Startseite > Gästeblock > David Milleker – Die EZB-Einlagenfazilität und die Bedeutung von Systemdynamik

David Milleker – Die EZB-Einlagenfazilität und die Bedeutung von Systemdynamik

7. Mai 2012

In welchem Zusammenhang stehen das erhöhte Volumen der EZB-Einlagenfazilität mit systemischen Problemen? Um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können, braucht es eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Funktion der Zentralbank innerhalb des Bankensystems.

Geldpolitik ist zuletzt ganz schön kompliziert geworden. Begriffe wie Einlagen- oder Spitzenrefinanzierungsfazilität waren bis vor kurzem bestenfalls etwas für Experten und faktisch, weil kaum in Anspruch genommen, waren sie auch nicht von Relevanz. Für die breitere Diskussion von Geldpolitik war daher das Bild hinreichend, dass eine Zentralbank einen Topf Geld hinstellt, den die Geschäftsbanken an die Realwirtschaft und die privaten Konsumenten weiterreichen, woraus dann Wachstum und/oder Inflation resultieren. Mehr vom einen und/oder anderen, wenn der Topf größer wird, oder weniger, wenn er kleiner wird.

Nun stimmte dieses Bild zwar noch nie mit der Realität überein, da Zentralbanken zumeist einen Leitzins festlegen und die Geschäftsbanken zu diesem Zins je nach Situation für Kreditnachfrage und eigener Risikobereitschaft von der Zentralbank Geld beziehen. Die Größe des Geldtopfs wird somit eigentlich von den Geschäftsbanken und nicht von den Zentralbanken bestimmt. Trotzdem ließen sich damit halbwegs treffsichere Prognosen abgeben.

Um komplizierte Sachverhalte zu veranschaulichen, arbeiten Volkswirte eigentlich immer mit realitätsfernen Annahmen oder Bildern. Das spielt so lange keine Rolle, wie die Zusammenhänge im ökonomischen System relativ stabil sind. Eine Darstellung mag sachlich schief sein, aber trotzdem zu den richtigen Ergebnissen führen. Man sollte freilich eine gewisse Offenheit dafür mitbringen, stets kritisch zu hinterfragen, ob ein Bild nicht nur schief, sondern unter geänderten Gegebenheiten nicht schlicht falsch ist.

Ein gutes Beispiel aus diesen Tagen bietet da die Bereitstellung erheblicher Mengen an Zentralbankgeld durch die Europäische Zentralbank (EZB) über die beiden Drei-Jahres-Tender von Ende 2011 und Anfang 2012. In diesen beiden Operationen wurden den Geschäftsbanken rund 1.000 Mrd. Euro an Zentralbankgeld zur Verfügung gestellt. Dafür liefen kürzerfristige Refinanzierungsoperationen in der Größenordnung von 200 Mrd. Euro aus. Per saldo hat das System also etwa 800 Mrd. Euro mehr zur Verfügung. Um etwa den gleichen Betrag wie diesen Saldo ist nun die sogenannte Einlagenfazilität bei der EZB angestiegen. Dabei handelt es sich um eine Art Tagesgeldkonto einer Geschäftsbank bei der Zentralbank. Die Geschäftsbank bekommt dafür zwar von der Zentralbank Zinsen gezahlt, aber deutlich weniger, als sie dort für einen Kredit bezahlen muss.

Ein durchaus gängiges Argumentationsmuster lautet nun, dass die Banken in der Währungsunion ja nach den Refinanzierungsoperationen der EZB zu 1 Prozent Geld aufgenommen haben und zu 0,25 Prozent dort wieder anlegen. Betriebswirtschaftlich also ein Verlustgeschäft. Deshalb müsse das Geld über kurz oder lang von den Banken in die Realwirtschaft fließen und dort für Wachstum und/oder Inflation sorgen.

Diese Argumentation wäre in „normalen Zeiten“ (gemeint ist hier die Zeit vor 2008) stichhaltig gewesen. Damals lag das Volumen der Einlagenfazilität nur unmerklich über der Nullmarke. Dass die Zeiten seither nicht normal sind, kann man daran sehen, dass auch schon vor den beiden Drei-Jahres-Tendern die in langfristigen Refinanzierungsoperationen von der Zentralbank begebenen Zentralbankgelder in der Einlagenfazilität gelandet sind und dort so lange verblieben, bis die Operation (die Dauer des Zentralbankkredits) vorüber war. Das gleiche Phänomen ist in den USA zu beobachten,wo das Quantitative-Easing-Programm ebenfalls zum Entstehen sogenannter „Überschussreserven“ der Geschäftsbanken bei der Federal Reserve geführt hat.

Kurz und gut: Was wir in der Realität beobachten, widerspricht deutlich dem, was man aufgrund simplifizierender Annahmen hätte erwarten können. Es ist an der Zeit, die Annahme selbst zu hinterfragen und sich mit der Dynamik im System zu beschäftigen.

Eine plausible Erklärung für die ungewöhnliche Datenlage ergibt sich dann, wenn man die Annahme „der“ Banken aufgibt und von einem System heterogener Akteure ausgeht. Beispielsweise kann man sich das so vorstellen, dass wir eine Gruppe „schlechter“ Banken und eine Gruppe „guter“ Banken haben. Von den schlechten fließen nun Einlagen zu den guten Banken ab. Dadurch entsteht eine Schieflage in der Bilanz der schlechten Banken, die nur dann geschlossen würde, wenn die guten Banken den schlechten im Umfang der Depositenumverteilung innerhalb des Systems wieder Geld ausleihen würden. Verweigern sich die guten Banken dieser Ausleihung, würden die schlechten letztlich nicht überleben können. Das kann man mit jedem anderen Bilanzposten genauso durchdeklinieren, entscheidend ist nur, dass die guten Banken keine Geschäfte mehr mit den schlechten machen wollen.

Hier kommt nun die Zentralbank ins Spiel. Sie gibt beispielsweise über die Refinanzierungsoperationen der schlechten Gruppe eine Überbrückungshilfe. Sofern der Depositenabfluss nicht aufhört, die gute Gruppe aber aufgrund von Risiko-Rendite-Überlegungen oder mangelnder Kreditnachfrage keine Ausleihungen vornimmt, fließt das Geld letztlich nur von einem Teil des Systems in einen anderen, aber nicht heraus. Wichtig dabei ist, dass – im Gegensatz zu einer einfachen Rechnung – beide Teile des Systems betriebswirtschaftlich „gewinnen“. Der schlechte Teil, indem er nicht exorbitante Einlagenverzinsung bieten muss, um die Abwanderung der Depositen zu verhindern, sondern nur den Leitzins, um sich frisches Geld von der Zentralbank zu besorgen. Der gute Teil bekommt die zwar nicht hohe, aber immerhin positive Verzinsung der Einlagenfazilität.

Rein technisch dient die Zentralbankbilanz also als Brücke zwischen dem guten und dem schlechten Teil des Systems. Solange sich am Grundbefund einer mangelnden Interaktion zwischen den Teilen allerdings nichts ändert, bleibt die Einlagenfazilität hoch, sie verteilt sich nur innerhalb des Systems neu.

Die Brückenfunktion der Zentralbank ist dabei natürlich – wie alles in der Ökonomie – nicht kostenlos. Sie übernimmt Risiken in heute nicht bekannter Höhe. Ihre Alternative ist jedoch ein vorhersehbarer Systemkollaps heute gegenüber noch unbekannten Kosten morgen, wenn das System weiter dysfunktional bliebe und die schlechten Banken sich letztlich doch nicht als überlebensfähig herausstellen sollten. Ihr Puffer für diese Risiken ist dann freilich tatsächlich die Differenz zwischen Ausleihzins der Refinanzierungsoperationen und der Verzinsung in der Einlagenfazilität.

Um wieder zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen zurückzukehren: Simplifizierung ist häufig notwendig, darf aber nicht dazu führen, die Augen vor der Realität zu verschließen. Die Aussage, dass die Mittel in der Einlagenfazilität nur temporär dort lagern werden, ist vor den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit zumindest kritisch zu hinterfragen. Wie sich die Verteilung der Mittel in der Einlagenfazilität entwickelt, ist allerdings ein wichtiges Indiz dafür, ob die systemischen Probleme zu- oder abnehmen. Konzentrieren sich die Mittel beispielsweise beschleunigt in „Kerneuropa“, würde das für eine Zunahme sprechen. Ist das nicht der Fall, wäre das Indiz für einen Heilungsprozess.

Advertisements
  1. Huthmann
    12. Mai 2012 um 17:41

    matze :“Sofern der Depositenabfluss nicht aufhört, die gute Gruppe aber aufgrund von Risiko-Rendite-Überlegungen oder mangelnder Kreditnachfrage keine Ausleihungen vornimmt, fließt das Geld letztlich nur von einem Teil des Systems in einen anderen, aber nicht heraus”
    Kurze Frage: Kann denn aus dem Bankensystem aggregiert überhaupt ZB-Liquidität “heraus”-fliessen? Nach meinem Verständnis müssten die Banken dafür Verbindlichkeiten ggü der ZB zurückfahren – oder der Privatsektor mehr Cash halten. Ansonsten wanderten auch bei steigender Kreditnachfrage durch die Realwirtschaft die Depositen im Banksystem hin und her mit entsprechenden ZB-Liquiditätsströmen innerhalb des Bankensystems.

    Aus der Lektüre des Artikels vermute ich, daß es sich um Giralgeld handelt, daß nicht aus dem Bankensystem zu den privaten Haushalten fließt. Giralgeld kann nur dann fließen, wenn die Banken Geld schöpfen durch Kredite oder den Kauf von Assets jeweils gegen Gewährung/Einrichtung eines Sichtguthabens.

  2. holger1001
    10. Mai 2012 um 10:36

    —>>>Die Brückenfunktion der Zentralbank ist dabei natürlich – wie alles in der Ökonomie – nicht kostenlos. Sie übernimmt Risiken in heute nicht bekannter Höhe“

    Waaaas macht die EZB ? Welche Risiken denn? Bitte… ich hätte da mal gerne ne Auflistung! Das Risiko der Geburt etwa?

  3. Alex Hummel
    9. Mai 2012 um 15:25

    @Matze

    „Kurze Frage: Kann denn aus dem Bankensystem aggregiert überhaupt ZB-Liquidität “heraus”-fliessen? Nach meinem Verständnis müssten die Banken dafür Verbindlichkeiten ggü der ZB zurückfahren – oder der Privatsektor mehr Cash halten. Ansonsten wanderten auch bei steigender Kreditnachfrage durch die Realwirtschaft die Depositen im Banksystem hin und her mit entsprechenden ZB-Liquiditätsströmen innerhalb des Bankensystems.“

    Selbstverständlich nicht. Der Author druckt sich hier wirklich unklar aus, indem er sowohl Zentralbankgeld als auch Geschäftsbankgeld unter einem Begriff „Geld“ vereinigt. Was er eigentlich sagen will, ist, dass das Zentralbankgeld von den „scchlechten“ zu den „guten“ Banken fließt, die „guten“ aber kein Geschäftsbankgeld schaffen, obwohl sie es eigentlich aufgrund ihrer verbesserten Reservesituation könnten.

  4. David F. Milleker
    9. Mai 2012 um 15:16

    „Kurze Frage: Kann denn aus dem Bankensystem aggregiert überhaupt ZB-Liquidität “heraus”-fliessen?“

    Im technischen Sinne geht das nicht. Im ökonomischen Sinne schon, beispielsweise vergibt eine Bank einen Kredit, daraus wird dann beim Kreditnehmer eine Einlage. Auf diese Einlage müsste die Bank dann bei der Zentralbank eine Mindestreserve hinterlegen. Technisch bliebe dadurch die Zentralbankbilanz unverändert. Aus der bislang bei der Zentralbank in der Einlagenfazilität hinterlegten Reservesumme würde dann eine Mindestreserve (immer noch Teil der Zentralbankbilanz, aber eben nicht mehr Teil der Einlagenfazilität). Die Höhe der Einlagenfazilität in Kombination mit der Höhe der Zentralbankbilanz gibt also eine Indikation darüber, ob nicht nur Prozesse zwischen der Zentralbank und den Geschäftsbanken, sondern auch zwischen den Geschäftsbanken und dem Nicht-Bankensektor ablaufen.

    Sie haben recht, dass die Zentralbankbilanz nur dann kleiner wird, wenn die Geschäfte zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken vermindert werden. So auch geschehen beim bisherigen LTROs aus den Jahren 2008 und 2009.

  5. matze
    8. Mai 2012 um 20:46

    „Sofern der Depositenabfluss nicht aufhört, die gute Gruppe aber aufgrund von Risiko-Rendite-Überlegungen oder mangelnder Kreditnachfrage keine Ausleihungen vornimmt, fließt das Geld letztlich nur von einem Teil des Systems in einen anderen, aber nicht heraus“

    Kurze Frage: Kann denn aus dem Bankensystem aggregiert überhaupt ZB-Liquidität „heraus“-fliessen? Nach meinem Verständnis müssten die Banken dafür Verbindlichkeiten ggü der ZB zurückfahren – oder der Privatsektor mehr Cash halten. Ansonsten wanderten auch bei steigender Kreditnachfrage durch die Realwirtschaft die Depositen im Banksystem hin und her mit entsprechenden ZB-Liquiditätsströmen innerhalb des Bankensystems.

  1. No trackbacks yet.
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: