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Christian Schulz – Eurokrise tückisch für Nicht-Euroländer

20. August 2012

Die Vertrauenskrise hat in der Eurozone zu Finanzverwerfungen, Rezession, Arbeitsplatzverlusten und Steuerausfällen geführt. Doch aufgrund ihrer enormen wirtschaftlichen Bedeutung endet die Krise nicht an den Grenzen der Währungsunion. Schadenfreude weil man bei dem ambitionierten Projekt nicht dabei, ist deshalb in Ländern wie der Schweiz und Großbritannien unangebracht. Es sollte vielmehr Sorge überwiegen, denn die Folgen eines Scheiterns des Euros wären unabsehbar.

Auch wenn dies manchen auf der Insel nicht gefällt: Großbritannien ist wirtschaftlich ein Teil Europas. 51% der Exporte gingen 2010 in die Eurozone.

Großbritannien war eines der am stärksten betroffenen europäischen Länder in der Finanzkrise 2007-2009. Der Immobilien- und Schuldenboom in den 2000er Jahren hatte das Land sehr anfällig gemacht; der Finanzsektor spielt immer noch weit überdurchschnittliche Rolle, auch wenn der Anteil an der Wirtschaftsleistung von über 10% 2007 auf knapp über 8% 2012 gefallen ist. Zum Vergleich, in Deutschland macht der Finanzsektor 5% der Wirtschaftsleistung aus, in anderen großen Euroländern noch weniger.

Die britische Wirtschaft hat sich von der Lehman-Rezession auch nach 4 Jahren bisher genau so wenig erholt wie zum Beispiel die spanische, deren Probleme ähnlich gelagert waren. Mitte 2012 liegt die Wirtschaftsleistung 4,3% unter der vom 2. Halbjahr 2007, in Spanien sind es 3,9% weniger. Seit mittlerweile neun Monaten schrumpft die britische Wirtschaft weil der schwache Bausektor den fragilen Rest der Wirtschaft mit herunter zieht. Die Regierung, die bereits 2010 mit Sparprogrammen begonnen hatte, sieht sich mehr und mehr unter Druck, trotz immer noch enormer Haushaltsdefizite (2011: 8,3% vom BIP), vom Sparkurs abzukehren. Tatsächlich sind schon jetzt Staatsausgaben oft die einzig wachsende Komponente der Wirtschaftsleistung.

Die eigenständige Zentralbank hat Großbritannien wohl vor einer Finanzkrise bewahrt. Die Bank of England hält, anders als die EZB, die Zinsen mit allen Mitteln so niedrig wie möglich. Das erleichtert es den Haushalten und Unternehmen, ihre Schulden abzubauen, senkt aber auch die Anreize die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und für den Staat, seine strukturelle Neuverschuldung unter Kontrolle zu bringen. Mittlerweile besitzt die Bank ein Drittel aller Staatsanleihen, obwohl sie wie die EZB den Staat nicht finanzieren darf.

Die freien Wechselkurse versagten dagegen als Erfolgsgarant. Obwohl Großbritannien vom Beginn der Finanzkrise im August 2007 bis Ende 2008 das Pfund Sterling um 30% abwerten konnte, hinkt das Land bei der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Ländern wie Spanien hinterher. Während Spanien sein enormes Handelsdefizit von bis zu 11% vom BIP in 2007 Anfang diesen Jahres in einen Überschuss verwandeln konnte, weil die Exporte wuchsen, plagt sich Großbritannien nach wie vor mit einem Defizit von etwa 1% vom BIP herum. In den vergangenen Monaten weitete sich das Warenhandelsdefizit sogar auf neue Rekordwerte aus, unter anderem weil das Pfund gegenüber dem Euro wegen der Vertrauenskrise wieder an Wert gewann und Ölexporte unter dem Preisverfall litten.

Großbritannien profitiert zumindest ein wenig von Europas Krise, weil es als Kapital-Zufluchtsland trotz wirtschaftlicher Schwäche eine stabile Währung und niedrige Zinsen erlebt. Auch das Ende der Eurokrise würde dem Vereinigte Königreich kurzfristig nutzen: wenn Europa wieder wächst, dürften auch britische Exporte wachsen. Doch Großbritanniens Wettbewerbsfähigkeit gerät immer mehr ins Hintertreffen im Vergleich zu den hart sanierenden Euroländern. Letztlich werden auch die Briten um harte Einschnitte nicht herumkommen. Andernfalls könnte das Pfund unter Druck kommen und die Zentralbank gezwungen sein, die Zinsen zu erhöhen. Dies hätte angesichts des immer weiter wachsendem Schuldenstandes unabsehbare Folgen für den Staatshaushalt.

Auch die Schweiz ist wirtschaftlich eng mit der Eurozone verbunden. Die Hälfte der Schweizer Exporte wurden 2011 in das Währungsgebiet geliefert.

Anders als in Großbritannien traf die Lehman-Krise in der Schweiz auf ein strukturell gesundes Land. Die Schweiz wies keine Blase am Immobilienmarkt auf, Haushalte waren nicht überschuldet und der Staat hatte sich keine ausufernden Staatsdefizite geleistet. Wie Deutschland hatte die Schweiz eine Schwächephase Anfang der 2000er Jahre überwunden und zu starkem, exportgetriebenem Wachstum übergegangen. Während der Finanzkrise erlebte das Land eine verhältnismäßig milde Rezession, weil sich die heimische Nachfrage als sehr stabil erwies. Schon 2010 und damit sogar früher als Deutschland konnte die Schweizer Wirtschaftsleistung ihr Vorkrisenniveau erreichen.

Doch mit der Eurokrise wurde es auch für die Schweiz ungemütlicher. Ab Anfang 2010 geriet der Franken zunehmend unter Aufwertungsdruck weil Geld in den sicheren Hafen Schweiz floss. Dadurch verlor die Schweiz an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ihren Nachbarn und erlebt deflationäre Tendenzen. Die Zentralbank SNB reagierte mit zunehmenden Devisenmarkt-Interventionen, insbesondere im Sommer 2011, als nach der Verschärfung der Eurokrise der Franken Richtung Parität mit dem Euro zu fallen drohte. Nachdem die täglichen Devisenankäufe im allein August 2011 zu einer Ausweitung der Notenbankgeldmenge von 15% vom Schweizer BIP führten (das würde übertragen auf die EZB Devisenankäufe von €1.4 Billionen in einem Monat bedeuten!), entschloss sich die SNB schließlich im September 2011, den Schweizer Franken mit einem Mindestkurs von 1,20 an den Euro zu binden und diesen mit unbegrenzten Ankäufen zu verteidigen. Das Signal wirkte: Bis zum erneuten Aufflammen der Eurokrise im April 2012 funktionierte die Strategie so gut, dass die SNB ihre Devisenreserven sogar wieder reduzieren konnte. Doch die jüngsten schweren Turbulenzen haben die Käufe wieder in Gang gesetzt.

Die Schweiz als fundamental wirtschaftlich gesundes Land leidet außerhalb des Euros deutlich mehr unter der Eurokrise als Großbritannien. Die hohen Geldzuflüsse zwingen die Schweizer zu einer enormen Ausweitung der Geldmenge. Die weiter günstigen Importe drücken zwar die Preise daheim, aber bei Schweizer Immobilien zeichnet sich moderate Blasenbildung ab. Wenn sich die Eurokrise wieder beruhigt, wird die SNB ihre riesigen Devisenreserven nach und nach mit Gewinn verkaufen können und dadurch zum Beispiel Staatsschulden weiter abbauen können. Die Schweiz könnte dann endlich wieder ihre hervorragende Wettbewerbsfähigkeit auf wieder wachsenden Märkten ausspielen.

Die Beispiele der Schweiz und Großbritanniens zeigen die Tücken der Lage von europäischen Nicht-Euroländern. Wirtschaftlich eher schwache Länder wie Großbritannien können mit Hilfe generöser Geldpolitik die notwendigen Reformen zwar milder gestalten, doch die Gefahr ist dass sie immer weiter verschoben werden und das Land letztlich ins Hintertreffen gerät. Die Schweiz muss auf der anderen Seite ohne Einfluss auf die Probleme möglicherweise sehr teuer mit ihren Folgen kämpfen.

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  1. Bernd
    22. August 2012 um 09:08

    „Wenn sich die Eurokrise wieder beruhigt, wird die SNB ihre riesigen Devisenreserven nach und nach mit Gewinn verkaufen können und dadurch zum Beispiel Staatsschulden weiter abbauen können.“
    Aaaha, nur haben Sie vergessen zu erwähnen wann das sein soll! 🙂
    Können Sie dies bitte noch ergänzen Herr Schulz?

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