussten sie in Panik schon korrigieren. Und wahrscheinlich hätte das ein oder andere selbst die schwäbische Hausfrau besser hingekriegt. Da kann man schon mal über Personalkonsequenzen in staatlichen Führungsfunktionen nachdenken.

Angela Merkels Idee ist nach wie vor, dass die Krise weggeht, wenn man den Märkten nur hinreichend Spar- und Reformopfer bereitet, um die Krisengötter gütig zu stimmen. Die Realität ist komplizierter. Es spricht eine Menge dafür, dass die jüngste Entwicklung der Staatsschulden eher Folge und Symptom der Krise ist; wie sonst ließe sich das Kriseln von Iren und Spaniern erklären, die bei Krisenausbruch gar kein Staatsdefizit hatten? Wie lässt sich sonst erklären, dass es trotz enormer Kürzungen in vielen Ländern nicht besser wird? Es spricht auch eine Menge dafür, dass es sinnvoller ist, mit gleichem Eifer für Wirtschaftswachstum zu sorgen, weil der Schuldenabbau sonst ohnehin scheitert.

Wenn das stimmt, ist es absurd, wie Merkozy mit deutscher Regulierungswut jetzt das x-te Fiskalpaktmonstrum aufdrängen – und so schon wieder am Symptom kurieren. Dann könnte es sich als ziemlich schlau erweisen, den Pakt zumindest zu ergänzen. Und genau das fordern François Hollande und seine Berater.

Hollande besser für Merkel

Ideen dafür gibt es, etwa von einem von Hollandes Beratern, dem Harvard-Ökonomen und einem der global führenden Wachstumsexperten, Philippe Aghion (gegen den Merkels Berater eher Kreisliga spielen). Warum sollte die Europäische Investitionsbank nicht viel stärker in den Aufbau der Krisenländer, in Infrastruktur oder in die Energiewende investieren – alles Projekte, die Europa voranbringen? Warum sollten nationale Konsolidierungsprogramme nicht unter den Vorbehalt gestellt werden, dass nur das durchgeht, was die Konjunktur möglichst wenig belastet. Was jetzt übrigens auch die Ökonomen des einst ultraorthodoxen Internationalen Währungsfonds (IWF) vorschlagen. Einsicht hilft.

Es ist absurd, solche Forderungen mit der vorauseilenden Sorge zu kontern, das sei ein fatales Signal an die Finanzmärkte. Diese Märkte und anliegende Ratingagenturen haben in den vergangenen Monaten angeschlagene Regierungen zur Austerität getrieben – um dann plötzlich entrüstet festzustellen, dass dem betreffenden Italiener, Spanier oder Griechen einfach das nötige Wachstum fehle, um Schulden abzubauen. Eine Branche im Alzheimermodus.

Eine Möglichkeit wäre, die ganze Gilde auf Kur zu schicken, um wieder vernünftig Politik zu machen. Das geht natürlich nicht (würde wahrscheinlich auch keine Kasse übernehmen). Die andere Möglichkeit ist, dass Europas Regierende die Führung übernehmen – und zwar mit guten und nicht mit schlechten Ideen.

Wenn es gelingt, schlaue Konzepte dafür zu entwickeln, Rezessionen zu stoppen und dafür mittelfristig umso stetiger Schulden abzubauen, etwa durch langfristig wirkende Reformen bei der Rente, gibt es gute Chancen, dass selbst die Finanzmarktakteure das honorieren. Das Ergebnis zählt: die sinkenden Staatsschulden. Nicht die Brachialität von Maßnahmen, die am Ende keinen Schuldenabbau bringen.

Für all das braucht Europa keinen Mix aus einer Kanzlerin, die jetzt zwar führt, nur in die falsche Richtung und mit unausgegorenen Ideen, und einem französischen Präsidenten, der poltert, am Ende aber ideenlos hinterherläuft. Sondern eine Kanzlerin, die gute Ideen bekommt, weil ihr aus dem zweitwichtigsten Euro-Land jemand zur Seite gestellt wird, der ihr dabei kundig hilft.

