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Die Kolumne – Aufschwung für Oma

18. Mai 2012

Alle feiern das deutsche Rundum-Jobwunder. Dabei hält sich der Stellenboom bei Jüngeren arg in Grenzen. Das wirkliche Wunder erleben dagegen nur die Alten.

Seit zwei Jahren gibt es in Deutschland (fast) monatlich neue amtliche Rekordmeldungen vom Arbeitsmarkt. Kurios: Genauso hartnäckig ist aus dem Volk immer noch zu hören, der Aufschwung komme gar nicht richtig an. Ewige Nörgler? Oder berechtigte Zweifel?

Ein Grund für die gebremst begeisterte Wahrnehmung könnte darin liegen, dass viele neue Jobs befristet und unsicher sind, die Löhne weniger steigen, als es so einer Arbeitsmarktlage angemessen wäre. Was allerdings immer weniger der Fall ist.

Ein anderer Grund ließe sich aus einem weiteren Phänomen ableiten. Zwar steigt die Beschäftigung in Deutschland in der Tat stärker, als es bei dem Wirtschaftswachstum üblich ist – sagen wir: ein Wunder. Nur scheint das bei näherer Betrachtung so eine Art Altersphänomen zu sein; bei den Jüngeren kann von Wundern dagegen nicht wirklich die Rede sein. Was wiederum daran zweifeln lässt, ob der Jobboom von der Agenda 2010 kommt, die ja eigentlich keine Ü55-Altersbeschränkung hatte.

Keine Sensation

Nach Angaben von Eurostat gab es in Deutschland Ende 2011 rund 3,3 Millionen mehr Menschen zwischen 15 und 64 Jahren, die eine Arbeit haben, als Ende 2005. Was zumindest insofern ein Wunder ist, als keiner der damals noch grassierenden Deutschland-Nörgler damit gerechnet hatte.

Mindestens so bemerkenswert ist, wie unterschiedlich die Bilanz je nach Alter ausfällt (siehe Grafik). Für die unter 25-Jährigen gab es laut Eurostat Ende 2011 gerade mal 250000 mehr Jobs als Ende 2005 – macht ein Plus von sechs Prozent in sechs Jahren. Gut, aber kein Wunder. Ähnliches gilt für die mittlere Altersklasse der 25- bis 54-Jährigen. Hier liegt der Zuwachs sogar nur bei 4,6 Prozent – alles andere als eine Arbeitsmarktsensation, gemessen daran, dass das Bruttoinlandsprodukt heute fast zwölf Prozent höher liegt als damals. Da wurde nicht wirklich überproportional viel Arbeit geschaffen.

Den wahren Boom machen die Senioren in der Klasse darüber: Hier liegt das Plus mit allein 1,7 Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen um rund eine halbe Million höher als bei der viel größeren Klasse der 25- bis 54-Jährigen. Das macht einen Anstieg bei den Erfahreneren von umwerfenden fast 40 Prozent seit 2005. Mehr noch: Anders als bei den Jüngeren wurde der Aufstieg der ergrauenden Bevölkerung weder durch die Lehman-Pleite noch sonst was gebremst. Bei den unter 25-Jährigen gab es 2008/09 dagegen einen so starken Rückgang, dass das vorangegangene Hoch selbst jetzt noch nicht wieder erreicht ist, diagnostiziert Bert Colijn, Arbeitsmarktexperte beim US-Forschungsinstitut Conference Board in Brüssel.

Gemessen am gängigen Loblied auf die Agenda 2010 als vermeintliche Jobwunder-Erzeugerin wirkt das eher verstörend. Eher unplausibel, dass Hartz IV oder die Verkürzung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld nur bei Älteren gewirkt hat, bei den Jungen aber nicht. Ähnliches gilt für deregulierte Zeitarbeitsregeln. Oder für die generelle Lohnzurückhaltung, die auch nicht nur für Opa und Oma galt. Wenn all das den Jobboom erklären würde, hätte es auch bei den Jüngeren seit 2005 zu überdurchschnittlichen Zuwächsen führen müssen.

Ein Teil der Altersverschiebung könnte schlicht darin liegen, dass jetzt zunehmend geburtenschwache Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt nachrücken – und es mehr gibt, die vor dem Arbeiten noch studieren. Ein anderer läge darin, dass heute mehr Frauen im Alter noch Teilzeitjobs kriegen und wollen, die tatsächlich überproportional boomen. Oma first. Nur kann auch das nicht das Ausmaß des Altenbooms erklären.

Entscheidend dürfte gewesen sein, dass drei andere Phänomene mehr oder weniger glücklich zusammenwirkten: die Abschaffung von Frühverrentungsanreizen bei gleichzeitiger Reifung der Babyboomer-Generation – und prima Konjunktur. Was in der Praxis schlicht heißt: Weil die Konjunktur gut lief und es keinen Sonderanreiz mehr gibt, vorzeitig in Rente zu gehen, bleiben die zunehmend ergrauenden Beschäftigten heutzutage einfach länger da – ein Jobwunder durch Sitzenbleiben sozusagen. Zumal die betreffenden Babyboomer den Vorteil hätten, dass sie erstens gut ausgebildet und zweitens altersbedingt einfach erfahrener seien, sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

Für Conference-Board-Ökonom Colijn ist das Ergebnis nicht weniger eindrucksvoll: „Die Deutschen haben sich in den vergangenen Jahren für die Alterung der Bevölkerung vorbereitet“ – und anderen vielleicht vorgemacht, wie man in so kurzer Zeit am Arbeitsmarkt so atemberaubend altern kann.

Übers Ziel hinausgeschossen

Noch 2005 arbeiteten nicht mal ein Zehntel mehr Alte als Junge, wobei die Alten damals als chancenlos galten. Mittlerweile gibt es 42 Prozent mehr 55- bis 64-Jährige, die einen Job haben, als unter 25-Jährige. Und der Anteil der Älteren, die arbeiten, ist innerhalb von sieben Jahren von 40 auf 60 Prozent hochgeschnellt. „So einen enormen Anstieg hat es in keinem anderen größeren Land in Europa gegeben“, sagt Colijn.

Ob das zum Vorbild taugt? Vielleicht. Es spricht nur auch einiges dafür, dass der deutsche Altenboom übers Ziel hinausgeschossen ist – und zulasten der Jungen im Land geht. Zwar ist auch bei den unter 25-Jährigen in den jüngsten Aufschwungjahren die Arbeitslosenquote gefallen – von 16 auf immerhin nur noch acht Prozent. Damit liegt die Rate aber über dem Schnitt, und sie ist auch nur auf das Niveau von 2001 zurückgefallen, kein wirklich historischer Rekord. Im Schnitt aller Altersklassen ist sie dagegen sogar niedriger als im sagenhaften Einheitsboom 1991. „Die deutschen Reformen haben der älteren Generation ermöglicht, ihre Jobs zu halten, ohne den Jungen genügend neue zu bieten“, sagt Colijn.

Kurios, aber wahr: Deutschlands womöglich wichtigste Arbeitsmarktreform der vergangenen Jahre war nicht Hartz IV, sondern das Ende der staatlich geförderten Frühverrentung. Dank an die Älteren im Land, die jetzt noch ein bisschen länger den Wohlstand mehren. Noch schöner wäre, wenn künftig die Jobs für Jüngere genauso wundersam boomen.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. Peter Noack
    21. Mai 2012 um 10:49

    Boom am Arbeitsmarkt
    Durch den Geburtenknick in Ostdeutschland kommen derzeit über 130 Tausend Jugendliche weniger jährlich auf den Arbeitsmarkt. Mit Verzögerung trifft das auch den Westen. Das beginnt damit, dass nicht mehr so viele ihre Lehre bei Unternehmen im Westen antreten. Die Lehrstellen bleiben unbesetzt. Dieser Trend wird das ganze nächste Jahrzehnt anhalten. Die Anzahl der jüngeren Beschäftigten muss folglich abnehmen. Das konnte man bereits seit zehn Jahren ausrechnen, weil alle Jobsucher auf dem Arbeitsmarkt heute ein Geburtsdatum, Namen und Adresse haben. Zwangsläufig müssen Frühverrentung abgeschafft und Ältere länger beschäftigt werden. Nit Hartz IV hat das kaum etwas zu tun. Alle Argumente dafür, die Arbeitslosen nur mehr zu fordern, damit sie endlich nicht mehr faul auf dem Sofa sitzen, sondern wieder malochen, stehen jetzt auf dem Prüfstand. Die Populisten (spätrömische Dekadenz) wird das kaum anfechten.

    Trotzdem: Ein Trend ist noch nicht gebrochen. Bei aller Steigerung der Arbeitsproduktivität im letzten Jahrzehnt sind die Reallöhne immer noch niedriger als im Jahr 2000 oder sogar 1993. Der Binnenmarkt lässt grüßen. Im Preiswettbewerb hat Deutschland den Siegerkranz erreicht. Sehr zu Nachteil von Griechenland, Italien und auch Frankreich.
    Insbesondere Frankreich kann die deutschen Rezepte nicht anwenden, weil keine demografische Wende hilft. Wird hier der Staat helfen können? Zweifel sind erlaubt.

  2. emanon
    20. Mai 2012 um 13:55

    Interessante Zahlen, die aber m.E. noch vorsichtiger Interpretiert werden müssen als es der Artikel sowieso tut.

    Beispielsweise erscheint mir der Vergleich des Anteils von Berufstätigen in der Altersgruppe 55- bis 64-jährige in verschiedenen Ländern sinnlos, wenn dort ganz andere Pensierungsgrenzen (z.B. schon mit 60 Jahren) gelten.

    Weiterhin stellt sich die Frage, ob die Berufsanfänger und Senioren um die gleichen Arbeitsplätze konkurrieren, vermutlich nicht. In diesem Zusammenhang dürfte die vielfach beklagte Bildungsmisere bei einem großen Teil der Heranwachsenden eine große Rolle spielen. Die Basisdaten der Statistiken dürften gerade solche Informationen nicht enthalten, die einen Rüückschluß auf Abwägungen von Arbeitgebern ermöglichen, ob sie lieber einen älteren Mitarbeiter einstellen, der erfahren ist, aber ein höheres Gesundheitsrisiko aufweist, oder einen jüngeren, der gesund, aber mathematischer Analphabet ist.

  1. 21. Mai 2012 um 08:56
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