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Fabian Fritzsche – Italien ist nicht Griechenland

17. Juli 2012

Schubladendenken erleichtert einem zugegebenermaßen das Leben; Fakten zu recherchieren, Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen und zu differenzieren, kostet schließlich Zeit und Mühe. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Kommentatoren der Eurokrise oftmals lediglich zwei große Schubladen öffnen. Auf der einen Seite gibt es den „Club Med“, der mindestens Griechenland, Portugal, Spanien und Irland, oft auch Frankreich umfasst und der das Geld der anderen möchte. Und auf der anderen Seite gibt es die soliden Nordeuropäer oftmals inklusive Irland, die zwar auch irgendwie in der Klemme Stecken, doch nach allgemeiner Aussage auf einem guten Weg sind. Die Funktionsfähigkeit der Währungsunion wird so zu einer Mentalitätsfrage, mit dem Dolce Vita und Savoir Vivre der Südländer sei einfach keine gemeinsame Währung möglich.

Insbesondere für Italien, die mit Abstand größte Volkswirtschaft in Europas Süden sprechen die Zahlen jedoch eine ganz andere Sprache. Keine Frage, der italienische Staat weist eine hohe Schuldenquote auf, doch ist dieser nicht das Ergebnis des süßen Lebens in den letzten zwanzig Jahren, sondern wurde von der jetzigen Generation geerbt. 1994 lagen die öffentlichen Schulden auf dem historischen Höchststand von über 120% des BIPs. In den darauf folgenden dreizehn Jahren wurde die Schuldenquote auf knapp über 100% des BIPs gesenkt, also um rund 20 Prozentpunkte. Einige andere Staaten wie unter anderem Spanien und Irland konnten ihre Staatsschuldenquoten im gleichen Zeitraum zwar noch stärker senken, Italien befand sich in der Zeit jedoch in einer Phase ausgesprochen schwachen BIP-Wachstums. Der Abbau der Schuldenquote wurde also nicht erleichtert durch hohe Lohnabschlüsse oder über einen Bauboom und damit stark steigende Steuereinnahmen, sondern durch genau die Ausgabendisziplin, deren Mangel Italien vorgeworfen wird. Ein allgemein anerkannter Indikator für Haushaltsdisziplin ist der Primärsaldo, also die Differenz zwischen Staatseinnahmen- und Ausgaben vor Zinszahlungen (auf die von Vorgängerregierungen angehäuften Schulden). Gemäß Angaben der OECD weist Italien seit 1992, mit kleiner Ausnahme lediglich der Jahre 2009 und 2010, einen Primärüberschuß auf und gehört damit seit 20 Jahren zu den solidesten Staaten Westeuropas. Im Gegensatz zu vielen Kommentatoren sieht auch der Markt offenbar keinen Club-Med, sondern deutliche Unterschiede zwischen Griechenland, Portugal und Spanien sowie Italien mit Marktzinsen für 10-jährige Staatsanleihen bei 24%, 10%, 6,7% und 6%.

Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Situation für Italien komfortabel ist. Das Schuldenniveau ist hoch, die Wirtschaft befindet sich in der Rezession und sicherlich gibt es auch strukturelle Probleme. Italien hat jedoch in der Vergangenheit gezeigt, dass es die Staatsschulden in den Griff bekommen kann, schließlich wurde die Schuldenquote zwischen 1995 und 2007 ebenfalls  in einem durchaus schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld gesenkt. Etwas Vergleichbares haben weder Portugal noch Griechenland (noch Deutschland!) geschafft. Wer daher leichtfertig vom lauen Leben im Club-Med spricht, macht es sich zu einfach und schmälert die Anstrengungen, die gerade Italien unternommen hat, um die Schulden zu reduzieren. Ein wenig mehr Differenzierung wäre dabei nicht nur bei der Suche nach Lösungen hilfreich, sondern würde sicherlich auch das Klima innerhalb Europas verbessern.

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  1. 25. Juli 2012 um 15:52

    Italien ist nicht Griechenland – aber viel fehlt nicht mehr. Sagt sogar (na, ja, nicht ganz – aber immerhin!) Prof. Rürup im Handelsblatt: http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/kurz-und-schmerzhaft/professor-chiffre-kein-wahlkampf-auf-kosten-des-euro-herr-monti/6918722.html
    S. a. FTD von heute: http://www.ftd.de/politik/europa/:schlechte-zahlungsmoral-italien-und-spanien-lassen-unternehmen-verhungern/70067658.html
    Und immerhin hat Italien in einem einzigen Quartal die Staatsschulden um über 2,5 % erhöht (http://www.wirtschaftsfacts.de/?p=22387), auf Jahressicht also (bei Trendfortsetzung) um über 10%.

    Und dann gibt es noch Spanien: das ist mehr Griechenland, als man gemeinhin in der Presse liest: http://www.focus.de/finanzen/news/staatsverschuldung/tid-26641/das-naechste-opfer-der-euro-krise-zehn-gruende-fuer-den-niedergang-spaniens_aid_786172.html

  2. Peter Noack
    24. Juli 2012 um 09:16

    Auch Ratingagenturen sollten differenzieren!
    Ist es tatsächlich schon eine Woche her, dass Herr Fritzsche einen konkreten Ländervergleich forderte? Was erlauben Moodys? Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass auch Ratingagenturen nicht vor ideologischer Verblendung gefeit sind, so wurde er von Moodys erbracht. Da die ökonomischen Vorraussetzungen für die Ratings den Agenturen selbst nicht mehr klar sind, können die Ratings niemand mehr informieren, weil diese informationslos geworden sind. Wirtschaftsdaten oder Aussichten spielen keine Rolle mehr. Vergleiche mit anderen Staaten, USA u. a., sind unmöglich geworden.
    Dennoch berichten sämtliche Medien in Deutschland darüber. Das nachrichtenlose Sommerloch scheint, die Medien arg zu strapazieren.
    Was meint wohl die FTD? Sie schreibt den üblichen Propagandastil.
    „mögliche, weitere hohe finanzielle Kosten“ der Eurorettung wärenn der Grund. Wie viele Kosten bis zur Verschuldung der USA wären möglich? !00 % des BIP sind zusätzlich 1000 Mrd. Euro oder 1.200 Mrd. $ bis 2021 für Bund, Länder und Kommunen. Warten wir es ab! Wird die FTD eine klare Position beziehen? Warten wir es ab!
    Mit seinem Rating hat sich Moodys selbst disqualifiziert. Solche Ratings braucht niemand. Am allerwenigsten die Finanzmarktteilnehmer, die selber ihr Anlagerisiko bewerten müssen. Ab heute sind Ratings von Moodys gegenstandslos. Sie sind unnütz und lassen keine rationalen Entscheidungen zu. Dazu braucht es auch keine anderen Ratingagenturen.

  3. kipferl
    20. Juli 2012 um 16:29

    Nur die Schulden im Verhälnis zum Bip in einer gewissen Bandbreite zu halten kann auf Dauer eben nicht funktionieren, der nominelle Teil wird immer höher.
    Dies ist die gleiche Firlefanz- Betrachtung wie bei der Teuerungsrate wo die Kerninflation hergenommen wird.
    Man kann sich eben alles schönreden.

  4. 20. Juli 2012 um 09:03

    Die Menschheit produziert heute dank immer grösser werdenende Produktivität mehr Waren und Dienstleistungen als wir brauchen. Weltweit. Nur dank des planwirtschaftlichen und rein profitorientierten „Neokapitalismus“, der nichts anderes ist als ein planwirtschaftlicher, zentralistischer Realkommunismus, werden diese Werte fehlgeleitet und rein zum Reichtum weniger Superreicher auf der Welt umverteilt. Die Masse bleibt arm bis bettelarm. Die Hälte aller Waren werden in den erste Weltländern „weggeschmissen“.

  5. R.B.
    18. Juli 2012 um 19:01

    Sehr geehrter Hr. Fritzsche,
    Sie schreiben:
    „Im Gegensatz zu vielen Kommentatoren sieht auch der Markt offenbar keinen Club-Med, sondern deutliche Unterschiede zwischen Griechenland, Portugal und Spanien sowie Italien mit Marktzinsen für 10-jährige Staatsanleihen bei 24%, 10%, 6,7% und 6%.“

    Ich dachte die FTD ist der Ansicht, die Märkte seien dysfunktional?

    Sie schreiben weiter:
    „Italien hat jedoch in der Vergangenheit gezeigt, dass es die Staatsschulden in den Griff bekommen kann, schließlich wurde die Schuldenquote zwischen 1995 und 2007 ebenfalls  in einem durchaus schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld gesenkt.“

    Das hat also auch ohne Bürgschaften und Haftungsübernahme durch andere Länder in der Vergangenheit funktioniert. Niemand hindert Italien daran, den Staatshaushalt weiter zu sanieren.
    „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es.“ (Erich Kästner)

  6. Peter Noack
    18. Juli 2012 um 08:57

    Sehr geehrter Herr Fritzsche!
    Mit Ihrer Forderung, stärker zu differenzieren, haben Sie völlig recht. Das gilt dann jedoch für jeden einzelnen Staat. Nicht nur für die Eurozone, sondern auch für Japan, USA, GB oder Deutschland usw. Es gilt dann nicht nur für Kommentatoren, sondern auch für die EZB, die Bundesbank, die Finanzminister der Staaten, die Wirtschaftsforscher und nicht zuletzt die Finanzmärkte einschließlich der Schattenbanken. Alle genannten haben bisher bei dieser Differenzierung versagt. Bei den Finanzmärkten kann man das verstehen, weil sie andere Interessen haben und aus der undifferenzierten Betrachtung Profit ziehen oder ziehen wollen. Warum spielen aber Wissenschaftler, Politiker und auch die Zentralbanken bis zur Weltbank und IWF diese Spiel mit? Hier liegt der Hase im Pfeffer.Darf man auf Antwort hoffen?

  7. Manfred Maier
    18. Juli 2012 um 07:21

    Vielen Dank für die endlich einmal sehr differenzierte und sachliche Betrachtung Italiens. Das geschieht leider viel zu selten und noch viel seltener im Rahmen der Financial Times Deutschland. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich schreibe selbst über die Hintergründe der Finanzkrise in meinem Blog „Finanzmarktgedanken“. Jeder Mitstreiter für mehr Sachlichkeit und weniger Sensation ist mir deswegen willkommen.

    Manfred

    • Harald Münzhardt
      18. Juli 2012 um 14:06

      @ Manfred Maier 18. Juli 2012 um 07:21

      „Ich weiß, wovon ich spreche…“

      Herr Maier, bitte gehen Sie davon aus, dass „alle“ Autoren und Kommentatoren wissen, wovon „sie“ sprechen.
      Aber jeder hat anderes Wissen, Erfahrungen, andere Werte, Interessen, Motivation und geht an Probleme und Aufgaben anders heran.

      Wichtig ist der Austausch KONKRETER FAKTEN und deren Diskussion.

      Nebulöse Sprüche bringen uns nicht weiter, genau wie die dramatischen Beschwörungen des Finanzministers vor dem Verfassungsgericht am 10.07. über „unabsehbare“ Folgen.

      Es sind nicht „unabsehbare“ Folgen sondern immer die „absehbaren“, die die Basis für richtige Entscheidungen bilden.

      Herr Maier, bitte beweisen Sie, dass Sie nicht nur wissen, wovon Sie sprechen, sondern andere auch von der Relevanz Ihres Wissen überzeugen können.

      a) Setzen Sie sich ganz konkret mit den Fragen in meinem Beitrag vom 18. Juli 2012 um 02:34 auseinander

      b) Begründen Sie Ihren favorisierten Ausweg anhand konkreter Zahlen,
      so wie Prof. Sinn, Prof. Hankel anhand von konkreten Analysen und Fakten argumentieren.

      Vermeiden Sie lediglich „Gedanken“zu äußern, wie der Titel Ihres ESM-lastigen Blogs Finanzmarkt“Gedanken“ vermuten lassen könnte.

      Ein Negativbeispiel für pure Gedanken:
      „Bankenunion“.

      Wozu Banken (un)fähig sind, haben diese zur Genüge bewiesen, die Potenzierung davon brauchen sie nun nicht noch in einer anonymen Union demonstrieren.

      1*) Wie man gründlich und nachprüfbar mit Zahlen arbeitet:
      Prof. Dr. H. W. Sinn zur Situation in der EU youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=tvcN1gkaEew

      2*) Dämonengleiche Suggestivkraft des Euro macht Rechnen überflüssig Euro-Suggestion und Verfassungsbeschwerde freitag.de/autoren/haraldmuenzhardt

      3*) Wie gelogen, getäuscht, betrogen wird, wenn es um Unionen geht http://www.youtube.com/watch?v=aOahW0EEOis

      4*) Das gesamte Euro-Desaster non-stop
      eurodemostuttgart.wordpress.com/esm/

      Harald Münzhardt

  8. Harald Münzhardt
    18. Juli 2012 um 02:34

    „Ein wenig mehr Differenzierung wäre dabei nicht nur bei der Suche nach Lösungen hilfreich, sondern würde sicherlich auch das Klima innerhalb Europas verbessern“

    Je genauer Zahlen, desto sicherer können Lösungen diskutiert werden.
    Aber schafft Ihre differenzierte Betrachtung

    a) tatsächlich lösungsrelevante Tatsachen?

    b) Kann Sie tatsächlich das Klima entscheiden verbessern?

    1) „1994 lagen die öffentlichen Schulden auf dem historischen Höchststand von über 120% des BIPs. In den darauf folgenden dreizehn Jahren wurde die Schuldenquote auf knapp über 100% des BIPs gesenkt, also um rund 20 Prozentpunkte.“

    a) Das mag sein, aber sie liegt aktuell bei den anfänglichen 120%, Tendenz stark steigend.
    staatsverschuldung.de/ausland.htm

    b) Bezüglich der Schuldenquote liegt Italien (120%) nach Griechenland (165%) auf Platz zwei

    Weitere Zahlen
    deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/03/39918/
    „Doch nicht nur die Rezession (hier), auch die Unterstützung anderer strauchelnder Euroländer treibt die Staatsverschuldung Italiens weiter in die Höhe. Zudem sanken die Steuereinnahmen im Januar um 0,5 Prozent auf 30,502 Milliarden Euro.

    Wie die italienische Zentralbank berichtet, stieg die Staatsverschuldung Italiens im Januar um 37,9 Milliarden Euro auf 1,936 Billionen Euro – ein neuer Rekord. Entsprechend erreichte das Defizit im Januar 4 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahresmonat, so die Zentralbank, ist das ein Anstieg um 60 Prozent. Das Target-2-Saldo Italiens gibt ebenfalls Grund zu Beunruhigung (fast 200 Milliarden Euro – hier)“

    3) Herr Fritzsche

    Bitte RECHNEN Sie anhand der Staatsverschuldung von 1,9 Bio EUR in Italien, 2,1 Bio EUR in Deutschland und insgesamt 12 Bio Gesamtschulden allein in den Südländern (davon 3/4 Bankschulden) vor,

    A) wie unser Land nicht nur für Italien, sondern auch für die anderen Länder als Favorit für die Umverteilung von Geldern bzw. Schulden (Bezeichnung als Euro-Rettung) favorisiert werden konnte und

    B) wie das Kunstprodukt Euro durch diese künstliche Umverteilung tatsächlich zum Nutzen aller und dauerhaft am Leben erhalten werden soll!

    Für den Fall, dass Sie bei der Berechnung nicht richtig weiter kommen,
    machen Sie Pause und widmen sich zwecks Auflockerung einigen simplen Fragen.

    a) Wer wollte den Euro?

    b) Wer brauchte den Euro, wer nicht?

    c) Wie war das Klima vor dem Euro?

    d) Wer will heute den Euro, wer nicht und warum?

    e) Wer braucht heute den Euro, wer nicht und warum?

    f) Wie würden sich Wirtschaft und Klima bei Unlösbarkeit der gestellten Rechenaufgabe entwickeln?

    g) Wie würden sich Wirtschaft und Klima entwickeln, wenn die Länder wieder zur nationalen Währung mit Kursanpassung an die Wirtschaftskraft zurück kehren?

    h) Und vor allem gehen Sie der Frage auf den Grund: WARUM WOHL WOLLTE BRÜSSEL UNBEDINGT IMMUNITÄT!!!

    Während es zu allen Fragen EINDEUTIGE Antworten gibt, muss die Rechenaufgabe nicht unbedingt zu einem befriedigenden Ergebnis führen.

    Die Fragen dürften recht hilfreich sein, denn die Antworten führen zur Klärung, ob denn der Euro nicht gar das Problem selbst ist.

  9. Griechenland:D;D
    18. Juli 2012 um 00:24

    Ich finds ja schön das sie sagen das man nicht in schubladen denken soll aber im gleichen atemzug die überschrieft haben „“Italien ist nicht Griechenland““

    hahahahahahahahaha endweder solls ironisch sein (was ich nicht glaube) oder naja ich erspars mir lieber………..

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