Wenn die beiden Großen in Europa hinter einer Strategie stehen, die Schulden mittelfristig effizient abzubauen, könnte auch Europas Zentralbank das absichern. Dann werden auch die lieben Märkte Ruhe geben.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. wetec
    30. April 2012 um 20:28

    @ Dr. Wilhelm Herdering:
    Verzeihen Sie, wenn ich widerspreche. Aber die Antwort findet sich eben genau in diesem Artikel. Um das zu realisieren, muss man sich aber zunächst von der Annahme trennen, dass der Staat wie ein Privatunternehmen oder ein Sparer/Anleger, wie ich es Ihnen jetzt mal unterstelle, funktioniert. Der Staat muss weder Provit machen, noch muss er ein Höchstmass an Rendite erzielen. Er muss, und das kann er bedingt, das Zinsaufkommen der Vorfinanzierung des jährlichen Steueraufkommens mittels Staatsanleihen durch kluge Verwendung der aufgenommenen Kredite begrenzen, oder gar senken, indem er damit einen entsprechenden Gegenwert schafft. Würde der Staat also die aufgenommenen Schulden nebst Zinsen, wie in diesem Artikel gefordert, sagen wir mal in einem Niedrigzinsland wie Deutschland,in Infrastruktur und Energiewende investieren, könnte dies durch daraus entstehender Mehrbeschäftigung nicht nur die Einnahmen durch ein zunehmendes Lohnsteueraufkommen erhöhen, sondern umgekehrt propotional auch die Ausgaben für Arbeitslosengeld zurückfahren. Abgesehen von dem ökologischen Gewinn würde zu dem eine intakte, perfekt ausgebaute Infrastuktur und die Unabhängigkeit von fossilen- und sonstigen Energielieferanten Massen von Investoren ins Land rufen. Dem zur Folge könnte der Staat nicht nur die Verschuldung durch Zinslast kompensieren, sondern auch bestehende Schulden abbauen. Die Spirale wird sich unaufhörlich nach oben drehen. Diese Möglichkeit der Krisenlösung wurde den PIGS, um in Ihrem Ratingwortlaut zu bleiben, von Anfang an verwehrt. Statt dessen dreht sich die Spirale durch „sparen, sparen, sparen“ vor unser aller Augen unaufhaltsam nach unten. Auch das sagt dieser Artikel ganz klar aus.

    Hätte ich beinahe vergessen.
    Der Staat kann neben o.g. Möglichkeiten im Gegensatz zu einem privaten Unternehmen oder Sparer seine Einnahmen kosequentfrei steigern, indem er Steuererhöhungen klug platziert. Nehmen wir als Beispiel Griechenland. Dort besitzen angeblich 2000 Griechen 80% des Privatvermögens des Landes. Bei 2000 Bürgern wäre dies ein übersichtlicher bürokratischer Akt, eine Vermögenssteuer von…sagen wir…30-40% einzutreiben, statt 10000’en Lohn und Brot zu nehmen. Nur ist dieses Vermögen nicht im Land, sondern…sagen wir mal… in der Schweiz. In diesem Fall hat der griechische Fiskus nur über diplomatischen und wirtschaftlichen Druck die Möglichkeit, die dem Staat zustehende Verbindlichkeit erfolgreich einzufordern. Nun ist Griechenland , das vor der Krise mal gerade 3% der Wirtschaftsleistung der EU ausmachte in diesem Sinne kein sonderlich bedrohlicher Gegner. Aber mit Deutschland, das seinem EU- und Handelspartner zur Seite springt, würden die Erfolgsquote imens erhöht. Praktische und kostenlose Krisenbewältigung. Schauen wir auf den derzeitgen Amnestisierungsversuch deutscher Steuerbetrüger mit der Schweiz, den Schwarz-Gelb unter allen Umständen durchdrücken will, ist dies eher keine realistische Option. Also weiter sparen und vernichten.

  2. wetec
    29. April 2012 um 22:47

    Mehr als ein Jahr ist es nun her, das die Müllers, Frickes, Schirrmachers, Flassbecks (die Liste ist so erfreulich lang, dass sie den Rahmen sprengen würde) mich aus der Vollnarkose merkelscher Hofberichterstattung der Mainstreammedien befreit haben. Und ich muss sagen, dass seither der Wissenszuwachs enorm ist. Ist ja auch klar. Die realen Zusammenhänge z.B. der Krise werden in der Mehrheit der täglichen Berichterstattung verschwiegen, verdreht, und gelogen wird auch.
    Seit einiger Zeit allerdings hab ich das Gefühl, dass ihr Topjournalisten und Querdenker die Lust an meiner Ausbildung verloren habt. Das mag, oberflächlich gesehen, egoistisch klingen, in der Tiefe jedoch zeigt es auf, dass eure Botschaft bei uns einfachen Bürgern und Arbeitern nicht nur ankommt, sondern auch verstanden werden kann.
    Chrisperators Beitrag, der mir inhaltlich aus der Seele spricht, und ein Satz dieses Artikels, den ich in dieser Kolumne niemals erwartet hätte haben mich ermutigt, hier und heute den ersten Kommentar meines Leben zu verfassen. Und mögen kritische Worte folgen so bedenken Sie, Herr Fricke; dass es auch Ihre Arbeit ist, die zu einer Rückmeldung eines einfachen Facharbeites, der wie o.g. noch vor gut einem Jahr im Mainstreamkoma lag, wie dieser führt. Das ist nicht nur beruflichiche Anerkennung für Sie und Ihres gleichen, sondern auch die Bürde der Verantwortung, an Stelle unserer Volksvertreter das Volk durch Aufklärung vor Schaden zu bewahren.

    Und dazu warten Sie darauf, (und ich hab den Eindruck, das tut die gesamte kritische Fraktion) dass der Kanzlerin jemand die Wahrheit sagt? Ist das der Grund, warum „die Kanzlerin macht falsche Krisenpolitik“ oder „Merkel versteht die Krise nicht“ der Weisheit letzter Schluss ist? Das kann ich angesichts der Qualität der kritischen Akteure nicht glauben. Aus eigener Erfahrung kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass Merkel genau weis, wie man Krisen löst. Sie hat mir, und hunderttausenden von Menschen, nämlich 2009 den Job gerettet. Nicht, weil sie, wie jetzt in Europa, auf die Schuldenbremse-, sondern das Konjunkturbelebungspedal bis zum Anschlag durchgetreten hat. Abwrackprämie hatte Passat und E- Klasse als deutschen Exportschlager abgelöst. Nein! Merkel weis auch heute genau, was sie tut. Und sie tut das auf geniale Weise. Mit ihrer „marktkonformen Demokratie“ sagt sie uns die Wahrheit direkt ins Gesicht, und die Umfragewerte zucken nicht einmal. Klar! Die Medien tuns bis auf wenige Ausnahmen ja auch nicht. Und für all die, welche „marktkonforme Demokratie“ als Begriff nicht verstehen, geht Wolfgang Schäuble im November letzten Jahres in der New York Times ins Detail…“ich sehe die Krise als einen Hebel für einen Systemwechsel“. Ja, genauer gehts jetzt aber wirklich nicht, lieber Mainstream.
    Wäre Merkel vor der Finazkrise mit Lockerung des Kündigungsschutzes, Senkung der Mindestlöhne, Abbau von Sozialleistungen, Personalabbau im öffentlichen Dienst, Lohnsenkung in der Privatwirtschaft….die ganze deutsche Palette eben, in Europa hausieren gegangen, ich denke, das Gelächter des Kontinents hätte man bis Island gehört. Und heute passiert es. Europa wird nach deutschem Vorbild ausgemerkelt. In diesem Zusammenhang steigt mir als Deutscher der Neid ins Blut, was in Europa noch so alles abbaubar ist.

    Warum Merkel sich krisenpolitisch innerhalb zweier Jahre um 180° gedreht hat, mag zum einen Ideologischen Hintergrund haben, zum anderen hat sich seither aber auch ihr Beraterumfeld auf eigenen Wunsch verändert. Nach Ausbruch der Finazkrise berief sie eine „Expertengruppe neue Finanzmarktarchitektur“ zwecks Bekämpfung der Krise und Prevention gegen weitere Krisen, auf den Plan. Ein durchaus lobenswerter Vorgang. Schaut man aber auf die Zusammensetzung dieses Gremiums, dürfte den derzeitige Zustand Europas niemanden mehr verwundern. Und seien Sie mir nicht böse, Herr Fricke, auch wenn Sie mich vieles gelehrt haben, aber uns diese fundamental neoliberale und eigeninteressen gesteuerteTruppe als „Kreisliga“ zu verkaufen ist schon ein Grund, sich mal ernsthaft unter vier Augen zu unterhalten. (Scherz)
    Der Vorsitzende, Otmar Issing, ist ein Goldman Sachs Berater. Bei Goldman Sachs müssten eigentlich die Alarmglocken des ganzen Kontinents glühen. (kleines Beispiel für Interessenten in der Runde: Abacus 2007- AC1 in Suchmaschine eingeben). Der Rest der Bande hat es genau so in sich. Und da kann es kein Zufall sein, dass fast ein ganzer Kontinent unter der Führung der deutschen Kanzlerin marktkonform zusammengefaltet wird und der Cup in ganz Deutschland als „Staatsschuldenkrise“ implatier wird, um bloss von den Verursacherbanken der Eurokrise abzulenken. 480 Milliarden Euro soll allein die Bankenrettungen hier in Deutschland verschlungen haben. Eine Summe, für die es keinen Gegenwert gibt. Kein einziges Schlagloch wurde beseitigt, kein einziges Freibad wurde wieder geöffnet. Nein. Diese von den Banken verzockte Summe wird an alle nachfolgenden Generationen weiter gegeben.

    Merkel will genau das, was gerade passiert. Darauf hinzuweisen wäre der nächste logische Schritt. Das sie aus unserer Sicht alles falsch macht, wissen wir.

  3. Very Serious Sam
    24. April 2012 um 07:34

    Thomas Fricke :
    Sie erklären mir dann sicher noch, wie Wirtschaftswachstum sonst geht, wenn nicht durch Geld. Durch Beten?

    Durch Steigerung der Produktivität. Und dazu bedarf es nicht zwingend noch mehr Steuergelder und deren Transfers. Deutschland hat es ja gezeigt.

    Die Geschichte der letzten zehn Jahre zeigte ebenso: die GISPIFs haben dank immer noch mehr Schulden keinerlei Druck gehabt, ihre Produktivität zu steigern. Und jetzt, wo sie die einst viel zu billigen Kredite dank risikogerechter Zinsen weitaus teurer verlängern müssen, haben sie Probleme. Die man sicher nicht mit noch mehr billigen Geld (Eurobonds und ähnlichen finanziellen Zukunftsvernichtungswaffen) lösen kann, im Gegenteil.

    • Markus29
      24. April 2012 um 11:02

      Steigende Produktivität bedeutet aber, dass man dann mehr Käufer für jene Produkte benötigt, will man nicht die dann ansonsten überflüssigen Leute entlassen und damit Kaufkraft vernichten.

      Wie viele Autos sollen noch auf den Straßen fahren?
      Wie teuer soll das Benzin noch werden, denn mehr Autos benötigen mehr Benzin und die Ölförderung wird immer teurer, weil natürlich zuerst die billigen Ölquellen genutzt werden.

    • 24. April 2012 um 13:17

      Und Innovation und Produktivität entstehen einfach so, weil man sich anstrengt? Das halte ich für reichlich naiv. Übrigens: In Deutschland liegt die Stundenproduktivität in der Gesamtwirtschaft heute nicht höher als 2006, davor gab es gerade einmal zwei Jahre eine – eher konjunkturell getriebene – Beschleunigung. In Irland, Griechenland und Portugal ist die Produktivität in den von Ihnen zitierten Jahren dagegen schneller gewachsen als in Deutschland. Das passt alles nicht in dieses Märchen von den guten Deutschen und den schludrigen Anderen, die sich mit billigen Zinsen nur verschuldet haben.
      Ich bin übrigens auch immer wieder erstaunt, wie wenig die Rettungsaktionen bei uns verstanden werden. Es geht nicht darum, neue Blasen zu produzieren, sondern deflationäre Spiralen und Finanzierungskollapse zu verhindern, die nach aller historischer Erfahrung desaströse Effekte hätten.

      • Markus29
        24. April 2012 um 23:01

        @Thomas Fricke:
        Thema Rettungsaktionen: Was Sie sagen ist korrekt: Die bereits existierenden Kredite (speziell an Staaten) müssen zur Vermeidung einer Deflationsspirale refinanziert werden, wobei es aus technischer Sicht egal ist, ob dies via EFSF, ESM oder EZB geschieht.

        Es muss aber zu möglichst niedrigem Zins geschehen und der Anreiz zum Missbrauch jenes Instruments muss möglichst gering sein, d.h.: Das Instrument muss für beide Seiten unangenehm sein.

        Gleichzeitig verhindert der beschriebene Einfluss auf die Bonitäten, dass die Wirtschaft wie bisher durch kreditfinanzierte Konjunkturprogramme angekurbelt werden kann, die Staatsverschuldung muss sogar zusätzlich noch sinken.

        In diesem Umfeld muss dann aber „Wachstum“ generiert werden, was sehr schwer ist, weil dazu verschleppte Strukturreformen sehr schnell nachgeholt werden müssen, was den Populisten zuspielt.

        Das Problem an Hollande ist, dass er auf Basis jener Analyse Wahlversprechen gemacht hat, mit welchen er am Markt scheitern muss, weil die Kreditgeber ihm die nötigen Kredite versagen dürften, denn sein Ansatz steht im Widerspruch zum beschriebenen Einfluss auf die Bonitäten.

        Damit enttäuscht er dann aber seine Wähler, was den Rechten zuspielt.

    • John Doe
      28. April 2012 um 07:30

      1. wie wird Produktivität betriebswirtschaftlich erreicht?
      2. was ist deren Zweck?
      3. hat sich diese betriebsswirtschaftliche Produktivität in Löhnen und Preisen niedergeschlagen? Wenn Nein, wo dann?
      4. Was unterscheidet volkswirtschaftlich z, B. GR von D?
      5. In GB und EIRE, Island stimmte doch scheinbar die Produktivität, wie ein Blick in die Vergangeheit zeigt. Wieso sind die drei Staaten dann pleite?
      6. Was unterscheidet diese Staaten z. B. von Spanien?
      7. Wieso sind die Staaten/Banken gut durch die Krise gekommen, die nicht auf vollständige Deregulierung gesetzt haben (Australien, Shanghai, Kanada etc.)?
      8. Wann begann und in welchen Ländern, in welchem volkswirtschaftlichem Segment, in welchem betreibswirtschaftlichem Geschäftsfeld die Bankenkrise? Woran sind LTCM und AIG zu Grunde gegangen? Was hat diese Firmenpleite mit der US Staatsverschuldung zu tun?
      9. Quelle BIZ. Gross Product weltweit 70 Trillion $; lizensierter Finanzbereich Volumen 60 Trillion $, unlizensierter Finanzbereich 702 Trillion $. Wie und womit ist nur dieses viele Geld in die Welt gekommen, was macht eigentlich dieses viele Geld? Gehört es zu M1 (reales Geld) oder zu Mxx? Was hätte das für Konsequenzen? Sind diese 702 Trillion $ aufgelöst, wenn ja, was hätte das für Konsequenzen?
      10. Geht es bei der zitierten Produktivität nicht um Wertschöpfung, sondern um Wertabschöpfung?
      Kann es sein, dass Sie, dass Sie noch nicht die Frage gestellt haben, wann, wieso, womit die systemisch nötige Kredit- und Defizitpolitik des „Kapitalismus“ ausser Rand und Band geraten ist?

  4. micha12
    23. April 2012 um 08:46

    Alles etwas schlicht dargestellt, wenn Herrn Fricke die Kanzlerin als Grundübel der Finanzkrise darstellt. Ich jedenfalls bin froh, dass sie nicht -ohne überhaupt zu wissen in welcher Misere Griechenland steckt – gleich zum Nachteil der von ihr zu vertretenden Deutschen mit Hilfsgeldern, unnützen Marshallplänen, Eurobonds u.u. im Stile der sozialistischen Internationale umhergeworfen hat. Und dieser Linie ist sie gottlob einigermassen treu geblieben. Der Beitrag von Herrn Fricke wäre dann glaubhaft gewesen, wenn er dargestellt hätte, wie bei noch mehr Einsatz von Geld zur Wirtschaftsankurbelung die zwangsläufig noch weitaus höheren Schulden hätten abgebaut werden können. Das Märchen, dass durch zwangsläufig entstehende Steuermehreinnahmen nicht weitere Wahlgeschenke in Form von Sozialtransfers erfolgen, sondern die Rückzahlung der Schulden möglich seien, glauben doch nur theoretische Schönschreiber :
    hier noch mit einseitiger Diffamierungstendenz.

    • Markus29
      23. April 2012 um 13:17

      @micha12:
      Immer mit der Ruhe…
      Auch der Fricke wird irgend wann begreifen, dass man mit Geld keine Arbeit schaffen kann und sich das dann auch noch „rechnen“ soll…

      Keynesianer vs. Friedmänner…
      Dass beide Unrecht haben können, ist jenen Gläubigen wohl noch nicht aufgefallen…

      • 23. April 2012 um 13:56

        Sie erklären mir dann sicher noch, wie Wirtschaftswachstum sonst geht, wenn nicht durch Geld. Durch Beten? So ein bisschen ökonomisches Grundverständnis braucht man natürlich schon, um das ernsthaft zu diskutieren. Nichts für ungut.

      • Markus29
        24. April 2012 um 11:12

        @Thomas Fricke:
        Die Geldmenge (mitsamt Verbriefungen in Form von Anleihen) ist bereits schneller als die Wirtschaftsleistung gewachsen. Geld ist aber Kredit und Kredit hängt von der Bonität ab.
        Bonitäten hängen aber von der Wirtschaftsleistung ab.

        Wie also soll Ihr Ansatz weiter funktionieren, wenn er eben jene Bonität vernichtet, deren er bedarf? Dieser Widerspruch gehört zu den Krisenursachen.

        Sie können nicht mehr Kredit aufnehmen, als sie mit Ihrem Job an Zinsen zahlen können.

        Als Lösungsweg müssen Sie also erreichen, dass die Wirtschaft „wächst“, ohne dass die Geldmenge schneller wächst. Das aber ist schwierig, denn dazu muss bereits existierendes Geld in Investitionen landen. Wie erreichen Sie jenes Ziel?

  5. Very Serious Sam
    23. April 2012 um 07:03

    „dem Harvard-Ökonomen und einem der global führenden Wachstumsexperten, Philippe Aghion“

    der wie alle anderen ‚global führenden Wachstumsexperten‘ weder die Bankenkrise noch die Staatsfinanzenkrise vorhergesagt hat. Die Ökonomenzunft hat in den vergangenen Jahrzehnten kläglich versagt. Wohl deshalb, weil sie auf Ideologien einerseits und abstrakte mathematische Modelle andererseits setzt. Statt auf die Auswertung empirischer Fakten.

  6. Dr. Wilhelm Herdering
    22. April 2012 um 14:45

    Geld ausgeben mag für die Konjunktur gut sein.
    Nur eines hat Herr Fricke noch nicht beantwortet, was ist mit den steigenden Staatsschulden?
    Bislang ist immer viel Geld ausgegeben worden, der Süden hat insgesamt sogar gigantische Summen geschenkt bekommen, was die Konjunktur in den PIGS sicher nicht verschlechtert hat. Nur die Schulden Griechenlands, Spaniens, Portugals, Frankreichs, Italiens und Deutschlands sind immer weiter gestiegen absolut sowieso und auch in Relation zum jeweiligen BIP.
    Ist das alles nebensächlich? Sind Schulden von Staaten im Grunde nur Zahlen auf dem Papier und Papier ist geduldig?
    Wenn ich Geld auf dem Konto habe, dann will ich sicher sein, dass es nicht nur Zahlen auf dem Papier oder inn der Elektronik sind, sondern dass ich mir im Zweifel etwas dafür kaufen kann und möglichst jedes Jahr in etwa das gleiche und nicht in 10 Jahren nur noch fast nichts.
    Meine Guthaben-Gelder sind anderer Leute oder des Staates Schulden.
    In diesem Sinne sehe ich Staatsschulden nicht nur als Zahlen auf dem Papier.
    Und der Konjunkturverlauf interessiert mich eher nur am Rande, wenn ich an mein Guthaben bei der Bank oder in der Lebensversicherung denke.

  7. 20. April 2012 um 17:21

    Einfach wunderbar beschrieben Herr Fricke. Hollande wird hoffentlich auch nach der Wahl noch zu seinen Worten stehen? Ich bin gespannt. Aber das wäre wirklich eine Chance endlich mal in eine andere Richtung zu denken, von der absurder Weise die am meisten profitieren werden, die so vehement dagegen sind.

  8. Chrisperator
    20. April 2012 um 11:32

    Da stellt sich doch die Frage: Wissen es Mutti und ihre „Kreisliga-Berater“ nicht besser, oder lautet das (Haupt)Ziel letztendlich garnicht Krisenlösung.
    Merkel und ihre CDU schweben von einem zum naechsten Umfragehoch. Dieses beruht leider nicht auf vernuenftiger Politik, sondern auf einer Brise Demagogie, der dem Volk leicht verkaeuflichen, angeblichen Notwendigkeit zur Austeritaet und der vorgefuehrten Haerte gegen die boesen Defizitsuender.

    Das deutsche Volk honoriert diesen ganzen Schwachsinn, schon weil es so selbst nicht zum (Mit)Schuldigen an der ganzen Misere erklaert wird. Und die Politik wird wiederum ihre Haltung solange beibehalten, wie die Umfragen ihr Recht geben. Eine wirklich gelungene Symbiose.

    Ob ein Hollande diesen Teufelkreis zu durchbrechen verhelfen kann bleibt allerdings fraglich. Merkel ist die politische Krisengewinnerin – ihr Wille, die tatsaechlichen Probleme nachhaltig anzugehen, duerfte nicht allzu gross sein.

  1. 24. April 2012 um 10:48
  2. 20. April 2012 um 15:37
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