Startseite > Chefökonom > Die Kolumne – Außer Sichtweite

Die Kolumne – Außer Sichtweite

27. Juli 2012

Die Euro-Zone braucht für ihr Überleben nach der Krise keine Dauertransfers, sondern einen Mechanismus, der konjunkturelles Auseinanderdriften der Mitgliedsländer bremst.Es gibt so Wörter, die können in Bruchteilen von Sekunden Reflexe auslösen, bei manchen positiver Natur, bei manchen eher gesundheitsgefährdend negativer. Sagen wir zum Beispiel: Transferunion.

Da schießt Steuerzahlern aus Bayern vors geistige Auge, wie das hart verdiente Geld für Berliner Partymeilen ausgegeben wird. Oder für Bremer Arbeitslose. Und auf Dauer jetzt auch noch für Europas strukturell schwache Südländer? Kaum auszudenken, wogegen bayerische Ministerpräsidenten dann noch alles klagen müssen. Gemach.

Dabei ist zumindest im Falle der Euro-Union gar nicht gesagt, dass man auch eine Transferunion nach deutschem Muster braucht, wie manche unken (und andere frohlocken). Ökonomisch gibt es weder einen zwingenden Grund, über Transfers für gleiche Einkommen zu sorgen. Noch dafür, dass das Geld über lange Zeit nur in eine Richtung geht.

Das hätte die jetzige Krise im Euro-Raum auch gar nicht verhindert. Denn die hat im Ursprung viel weniger mit strukturell verankertem Schludern (oder Streben) zu tun, als womöglich damit, dass schlicht die Konjunktur zwischen den Euro-Ländern über Jahre drastisch auseinanderdriftete – ohne dass Regierungen und Notenbank etwas dagegen taten. Was für die Art der Vermeidung künftiger Krisen einen großen Unterschied macht. Hier ist Teil zwei der Analyse über die politische Euro-Union.*

Fragt man einschlägige Euro-Kritiker, dann kriselt es, weil es in der Euro-Zone per se zu viele verschiedene Länder mit unterschiedlichen Wirtschaftsverhältnissen gibt. Die Frage ist nur, was das eigentlich heißt. Ökonomisch gibt es per se erst mal keinen zwingenden Grund, in einer Währungsunion überall mehr oder weniger einheitliche Entwicklungsniveaus zu haben. Das gibt es auch in nationalen Währungsräumen nicht. Den deutschen Länderfinanzausgleich gibt es, weil im Grundgesetz gewünscht ist, die Lebensverhältnisse anzugleichen. Nicht weil sonst sofort die Währung kriselt.

Gute Konjunktur, hohe Preise

Das Leistungsgefälle kann auch gar nicht Kern und Ursache der aktuellen Krise sein. Sonst hätten die reichen Iren mit einem Pro-Kopf-Einkommen von teils fast 50 Prozent über EU-Schnitt und Schweizer Verhältnissen nicht unter den Rettungsschirm gemusst. Das irische Pro-Kopf-Einkommen liegt trotz Absturz selbst jetzt noch höher als bei uns. Sonst müssten, sagen wir, die Slowaken viel stärker als die Südländer kriseln; im Osten liegt die Pro-Kopf-Leistung immer noch niedriger als bei Griechen und Portugiesen.

Krisenentscheidend für eine funktionierende Währungsunion ist, ob Preise und Löhne auf Dauer dem eigenen Entwicklungsniveau entsprechen und dem eigenen Produktivitätstrend folgen. Hier liegt schon eher das Problem. Immerhin sind die Kosten seit Euro-Start bei den einen über Jahre hinter der Produktivität zurückgeblieben, während sie bei anderen bekanntlich viel schneller zulegten. Was im Ergebnis zu dauerhaft untragbaren Überschüssen und Defiziten im Außenhandel beitrug, sprich immer höheren Forderungen der einen und Außenschulden der anderen.

Die Frage ist, ob dahinter unvereinbare Strukturen und Stabilitätskulturen stecken. Dann müssten die Krisenländer ihre Strukturen entweder drastisch ändern – oder sie würden zu Dauerkrisenkandidaten. Oder ob die Gründe woanders liegen. Wofür nüchtern betrachtet mehr spricht, als es die Klischees vermuten lassen.

