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Die Kolumne – Wer ist der wahre Stabilitätspapst?

31. August 2012

Der nahende Einsatz der Europäischen Zentralbank als Käuferin von Staatsanleihen weckt im Land der Bundesbank tiefe Ängste. Zu Recht? Höchste Zeit für einen Gefahrencheck.

Die Szenerie scheint ins Klischee zu passen. Da kommen südeuropäische Regierungschefs zur Kanzlerin, um dort um Unterstützung zu werben, dass Europäische Notenbank und Rettungsfonds ihre Staatsanleihen kaufen – wovor der Bundesbankchef mit Verweis auf Stabilitätstraditionen warnt. Gut gegen Böse? Ein Märchen.

Was nicht ins Klischee passt, ist, dass Südler wie Italiens Regierungschef Mario Monti eigentlich überzeugte Marktwirtschaftler und Wettbewerbshüter sind – und dass alle im EZB-Rat fürs Intervenieren sind. Nur der Bundesbankchef nicht.

Höchste Zeit, jenseits der Klischees zu checken, wie gut die Warnungen aus dem Hort deklarierter Stabilitätstradition begründet sind – eine Woche bevor der EZB-Rat die außergewöhnliche Intervention beschließen könnte. Sollten die Befürworter der Aktion recht haben, könnte die größere Gefahr für die Stabilität unserer Währung darin liegen, dass die EZB nichts tut. Es muss ja nicht immer Stabilität drin sein, wo Stabilitätswächter draufsteht.

Zu den geringeren Gefahren zählt mit Sicherheit, dass Inflation droht, wenn die EZB ankündigt, im Notfall massig Staatsanleihen zu kaufen. Das Problem ist ja nicht, dass zu viel Geld in Umlauf ist – sondern zu wenig: weil nach dem Platzen von Finanzblasen alle versuchen und gedrängt werden, Ausgaben zurückzuführen und Schulden abzubauen. Was erklärt, warum die Geldmenge im Euro-Raum sogar langsamer als nötig steigt (siehe Grafiken). In solchen Phasen ist es nach aller Erfahrung weise, den Deflationssog durch Liquiditätszuflüsse zu stoppen. Das ist dann keine „Geldflutung“, sondern eher der Versuch, ein Austrocknen des Finanzsystems durch Bewässern zu stoppen.

Der heiklere Kern des Streits scheint um etwas anderes zu gehen: ums Prinzip – und die Frage, ob an den Märkten für Staatsanleihen überhaupt was passiert, was nicht normal ist und ein Eingreifen rechtfertigt.

Klar, wenn die Märkte richtig liegen, liegt es nahe zu sagen, dass die Regierungen damit leben müssen, sechs oder sieben Prozent Anleihezinsen zu zahlen. Dann wirkt der Einwand sozusagen selbsterklärend, dass eine Notenbank nicht besser wisse, wo der richtige Zins liegt. Und dann scheint auch Jens Weidmanns Sorge berechtigt, dass solche Hilfen wie eine Droge wirken, die Regierungen dann immer haben wollen. Wenn es keinen definierbar ungewöhnlichen Anlass gab, Marktwirren festzustellen und Hilfe damit zu begründen, fehlt auch der Maßstab, später zu begründen, wann sie abzusetzen ist. Logisch. Dann wirkt die Hilfe wie ein Geschenk an Regierungen, was falsche Anreize setzt (ich sollte Pressesprecher der Bundesbank werden).

Hier liegt aber auch der Grund, warum der Bundesbankchef mit seiner Position so allein steht, wonach die Märkte vielleicht doch nicht so falsch liegen (okay, das wird nichts).

Warum hat die Marktpanik just im Juli 2011 eingesetzt, obwohl es damals weder in Spanien noch Italien fundamental Probleme gab, die am Markt nicht vorher bekannt waren? Warum liegen bei 80 Prozent Staatsschuldenquote die Zinsen in Spanien über sechs und in Großbritannien mit 100 Prozent Verschuldung unter zwei (siehe Grafik)? Ist es umgekehrt normal, dass unser Finanzminister bei historischen 80 Prozent Schulden am Markt so gut wie keine Zinsen zahlen muss – weil alle panikartig in vermutet sichere Anlagen fliehen? Maximaler Anreiz zum Schuldenmachen. Schleierhaft, wie ein Bundesbanker so etwas normal finden kann. Das hat mit Markteffizienz so viel zu tun wie Fußballkunst gerade mit dem HSV.

Märkte im Panikmodus

Warum sind die Zinsen nicht wenigstens etwas gefallen, seit Monti antrat und radikal gekürzt hat? Und obwohl Spaniens Regierung binnen wenigen Monaten vier Pakete nachgelegt hat und die strukturellen Staatsdefizite rasant sinken? Belohnung: Die Zinsen erreichten neue Rekordhochs.

Die einzig plausible Erklärung ist, dass die Märkte derzeit in einem Panikmodus sind, wo Anleger reflexartig verkaufen, weil sie nicht mehr überzeugt sind, ihr Geld noch zurückzukriegen. Was im Einzelnen psychosozial nachvollziehbar scheint, in der Summe aber zu ökonomisch derart grotesken Ergebnissen führt – und eine sich selbst erfüllende Angst erzeugt, da können Italiener und Spanier noch Kopf und Bein sparen.

Nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds müssten die Zinsen nach üblichen ökonomischen Kriterien in Spanien und Italien zwei Prozentpunkte niedriger liegen. Der Rest ist Panikprämie – und Angstaufschlag, den Anleger für den Fall des Euro-Crashs verlangen, was mit Fundamentaldaten nur noch wenig zu tun hat. Zu ähnlichen Ergebnissen für Portugal und Irland kommt Christian Schulz von der Berenberg Bank.

Wenn das so ist, verkehren sich die Argumente schlagartig. Wenn der Markt es offenbar derzeit nicht besser weiß, was ja in so historischer Krise passieren kann, ist womöglich das geringere Übel, wenn Notenbanker agieren, um Schlimmeres zu verhindern. Dann gibt es sehr wohl Anlass, Interventionsschwellen zu definieren, weil die Zinsen sonst irgendwann bei acht, zehn oder 20 Prozent liegen, wie bei den ersten Krisenländern. Und dann entfällt auch die Sorge, dass es danach keine Handhabe gibt, die Hilfe wieder einzustellen.

Wenn die Notenbanker anhand bestmöglicher Kriterien jetzt eine Sondersituation feststellen, werden sie anschließend auch definieren können, wann diese Kriterien nicht mehr erfüllt sind – und es eben keine Hilfe mehr gibt. Nicht trivial, klar. Nur müssen die Währungshüter jeden Monat ja auch festlegen, wo der Leitzins ist. Und da kommt auch keiner und sagt, dass man Zinsen nicht senken darf, weil das sonst zur Droge wird. Wenn die Umstände sich normalisieren, hat eine Zentralbank alle Macht und Unabhängigkeit, die Sonderlage für beendet zu erklären – und jede Sonderaktion zu stoppen. Dann wird es im Zentralbankrat auch keine 21 Leute mehr geben, die dagegen sind, und nur einen, der dafür ist.

Das Dilemma der Bundesbanker scheint in der Scheu zu liegen, einzuräumen, dass Märkte auch einmal falsch ticken können – was ja nicht heißt, dass das immer so ist. Was aber heißt, dass dann keine alten Standards helfen und man auch heiklere Eingriffe erwägen muss. Und sich nicht daran klammern kann, dass das schwierig ist und die Bundesbank deklaratorisch für Stabilität stehe.

Sollten die Märkte wirklich gerade verrückt spielen, kann das nach aller Finanzkrisenerfahrung ohne baldiges Eingreifen rasch in ein Währungsdesaster führen, das mit der Stabilität, die hiesige Stabilitätspäpste uns versprechen, nichts mehr zu tun hat.

Email: fricke.thomas@guj.de

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  1. Michael
    3. September 2012 um 20:11

    John Doe :

    Hi Michael,
    auch Sie unterhalten sich nur über das Heute und wie die von der Finanzwirtschaft ausgehende Misere in den Griff zu kriegen ist, mit Strukturreformen, die als “alternativlos”, “urplötzlich”, von niemandem erkannt, wie der Teufel aus der Kiste springen, stupid!

    Ob man die Misere vorab erkennen konnte, hängt stark davon ab, ob man den Zins des Geldes als nur durch weiteres Kreditwachstum gedeckt sieht (die Kreditvergabe also die Wirtschaft treibt), oder ob man den Zins des Geldes als durch Wirtschaftsleistung gedeckt sieht, dieser also real erarbeitet werden muss.

    Die Entwicklung der Leitzinsen seit Anfang der 80er spricht eine deutliche Sprache:
    Der Zins muss durch Wirtschaftsleistung gedeckt werden.

    Sie vergessen, wann diese Finanz- und Schuldenkrise begonnen hat (~2003), heute schreiben wir 11 Jahre später, und wie sie zu Stande gekommen ist.

    Wann die Finanz-/Schuldenkrise begonnen hat, darüber lässt sich vortrefflich streiten:
    Meiner Ansicht nach begann sie mit den „Reaganomics“, denn damit dieser Ansatz funktioniert, darf weder Geld eine Deckung haben, noch darf es Engpässe bei anderen Resourcen geben.

    Eine aus meiner Sicht irrige Voraussetzung für ein Wirtschaftssystem.

    Ganz zu Anfang: Bitte rechnen Sie mir aus, wie groß der Lohnverzicht der griechischen Arbeitnehmer in der Exportindustrie sein muss, damit die 380 Milliarden € Schulden + Zinseszins, von den regierenden Elite gemacht, in 10 Jahren abgetragen sein wird? Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass die Löhne der griechischen, spanischen uvam. Arbeitnehmer URSÄCHLICH für die Finanzkrise sind, stupid?

    Welchen Sinn ergibt diese Rechnung?
    Schulden können nur getilgt werden, wenn das die Gegenposition bildende Geld ausgegeben wird und an Löhnen kann nur gezahlt werden, was der Käufer der von jenen Menschen produzierten Waren zu zahlen bereit ist.

    Das pure Angebotsorientierung eine Deflationsspirale ausbildet, weiß ich selbst.
    Ein anderer Schreiber erwähnte bereits den Zusammenhang zwischen Inflationsziel und Produktivitätszuwachs/-schrumpfung.

    Seit dem Jahre 2003 ist bekannt, als Ackermann von Schröder eine staatliche Bad Bank haben wollte. Das Handelsblatt petzte. Das Projekt wurde begraben. Die Bankgesetze wurden geändert, so dass die Finanzindustrie Zweckgesellschaften im Ausland gründen konnte. Minderwertige Kredite dorthin und schon waren die Bilanzen wieder sauber. Zuerst war es eine Krise der Finanzinstitute mit den Zusammenbruch der Subprime=minderwertige Kredite. Diese wurden auch zur Deckung von Derivaten verwendet. Folge, die Derivate kamen unter Druck. Die Staaten begannen…

    Hinter den Verbriefungen steckt doch letztendlich der Gedanke eines funktionierenden Marktes, denn in der grauen Theorie der BWL’ler/VWL’ler sollte der allwissende Markt den korrekten Preis ermitteln und falls jemandem die zugehörigen Zinsen als zu niedrig erscheinen sollten, so müsse jener halt akzeptieren, dass der Markt nun einmal Recht habe.

    Das mag einem diese Behauptung nur auswendig lernendem BWL’ler/VWL’ler noch plausibel erscheinen, einem diesen Prozess analysierenden und in Algorithmen denkendem Menschen rollen sich dabei allerdings die Fußnägel hoch, denn ihm ist völlig klar, dass eine ansteigende Kreditvergabe zur Verengung von Spreads führt und damit zu viel zu niedrigen Zinsforderungen des Marktes.

    -> Der Markt weiß es eben nicht besser, sondern folgt den anderen Lemmingen.

    Bitte erklären Sie mir, wie Sie es begründen wollen, dass mit einem Male Volkswirtschaften betriebswirtschaftlich, wie ein einzelnes Unternehmen, das Gewinn erzielen soll, bewertet werden sollen. Sie hetzen hetzen dieser Idee nach. Danach ist es Ziel, dass Volkswirtschaften gegen über anderen Volkswirtschaften Gewinne erzielen sollen. Zitat: “Wenn das Lohnniveau über dem liegt was die Wirtschaft leisten kann, dann kann ein Staat dagegen auch nur wenig anderes machen, als Strukturreformen umzusetzen.” Der Staat, Sie meinen wohl die Regierung, hat jetzt wie ein Unternehmensleiter die Pflicht, seinen “Betrieb Volkswirtschaft” auf Vordermann zu bringen, damit Gewinne erzielt werden sollen. Wessen Gewinne? Seit wann sind Sie dafür, dass der Staat sich klientelbegünstigend in die privaten Angelegenheiten von Vertragspartnern einmischen darf? Wer fährt die Gewinne aus dem Export ein, der Staat, die Regierung oder die jetzt entlasteten Unternehmen? Der Staat macht es dann wohl über Steuern, oder wie? Kann ich Sie so verstehen?

    Volkswirtschaften stehen über die von ihnen gebotene Infrastruktur sowieso in Konkurrenz zueinander, denn ist ihre Infrastruktur schlecht, so laufen ihr die Leute weg; erscheint sie rentabel, wandern Leute ein.

    Volkswirtschaften messen sich auch and er Effizienz, mit welcher sie begrenzte Rohstoffe zu nutzen verstehen. Umgekehrt könnte ich auch fragen, warum die Bundesstaaten der USA miteinander konkurrieren, warum sich die Schweiz und Dänemark an den Euro gekoppelt haben, warum China den Außenwert seiner Währung an den Dollar (bzw. einen Währungskorb) koppelt und warum der Dollar mit dem Rohstoffhandel gekoppelt ist.

    Klar ist dass man irgend ein Ausgleichssystem benötigt, wenn man derartige Koppelungen langfristig beibehalten will. Auf internationaler Ebene ist dies der „Staatsinsolvenzverwalter“ IWF und im Euroraum werden dies die an Strukturreformen gekoppelten „Schutzschirme“ sein.

    Eine Alternative wäre so etwas wie eine Sozialisierung der Leistungsbilanzungleichgewichte, d.h. eine Art Länderfinanzausgleich.

    Eine weitere Alternative wäre das Abschreiben der sich aus den Exportüberschüssen ergebenden Forderungen, d.h. die Anerkenntnis, Produkte an Schuldner verschenkt zu haben.

    Beide „Alternativen“ halte ich nicht für echte Alternativen…

    Das IW Köln hat für D den Stundenlohn von 36 € ermittelt, für GR von 16 €. Wie kommen Sie jetzt auf die Idee, dass die 16 € zu hoch seien? Erklären Sie mir bitte, warum die seit Jahren bekannten Lohnabstände, wenn es nur darauf ankommt, die deutsche Industrie von massenhafter Verlagerung von Standorten nach GR abgehalten hat? ei gleichen Verkaufspreisen und 20 € Lohnvorteil wäre es doch ein blendendes Geschäft, korrekt?

    Wenn die „Infrastruktur Korruption“, sowie eine ineffiziente Behörde in GR als Grund für eine Standortverlagerung betrachtet, bzw. diese Dinge einem weniger als 20€ Stundenlohn wert sind…

    Stundenlöhne alleine lagen wenig aus:
    Wichtig sind Strukturreformen und jenen verweigern sich in GR wohl zu viele.

    Volumen der realwirtschaftliche Leistung= $ 70 Trillon; Volumen des lizenzierten Bankenbereichs 60 Trillion; im unlizenzierten Bankenbereich sind lt. BIZ, Basel rund $ 700 Trillion an Volumina unterwegs. Bitte erklären Sie mir, wozu die Realwirtschaft das Volumen von $ 760 Trillion braucht?* Hinter dem Wert des lizenzierten Finanzbereichs steht ja noch die Realwirtschaft als Wert. Welcher Wert steht hinter dem Volumen 700 Trillion=~€ 580 Billionen des OTC Bereichs?

    Welches Nominalvolumen angemessen ist, weiß ich auch nicht, aber was spricht dagegen, wenn Unternehmen via Derivaten Wechselkurse zeitweilig fixieren um damit stabile Kalkulationsgrundlagen zu erhalten?
    Gleiches gilt auch für Zinsschwankungen, etc.

    Wenn Sie schon diese Idee verfolgen, warum lassen Sie die Unternehmensabteilung des Unternehmens “Volkswirtschaft” die Finanzwirtschaft (so. *) außen vor und fordern für diesen Bereich keine Strukturreformen?…

    Zum Einen schrumpft das Investmentbanking schon von alleine, weil das zugehörige Geschäftsmodell verschwunden ist (das gilt auch für Fonds!) und desweiteren sind zugehörige Strukturreformen (wie die „Bankenunion“) durchaus im Gespräch.

    Daran vorbei kommen dürfte man nur schwerlich. Da kann sich die Bankenlobby winden soviel sie will. Spätestens wenn eine systemrelevante Bank die andere systemrelevante Bank in die Insolvenz drängt, kommt jene „Union“ als Teil der Eigendynamik schon von alleine….

    Klar: Man sollte jenem Effekt vorgreifen. Nicht dass ein Derivatekrösus wie Morgan Stanley ins Wanken kommt… 😉

    • blaublütiger hochadel
      6. September 2012 um 06:49

      Strukturreformen allá Deutschland?

      Wenn in Europa die Strukturen nach dem Vorbild Deutschlands reformiert werden, wäre eine Implosion des Systems nicht auszuschließen. Untersuchen Sie die einem solchen System – das euphemisch mit dem Dispositionsbegriff der Subsidiarität umschrieben wird – zugrundeliegenden Verantwortungsverschiebungen, die daraus entstehenden psycho-physischen Auswirkungen samt Folgen auf Bedürfnis- bzw. Motivbewegungen unter Einbezug der Einflüsse auf die Entwicklung etwa organisatorischer und technologischer Innovationen. Was sehen Sie? Ein bereits fragwürdiges Input-Output-Verhältnis in Hinsicht des Einsatzes von Kraft? Dann könnten Sie auf der richtigen Spur sein.

  2. venkat rao
    3. September 2012 um 10:25

    Angenommen, Sie haben recht Herr Fricke und die Zinsen der Südländer sind sehr hoch weil die ‚Märkte‘ (also großteils die eigene banken und anleger der Schuldenländer) verrückt spielen und absurd höhe Zinsen verlangen. Wie soll dann das End game aussehen? Wer bestimmt in eine durch Schuldenländer dominierten, politisch manipulierbaren Notenbank wann der richtige Zinssatz erreicht ist? Oder soll die EZB Staatsanleihen von den banken abkaufen, bis Spanien und Italien die gleiche Zinsen zahlen wie Deutschland? Was machen wir wenn die Inflation in Deutschland durch die schwache Währung dann deutlich anzieht, aber nicht in den Südländern? Und wann wird die EZB überhaupt wieder in der Lage kommen, die angehäuften Saatsanleihen wieder los zu werden? Zu welchem Preis?

    • 3. September 2012 um 17:53

      Eins vorweg: mir sind bei Ihren Fragen zu viele implizite Behauptungen drin, die ja erstmal belegt sein müssten. Was heißt Schuldenstaat? Ist Deutschland mit 80 Prozent Staatschulden kein Schuldenstaat? Sie meinen die Südländer? Die dominieren aber den Zentralbankrat nicht, da sitzen ja 22, bald wieder 23 Leute drin. Und warum politisch manipuliert? Welcher Politiker manipuliert da was? Ganz im Ernst: der Ruf nach dem lender of last resort kommt mittlerweile von fast allen internationalen Experten in Sachen Finanzmarkt. Die große Mehrheit der Zentralbanker aus Süd wie Nord ist dafür – nur eben unser Herr Weidmann nicht. Und eine Menge Leute in Deutschland, bei denen ich aber eine nachvollziehbar unideologische Argumentation vermisse.
      Jetzt zur Frage: die ist in der Kolumne doch eigentlich beantwortet, oder? Natürlich ist es nicht evident und einfach zu entscheiden, wann genau eine Dysfunktionalität einsetzt und wieder aufhört. Aber Notenbanker müssen jeden Monat doch auch entscheiden, wo der richtige Leitzins ist. Das können die auch, und das machen die auch dann unabhängig, wenn die Versuchung groß ist, sie dabei zu beeinflussen. Und es gibt schon einige Anhaltspunkte, anhand deren man das testen kann: wenn man wieder feststellt, dass Leitzinsänderungen auch in den langristigen Zinsen Ausdruck finden; wenn die Target2-Salden sich wieder einpendeln (die ja ein Symptom dieser Flucht und Dysfunktionalität sind); wenn die ökonometrischen Schätzungen unabhängiger Experten wieder zu dem Ergebnis kommen, dass die Zinsen den Fundamentaldaten folgen undundund.
      Wenn die EZB glaubhaft als Lender of last resort antritt, wird sie gar keine großen Summen kaufen müssen. Das ist ja der Sinn eines lenders of last resort. Dann brauchen wir auch keine Angst vor Inflation haben. TF

  3. blaublütiger hochadel
    3. September 2012 um 06:19

    Fluten und Fließen

    Thomas Fricke liegt wahrscheinlich mit seiner Analyse richtig:

    ”Der heiklere Kern des Streits scheint um etwas anderes zu gehen: ums Prinzip …”

    Und hierzu könnte angenommen werden, dass sich der Vorstoß der Bundesbank quasi generalpräventiv auf den Schutz der Leitkultur, der Stabilitätskultur, richtet. Das heißt, selbst wenn sich behauptete Gefahren aus dem Einzelfall nicht objektiv ableiten lassen, dennoch negative Wirkungen auf angeblich normative Verhaltensweisen die Folge wären.

    Aus der Forschung zum Konservatismus ist bekannt, dass der Konservative kaum etwas mehr fürchtet, als das Fluten und Fließen: Fließzustände, Fließprozesse haben für ihn die Bedrohung des Verfließens, der Auflösung von deutlich umrissenen Grenzen, dem Verlust von bestimmten Verhaltensweisen und -normen.

    Fluten und Fließen sind für den Konservativen verbunden mit Treiben und Trieben, also mit Bedürfnissen und Motiven, die das Spektrum symbolischer Dispositive, vereinfacht: der Entwicklung von Alternativen, erweitern – und das auf seinem Welt- und Menschenbild unterstellte vereinheitlichte Allgemeininteresse gefährden.

    Fluten und Fließen ist für den Konservativen erfüllt mit Devianz, mit dem Verlust der auf seinem Wirklichkeitsmodell beruhenden Ratio. Und es ist für ihn von Bedeutung, seine Vorstellung von Ratio über mögliche Fließprozesse, über unterstellte gefährliche Prozesse der geringer geschätzten Zivilisation zu erheben – um die Kontrolle über symbolische Dispositive zu wahren oder herzustellen oder sie einzuschränken.

    Vielleicht erklärt sich der (unbewusste?) Vorstoß der Bundesbank auf diese Weise? Mit der Wirkung zu Auflagen, das Fluten und Fließen durch forcierte Repressionen, etwa bei den so genannten Strukturreformen, zu verhindern? Die Dämme höher zu bauen, um Verhaltenskanalisierungen nicht überfluten, nicht verfließen zu lassen? Damit niemand auf die Idee kommt, es könnte (soziale und ökonomische) Alternativen „zum Ganzen“ geben?

  4. 2. September 2012 um 22:29

    Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare und Anregungen. Da der Verweis auf die hohen Zinsen der Vergangenheit in den Südländern ja immer wieder kommt, ein paar Anmerkungen dazu. Das Argument wird ja durch ständiges Wiederholen nicht besser.

    Erstens hatten die genannten Länder in der besagten Zeit deutlich höhere Inflationsraten, und was für die reale Belastung entscheidend ist, sind nunmal die preisbereinigten Zinsen; die waren in den 90er-Jahren teils deutlich geringer als heute.

    Zweitens wuchsen die Volkswirtschaften damals auch noch deutlich stärker, was nach gängiger ökonomischer Logik zu recht mit höheren realen Zinsen verbunden ist (im Prinzip müsste der Realzins auf Dauer dem realen Potenzialwachstum entsprechen) – heute stecken die Krisenvolkswirtschaften aber in dramatischen Rezessionen, und die Realzinsen sind gemessen daran katastrophal hoch, da sind derart hohe Zinsen ökonomisch schwer begründbar (es sei denn über die in Deutschland so gern zitierte Anreizwirkung, die aber eher ein Mythos ist, weil die Märkte bei dieser Disziplinierung in der Praxis regelmäßig versagen)

    Drittens muss man in diesem Zusammenhang schon fragen, welchen Sinn es macht, den Ländern die Sanierung über hohe Zinsen nur noch schwerer zu machen – und die Austerität noch stärker prozyklisch wirken zu lassen.

    Es ist natürlich Unsinn zu sagen, dass die Regierungen der Länder nicht eine Zeit lang mit etwas höheren Zinsen leben können; natürlich sterben die davon nicht, und natürlich geht das irgendwie. Das ist aber doch gar nicht das Problem. Wenn die Zinsen in diesen Ländern so plötzlich auf solche Niveaus von 6-7 Prozent steigen, ist das deshalb ein Alarmsignal, weil es das Zeichen für eine einsetzende Anlegerpanik, einen Anlegerstreik sein kann – und weil es dann ja – wie erwähnt – nicht dabei bleibt, sondern der erste Schritt zu 10, 15 oder 20 Prozent sein kann, wie es die bisherigen Rettungsschirmländer erleben mussten. Das hat dann mit vernünftigen Anreizen beim besten Willen nichts mehr zu tun. Das mag der ein oder andere sich wünschen, ich wäre da vorsichtig.

    Wenn es, wie gesagt, eine Menge Indizien gibt, die dafür sprechen, dass die Märkte hier in einer Kollektivpanik ohne Anbindung an die fundamentalen Daten (die sich überall verbessert haben) reagieren, halte ich es schon für fahrlässig naiv, immer nur zu sagen, dass der Markt recht hat, weil der Markt immer recht hat und deshalb immer recht hat – und weil Anleger angeblich immer richtig urteilen. Na, da fragen Sie mal die, die kürzlich Facebook-Aktien gekauft haben.. Das ist einfach empirisch auch schwer begründbar, es gibt nunmal Situationen, in denen Anleger in Herdentrieben reagieren, was individuell dann rational ist, in der Masse aber zu großen Fehlbewertungen führt.

    Ganz im Ernst: ich halte diesen Markttotalitarismus auch für gefährlich. Es kann nicht sein, dass wir uns so etwas völlig blind unterordnen, egal wie widersinnig und menschenverachtend die Ergebnisse sind. Und wie gesagt; das ist alles furchtbar schwierig und heikel, es wäre schöner, wenn die Märkte immer toll funktionieren, und man muss zusehen, die Dinge bei Normalisierung der Märkte auch wieder zurückzudrehen. Aber: deshalb zu sagen, dass Markt und Anleger nie falsch liegen, wird ein paar Jahrhunderten Erfahrung mit Panikmomenten an Finanzmärkten nicht gerecht.

    TF

    • alexander rain
      3. September 2012 um 13:10

      sehen sie und mir macht diese planwirtschaft angst. was kommt als nächstes -eine zinskommission ala italienisches schatzamt , wie in den 80erjahren.

      sie glauben doch nicht ernsthaft , das sich italien oder spanien mit 4 % zufrieden geben, bald wird man fordern auch das wäre zu hoch , 2% oder 1% wäre angemessen.

      die büchse der pandora ist damit geöffnet.

      mir hat auch noch niemand erklärt, wie man sicherstellt das die reformen weitergehen (wobei ich behaupte, refromen hat es noch ga rnicht gegeben, aber das ist ein weiteres thema)
      was passiert, wenn die reformen nicht umgesetzt werden?
      stellt dann die ezb die finanzierung ein oder erhebt man nur den drohenden zeigfinger?

      in rumanien wurde immer der wetterbericht gefälscht,wenn es wieder probleme mit der wärmeversorgung gab, waren es real -20° wurden daraus beim amtlichen wetterdienst -10. damit sollten sich die leute gleich besser fühlen . warum erinnert mich dien ezb immer mehr an solche systeme?

  5. Johannes S.
    2. September 2012 um 13:42

    Mittlerweile sind wir schon soweit, dass sich Schuldner (Krisenländer) den Zins für ihre Staatsanleihen selbst aussuchen möchten und sogar davon die Rede ist, man müsse das Problem der unterschiedlichen Zinsen in der Eurozone lösen. Wie bitte? Nach Einführung des Euro hatten wir einen nicht normalen Zustand, weil die Zinsen für alle Länder der Eurozone trotz großer Unterschiede ähnlich waren. In der Krise der letzten Jahre ist klar geworden, dass die Zinsen entsprechend der unterschiedlichen Verhältnisse auch unterschiedlich sein müssen und es auch unterschiedliche Risikoaufschläge geben muss. Es stimmt auch, was hier einige Kommentatoren sagen, nämlich dass die Südländer vor Einführung des Euro viel höhere Zinsen zahlen mussten, teilweise über 10 %.Selbst Deutschland zahlte vor Jahren noch durchschnittlich 4 %. Sehr treffend ist der Hinweis eines Kommentators, dass die aktuellen Zinsen ja nur für neu auszugebende Staatsanleihen gelten und nicht für die gesamten Schulden eines Staates. Diese Zinsen betreffen also nur einen minimalen Anteil der Gesamtschuld dieser Staaten und haben somit kaum Einfluss auf den durchschnittlichen Zinssatz, den die Staaten insgesamt zu zahlen haben. Inzwischen ist es schon soweit, dass einige Länder bereits bei 5 % für neu auszugebende Anleihen von gefährlicher Höhe sprechen. Ja wo kommen wir denn da hin? Dass die Zinsen für einzelne Länder der Eurozone unterschiedlich sind und Investoren das Risiko unterschiedlich einschätzen, ist völlig normal. Vorübergehende Übertreibungen bezüglich des einen oder anderen Landes in der Zinshöhe sind aus den genannten Gründen verkraftbar. Wichtig ist vor allem, dass die Krisenländer die zwingend notwendigen Reformen durchführen. Spanien hat z. B. schon immer eine viel zu hohe Arbeitslosigkeit. In allen Südländern wurden z. B. unbedingt erforderliche Arbeitsmarktreformen lange Zeit unterlassen oder auf die lange Bank geschoben. Wenn sich die Krisenländer durch Strukturreformen und eine intelligente Haushaltskonsolidierung zukunftsfähig ausrichten, dann entsteht wieder Vertrauen in diese Länder, gerade auch seitens der Investoren. Das erfordert auch Mut, Geduld und Disziplin, das durchzuhalten und nicht immer gleich nach vermeintlich leichten Lösungen und Auswegen zu suchen, die nur ein Strohfeuer erzeugen, aber nicht nachhaltig sind. Außerdem müssen die bereits erzielten Reformerfolge besser und offensiver öffentlich präsentiert werden anstatt immer nur negative Stimmung zu erzeugen. Gerade Italien ist stark genug, sich selbst zu helfen und Herr Monti tut im Gegensatz zu Berlusconi endlich was, um wieder Vertrauen in die vorhandene Kraft dieses Landes zu gewinnen. Portugal und Irland sind zuletzt wegen Reformerfolgen ausdrücklich gelobt worden. In Spanien ist alles etwas schwieriger, aber auch lösbar. Alle diese Länder sind nicht mit Griechenland vergleichbar.

  6. Helmut Mueller
    2. September 2012 um 05:38

    Der Markt, das sind doch wir alle, einschliesslich der vielen Spanier, die ihr Geld ausser
    Landes schaffen. Die muessten doch besser wissen, wie es mit ihrem Land aussieht
    und welche Zinsen angemessen sind, als ein paar elitaere Besserwisser in der EZB ohne demokratische Legitimation, welche unter massivem externen Druck stehen — z.B. Obama.

  7. Dr. Huthmann
    1. September 2012 um 20:30

    Sehr geehrter Herr Fricke,

    die rhetorische Frage, die Sie aufwerfen behandelt meiner Erachtens die zugrundliegende Problematik nicht angemessen.

    Wenn es richtig ist, daß wir in den letzten 2-3 Jahrzehnten ein beispielloses Kreditwachstum – beinahe unbemerkt (warum eigentlich?) – gehabt haben (siehe Keen, Bezemer), das die Nachfrage entsprechend erhöht und zu einer unangemessenen Vermögenspreissinflation geführt hat, so müssen Sie meiner Meinung nach tiefgreifender analysieren.

    Dann könnte es nämlich wichtig sein, daß man nicht die gleichen Fehler der Vergangenheit wiederholt, indem die Märkte mit Liquidität geflutet werden (à la Greenspan über Zinssenkungen oder über die hier diskutierten Mittel wie Monetarisierung von Staatsschulden oberhalb von Zinsschranken), sondern indem Sie versuchen – als Wirtschaftsjournalist, die Diskussion über eine adäquate Architektur bzw. einen adäquaten Ordnungsrahmen für unsere (Welt)-Wirtschaft und die wichtigsten Akteure darin (gerade auch Notenbanken) anzustoßen und zu moderieren.

    Ggf. dann könnte die Rolle einer unabhängigen Bundesbank, die ja die letzten Jahrzehnte nicht durch absolute Mißerfolge aufgefallen ist, angemessener gewürdigt werden. Dies gilt es sich aber erst zu erarbeiten.

    MfG Dr. Huthmann

  8. Alex
    1. September 2012 um 11:54

    Marktversagen kann jeder immer und überall behaupten, das ist zu billig. Sie postulieren, dass Staaten sich ihre eigenen Kreditkosten setzen dürfen (die kommende Inflation mal ganz außen vor gelassen) anstatt sich einer Überprüfung durch Anleger zu *unterwerfen*.

    Und ja ich nenne das neo-sozialistische Tendenzen. Wenn neue Umstände eintreten, dann geraten Preise immer aus dem Gleichgewicht und es braucht Zeit damit sich neue Gleichgewichtspreise einpendeln. In der Zwischenzeit liegt es an den Staaten sich für potenzielle Anleger hübsch zu machen und um diese zu werben. Für alles andere darf man sich getrost Ratschläge bei Margot Honecker suchen.

    Gruß,
    Alex

  9. Peter Noack
    1. September 2012 um 09:30

    Die Kolumne von Prof. Dr. Fricke hat ihr Ziel erreicht. Vielfältige Meinungen, die gängigen Ansichten von Angebots- bzw. Nachfragetheoretikern entsprechen, können nachgelesen werden. Dabei werden zutreffende Argumente mit nichtkonsistenten Theorieansätzen vermischt. Der Grund liegt überwiegend in fehlender kritischer Analyse.
    Beispiel Spanien: Wer sind die Märkte (Marktteilnehmer), die spanische Staatsanleihen refinanzieren? Deutsche oder französische Banken? Hedgefonds aus Amerika oder GB? Staatsfonds aus China oder Singapore? Wer sind diese also? Es sind zumeist die Banken und Versicherungen der Staaten selbst. In Diesem Fall sind es spanische Finanzmarktteilnehmer oder vereinfacht Märkte! Diese lassen niedrigverzinste Staatsanleihen in höher verzinste beim Staat eintauschen. Wie stellt man sich nun den tatsächlichen Anleihetausch vor? Kommt da ein annonymert Anleger (Spekulant)? Dieser Anschein wird gezielt erweckt. Die Notenbanken der Staaten und die EZB kennen die Marktteilnehmer mit Namen , Adresse und der Summe an Anleihekäufen zu den jeweiligen Verfallsterminen. Sie kennen auch den Zins, der verlangt wird und der vom Staat zu zahlen ist. Wenn nun der IWF meint, dass der Zins für Spanien zu hoch sei, ist das Teil der Propaganda.
    Die Finanzmarktkrise währt seit über 5 Jahren. Sollte es nichtr langsam Zeit werden, sich in die Geld- und Kredittheorie hineinzulesen, die die Banken und deren Märkte für Kapitalmarktprodukte treibt? Alles auf die Schattenbanken zu schieben, dürfte ebenso falsch sein wie den Banken keine Mitschuld zu geben.
    Werden die Grundannahmen von Ökonomen, die dem Monetarismus anhängern, die Märkte finden über Angebot und Nachfrage den immer korrekten und damit gerechten Preis, Zins, dann haben wir den Mainstream der Volkswirtschaftslehre. Wenn sich die Märkte irren, haben wir eine davon verschiedene Lehre. Wo ist diese nach heutigen Erfahrungen formuliert? Können Politiker ihre Entscheidungen darauf gründen? Wollen Ökonomen bzw. Wiortschaftsjournalisten dafür die wirtschaftliche Verantwortung übernehmen? Die politische Verantwortung haben sie ja nicht.
    Warum fragt kaum jemand, wo die Billion Euro geblieben ist, die die Banken bei der EZB geliehen haben? Dann könnte möglicherweise auch begründet werden, wo das Geld bleibt, wenn die EZB, ESM weitere 2, 3 oder 5 Billionen Euro den Staaten oder über diese den Banken zur Verfügung stellen. Wären dann die Schrottpapiere aus den Bankbilanzen getilgt? Wie denn??? Diese Wertberichtigung kann leicht 50 Tausend Mrd. Euro betragen. Können das die Steuerzahler verkraften?
    In der Kolumne werden viele unbeantwortete Fragen aufgeworfen. Das kann als Verdienst von T. Fricke angesehen werden. An den Antworten werden wohl noch vile mitarbeiten müssen. Dazu wäre es gut, wenn gemeinsame Grundannahmen die Lösungssuche treiben.

  10. 1. September 2012 um 08:08

    Die Zinsen für Staatsanleihen alleine sind noch nicht das Problem. Es gibt 2 weitere wichtige Auswirkungen, die in einer Rezession, die Situation noch weiter verschärfen:
    1. Treffen die höheren Zinsen nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Häuslebauer. Die Hypothekenzinsen in Italien sind gestiegen statt zu fallen. Das wird den Wohnungsbau sicher nicht fördern.
    2. Die Risikoprämien beinhalten auch eine Prämie auf das Auseinanderbrechen der Eurozone. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit klein ist, ist es in so einer Situation sinnvoll mit irreversiblen Investitionen zu warten bis sich die Unsicherheit auflöst. Das dämpft die Investitionen nur noch mehr und verschärft die Rezession weiter.
    All diese Dinge zusammen dämpfen die Nachfrage weiter. Und im Unterschied zu früher sind die Länder schon in einer tiefen Rezession und haben keine eigene Zentralbank mehr.
    Bitte schauen Sie sich doch die Daten an. Mit Fundamentaldaten (BIP, Verschuldung, etc.) kann man den ganzen Unterschied zwischen GB und S nicht erklären. Ein Teil des Spreads ist eine Risikoprämie, die sich durch Fundamentaldaten erklären lässt. Der anderere Teil ist zwar auch eine Risikoprämie, aber eben nicht mit Fundamentaldaten begründbar, sondern rührt von den multiplen Gleichgewichten her. Weitere Details in meinem Blog http://www.trostlosewissenschaft.de/2012/08/29/antwort-auf-hb-artikel-von-j-stark/

  11. Helmut Voelklein
    1. September 2012 um 04:13

    Wenn Herr Fricke und die 21 EZB Ratsmitglieder (ohne Weidmann) so viel klueger als der Markt sind, muessten sie ja alle Milliardaere sein bzw. werden — sie braeuchten ja nur
    auf Aktien und Anleihen der Peripherielander zu wetten. Ich glaube aber kaum, daB sie
    mit ihrem eigenen Geld so leichtfertig umgehen wie mit dem des deutschen Steuerzahlers.

    • 2. September 2012 um 22:01

      Sorry, Herr Voelklein, aber die Anmerkung ist nun wirklich dämlich. Erstens spekuliere ich aus Prinzip nicht mit Aktien und Anleihen. Zweitens würde ich das natürlich machen, wenn ich sicher wäre, dass sich die verünftigen Notenbanker durchsetzen. Bislang haben Bundesbank und andere es aber immer wieder verstanden, die Glaubwürdigkeit der Rettungsmaßnahmen zu schwächen. Worauf soll ich da setzen?

  12. R.B.
    31. August 2012 um 22:58

    Die Kommentatoren venkat rao und S. Weis liegen m.E. vollkommen richtig.
    Die Zinslasten, die Spanien für die Staatsanleihen über alle Laufzeiten hinweg gegenwärtig tragen muss, liegen bei ca. 4,5 % !
    Puh. Das ist ja himmelhoch und deswegen muss die EZB sofort die superdicke Berta rausholen, um auf diesen Zins draufzuböllern. Panikmode?

    verkat rao schreibt:
    „Übrigens die Zinsen von Italien und Spanien sind nicht zu hoch – vor der Einführung des Euro haben die Länder im Schnitt 5 bis 6 % Zinsen bezahlt als Deutschland; beklagt haben sie sich aber nicht drüber.“

    Darauf wird meist (z.B. W. Münchau in FTD/Spiegel) entgegnet, dass damals ja auch die Inflation höher war, also der Realzins z.B. für Spanien niedriger als heute (bei langen Laufzeiten).
    Das ist aber nur auf den ersten Blick ein gutes Argument.
    Nochmal: … die Inflation höher … !

    Bösartige und schlichte Gemüter (wie ich) interpretieren die Balken im Chart „Verirrte Märkte“ dahingehend, dass die Korrelation von Staatsschulden und Zinsen von Staatsanleihen eben nicht mit einem einfachen Dreisatz – wie wir ihn vor langer Zeit in der Schule gelernt haben – quasi fair und gerecht berechnet werden können.Vielmehr müsste man wohl eine erhebliche Zahl zusätzlicher Parameter mit einfließen lassen.
    Mit anderen Worten: der scheinbare Zusammenhang erscheint mir zu simpel, die Komplexitätsreduktion zu krass.

    Last not least:
    Hr. Fricke schreibt:
    „Nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds müssten die Zinsen nach üblichen ökonomischen Kriterien in Spanien und Italien zwei Prozentpunkte niedriger liegen.“

    Super. Schaffen wir den Markt ab und lassen den IWF die „richtigen“ Zinsen ausrechnen.
    Sozusagen vom Markt zum Plan.

    • Michael
      1. September 2012 um 23:38

      „Super. Schaffen wir den Markt ab und lassen den IWF die „richtigen“ Zinsen ausrechnen.
      Sozusagen vom Markt zum Plan.“
      -> Für Ihren Ansatz müssten Märkte perfekt funktionieren.

      Nur:
      Welcher Spanier, der Geld von Spanien nach DE umbucht weiß denn schon, dass er so die für den spanischen Staatshaushalt relevante Rendite auf Staatsanleihen erhöht?

      Jener Spanier bucht von ES nach DE um weil er Angst vor den „Rauswurf-Populisten“ hat und die Anleiherendite steigt als Folge jener Angst.

  13. 31. August 2012 um 22:16

    Lieber Herr Fricke
    die Stossrichtung Ihrer Analyse ist sicher richtig. Jedoch ist Ihre Begründung schwächer als sie sein koennte. Vielleicht Überschiessen die Märkte gerade. Plausibler ist für mich, dass Mitgliedsländer der Währungsunion inheränt viel anfälliger für multiple Glecihgewichte sind als Länder mit einer eigenen Zentralbank. D.h. die hohen Spreads sind ein Gleichgewicht, leider das sozial schlechte. In diesem Fall ist ein Eingreifen der EZB eine Möglichkeit das gute Gleichgewicht wieder herzustellen. Diese Analyse, die Sie sicher kennen, geht auf Paul De Grauwe zurück. Ich habe die Konsequenzen daraus in einer Antwort auf Jürgen Starks HB Artikel auf meinem Blog nochmals erläutert.

  14. Cemens Kläne
    31. August 2012 um 19:45

    Das Problem sind nicht die sind nicht die Staatsanleihen sondern die Banken.
    Der Abschreibungsbedarf bei diesen wird sich bis 2020 auf 50.000 Milliarden summieren.
    Die EZB wird die größte Bad Bank der Welt. Die Klagen beim BVG und in anderen Ländern richten sich gegen die Entmündigung der nationalen Parlamente.
    Der ESM-Vertrag ist nach angelsächsischem Rechtssystem verfasst.
    Einzelstaaten sollen destabilisiert werden. Durch die Einführung des ENS sind nationale
    Parlamente überflüssig geworden. Die Demokratie wird abgeschafft, für die Diktatur sind alle Türen offen. Die Bürger der EURO-ZONE sind nur noch Sklaven. Die 1215 unterzeichnete „Magna Carta“ ist hinfällig.

    • 1. September 2012 um 09:22

      Danke für diesen sinnvollen und richtigen Beitrag!

  15. S. Weis
    31. August 2012 um 16:27

    In der Tat waren die Zinsen der Südländer vor Einführung des Euro viel höher als die zuletzt als zu hoch bezeichneten Zinsen von 5 % oder 6 %, da hat @ venkat rao völlig Recht. Was von fast allen Experten, Journalisten etc., auch von Herrn Fricke, unterschlagen wird, ist des Weiteren die Tatsache, dass diese wieder etwas höheren Zinsen ja nicht auf die gesamte Staatsschuld gezahlt werden müssen, sondern nur für die neu ausgegebenen Anleihen, also nur auf einen ganz kleinen Teil der Staatsschuld. Wichtig ist also lediglich, dass die Zinsen nicht über Jahre hinweg für neu ausgegebe Staatsanleihen erhöht sind (etwas erhöhte Zinsen für während einiger Monate oder eines Jahres neu ausgegebener Staatsanleihen unterschiedlicher Laufzeit sollte für die Staaten kein Problem sein). Und das verhindern die Staaten, in dem sie die dringend notwendigen und teilweise 10 Jahre aufgeschobenen Strukturreformen konsequent umsetzen. Dass das jetzt in relativ kurzer Zeit nachgeholt und umgesetzt werden muss, ist ja nicht die Schuld Deutschlands, sondern die Regierungen und Politiker der Problemländer haben diese natürlich unangenehmen und teilweise für die Bürger schmerzhaften Dinge zu lange aufgeschoben. Irland und Portugal haben zuletzt vorgemacht, wie es geht. Berlusconi in Italien hatte mehr mit Bunga Bunga zu tun als notwendige Reformen durchzuführen und Italien fit für die Zukunft zu machen. Monti hat schon das eine oder andere nachgeholt, aber die Frage ist, was passiert, wenn er als vorübergehend eingesetzter und nicht gewählter Regierungschef nächstes Jahr nach den Wahlen die Geschäfte übergibt? Das dürfte auch eine Ursache der Unsicherheit sein. Die Strukturreformen (z. B. Arbeitsmarktreformen) wirken auch nicht sofort, sondern mit zeitlicher Verzögerung, dann aber nachhaltig. Eine ungute Rolle spielen die in den USA sitzenden Ratingagenturen, die immer dann, wenn die Krisenländer notwendige Reformen auf den Weg bringen, mit fragwürdigen Begründungen Abstufungen vornehmen und diese erfolgversprechenden Reformen so torpedieren. Das kann kein Zufall sein, sondern das sind m. E. gezielte Störfeuer aus dem angelsächsischen Raum. Zudem hatte Spanien vor Monaten durch schwere Kommunikationsfehler für neue Risikoaufschläge, auch für Italien, gesorgt. Die Regierungen und Politiker müssen notwendige Reformen einfach frühzeitiger und mit guter Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit vornehmen und mehr auf solide Haushaltsführung achten, dann wird ein Reformstau vermieden, der dann in kurzer Zeit behoben werden muss, was natürlich Probleme nach sich zieht. Die Regierungen müssen entschlossen und mutig handeln, denn nur das stärkt die Eurozone und verschafft ihr dann sogar einen Vorsprung gegenüber den reformunfähigen USA und gegenüber GB. Die Notenbank bewegt sich in einem Grenzbereich und hat schon mehrfach Tabus gebrochen. Die Frage ist, ob, in welchem Umfang und wie lange sie unter bestimmten gravierenden Umständen die Reformbemühungen der Länder der Eurozone absichern bzw. schützen muss und ob sie ihre unbedingt notwendige Unabhängigkeit wahren kann.

  16. Jürgen Bennies
    31. August 2012 um 16:20

    Sie gehen davon aus, dass zurzeit die Staatsanleihen für Italien und Spanien von den Märkten falsch bewertet werden, und erklären das Verhalten der Bundesbanker wie folgt:

    Das Dilemma der Bundesbanker scheint in der Scheu zu liegen, einzuräumen, dass Märkte auch einmal falsch ticken können.

    Das macht jetzt aber keinen Sinn, denn wenn die Märkte zurzeit richtig ticken, dann bedeutet dies, dass die von Deutschland aufgezwungenen und schon teilweise umgesetzten Reformen falsch sind. Was sie auch zweifellos sind, denn in der Rezession zu sparen um Staatsschulden abzubauen, die bekanntlich keinen Einfluss auf die Zinsen für Staatsanleihen haben, ist schon sehr absurd.

  17. Traumschau
    31. August 2012 um 16:06

    Guter Artikel!
    Vielleicht sollte man ergänzend auch erwähnen, dass massiv via CDS auf Staatsanleihen spekuliert wurde und wird.
    So weit ich das verstanden habe geht das so:
    Man kaufe jede Menge CDS auf Staatsanleihen, die man gar nicht besitzt. Der Preis für diese CDS steigt – und damit steigt auch der „Risikoaufschlag“ für Staatsanleihen. Schön, gell? So einfach kann das sein, auf Kosten der Steuerzahler schöne Gewinne abzuschöpfen!
    So lange die EZB nicht endlich für alle Staatsanleihen unbegrenzt garantiert, wird dieses Spiel weiter gehen. Die Unsicherheit in den Märkten wäre auf einen Schlag vorbei, wenn man nur wollte. Das Problem ist dieses ewige Hin und Her, das dumme Gequatsche von politisch Verantwortlichen, die es nicht lassen können, Staaten aus dem Euro zu reden.
    Wenn den so genannten Märkten plötzlich klar würde, dass man den Euro auf gar keinen Fall aufgibt und auch nicht Griechenland oder sonst ein Staat den Währungsraum verlässt, wäre alles in Butter. Das allein kann nur die EZB erreichen!!

  18. sweety
    31. August 2012 um 15:44

    Schöner Kommentar, Herr Fricke!
    „Die spinnen doch, die Märkte!“ (frei nach Obelix …)
    Da kommt eines zum anderen:
    1. Eine desaströse Krisenpolitik! Hätte man statt EFSF, ESM, Rettungspakte aller Art, einfach das Statut der EZB geändert und ihr erlaubt, auf dem Primärmarkt Staatsanleihen zu kaufen – unter Bedingungen – wäre die Krise wahrscheinlich schon vorbei!
    Unter „strengen Bedingungen“ meine ich eben Strukturreformen, aber längerfristig angelegt. Natürlich müssen die Löhne in den Krisenstaaten runter – d.h. diese dürfen langfristig nur sehr langsam steigen, während z.B. Deutschland mit den Löhnen kräftig rauf muss.
    Anders wird es nicht gehen!
    2. Verschärfung der Krise durch eine absurde Austeritätspolitik. Die negativen Folgen sind einfach unglaublich. Die Binnenmärkte kollabieren, Arbeitslosigkeit und Schulden steigen. Die Staaten können gar nicht so viel sparen, um diese Folgen zu kompensieren, geschweige denn ihre Lage zu verbessern. Im übrigen hat der Austeritätskurs nicht zu niedrigeren Preisen z.B. in Griechenland geführt!!! Die werden es niemals schaffen, wenn man nicht endlich umdenkt! Und werden niemals unser Geld zurück bekommen!
    3. Krisenverschärfung durch weiter zunehmende wirtschaftliche Ungleichgewichte in der Eurozone. Und wir freuen uns über den Titel „Exportweltmeister“ – nur schade dass wir schlussendlich alles selbst bezahlen …
    4. Schüren der Inflationsangst: Sie haben auf diesen Unsinn hingewiesen. Wir rutschen in eine Deflation und sonst gar nichts!
    5. Regulierung der Finanzmärkte: Pffffffft … OTC-Geschäfte, Schattenbanken, Steueroasen – auch in der Eurozone, z.B. Zypern!!!!, Trennbankensystem, FTA … NICHTS GEMACHT!
    6. Die Staatsverschuldungen sind nicht das Problem, sondern die Schulden der Banken. Es sind eben keine Staatenrettungen sondern Bankenrettungen.
    Fazit: Die billigste und beste Lösung wäre gewesen, die EZB voll einzuspannen. Da hätte sich so manche Wette gegen Staatsanleihen schnell erledigt und die Krisenstaaten hätten Zeit gewonnen, die durchaus notwendigen Anpassungen vorzunehmen.
    Das Argument, es gebe keine Anstrengungen mehr, wenn man die EZB ran lässt, kann ich nicht nachvollziehen, weil man das eingreifen der EZB eben an Bedingungen hätte knüpfen können. Hat man ja auch bis dato auch für die Rettungschirme gemacht.
    Sie haben Recht, Herr Fricke: die Haltung von Weidmann ist rein ideologisch motiviert (so interpretiere ich das jetzt mal …).

    • John Doe
      31. August 2012 um 19:50

      „Unter “strengen Bedingungen” meine ich eben Strukturreformen, aber längerfristig angelegt. Natürlich müssen die Löhne in den Krisenstaaten runter – d.h. diese dürfen langfristig nur sehr langsam steigen, während z.B. Deutschland mit den Löhnen kräftig rauf muss.“

      Ich zähle auf Sie, denn ich verstehe nicht, was die Höhe der Löhne im Privatsektor mit der Staatsverschuldung nach Übernahme der Schulden der Finanzindustrie zu tun hat. Was ist daran „natürlich“?

      Ich habe Ihren Kommentar bis zum Ende gelesen und hoffte, dass ich den zweiten Teil Ihres angefangenen Satzes (Strukturreformen), dort, wo es um das Ziel der Maßnahme geht, den Sinn und Zweck und das Ziel zu finden. Fehlanzeige!

      Bitte ergänzen Sie doch bitte den unvollständigen Satz wozu das Ganze denn Gut sei und was damit erreicht werden soll. Vielen Dank!

      • Traumschau
        1. September 2012 um 00:50

        Es geht dabei um das vorgegebene Inflationsziel von 2%. Demgemäß haben die Südstaaten ÜBER ihre Verhältnisse gelebt, D. hat UNTER seinen Verhältnissen gelebt – anders als man uns immer zu erklären versucht. Hätte sich seit der Einführung des Euro das Lohnniveau überall an der Produktivität orientiert, so hätten wir heute „nur“ noch das marode Finanzsystem am Hals. Das ist der Kern der wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone. Die Austeritätspolitik ist kontraproduktiv, weil sie das Problem nicht löst sondern verschärft. Zugleich müssen aber die Banken hüben wie drüben gerettet werden. Genau darum geht es letztendlich bei den Sparorgien, denn dieses Geld muss ja irgendwo wieder hereingeholt werden.
        So gesehen gibt es einen Dreiklang in den Maßnahmen die zu ergreifen sind:
        1. Regulierung der Finanzmärkte
        2. Beseitigung der wirtschaftlichen Ungleichgewichte
        3. Als Maßnahme, um diesen Prozess überhaupt möglich zu machen, muss die EZB als letzte Instanz auftreten, denn diese Anpassungen brauchen Zeit. Es ist nicht einzusehen, warum die Staaten über den Umweg der Privatbanken finanziert werden sollen. Und natürlich brauchen wir eine weitgehende Umverteilung der Vermögen von oben nach unten – denn wir erleben gerade die gigantischste Umverteilung von unten nach oben, die es jemals gegeben hat!

    • Michael
      31. August 2012 um 20:05

      Die EZB einzuspannen ist mM. nach keine gute Idee (eher ein Notnagel), denn die EZB kann nur Liquidität generieren, nicht aber wie Anleihen ein am Markt handelbares Asset generieren, wie dies EFSF/ESM machen.

      Die EZB kann nur versuchen, die durch Käufe generierte Liquidität wieder einzusammeln. Bei einer Anleihe entsteht jenes Problem erst gar nicht..

      Ein reiner Austeritätskurs ist freilich nicht gut, aber andererseits ist es als Staat auch schwierig, die ansonsten nötigen Steuereinnahmen zu generieren. Außerdem: Wenn das Lohnniveau über dem liegt was die Wirtschaft leisten kann, dann kann ein Staat dagegen auch nur wenig anderes machen, als Strukturreformen umzusetzen.

      Vermögensabgaben/Vermögenssteuern sind eher kontraproduktiv, da sie Geld und Vermögen verwechseln: Welchen Sinn ergibt es denn, das Vermögen eines produktiven Unternehmens zu besteuern oder Vermögen auf Basis von Wohneigentum zu besteuern?

      Bei letzterem bestraft man wahlweise den privaten Häuslebauer oder den Mieter jener Wohnung, denn der Vermieter muss ja auch sehen, woher er das Geld für jene Steuer bekommt: Höhere Miete oder Haus vergammeln lassen?

      • John Doe
        1. September 2012 um 20:27

        Hi Michael,

        auch Sie unterhalten sich nur über das Heute und wie die von der Finanzwirtschaft ausgehende Misere in den Griff zu kriegen ist, mit Strukturreformen, die als „alternativlos“, „urplötzlich“, von niemandem erkannt, wie der Teufel aus der Kiste springen, stupid! Sie vergessen, wann diese Finanz- und Schuldenkrise begonnen hat (~2003), heute schreiben wir 11 Jahre später, und wie sie zu Stande gekommen ist. Ganz zu Anfang: Bitte rechnen Sie mir aus, wie groß der Lohnverzicht der griechischen Arbeitnehmer in der Exportindustrie sein muss, damit die 380 Milliarden € Schulden + Zinseszins, von den regierenden Elite gemacht, in 10 Jahren abgetragen sein wird? Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass die Löhne der griechischen, spanischen uvam. Arbeitnehmer URSÄCHLICH für die Finanzkrise sind, stupid?

        Seit dem Jahre 2003 ist bekannt, als Ackermann von Schröder eine staatliche Bad Bank haben wollte. Das Handelsblatt petzte. Das Projekt wurde begraben. Die Bankgesetze wurden geändert, so dass die Finanzindustrie Zweckgesellschaften im Ausland gründen konnte. Minderwertige Kredite dorthin und schon waren die Bilanzen wieder sauber. Zuerst war es eine Krise der Finanzinstitute mit den Zusammenbruch der Subprime=minderwertige Kredite. Diese wurden auch zur Deckung von Derivaten verwendet. Folge, die Derivate kamen unter Druck. Die Staaten begannen, angefangen in Island bis nach Griechenland die Schulden/Forderungen zu übernehmen. Die Krise der Finanzinstitute wurde in eine Staatsschuldenkrise gewendet. Heute haben wir mit einem Male eine Krise die Strukturreformen der Realwirtschaft erfordern. Was hat die Schulden/Forderungsorgie der von der Realität abgekoppelten Finanzindustrie mit der Leistungsfähigkeit eine Volkswirtschaft zu tun? Wer verkauft die Produkte, hier zählt nur der Export, die Unternehmen oder der Staat?

        Bitte erklären Sie mir, wie Sie es begründen wollen, dass mit einem Male Volkswirtschaften betriebswirtschaftlich, wie ein einzelnes Unternehmen, das Gewinn erzielen soll, bewertet werden sollen. Sie hetzen hetzen dieser Idee nach. Danach ist es Ziel, dass Volkswirtschaften gegen über anderen Volkswirtschaften Gewinne erzielen sollen. Zitat: „Wenn das Lohnniveau über dem liegt was die Wirtschaft leisten kann, dann kann ein Staat dagegen auch nur wenig anderes machen, als Strukturreformen umzusetzen.“ Der Staat, Sie meinen wohl die Regierung, hat jetzt wie ein Unternehmensleiter die Pflicht, seinen „Betrieb Volkswirtschaft“ auf Vordermann zu bringen, damit Gewinne erzielt werden sollen. Wessen Gewinne? Seit wann sind Sie dafür, dass der Staat sich klientelbegünstigend in die privaten Angelegenheiten von Vertragspartnern einmischen darf? Wer fährt die Gewinne aus dem Export ein, der Staat, die Regierung oder die jetzt entlasteten Unternehmen? Der Staat macht es dann wohl über Steuern, oder wie? Kann ich Sie so verstehen? Das IW Köln hat für D den Stundenlohn von 36 € ermittelt, für GR von 16 €. Wie kommen Sie jetzt auf die Idee, dass die 16 € zu hoch seien? Erklären Sie mir bitte, warum die seit Jahren bekannten Lohnabstände, wenn es nur darauf ankommt, die deutsche Industrie von massenhafter Verlagerung von Standorten nach GR abgehalten hat? ei gleichen Verkaufspreisen und 20 € Lohnvorteil wäre es doch ein blendendes Geschäft, korrekt?

        Volumen der realwirtschaftliche Leistung= $ 70 Trillon; Volumen des lizenzierten Bankenbereichs 60 Trillion; im unlizenzierten Bankenbereich sind lt. BIZ, Basel rund $ 700 Trillion an Volumina unterwegs. Bitte erklären Sie mir, wozu die Realwirtschaft das Volumen von $ 760 Trillion braucht?* Hinter dem Wert des lizenzierten Finanzbereichs steht ja noch die Realwirtschaft als Wert. Welcher Wert steht hinter dem Volumen 700 Trillion=~€ 580 Billionen des OTC Bereichs?

        Wenn Sie schon diese Idee verfolgen, warum lassen Sie die Unternehmensabteilung des Unternehmens „Volkswirtschaft“ die Finanzwirtschaft (so. *) außen vor und fordern für diesen Bereich keine Strukturreformen? Es ist doch unbestritten, dass aus dieser Abteilung die schadensstiftenden Aktionen für das Unternehmen „Volkswirtschaft“ gekommen sind? Das US-Finanzministerium hat der USA hat ~ $ 7.2 Trillion zur Rettung in den Finanzbereich gepumpt. Das FED (die privatrechtlich organisierte Nationalbank der USA) hat ebenso ~ $ 7.2 Trillion in den Finanzbereich gepumpt. Lt. ftd von heute wartet die Finanzwirtschaft auf ein Q3, damit das Spiel weitergehen kann! Welche Deckung steht hinter diesen Volumina, Subprime Dingeskirchen etwa, oder nur heiße Luft? Deutschland hat die realwirtschaftliche Leistung von rund 2.000 Milliarden €, das Volumen des Finanzbereichs liegt bei ca. 4.000 Milliarden €.

        Ihre Formel, Liquidität aus dem Markt nehmen. Sind mit dem Kauf von Anleihen mit einem Male die Anleihen aus dem Markt, wer ist jetzt der Gläubiger, immer noch die Finanzindustrie? Sollte tatsächlich ein Gläubigerwechsel zu den Staaten hin geschehen sein, dann verstehe ich nicht, warum die Regierungen immer noch vom „Markt“=Finanzindustrie (in den USA besitzen 9 benamste Institute, CEO´s, Eigentümer 54 % aller dortigenAssests, die fordern) vor sich hergetrieben werden können, wie genüsslich kolportiert wird.

        Ihr Zitat angepasst: „Wenn das Volumen des Finanzbereichs über dem liegt, was die Wirtschaft leisten kann, dann kann ein Staat dagegen auch nur wenig anderes machen, als Strukturreformen umzusetzen.“

        Wollen Sie diesen Ansatz zur Strukturrefform des Finanzbereichs mit der gleich großen Verve umsetzen und begründen, wie Sie die anderen Strukturreformen ein fordern?

    • alexander rain
      3. September 2012 um 13:00

      sind das wieder so strenge bedingungen wie maastricht, die dann allesamt schamlos gebrochen werden? sorry das ist schlicht naiv anzunehmen, daß die politik schmerzhafte reformen macht, wenn sie sich billig mit der notenpresse oder auf kosten anderer länder -namentlich D – durchwursteln kann.

      wir werden mitnichten eine deflation im euroraum haben, wie sie behaupten – sondern wir werden sowohl deflation als auch infaltion bekommen, je nach land. und das ist eben das fatale an dieser kopfgeburt eurozone.
      am ende wird die eurozone zerfallen: jetzt ist nur die frage dauert es 10jahre, mit gewaltigen vermögenstransfer aus D in den „süden“

      oder bricht sie in 1 jkahr zusammen, weil die politk (viel zu spät) die reißleine zieht.

      zerfallen wird sie in jedem fall, es ist nur die frage, wird es teuer für D oder unbezahlbar.

  19. venkat rao
    31. August 2012 um 13:18

    Selbstverständlich sind die überzeugten Marktwirtschaftler Monti und Draghi für die Interventionsmassnahmen, da ja ihre eigene Interessen dient. Übrigens die Zinsen von Italien und Spanien sind nicht zu hoch – vor der Einführung der Euro haben die Länder im Schnitt 5 bis 6 % Zinsen bezahlt als Deutschland; beklagt haben sie sich aber nicht drüber. Nun sie jetzt ein Zahlmeister in Europa (sprich Deutschland) sehen, ist die Geschreie über die ‚höhen‘ Zinsen so groß geworden.

    Die richtige Lösung des Problems heißt nicht EZB und noch mehtr Schulden sondern Schuldenabbau durch Sparen und höhere Steuern in alle den Ländern mit exzessive Verschuldung. Wo das Geld zum Schuldentilgung herkommen soll wird einen Klar wenn man schaut wie groß der Anteil des Privatenvermögens Z.B: in Italien ist – stoltze 240% des BIP im Vergleich Deutschland 180%. Konsequent wäre also die Einführung eines höhen einmaligen Vermögensabgabe in den Krisenländer zur Schuldentilgung und Gesundung ihrer Volkswirtschaften. Alles andere schiebt das Problem nur in die Zukunft und wird unweigerlich zur Verschibeung der Lasten auf Deutschland führen.

  20. Michael
    31. August 2012 um 12:29

    Wobei meiner Meinung nach noch zu erwähnen wäre, dass die EZB gar nicht eingreifen müsste, hätte die Politik (speziell die deutsche!) die „Schutzschirme“ mit dem nötigen Volumen ausgestattet, bzw. würde dies nicht wie im Falle des ESM via BVerfG zu bekämpfen versuchen.

    Die EZB sagt ja letztendlich, dass sie EFSF/ESM bei Bedarf auf das nötige Volumen aufstocken würde und nimmt so das „den Letzten beißen die Hunde“-Effekt aus dem Markt, welcher durch das begrenzte Volumen des EFSF und die Unsicherheit in Sachen ESM gebildet wird.

    Wer also über die angekündigten EZB-Käufe jammert und zugleich den ESM bekämpft, sollte sich einmal an die eigene Nase fassen…

  21. 31. August 2012 um 12:12

    Sich bei der Argumentation nur auf das Zinsniveau und Verschuldungsgrad zu stützen um daraus „Marktversagen“ her zu leiten scheint mir dürftig. Was die Märkte honorieren ist die Wirtschaftskraft eines Landes. Daher genießen Japan, USA, GB, DE usw. trotz hoher Staatsverschuldung niedriges Zinsniveu. Daher kann sich die Bundesrepublik für 0% Zinsen verschulden während IT, SP und GR am Geldmarkt 5-6% zahlen müssen. Zinssatz ist eben auch ein Risikomaß.

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