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Ökonomenstreit – Praxischeck mit Karl-Heinz Paqué

9. Juli 2012

Der Wirtschaftswissenschaftler Karl-Heinz Paqué hat einen sehr lesenswerten Brief an jene Kollegen verfasst, die den kritisierten Aufruf von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn unterschrieben haben. Von 2001 bis 2007 war Paqué stellvertretender Landesvorsitzender der FDP in Sachsen-Anhalt und dort Finanzminister. Im Gegensatz zu vielen Unterzeichnern des Aufrufs hat er also jede Menge Praxiserfahrung.

Hier kommt der Brief, den wir nach Absprache mit Karl-Heinz Paqué veröffentlichen:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

der Aufruf von Walter Krämer und Hans-Werner Sinn vom vergangenem Dienstag,
3. Juli, hatte m. E. in dreierlei Hinsicht Erfolg:
(i) Es kamen ganz schnell 170 Unterschriften zusammen;
(ii) es entstand ein riesiges Interesse in den Medien; und
(iii) es gab eine muntere Diskussion unter Ökonomen und Politikern.

Ich selbst habe nicht unterschrieben, weil ich in der Sache völlig anderer
Meinung bin. Ich habe die Stellungnahme zur Europäischen Bankenunion
unterschrieben, die Frank Heinemann (Berlin) am Freitag initiierte. Aber
dies ist nicht der Kernpunkt meiner Mail. Mir geht es um die Rolle des
Ökonomen in der Politik- und Krisenberatung, also ein Thema von allgemeiner
Bedeutung für unsere Profession. Mit Blick auf diese Rolle sollten wir
nochmals ernsthaft und in Ruhe nachdenken. Was diese Rolle betrifft, war m.
E. der Aufruf vom Dienstag alles andere als ein Erfolg. Ich erläutere im
Folgenden, weshalb ich dies so sehe.

Zunächst: Mit dem Aufruf wurde eine klare Position bezogen. Sie lautet: kein
Schritt in Richtung einer Bankenunion. Begründung: moral hazard und
Umverteilung von Steuerzahlern zu reichen Vermögensbesitzern in der City of
London und der New Yorker Wall Street. Der Adressat sind „die Mitbürger“,
die die „Abgeordneten ihres Wahlkreises“ beeinflussen sollen. [In dieser
gedanklichen Konstruktion hat der Aufruf übrigens Ähnlichkeit mit dem Aufruf
von seinerzeit rund 50 Ökonomen (fast alle keine FDP-Mitglieder!) an die
Mitglieder der FDP (ich selbst bin FDP-Mitglied), in der parteiinternen
Abstimmung dem ESM nicht zuzustimmen.]

Ich habe im Wesentlichen drei grundlegende Kritikpunkte gegenüber dieser
klaren Position:

(1) Es steht uns Ökonomen nicht gut an, nach einem derart einfachen Muster
zu argumentieren, also: ohne jede Abwägung der Kosten und Risiken einer
Politik. Dass es solche Kosten und Risiken gibt, erscheint fast trivial –
ein Blick auf die Erfahrung mit beobachteten Ansteckungseffekten genügt, um
dies zu belegen. Man fragt sich, warum sich überhaupt eine ganze
Forschungssparte unseres Faches mit der Funktionsweise von Finanzmärkten und
ihren makroökonomischen Folgen beschäftigen sollte, wenn alles so einfach
wäre. Die Wirtschaftswissenschaft ist doch die Wissenschaft der
Opportunitätskosten und -risiken. Über diese kann man unterschiedlicher
Meinung sein, aber sie noch nicht einmal in den Blick zu nehmen, verletzt
die Grundphilosophie gerade unserer Wissenschaft und grenzt im Übrigen ans
Unseriöse.

(2) Es steht uns Ökonomen nicht gut an, politische Aspekte einfach völlig zu
ignorieren, auch wenn sie von ganz offensichtlicher Tragweite sind. Alle
Italienkenner waren sich einig, dass Mario Monti dringend einen politischen
Erfolg brauchte und deswegen so hart auftrat, nachdem die deutsche
Opposition die Tür dazu geöffnet hatte. Viele vermuteten, er würde sonst
über kurz oder lang stürzen und jedenfalls massiv an Macht verlieren.
Wohlbemerkt: ausgerechnet jener italienische Ministerpräsident, der als
herausragender Ökonomiekollege in wenigen Wochen mehr für die Reform des
größten EU-Schuldnerlandes (und damit des größten EU-Pulverfasses!) getan
hat als alle seine Vorgänger. Immerhin ist das Haushaltsdefizit seiner
Regierung (trotz scharfer Rezession!) auf ein Niveau gebracht, das im
Verhältnis zum BIP niedriger liegt als das von Österreich (und,
konjunkturbereinigt, nicht höher als das von Deutschland!).

(3) Es steht uns Ökonomen nicht gut an, das Kernproblem der
„Fristeninkongruenz“ – langfristige Reformwirkung vs. kurzfristige
Finanzmarktreaktionen – generell völlig außer Acht zu lassen. Man mag
vielleicht über Griechenland streiten, aber in Irland, Italien, Portugal und
Spanien fassen mutige Regierungen Reform- und Sparbeschlüsse, die an
drakonischer Wirkung weit über das hinausgehen, was in Deutschland im
letzten Jahrzehnt geschah (und was ja auch lange in seiner Bedeutung
verkannt wurde, wie populäre Veröffentlichungen namhafter deutscher Ökonomen
noch vor wenigen Jahren belegen). Die Erfolge der nationalen Politik dieser
Länder hängen maßgeblich davon ab, dass einerseits langfristige Weichen
richtig gestellt werden, andererseits aber auch kurzfristig die Signale auf
eine Unterstützung durch die (derzeit) Starken in der Europäischen Union
stehen. Ein perspektivloses „nein“ zu Banken- und Fiskalunion gefährdet
beides, die kurzfristige Stabilität und die langfristige Wachstumsaussicht.
Diese ist schwierig genug, wie ich in mehreren eigenen Veröffentlichungen
ausgeführt habe. Aber hoffnungslos ist sie nicht.

Im Gesamtbild ist der Aufruf ein Beispiel für das, was Public
Choice-Ökonomen als „Nirwana-Ansatz“ bezeichnen (mit Blick auf das
blauäugige Vertrauen auf den Staat statt den Markt). Der Aufruf macht etwas
Analoges. Er vertraut bedingungslos der Macht der Selbstverantwortung der
Staaten für alles, was mit ihnen geschieht. Das überragende oberste Ziel ist
deshalb, moral hazard zu vermeiden; dann wird, so wohl die Meinung, schon
alles gut werden. Die Vermeidung von moral hazard setzt also den Standard
des Guten und wird zum Maßstab „guter“ Gesinnung. Der Ökonom, der
ausschließlich diesem Maßstab folgt, wird zum „Gutökonom“ – in Analogie zum
„Gutmensch“, der nur zum Ziel hat, nach einem bestimmten Kriterium des Guten
sein Gewissen zu beruhigen. Mich erinnert dies an die reflexhaften
Reaktionen der Sozialverbände, Kirchen und Kulturschaffenden, als es zu
meiner Ministerzeit um eine Reform des Sozialstaates ging. Die waren immer
dagegen („kein Sozialabbau!“), ohne Alternativen aufzuzeigen, weil sie nicht
das Ganze der Gesellschaft, sondern nur das (vermeintlich) Gute im Auge
hatten. Vor solcherart Gutmenschentum sollten wir Ökonomen uns hüten.

Kurzum: Wir müssen zurück zu einer ganzheitlichen Betrachtung. Und wir
müssen Alternativen aufzeigen und diskutieren. Die Währungsunion ist nun mal
da, ob wir dies begrüßen oder bedauern, und zwar in ihrer heutigen Form. Die
Geschichte läuft eben asymmetrisch: Will man die Währungsunion behalten,
kann man nicht einfach dorthin zurück, wo man herzukommen glaubt – aus der
(nicht-globalisierten) Welt entscheidungsautonomer Nationalstaaten ohne jede
Haftungsverschränkung. Will man aber dorthin zurück (was aus meiner Sicht
gar nicht geht), so sollte man offen das Ende der Währungsunion fordern, so
wie es meines Wissens ein einziger der Unterzeichner (Olaf Henkel) getan
hat. Das ist dann ehrlicher und seriöser.

Herzliche Grüße,
Ihr
Karl-Heinz Paqué

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  1. 11. Juli 2012 um 20:43

    In nimmermüdem Eifer wirft man den Initiatoren des offenen Briefs vor, keine Alternativen aufzuzeigen, weil ihr Brief sich auf die unmittelbar drohende Gefahr der Vergemeinschaftung von Bankschulden bezieht. Und hierbei übrigens die Alternative klar aufzeigt: Auch Banken müssen den Gesetzen der Marktwirtschaft unterliegen dürfen.
    Es wird eine Kosten-Nutzen-Abwägung gefordert, die seitens der Befürworter der Bankenunion allerdings ebenfalls ausgeblieben ist: Man unterscheidet sich also allein in der Einschätzung des Risikos, dass es zum Missbrauch der Gemeinschaftshaftung kommt. Wenn Herr Paque meint, die Kosten des Moral Hazard genauer spezifizieren zu können, dann bin ich mal gespannt. Die Zahl, die aus seiner Richtung bislang zu vernehmen war, hörte sich immer sehr nach „Null“ an. Dieser Wert allerdings liegt ziemlich weit von dem entfernt, was ein rationaler Finanzmarktakteur nehmen würde, wenn man ihm das offene Portemonnaie hinhält, und er liegt auch ziemlich weit von dem entfernt, was dieser Akteur in der Vergangenheit in vergleichbaren Situationen genommen hat.
    Sofern Herr Paque also nicht glaubwürdig begründen kann, dass in dieser Situation weder modelltheoretisch noch empirisch Moral Hazard vorliegt, ist seine Analyse auch nicht ernstzunehmen. Gesteht er das Vorliegen des Moral Hazard ein, so möge er doch auch Instrumentarien aufzeigen, die ihm glaubhaft entgegenwirken, um die Kosten-Nutzen-Abwägung vorteilhaft zu gestalten.
    Der Alarmismus à la „Wir müssen dringend die spanischen Zombie-Sparkassen retten, die durch die Immobilienblase zu Giganten geworden sind und haben für Diskussionen oder Abwägungen keine Zeit mehr“ von Schäuble, Rürup und dergleichen ist die denkbar unwissenschaftlichste Weise, in der man sich der Problematik nähern kann. Leider haben die Gegner des Aufrufs von Sinn und Krämer sich bislang noch nicht glaubhaft von derlei Agitationen distanziert.

  2. Alex
    11. Juli 2012 um 10:03

    akwegr :
    Indien ist da wohl ein Gegenbeispiel…
    1. Einheitliche Währung
    2. 13 Unabhängige Sprachen
    3. Ja, es gibt Separatisten, vergleichbar mit der ETA
    ->Verdi darf uns erhalten bleiben, auch wenn wir den Euro behalten

    Und 82% aller Inder sind Hinduisten.

    Wir brauchen aber diese Vergleiche gar nicht zu bemühen. Ein Blick in die aktuelle Verfasstheit Europas zeigt doch, dass die Menschen national denken und fühlen. Europa wird eine gemeinsame Sprache als Klammer zwingend brauchen. Europa wird eine einheitliche europäische Medienlandschaft zwingend erforderlich machen.

    Und jeder der glaubt, dass die Bundesstaatler nach der politischen Integration haltmachen werden und nicht Forderungen nach einer Unionssprache erheben werden, der ist ein Träumer.

    Nein, nein. Ich will dieses Europa nicht. Staatenbund statt Bundesstaat.

    Alex

  3. Peter Noack
    10. Juli 2012 um 09:18

    Lasst uns über Geld(Kapital) reden!
    Der Wissenschaftler ist kein Politiker. Er muss die Kosequenzen seiner Vorschläge nicht verantworten. Deshalb kann er Szenarien denken, die Volkswirtschaften ruinieren oder ganze Völker auslöschen.
    Niemand muss die Banken resp. die Finanzmärkte retten. Dann sind 120 Mrd. Geldvermögen der Gläubiger verloren und 120 Mrd. Schulden von Staaten Unternehmen und Privathauhalten sind ausgelöscht. Alles beginnt wieder auf LOS. So einfach kann das gedacht werden. Das Oberste wird nach unten sinken und die Letzten werden die Ersten sein.
    Jetzt wartten wir nur noch auf das ökonometrische Computerprogramm von Ökonomen. Diese haben dann wieder einen Nobelpreis verdient. Nur Geld gibt es dafür nicht, weil die Nobelstiftung keine Zinserträge mehr hat.

  4. Alex
    9. Juli 2012 um 19:40

    Eine Korrektur der Entwicklung zu einem funktionierenden Staatenbund ist durchaus möglich. Mehr als das: Sie ist erstrebenswert. Der europäische Einigungsprozess ist ein Abenteuer. Er ist nicht wirklich bis zum Ende durchdacht, sondern wird mehr oder minder ad hoc vollzogen.

    Es wird keine VSE dauerhaft geben, wenn es nicht eine einzige dominierende Sprache in diesem riesigen und heterogenen Bundesstaat geben soll. Dieser Superstaat wird Sprache als einigendes Band benötigen und er wird in wenigen Jahren diese Entwicklung erzwingen. Und die europäischen Schüler werden innerhalb einer Generation nicht verstehen oder akzeptieren warum sie noch ihre nationale Sprache lernen sollen.

    Darum gilt auch: Jeder der diesen Bundesstaat will, der soll so ehrlich und seriös im Sinne von Paqué sein und offen aussprechen: „Ich bin bereit Voltaire und/oder Goethe und/oder Verdi (etc.) dem Bestreben mit den anderen großen Blöcken politisch und ökonomisch auf Augenhöhe zu sein zu opfern.“

    Das (und nur das) wäre offen und ehrlich. Aber davon ist bei den Pro-Europäern keine Spur zu erkennen, denn es würde entblößen, wie wenig durchdacht die Idee der europäischen Integration doch ist. Vielen dieser Befürworter fehlt der Mut einmal getroffene Entscheidungen auch wieder in Frage zu stellen. Oder das Erbe großer Politiker.

    Alex

    • akwegr
      10. Juli 2012 um 18:29

      Indien ist da wohl ein Gegenbeispiel…
      1. Einheitliche Währung
      2. 13 Unabhängige Sprachen
      3. Ja, es gibt Separatisten, vergleichbar mit der ETA
      ->Verdi darf uns erhalten bleiben, auch wenn wir den Euro behalten 🙂

  1. 12. Juli 2012 um 08:38
  2. 10. Juli 2012 um 23:24
  3. 10. Juli 2012 um 05:36
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