Auffällig ist, dass Preise und Kosten vor allem dort übers Maß hinausgeschossen sind, wo die Konjunktur über Jahre gut lief und am Ende überhitzte. Was ökonomisch kein Wunder ist; bei starker Nachfrage steigen die Preise halt schneller als in einer Dauerflaute, wie sie die Geiz-ist-geil-Deutschen von 2001 bis 2005 hatten.

Nirgendwo schwand seit dem Euro-Start 1999 die preisliche Wettbewerbsfähigkeit so stark wie bei den Iren, die – kein Zufall – in der gesamten Industriewelt auch den größten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts hatten (siehe Grafik). Den zweitgrößten Boom erlebten die Spanier, wo auch die Konkurrenzfähigkeit gemessen an den Verkaufspreisen am zweitstärksten schwand. Wachstumsbronze für die Zeit bis 2008 ging an Griechenland – mit dem drittgrößten Anstieg der Wirtschaftsleistung und dem ebenfalls drittstärksten Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit.

Kleiner Gegencheck: Italiens Wirtschaft wuchs seit 1999 nicht einmal ein Drittel so stark wie die spanische – die Preise stiegen deutlich schwächer. Italiens Leistungsbilanzdefizit stieg auf tragbare drei Prozent der Wirtschaftsleistung – nicht auf atemberaubend zweistellige Raten wie in Spanien und Griechenland. Die deutsche Wirtschaft legte bis 2006 ebenfalls nur mäßig zu.

EZB kann kaum gegensteuern

Dass der Preisschub in den meisten Fällen eher Zeichen guter Konjunktur war – und weniger von struktureller Maßlosigkeit –, lässt auch der Trend am Arbeitsmarkt in den Boomländern vermuten. In Spanien wie Griechenland sanken die Arbeitslosenquoten in den ersten zehn Euro-Jahren drastisch. Plausible Erklärung: Die starken Löhne waren Folge guter Konjunktur und steigender Beschäftigung. Wie im Lehrbuch. Bei strukturell falschem Lohntrend hätte die Arbeitslosigkeit eher steigen müssen.

Das heißt nicht, dass es keine strukturellen Schieflagen gibt. In Portugal stiegen die Lohnstückkosten trotz schwacher Konjunktur. Der weit größere Teil des Problems dürfte aber im jahrelangen konjunkturellen Auseinanderdriften liegen. Und darin, dass Europas Zentralbank nur bedingt gegensteuern kann – weil sie nur einen Leitzins hat, der für konjunkturell schwächere Länder tendenziell immer zu hoch und für die stärkeren zu niedrig ist.

Wenn das stimmt, braucht die Euro-Zone für ihr Überleben nach der Krise keine Dauertransfers, sondern einen Mechanismus, der konjunkturelles Auseinanderdriften bremst – auch mit anderen Vorzeichen als in den vergangenen zehn Jahren. Dass die Konjunktur überhitzt, ist ja kein südeuropäisch-irisches Privileg. Das hat es auch in Deutschland gegeben. Ebenso wie umgekehrt. Vor zehn Jahren hätten wir dann Transfers von den Griechen bekommen.

Wie so eine ganz andere Transferunion funktionieren könnte – darüber mehr im dritten Teil der Sommerkolumne zur politischen Euro-Union.

Email: fricke.thomas@guj.de

Advertisements
  1. EXE
    4. August 2012 um 11:43

    Bitte nicht von ökonomischen Unfug wie „Zinseszins“ oder „Geldschöpfung aus dem Nichts“ sprechen. Das sind sozialistische Verschwörungstheorien.

    Entscheidend ist das folgende: Wie schon lange festzustellen war, entweder du möchtest ein ökonomisch sinnvolles Konstrukt, dann braucht man unterschiedliche Währungen – vielleicht nur 2-3 in Europa, aber man braucht sie. [Teuer für Deutschland.]

    Oder du hältst dieses politische Projekt am Laufen, um eben keine Preiskämpfe der Währungen in Europa zu haben. Dann wird es für die Gläubigernationen teuer.

    Um die Kosten auf alle abzuwälzen, sollte der ESM mit der EZB gemeinsam Anleihen kaufen und es abhängig der Sparbedingungen machen. Kein nachhaltiges Wachstum, keine Kohle. Über die EZB wird die Staatenfinanzierung betrieben, damit die Bevölkerungen im Süden nicht vollkommen absaufen.

    Kontinuierlich schreibt die EZB ihre Schulden ab, insofern reformiert wurde, bis man unter 50% Defizit gekommen ist.

    Bis dahin muss Europa, nicht was das ökonomische angeht, sondern was das kulturelle angeht, mit Staatsfinanzen umzugehen, gelernt haben, sich der EZB-Doktrin zu unterwerfen. Denn das entscheidende ist nicht in erster Linie die Wettbewerbsfähigkeit, sondern die unterschiedliche Inflation (Teuerung) in den Ländern.

    Ob man zwingend einen Superzentralstaat in Europa braucht, der überall diese kulturellen Unterschiede aushebelt, glaube ich nicht. Ein schmaler Zentralstaat, wie in den USA, wäre dagegen sinnvoll. Die Staaten müssen und sollten weiterhin eigenständig bleiben.

  2. Herbert
    29. Juli 2012 um 11:39

    Der traditionelle Mechanismus, der ein konjunkturelles Auseinanderdriften verhindert, heißt „flexible Wechselkurse“ … (Duck und wech.)

  3. 29. Juli 2012 um 05:50

    Zwei Anmerkungen von mir:

    1. Der Autor lernt dazu.
    Rätselt er in der Kolumne „ Furchterregendes Wundermittel„ vom 13.07.2012 noch über die besonderen Gemeinsamkeiten der Euro-Krisenländer, spricht er das Lösungswort „Wettbewerbsfähigkeit“ in diesem Beitrag richtigerweise offen an.

    2. Es wird für die Euro-Zone keine Zeit nach der Krise geben.
    Die Krise wird die Währungsgemeinschaft als Dauerzustand bis zu ihrem Auseinanderbrechen begleiten. Der Euro selbst bedingt die Krise.

    Christoph Grimm

    • John Doe
      30. Juli 2012 um 14:53

      Sehr geehrter Herr Grimm,

      Zitat:“Der Autor lernt dazu“.

      Hm, da haben Sie mir doch vor Kurzem noch bestätigt, dass es in GR mit dem Vorhandensein einer Industrie, die im Export im Wettbewerb mit einer dortigen gleichwertigen Industrie steht, nicht sehr weit her ist. Der Begriff stammt aus der BWL und wird benutzt um u. a. die „Effizienz“= Gewinnerwartung bei gleichartigen Produkten zu bewerten; z. B. Auto Auto (Le concept de compétitivité. In: Lionel Fontagné). Er ist eindeutig umrissen. Er bezieht sich klarerweise auf die inneren und äußeren Beziehungen eines Unternehmens in seinem Umfeld. Wie eindeutig definieren Sie die Beziehungen von Staaten untereinander, wenn es beispielhaft um geograhische und geologische Faktoren geht? Mit welcher Exportnation wollen Sie GR vergleichen damit die angeblichen Vorteile zum Tragen kommen?

      Auf was kaprizieren Sie sich, auf mikro-, makro- mesoökonomische Faktoren, auf subjektive und/oder objektive Faktoren? Meinen Sie nur die preisliche Wettbewerbsfähigkeit oder schliessen Sie auch die Nicht-preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ein? Mali ist enorm wettbewerbsfähig, wenn es nur um die Löhne geht, es fährt aber trotzdem Keiner hin und kauft dort, warum wohl? Schliessen Sie in Ihre Forderung auch den Handel, namentlich den Einzelhandel, der zahlreiche Wettbewerbsbesonderheiten kennt, mit ein?

      You didn’t spell out either how this change would come about, what variables would need to be monitored and how it would be enforced. Sie benutzen ein unhinterfragtes Schlagwort, welches zu einem falschen Bild der internationalen Wirtschaftsbeziehungen führen kann und in Politik umgesetzt zu großem Schaden führen kann.

      Benutzen Sie nicht ein unhinterfragtes Schlagwort um dem altem Ökonomenwitz Aktualität zu verleihen: „There is an old joke told about economists. It is often said that they are people who worry about whether things that are known to work in practice will also work in theory!“

      Herr Fricke gebraucht ebenfalls das Schlagwort. Wie glauben Sie ihn verstehen zu müssen?

    • John Doe
      31. Juli 2012 um 09:35

      Sehr geehrter Herr Grimm,

      ein paar Anmerkungen mit realen Zahlen zum Thema:

      Die griechische Industrie rangierte 2010 mit Arbeitskosten von lediglich 16,57 Euro je Stunde erst auf Platz 20 der Weltrangliste, wobei unter Arbeitskosten die Summe aus Stundenlohn und „Lohnnebenkosten“ verstanden wird. Die westdeutsche Industrie hatte dagegen mit mehr als doppelt so hohen Arbeitskosten – 36,28 Euro je Stunde –, den
      sechstteuersteren Standort der Welt.

      Volkswirte beschreiben mit der Produktivität gemeinhin das Verhältnis vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu den für die Erzeugung dieses BIPs nötigen Arbeitseinheiten. Je größer das erzeugte BIP bei gleichem Zeitaufwand, desto höher ist die Produktivität. Deutschland rangiert bei der Produktivität in der Spitzengruppe. Vor Deutschland liegen nur die Niederlande und die USA mit um 8% bzw. 28% höherer Produktivität. Griechenland liegt weit abgeschlagen mit 51% geringerer Produktivität im unteren Drittel.

      Ihr Zitat hat sicher die Richtung eine Aussage über die Rentabilität von Arbeit zu treffen. Der Begriff Lohnstückkosten setzt die Summe der Arbeitnehmerentgelte in Relation zum BIP. Je höher das BIP bei gleicher Lohnsumme, desto geringer sind die Lohnstückkosten. Die Lohnstückkosten in GR sind 15% niedriger als in Deutschland und immerhin 3,4% niedriger als im europäischen Durchschnitt. Nur in Ungarn und Litauen liegen die Lohnstückkosten um 35% unter den deutschen Kosten.

      Wenn nur die reinen Kosten je produzierter Einheit im Focus stehen müssten also Länder wie Griechenland, Litauen oder Ungarn schon im Jahr 2010 wahre Investorenparadiese sein. Sie sind es aber nicht!

      Zitate: http://www.ba-auslandsvermittlung.de/lang_de/nn_2856/DE/LaenderEU/Griechenland/Arbeiten/arbeiten-knoten.html__nnn=true

      „Das Lohnniveau ist in Griechenland sowohl im Vergleich mit anderen westeuropäischen Staaten als auch im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten recht niedrig.“ „Angestellte erhalten für einen Vollzeitjob im Durchschnitt gerade einmal 41 Prozent des Gehalts eines Angestellten in Deutschland. Innerhalb der Eurozone sind die Einkommen nur in Portugal noch niedriger.“ „Der gesetzliche Mindestlohn beträgt rund 658 €, ab Mai 2009 740 €. Tarifverträge legen für die meisten Branchen eine Mindestvergütung fest, auf die ein Arbeitnehmer mit bis zu drei Jahren Berufserfahrung Anspruch hat. Die tatsächlichen Bezüge liegen meist über dem Tarif. Leitende Angestellte verhandeln ihre Vergütung frei mit dem Arbeitgeber. Üblich sind 13 oder 14 Monatsgehälter. Gehaltserhöhungen lassen sich später oft nur schwer durchsetzen. Einige Firmen bieten stattdessen Zusatzleistungen an – etwa Boni, Prämien, Zuschüsse zu Versicherungen oder zur Miete.“ „Die höchsten tariflichen Mindestlöhne werden mit 1.080 € brutto pro Monat in der Branche Finanzdienstleistungen gezahlt; am wenigsten – rund 683 € – verdient man in den Branchen Maschinenbau sowie Elektro- und Elektronikindustrie (Stand: 2007). Branchenübergreifend und mit bis zu drei Jahren Berufserfahrung erhält ein Ingenieur im Durchschnitt mindestens 1.034 € brutto pro Monat, ein Programmierer 702 €, ein Sekretär mit Fremdsprachenkenntnissen 717 €, ein Buchhalter 771 € und ein Fahrer 716 €.“

      Vielleicht liegt es daran, dass die Mathematik mal wieder für andere Zwecke vergewaltigt wird. Es liegt eine Steigerung von 38,6 % vor! Mindestlohn GR 717 €, Steigerung 38,9 %=995,92 €. Lohnerhöhung von 1 € auf 2 € = 200 % Steigerung. Wow, gigantisch, da muss sofort was getan werden. Der dressierte Deutsche reagiert, er sieht die kommunistische Verschwörung um die Ecke kommen, obwohl es sie seit 1989 nirgendwo mehr gibt! Die heutige Malaise liegt alleinig in der Verantwortung des Siegers aus dem „Systemwettstreit“!

      Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum solch ein Heckmeck in allen Postillen betrieben wird. Mir ist auch schleierhaft wie Herr Fricke darauf kommt, dass die Lohnstückkosten zu hoch seien.

  4. Hans Prömm
    28. Juli 2012 um 18:29

    Herr Fricke, Sie schreiben: „Wenn das stimmt, braucht die Euro-Zone für ihr Überleben nach der Krise keine Dauertransfers, sondern einen Mechanismus, der konjunkturelles Auseinanderdriften bremst – auch mit anderen Vorzeichen als in den vergangenen zehn Jahren.“ JAAA! Den Mechanismus hatte Europa schon mal: flexible nationale Währungen und freie Märkte. Merken Sie denn während Ihrer Ausführung nicht, wie viele Parameter sie plötzlich (überstaatlich?) steuern müssen, nur um diesen Popanz „Euro“ zu erhalten???? Ahnen Sie denn nicht auch, dass es nicht funktionieren wird?

  5. regnar
    28. Juli 2012 um 14:45

    „Das heißt nicht, dass es keine strukturellen Schieflagen gibt“

    sie verharmlosen mal wieder in unzulässiger Weise.

    Und wie nachhaltig der (inflationäre) Boom war, merkt man ja jetzt, nicht wahr?

  6. Peter Noack
    28. Juli 2012 um 09:58

    Wer intensiv die Debatten über die Schuldenkrisen im Euroland verfolgt, kann sich kaum Klarheit darüber verschaffen, was eigentlich passiert ist. Auch die Kolumne hinterlässt mehr offene Fragen als sie Antworten gibt.
    Stark wachsende Volkswirtschaften haben auf der Unternehmensebene meist zuwenig Eigenkapital, um dieses Wachstum zu finanzieren. Es erfolgt Kapitalimport, der zu Außenhandelsdefiziten führt. Wird dann dieses Wachstum noch durch eine Immobilienblase getrieben, dann sollten die Erfahrungen in der Finanzmarktkrise seit 2007 die Risiken für Banken sowie den Kapitalanlegern und im Nachgang bei den Staaten, die dann die Banken wieder retten müssen, deutlich gemacht haben. Auch Deutschland hatte beim Aufbau Ost eine Immobilienblase platzen lassen. Das war 1999. Die Beseitigung der Folgen für das deutsche Finanzsystem dauerte trotz Auflösung der Deutschland AG, steuerfreier Verkauf von Beteiligungskapital deutscher Banken seit 2001, noch bis einschließlich 2005. Deutschlnd profitierte vom Aufschwung der Weltwirtschaftz zwischen 2002 und 2007 kaum. Die Gründe dafür sind klar und eindeutig. Wer wird sie analysieren?
    In den derzeitigen Debatten spielen Schuldenschnitte und Transferzahlungen die dominierende Rolle. Was hat das mit der Realwirtschaft der Krisenstaaten zu tun? Als erstes sollte erwartetwerden dürfen, dass schrumpfende Wirtschaft auch den Kapitalimport senkt. Dann sollte das Leistungsbilanzdefizit sinken. Höhere Arbeitslosigkeit und niedrigere Löhne müssten auch die wirtschaftliche Lage der Exportunternehmen stabilisieren. Mit den vor der Krise geschaffenen Produktionskapazitäten müsste der Export steigen können. Niedrigere Konsumausgaben der Staaten durch weniger Staasbedienstete, niedrigere Löhne und geringere Rententransfers, sollten die Staatshaushalte entlasten und die Investitionsausgaben der Staaten steigern. Das sagt so zumindest die neoliberale, monetäre, Wirtschaftstheorie, die der IWF, die EZB und die europäischen Regierungen verfolgen. Was zeigt nun die Realwirtschaft? Keines der erwarteten Resultate ist erreicht worden. Das hindert die Entscheidungsträgern jedoch nicht, noch stärker an den Sparappellen für die Regierungen der Krisenstaaten festzuhalten. So kann die Abwärtsspirale kaum angehalten werden. Dabei liegt die Lösung so nahe. Investitionen sind nötig Das gilt in Marktwirtschaften wieder zuerst für Unternehmen und Privathaushalte. Sind wieder zu geringe Ersparnisse vorhanden, geht das nur mit Kredit. Den vergeben die Pleitebanken jedoch nicht. Wird sich das nach der Rekapitalisierung der Banken bessern? Zweifel sind angebracht. Dann ist eine Lösung der Wirtschaftsprobleme ausgeschlossen. Die Immobilienkrise wird Spanien noch mindestens 3 Jahre begleiten. Erst dann ist der größere Teil der uneinholbaren Immokredite abgeschrieben. Die Immobilien sind aber noch da. Wem gehören diese. Den Pleitebanken oder den Geldgebern, die die Banken gerettet haben?
    Die entscheidende Frage ist: Wie können die Krisenstaaten ihr Leistungsbilanzdefizit ausgleichen? Griechenland aber auch Spanien haben zu hohe Ölimporte zur Energieversorgung. Hier muss angesetzt werden. Das könnte auch deutschen Unternehmen nützen. Hier werden Arbeitsplätze geschaffen und zugleich wird die preisliche Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Ausgerechnet dabei verursachen hohe Ölpreise im Brent große Einkommensverluste der Europäer gegenüber den US Amerikanern. Keine politische Reaktion.
    Nebenbemerkung: Die Zinslast in den Krisenstaaten ist unerträglich. Welche? Auch die USA mussten 1981 15 % Zinsen auf Straatsanleihen zahlen und haben das getan. Deutschland hat 1996 bis über 8 % Zinsen gezahlt. Die Zinsschrankle von 7% verfolgt also politische Ziele von Kapitalmärkten.
    Fazit: In den Debatten über eine wie auch immer geartete Eurokrise wird ein Meinungskrieg geführt. aibei kommt es weder auf Glaubwürdigkeit noch auf Wahrhaftigkeit an. Alles ist nur einem Ziel untergeordnet, die Siegermeinung zu kreieren. Leider ist die FTD Beteiligter nicht Kritiker. Das trifft allerdings auch auf die allermeisten sogenannten oder selbsternannten Experten aus Banken, Versicherungen, Forschungsinstituten, Universitäten, EZB, IWF, Weltbank, Finanzminister, Ministerien, deren wissenschaftliche Beiräte usw. zu.

  7. R.B.
    27. Juli 2012 um 15:50

    Sehr geehrter Hr. Fricke,
    Ist zwar nur ein „Nebenkriegsschauplatz“ aber weil Sie ihn in Ihrem Artikel anführen.
    Vielleicht wäre ein Hinweis sinnvoll gewesen, wann und warum der Länderfinanzausgleich eingeführt wurde. Des Weiteren hätte man erwähnen können, dass Bayern ca 3-4 Mrd. erhalten, aber ca. 40 Mrd. eingezahlt hat. Selbst wenn man die Summen rauf- oder runter-diskontiert werden Sie kaum umhin kommen, mir zuzustimmen, dass sich im Laufe der Zeit ein gewaltiges Missverhältnis aufgebaut hat.
    Den „Soli“ halte ich demgegenüber für völlig i.O.

    Sie schreiben:
    „Das heißt nicht, dass es keine strukturellen Schieflagen gibt. In Portugal stiegen die Lohnstückkosten trotz schwacher Konjunktur. Der weit größere Teil des Problems dürfte aber im jahrelangen konjunkturellen Auseinanderdriften liegen. Und darin, dass Europas Zentralbank nur bedingt gegensteuern kann – weil sie nur einen Leitzins hat, der für konjunkturell schwächere Länder tendenziell immer zu hoch und für die stärkeren zu niedrig ist. „

    Das ist vollkommen richtig. Die naheliegende Schussfolgerung wäre doch …

    Sie schreiben:
    „Wie so eine ganz andere Transferunion funktionieren könnte – darüber mehr im dritten Teil der Sommerkolumne zur politischen Euro-Union.“

    Ihre zahllosen Fans und Kritiker sind gespannt ;-).
    Ich hoffe, dass nicht die unausgegoren Thesen von Heiner Flassbeck and Gustav Horn wiedergekäut werden.

    Zu guter letzt. Das Wort IMMOBILIENKRISE kommt im Artikel nicht vor. Wäre es vollkommen falsch zu behaupten, dass das Wachstum in Spanien nur ein „bubble“-Wachstum war und sind Schussfolgerungen auf das Wachstum basierend, die diesen Tatbestand ausblenden, nicht auf Sand gebaut?

  8. Huthmann
    27. Juli 2012 um 13:41

    Was Sie anführen ist vollständig richtig. Es war die Konjunktur, die die Wettbewerbsfähigkeit der Südländer (weiter) verringert hat. Und es waren die noch nie dagewesenen niedrigen Zinsen, die sie angetrieben waren. Vorher gab es diese niedrigen Zinsen ja nicht, weil die Gläubiger wußten aus leidvoller Erfahrung, daß immer wieder aus mangelnder Wettbewerbsfähigkeit abgewertet wurde. Nun waren die Zinsen niedrig und natürlich haben alle zugegriffen, um über Kredite sich endlich die Wünsche realisieren zu können, die vorher nicht drin waren. Die große Frage ist aber eine andere: was macht eine nachhaltige Entwicklung aus. Nicht jede Konjunktur ist nachhaltig wie wir mit Blick auf Spanien und Griechenland wissen. Was ja auch nicht neu ist. D.h. es stellt sich die alles entscheidende Frage: wer entscheidet in was wieviel inverstiert wird. Investitionen. Wer führt sie durch damit sie nachhaltig sind. Macht das der Staat, der Unternehmer oder wer?

  9. Harald Münzhardt
    27. Juli 2012 um 11:35

    „Wenn das stimmt, braucht die Euro-Zone für ihr Überleben nach der Krise keine Dauertransfers, sondern einen Mechanismus, der konjunkturelles Auseinanderdriften bremst – auch mit anderen Vorzeichen als in den vergangenen zehn Jahren“

    Ein rein theoretisches Gedankenexperiment, aber wo ist der praktische Sinn?

    1) Wer wollte den Euro?

    a) Frankreich als Selbstschutz vor einer starken DM!

    b) Ich persönlich befürworte eine starke DM!

    c) Warum nicht die DM als Leitwährung?

    2) Wer brauchte den Euro in Europa?

    Niemand!

    3) Wer braucht heute den toten heute Euro wirklich?

    a) Niemand in Europa!

    b) Eher schon die USA mit ihrem toten Dollar!

    4) Es geht nicht um ein konjunkturelles Auseinanderdriften in der Eurozone, sondern es gehört die Systemfrage auf den Tisch:

    – Zinseszins
    – Geldschöpfung aus dem Nichts

    5) Wie es anders geht und nicht nur in Deutschland funktionieren kann, das Rad muss nicht erst neu erfunden werden.

    Jörg Gastmann „Geldlawine“

    6) Stellen wir erst mal Deutschland auf die Beine, genauso sollte jedes Land sich wieder auf seine eigenen Kräfte besinnen. Und das wieder mit eigenen Währungen.

    7) Parallel sollten wir per Volksabstimmung die Stellung zu Europa legal bestimmen!

    Harald Münzhardt

  1. 27. Juli 2012 um 16:00
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: